Auf abschüssiger Bahn

Wenn sich später einmal, so in ca. 20 Jahren, Wirtschaftshistoriker auf die Suche nach besonders eindrücklichen Beispielen für selbstverschuldete Niedergänge hochentwickelter Ökonomien machen, werden sie bei ihren Recherchen unweigerlich auf das Paradebeispiel Deutschland stoßen. Kein Land der entwickelten Welt unternimmt derzeit so große Anstrengungen, um das mühsam erarbeitete Fundament, auf dem es jahrzehntelang erfolgreich stand, systematisch zu zerlegen. Es geht dabei nicht etwa nur um den üblichen fiskalischen Belastungstest der steuerzahlenden Minderheit aus Unternehmern und Leistungsträgern, sondern um massive strukturelle Eingriffe in ein hochsensibles Wirtschaftssystem. Ganze Wirtschaftszweige sollen in wenigen Jahren komplett umgebaut oder nötigenfalls abgewickelt werden. Ganze Branchen sollen “emissionsfrei” werden oder bei Nichterfüllung verschwinden. Und das alles nicht etwa – wie in einer Marktwirtschaft sonst üblich – über Markt und Wettbewerb, sondern administrativ von oben verordnet. – Was ist da los? Sind wir verrückt geworden? Haben wir den Verstand verloren? Oder welcher Gaul geht da gerade mit uns durch?

Kohlekomission

In den wirtschaftshistorischen Betrachtungen wird aller Vorraussicht nach vor allem der 25. Januar 2019 als ein zentrales Schlüsseldatum des Niedergangs auftauchen: Eine regierungsamtliche “Kohlekommisson” beschließt den Totalausstieg aus der Kohleverstromung – bis allerspätestens 2038. Besser noch bis Anfang der 30er Jahre soll Deutschland kohleemissionsfrei sein. In einem rigiden Ausstiegsszenario sollen bereits bis 2022, 24 große Kohleblöcke mit einer Gesamtleistung von 12,5 Gigawatt abgeschaltet werden. Schon 2030 soll nur noch ein gutes Drittel der heute noch genutzten Stromerzeugung aus Kohle am Netz sein. Die drängende Frage nach alternativen Bezugsquellen wird von den “Experten” einzig und allein mit dem Hinweis auf den Ausbau von Wind- und Sonnenenergie beantwortet. Wie auch sonst? Denn in Berlin hat man sich ja in den Kopf gesetzt gleichzeitig auch alle nuklear getriebenen Kraftwerke abzuschalten – und zwar vollständig bereits bis zum Jahre 2022. Das wären bei den 7 verbliebenen AKWs in Deutschland noch einmal rd.  10 Gigawatt abgestaltete Leistungsmenge.

Erstmal abschalten, dann sehen wir schon

Nun wenden an dieser Stelle gebetsmühlenhaft alle Vertreter der “grünen Energiewende” ein: Es stehen genug Kapazitäten aus erneuerbaren Energiequellen zur Verfügung.  Die schalten wir einfach zu und ersetzen den “dreckigen” Strom im Handumdrehen! Doch wo sind die großen Stromtrassen, um den Windstromüberschuss aus dem Norden in den Süden Deutschlands zu transportieren? Wo sind die riesigen Stromspeicher, die notwendig sind, um regelmäßig auftretende “Dunkelflauten” abzupuffern? Und was ist eine “saubere Energiepolitik” wert, die hocheffiziente heimische Kraftwerke massenhaft abschaltet, die im Gegenzug die aufgerissenen Stromlücken aber durch französische Atomkraftwerke oder polnische Kohlemeiler schließt?

Dekarbonisierung um jeden Preis

Fragen über Fragen, aber keine befriedigenden Antworten. Stattdessen immer wieder der Verweis auf phantastische “Klimaziele”, die es zu erfüllen gilt: Reduktion von Treibhausgasemissionen bis 2030 gegenüber dem Niveau von 1990 um 55% und damit deutlich “ehrgeiziger” als im EU-Durchschnitt (40% Reduktion). Dekarbonisierung einer ganzen Volkswirtschaft im Hauruckverfahren. Und beschleunigter Einstieg ins postfossilistische Zeitalter, direkt und ohne Umwege. Diese Ziele – so die offizielle Diktion – gilt es unter allen Umständen zu erreichen. Deutschland muss weltweites “Vorbild” sein, muss im Zweifel alle anderen “Klimasünder” in den Schatten stellen und bei den nächsten “Klimakonferenzen” unbedingt als Musterknabe glänzen.

Haut uns EdF raus?

Aber um welchen Preis? Schon jetzt klagen Aluminiumhütten, Walzwerke und Gießereien über massive Stromschwankungen und teure “Systemabschaltungen”. Die massiven wetterbedingten Leistungsschwankungen der Erneuerbaren lassen sich aktuell nur durch das regelhafte “Hinzuschalten” konventioneller Kraftwerke einigermaßen abfangen. Diese teuren Doppelstrukturen sind ohne riesige Investitionen in Stromspeichertechnologien unersetzlich. Was aber passiert, wenn diese parallel geführten Erzeugerkapazitäten schon in wenigen Jahren eingemottet sind? Werden wir dann von Électricité de France rausgehauen? Hier stehen 58 Atomkraftwerke, zumeist aus den 80er Jahren, zur Verfügung, die rund um die Uhr laufen. Doch die Franzosen werden ihren Strom selbst brauchen und wenig Neigung haben für den Konkurrenten östlich des Rheins in die Bresche zu springen. Und was ist eine vollmundig als “grün” titulierte Energiewende wert, wenn sie den Kohle-Beelzebub mit dem Atom-Teufel austreibt. – Das heißt im Endresultat: Das, was jetzt schon Teile der Grundstoffindustrie spüren, darauf werden sich in wenigen Jahren deutlich größere Teile der Industrie und auch die privaten Haushalte einstellen müssen.

Grenzwerteritis

Zu allem Überfluß läuft parallel eine bisher nie dagewesene innerdeutsche Kampagne gegen das Auto, hier insbesondere gegen den “Diesel”. Die Automobilindustrie, die deutsche Schlüsselindustrie schlechthin, wird flächendeckend “runtergeredet”. Statt auf Wachstum und Arbeitsplätze konzentriert sich die öffentliche Debatte fast ausschließlich auf ominöse Emissionsgrenzwerte. Selbst Einwände von über 100 Lungenfachärzten gegen die teure und folgenschwere “Grenzwerteritis” gehen in der allgemeinen Hysterie unter. Ernsthafter Austausch von Argumenten findet kaum noch statt. Stattdessen werden Dieselfahrverbote verhängt, Straßen gesperrt, Hunderttausende von Dieselfahrern enteignet und unglaubliche volkswirtschaftliche Schäden angerichtet.

Warum nur glauben wir, uns das leisten zu können? Warum ist der Widerstand vor allem der betroffenen Industrie, aber auch der privaten Stromverbraucher, angesichts explodierender Stromkosten, so schwach? Warum wirken selbst bürgerliche Parteien bei der Umsetzung von solch waghalsigen “Operationen am offenen Herzen” aktiv mit?

OP am offenen Herzen

Angesichts der politischen Dynamik und in Anbetracht der Tatsache, dass es in diesem fast zwanghaften “Umsteuerungsprozess” kaum noch Stimmen der Vernunft gibt, muss es einem um die Zukunft unserer Volkswirtschaft angst und bange werden. Außer vielleicht unsere skandinavischen Nachbarn sind weltweit kaum Länder bereit uns auf diesem sonderbaren Weg zu folgen: Gleichzeitiger beschleunigter Ausstieg aus Atom- und Kohlekraft; forcierter Abschied von einer automobilen Schlüsseltechnologie auf dem Verordnungswege. Stattdessen gnadenlose “Verspargelung” unserer Kulturlandschaften; Erzeugung von Riesenmengen an giftigem Batteriemüll und das Herbeiträumen von Infrastrukturen (Breitband-, Bahn- und Stromtrassen), die alle noch auf dem Papier stehen, die aber schon in Kürze funktionieren sollen.

Point of no return

Ob beim Blick auf die einfach trotzig zurückbleibende Nachbarschaft oder bei den ersten großen “Blackouts” noch eine Rückkehr zur Vernunft möglich ist, hängt vom Stand der Entwicklung ab. Der “point of no return” ist angesichts der gesetzten Etappenziele und vor dem Hintergrund des absolut rudimentären oppostionellen Widerstandes rasch erreicht. Bei den 425 Mrd. €, die die “Energiewende” dem Verbraucher bis 2025 prognostiziert jetzt schon sicher kosten wird, dürfte es jedenfalls nicht bleiben. Die eigentlichen “Kosten” werden die horrenden wirtschaftlichen und sozialen Lasten sein, die wir uns selbst und unseren Nachkommen durch falsch oder übereilt gestellte Weichen in diesen Tagen aufbürden. Trauern allein über das verlorene Glück wird dann nicht mehr helfen.