30 Jahre danach

Schabowski, Schabowski, immer wieder Schabowski! Und ständig die gleiche Wendung in der Endlosschleife: “Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich.”  Und dazwischen immer wieder Genscher. Besser noch seine Stimme! Vom Balkon der Prager Botschaft im nächtlichen Dämmerlicht. Man spürt regelrecht, wie unten im Botschaftsgarten Tausende und Abertausende an seinen Lippen hängen, bis die erlösenden Worte fallen: “Wir sind zu ihnen gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Aus….” – Die “… reise” verhallt in einem schrillen Jubelchor, in einem Chor der Verzweifelten, die nur raus wollen, endlich raus! – Dieser Urschrei nach Freiheit klingt noch heute – 30 Jahre später – nach. Er hat sich quasi in unsere Gehörgänge eingenistet und ist zum markanten Sound einer dramatischen historischen Zäsur geworden! – Aber halt! Wenn dieses Freudenfest des Mauerfalls bis heute nachklingt, warum haken wir uns – in Ost und West – nicht alle unter und genießen ausgelassen das Glück der Wiedervereinigung? Warum fällt es uns so schwer, diese glückliche Geburt Gesamtdeutschlands auf demokratischem Fundament unbefangen zu feiern? Was ist los? Was nimmt uns die gute Laune?

Tränen der Rührung

Sich auch nach 30 Jahren noch in gleicher Weise über ein “Geschenk” zu freuen, fällt verständlicherweise schwer. Der Gabentisch ist längst abgeräumt, die Kerzen sind erloschen und die Kuchenreste bis auf die letzten Krümel verspeist. Viele der Jüngeren waren damals bei der Bescherung noch gar nicht auf der Welt. Viele von den Älteren haben die Party nur von den bequemen Sofas ihrer gediegenen bundesrepublikanischen Wohnzimmer beobachtet. Natürlich waren auch sie bewegt, natürlich hatten auch sie Tränen der Rührung in den Augen. Die vielen “kleinen Verwandten”, die da in langen Trabi-Corsos durch den Eisernen Vorhang tuckerten! Das war schon dramatisch schön, aber irgendwie auch beängstigend. So viele Leute, so viel kindliche Freude und so viel überschiessende Erwartung nach Jahrzehnten der Repression und des Eingeschlossenseins! Ist bei so viel aufgestauter Freude, die Enttäuschung nicht vorprogrammiert?

Wandel durch Annäherung

Ein Großteil der westdeutschen Politikerelite hatte sich spätestens in den 80er Jahren bereits mit dem vermaledeiten Status quo abgefunden. Gorbatschows Perestroika ab Mitte der 80er Jahre und die lückenhaften Nachrichten vom inneren Zerfall der DDR waren ja ganz spannend, aber das Motto hieß spätestens seit der Brandtschen Wende in der Ostpolitik “Wandel durch Annäherung”! – Annäherung an ein System, dessen Unrechtscharakter zwar alle bedauerten, dessen Existenz man aber nicht antasten zu können glaubte.

Das Gorbatschowsche Geschenk

Als dann 1989 das “Geschenk” aus Moskau dennoch eintraf, war schnell klar, dass die wohlige Wärme der November-Sonne nicht ausreichen würde, um die eisige Kälte des schmerzlichen Strukturwandels zu kompensieren. Die “Treuhand” tat was sie tun musste und ging – in den Augen der Neubürger – doch an vielen Stellen deutlich zu weit. Fabriken wurden reihenweise geschlossen, Arbeitsplätze gingen en masse verloren und trotz der Milliarden an Aufbauhilfe Ost waren die psychologischen Verwüstungen immens. Millionen, vor allem junge Leute, folgten den “Republikflüchtlingen” der Mauerjahre und verließen die neuen Länder Richtung Westen. Rund 5 Millionen in drei Jahrzehnten auf und davon. Ein neuartiges “Go West”, nicht über den Atlantik, sondern über Elbe und Thüringer Wald – meist für immer und unter Zurücklassung von Heimat, Familie und gewachsener Erinnerung.

Rüber machen

Abgesehen vom Treuhand-Syndrom waren es wenig überraschend vor allem diese Wanderungsbewegungen von Ost nach West, die in den neuen Ländern das merkwürdige Gefühl der Zweitklassigkeit verfestigten. Große Teile der eigenen Jugend “machten rüber” und im Gegenzug kamen – trotz ganz viel gutem Willen und echtem Engagement der Mehrheit – auch viele echte “Besserwessis” über die alte Zonengrenze.  Zentrale Führungspositionen in Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Kultur und Medien wurden mit “Experten” aus dem Westen besetzt.  Für die Ossis blieben oft nur die Brotkrumen, die oben vom Tisch herunterfielen.

Soziale Ungleichheit

Es waren vor allem diese materiellen und sozialen Verwerfungen, die in den Blick gerieten, als nach 10, 15 oder 20 Jahren immer wieder aufs Neue der Wende gedacht wurde. Wenn von Mißstimmungen,  von “alten Gräben, die wieder aufrissen” die Rede war, dann waren es fast ausschließlich Verteilungsprobleme, die da debattiert wurden. Die schleppende Angleichung der Löhne und Gehälter, die nur langsame Anpassung der Ostrenten, die mangelhafte infrastrukturelle Erschließung der neuen Länder und immer wieder Gerechtigkeitsfragen im Zusammenhang mit der Auskehrung der sprudelnden Soli-Milliarden.

Schließlich gewöhnten sich die Menschen in Ost und West an dieses merkwürdige Wechselspiel. Angeblich fehlende Solidarität auf der einen Seite und vermeintlich zu wenig Dankbarkeit auf der anderen Seite. Die wechselseitigen Vorwürfe pendelten sich im Zuge eines langgezogenen wirtschaftlichen Aufschwungs auf niedrigem Niveau ein und blieben als “deutschlandpolitische” Hintergrundmusik zwar hörbar, verloren aber zusehends an Wirkungsmacht.

Aus dem Land der Lügen

Die beinahe ungeteilte Aufmerksamkeit für die materiellen und sozialen Asymmetrien hatte jedoch über die Jahrzehnte hinweg den Blick für eine andere, schließlich dominant werdende Konfliktquelle verstellt. Die Rede ist von den mentalen, stark alltagskulturell geprägten Gegensätzen zwischen Ost und West. Der brachiale Versuch des SED-Regimes die DDR-Bürger in die enge Schablone des “homo sovieticus” zu pressen, hatte in der Psyche der Ostdeutschen unübersehbare Spuren hinterlassen. Das riesige Lügengebäude, das die SED-Propaganda über 40 Jahre hinweg errichtete und das Ende der 80er Jahre krachend in sich zusammenfiel, erzeugte bei den ehemaligen DDR-Bürgern eine tiefsitzende Skepsis gegenüber jeder Form von obrigkeitlich verordneter Alternativlosigkeit.

Allergie gegen Alternativlosigkeit

Als dieser Begriff etwa Anfang der 2010er Jahre seine Karriere in den Führungsetagen von Politik und (West-)Medien begann, artikulierten sich die Vorbehalte zunächst nur verhalten.  Die Euro-Krise schien zu weit weg, um in den neuen Ländern echte Emotionen zu wecken. Die These von der Alternativlosigkeit einer Politik des “Easy Money” stieß in Schwerin, Magdeburg und Dresden kaum auf nennenswerte Widerstände. Das änderte sich gravierend in den Jahren 2015ff., als die Migrationswelle über Deutschland hinwegrollte. Während vor allem die urbanen Mittelschichten im Westen wie gut erzogene Kosmopoliten reagierten und den nicht enden wollenden Zustrom an Immigranten aus Vorderasien und Afrika gut hießen, keimte in den Städten und Landschaften des Ostens ein merkwürdiges Déjà-vu.

Eingeübte Widerständigkeit

Angelehnt an den Widerstand der alten “Bruderstaaten” Ungarn und Polen wollte man sich die als ideologisch verbrämte Zumutung empfundene Fremdbestimmung einfach nicht gefallen lassen. Eingeschachtelt in eine eingeübte Widerständigkeit (“Wir sind das Volk!”, Leipzig Oktober 1989), allergisch gegen jede Form von Diskurskontrolle und wachsam gegenüber jeder Spielart von politisch-medialer Einheitsfront vollzog sich ab Mitte der 2010er Jahre eine Art “Ostverschiebung” der neuen Länder.

Nationalstaat als Schutzraum

(Staats-)Ordnungspolitisch wollten viele Sachsen, Thüringer, Brandenburger etc. – ähnlich wie viele Polen, Ungarn, Tschechen und Slowaken – einfach nicht einsehen, warum sich das Nationalstaatliche  absehbar in einem europäischen Bundesstaat oder weitgehender noch in einer globalen, kosmopolitischen Ordnung auflösen sollte. Das nationale Selbstbestimmungsrecht war in den Jahrzehnten des Sowjetsystems der einzige echte Garant für Identität und innere Stabilität gewesen. Warum sollte man dies aufs Spiel setzen, wenn doch noch gar nicht erkennbar war, was an dessen Stelle treten könne?

Mittlerweile hat sich der psychopolitische Graben zwischen Ost und West – auch unter dem Eindruck der ähnlich apodiktisch geführten Klimadebatte – weiter vertieft. Ablesbar an den Wahlergebnissen und an demoskopischen Studien geht der Osten verstärkt eigene Wege, im Widerspruch zum westdeutschen Mainstream und zunehmend bockbeinig und beratungsresistent, was die politisch-therapeutischen Interventionen der westlich dominierten Eliten anbetrifft.

Resümée

30 Jahre danach fällt es schwer ein klares Resümée zu ziehen. Zu heterogen ist die Bilanz von drei Jahrzehnten Wiedervereinigung. Materiell und auf den Feldern der Ökonomie, der Infrastruktur und der sozialen Angleichung wurde – trotz kritischer Untertöne – viel erreicht. Bachab geht es im Kontext der psychologisch-mentalen Annäherung. Hier versteifen sich die Fronten eher und lassen für das 40jährige Einheitsjubiläum nichts Gutes erahnen. Wenn heute nach 30 Jahren Stasi-Forschung sogar wieder strittig ist, ob die DDR ein Unrechtsstaat war oder nicht und wenn es heute in Berlin wieder starke politische Kräfte gibt, die für Sozialisierung und Enteignung eintreten, dann wirkt das eher retardierend und alles andere als zukunftsträchtig.

Es bleibt die Hoffnung, dass sich im Gefühlshaushalt der Deutschen wieder so etwas wie ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt. Die strikt postnationale Raison d´etre unseres Gemeinwesens und die Tatsache, dass wir weltweit wohl das einzige Land sind, dass anläßlich seiner “Einheitsfeier” keine Nationalflaggen bzw. Nationalfarben zeigt, lassen leider wenig Hoffnung auf eine Rückkehr zum gesamtdeutschen Gemeinschaftserlebnis des Jahres 1989. Die Gefahr, dass unser Land im Zuge einer großen Wirtschaftskrise seinen inneren Zusammenhalt vollends verliert, ist nicht gering. Wir sollten die Warnsignale ernst nehmen und nicht vergessen, was uns eint und uns historisch zusammengeführt hat.