Ausgerechnet die Franzosen!

Trump ist an allem schuld! Wenn wir auch in vielem unterschiedlicher Meinung sind – darin zumindest sind wir uns alle einig. Er hat uns aus dem sonnenverwöhnten Paradies des Friedens und des Multilateralismus vertrieben. Er hat  – ohne uns auch nur zu fragen – vom Baum der realpolitischen Erkenntnis genascht und uns rüpelhaft zurückgeworfen in die Vorhölle des Politischen, ins Purgatorium des Nationalen. Er ist es, der uns verstoßen hat, sein Schatten verfolgt uns und er nimmt uns das Licht…! – Doch halt! Einwand Euer Ehren! Geht das wirklich? Kann ein einzelner Mensch, auch wenn er Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist, das weite Feld der internationalen Politik einfach mir nichts dir nichts von heute auf morgen ummodeln? Was, wenn es nach Trump einfach weiter geht, mit dem Vormarsch des Unilateralen? Was, wenn der souveräne Nationalstaat mit seinen vitalen Interessen doch nicht tot ist? Was, wenn wir ihn nur voreilig für tot erklärt haben?

Schockschwerenot

Es war wie ein Schock aus heiterem Himmel: “Frankreich fällt Deutschland bei Nord Stream 2 in den Rücken! Macron sagt überraschend seinen Besuch auf der Münchner Sicherheitskonferenz ab und läßt Merkel im Regen stehen!” So titeln die großen Blätter an diesem Wochenende und so hallt es durch die Fernsehstudios! Redakteure samt Publikum reiben sich verwundert die Augen. Was ist da los? Wenn sogar Macron mit Liebesentzug droht und Paris uns in den Rücken fällt- sind wir dann nicht ganz allein?

Fahnenflüchtige aller Art

Jahr um Jahr wuchs die Zahl der “Abtrünnigen”. Zunächst waren es nur kleine Fische wie Orban und Kurz, die es im September 2015 tatsächlich gewagt hatten unsere “Willkommenskultur” zu bekritteln. Wir waren verstimmt, aber im Lichte ihrer Amoral leuchtete unser Stern um so heller. Im Juni des Folgejahres dann die Briten. “Harakiri in Downing Street 10”. Der verrückte Tony Blair macht auf Volksbefragung und scheitert bitterlich. Auch hier gabs irgendwie noch die Chance zur selbsttäuschenden Erklärung: Sollen sie doch ihr “Britain first” durchziehen. Wir haben ja Frankreich und auf der leuchtenden Achse Paris-Berlin war London ohnehin von Anfang an nur ein flackerndes Irrlicht.

Etwas nachdenklicher stimmte uns dann im November 2016 die Wahl Trumps zum US-Präsidenten. What a big scandal! Die Amis waren ja immer schon etwas komisch. Wer Western-Reiter aus B-Filmen (Reagan) oder texanische Öl-Multis (die Bushs) auf den Thron hievt, verursacht im distinguierten Mitteleuropa automatisch heftiges Naserümpfen. Aber einen Immobilien-Tycoon mit Seifen-Oper-Vergangenheit? Das ging dann doch zu weit. Aber, Gott sei Dank, hatten wir ja auch hier unsere französischen Freunde an unserer Seite, die uns vor den tumben Angelsachsen ja immer schon gewarnt hatten und deren historische Anglophobie nun im hellsten Lichte erstrahlte.

Immer mehr bergab

In den Jahren 2017 und 2018 wurde dann alles immer noch schlimmer. Der Mega-Klimasünder USA quittiert Kyoto! Washington kündigt das Atomabkommen mit den Iran! Trump läßt die G7 im Regen stehen und schwebt heftig twitternd von dannen! Und dann auch noch die unsicheren Kantonisten auf dem alten Kontinent: Rechtspopulisten in Polen und Italien, die gegen alles wettern, was uns hoch und heilig ist. Die lauthals gegen Brüssel opponieren und die ernsthaft glauben, man müsse vor den Schutzsuchenden Schutz suchen. Und dann zu allem Überfluß auch noch die Schweden und die Dänen, die uns mit unserer Willkommenspolitik schmählich alleine ließen und im Falle Dänemarks tatsächlich anfingen Grenzzäune hochzuziehen.

Putins Erdgas

Da haben wir schon ein bißchen geschluckt. Waren empört und konnten nachts nicht schlafen. – Doch zumindest bei der Energiewende würden uns alle folgen. Da waren wir uns 100prozentig sicher. Raus aus dem Atom! Raus aus der Kohle! Am besten gleichzeitig. Und emissionsfrei werden. So schnell wie möglich. Dagegen konnte doch niemand etwas haben. Alle hatten sich doch im Dezember 2015 in Paris kommittet: Nur noch Wind und nur noch Sonne. Und nur noch “Erneuerbare”! Sei´s um den Preis der Totalverspargelung unserer Kulturlandschaften. – Ok, ein bißchen Erdgas muss schon sein. Für die “Dunkelflauten”. Wenn´s im Winter mal nichts wird mit dem Wind und der Sonne. Das Zeug kommt zwar aus dem Land des Bösen und wird vom neuen Zaren aus dem Kreml geliefert. Aber wer die Welt retten will, darf nicht wählerisch sein.

Macrons Liebesentzug

Und jetzt das! Ausgerechnet der Busenfreund aus dem Elysée. Zwar Gelbwesten-geplagt und irgendwie schon ein bißchen Louis-Quatorze, aber doch immer noch Freund und Bruder im Geiste? Bilder, wie die aus Aachen, gut zwei Wochen zuvor, können doch nicht täuschen. Die Wärme, die Nähe, die Hoffnung. Das kann doch nicht wahr sein?

Doch! Es ist wahr! Der Merkelismus und der untrennbar damit verbundene Multilateralismus war in den letzten Jahren nur noch ein blasser Schein. Am Leben erhalten durch bunte, tausendfach multiplizierte Gipfelbilder, durch strikt hagiographisch gefärbte Elogen auf die “Ikone des Westens”. Was haben ARD und ZDF, DIE ZEIT und Die Süddeutsche, DER SPIEGEL und die eifrigen “Faktenfinder” im Netz seit 2015/16 nicht alles getan, um den Schein zu wahren, um die tektonischen Veränderungen auf dem internationalen Parkett zu überspielen. Am Ende musste sogar das Mittel der “Relotiade” dafür herhalten, um zu verhindern, dass das Bild Risse bekommt.

Der Chor der Verstockten

Im Grunde ist es kurios. Allen Fahnenflüchtigen hat man ihre Desertion irgendwie verzeihen können. Irgendwie haben sie unsere großen Ratschlüsse einfach nicht kapiert. Das mit der “Willkommenskultur”, das mit dem “Gutsein”, das mit dem “Global denken und lokal handeln” und natürlich, das mit dem rettenden “Nation war gestern – weltweite Solidarität ist morgen!”

Dass am Ende aber auch das Flaggschiff der Aufklärung, der treue Weggefährte jenseits des Rheins einmal auf die Idee kommen könnte, uns einfach stehen zu lassen, unsere “Energiewende” zu torpedieren und uns aus seinem Poesiealbum zu streichen – das ist zuviel, das haut uns um!

Schlußfolgerung? Lieber nicht!

Konsequenzen? Zeit um Umsteuern? Zeit selbst mal darüber nachzudenken, was wir eigentlich wollen? Schwierig, schwierig! – Eigentlich lieber nicht! Das schmucke Gedankengebäude, das wir uns in den letzten Jahren aufgebaut haben, hält starken Widersprüchen ohnehin nicht stand und muss dann halt ohne das Pariser Widerlager auskommen. Wir sollten uns dann aber auf jeden Fall nicht wundern, wenn uns neben dem “America first”, dem “Britain first”, oder dem  “Viva Italia!” in Zukunft auch das “France d´abord” wieder öfter in den Ohren klingelt.