Die Missachtung der Provinz

Schließen Sie die Augen, versuchen Sie ihren inneren Ruhepol zu finden und stellen Sie sich eine zum Horizont hin geöffnete Landschaft vor. An was denken Sie zuerst? Klar! – Felder, von Waldstücken unterbrochene, grüne Wiesen und im Hintergrund vielleicht noch einige mit Schnee gepulverte Berge. Ansonsten aber vor allem eines: Weite und räumliche Tiefe. Keine künstlichen Barrieren verstellen den Blick und eine Sichtachse reiht sich an die andere. – Doch, wenn wir ehrlich sind, ist das nur der topographische Blick, der uns hier fesselt. Wenn wir ansonsten mit dem Begriff “Land” hantieren und den ewigen Gegenpol, die “Stadt”, damit kontrastieren, dann ist unsere Assoziation plötzlich nicht mehr Weite und Tiefe, sondern Enge und Beschränktheit. Wir denken an Tradition, altertümliche Sitten und statische Lebensformen. Hier strahlt auf einmal die Stadt (geistige) Weite und (intellektuelle) Tiefe aus und das Land verschwindet als “Provinz” in einer der unteren Schubladen. Was hat es mit diesem merkwürdigen Kontrast auf sich? Warum verändert sich unser Blickwinkel so fundamental, wenn wir uns von der Topographie lösen und den Stadt-Land-Gegensatz in den gesellschaftlichen Kontext stellen? „Die Missachtung der Provinz“ weiterlesen

Superwahljahr 2017

Wer erinnert sich nicht an die beiden spektakulären Wahl-Highlights des Vorjahres? Noch heute – Monate später – vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendein Medium oder irgendein zerknirschter Mahner auf die Bühne tritt und die bitteren Folgen von Brexit-Votum und Trump-Wahl beklagt. Während das “Insel-Beben” und das große transatlantische Beben immer noch ihre seismischen Erschütterungswellen aussenden, kündigen sich am Horizont bereits neue Eruptionen an. Diesmal jedoch nicht am anderen Ende des Ozeans oder jenseits des Kanals, sondern mitten auf dem alten Kontinent. „Superwahljahr 2017“ weiterlesen

Lichtgestalten und Dunkelmänner

Selten zuvor gab es eine Zeit, die auf derart frappierende Weise von schlichten Gut-Böse-Rastern geprägt war. Wenn einmal in fernerer Zukunft nachfolgende Generationen auf unsere Gegenwart zurückschauen, dann werden sie sich nicht nur verwundert die Augen reiben, sondern einigermaßen entsetzt die Frage stellen, was hat die Menschen damals dazu gebracht derartig hemmungslos zu polarisieren und verbal aufeinander einzuschlagen? Wer in diesen Wochen die Zeitungen aufschlägt und durchs Internet surft, findet fast nur noch Schwarz oder Weiß. Kaum noch Grautöne, aber ganz viel Schwarz-Weißmalerei. Statt abgewogene Analyse, fast nur noch wilde Verwünschungen und heftige Tiefschläge, weitgehend ohne Pardon und auch ohne Stil und Etikette. „Lichtgestalten und Dunkelmänner“ weiterlesen

Bedingt einsatzbereit

Es mutet an, wie ein alljährlich wiederkehrendes Ritual. Leise und ohne viel Aufhebens, weit unterhalb der Wahrnehmungsschwelle der Öffentlichkeit wird in diesen Tagen in den Fluren des Berliner Reichstages zum wiederholten Male ein Druckwerk verteilt, das zwar außerhalb der Mauern dieses ehrwürdigen Gebäudes kaum gelesen wird, das aber in jeder Hinsicht brisantes Material enthält. Die Rede ist vom Bericht des Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages.* Ein Bericht, der sich von Anfang bis Ende liest, wie eine langgezogene, nicht enden wollende Mängelliste. Ein Dokument der Ernüchterung, das den Leser schonungslos aufklärt über eine Armee am Ende eines 25jährigen Auszehrungsprozesses. Personalmängel und Materialdefizite wohin man nur schaut. Gravierende “Fähigkeitsdefizite”, fehlende “Interoperabilität”, massiv heruntergesparte Rumpfstreitkräfte, die nur noch im multinationalen “Patchwork” handlungsfähig sind. – Was ist los mit der Bundeswehr? Wie konnte es dazu kommen? Und vor allem, was bedeutet diese ernüchternde Bilanz für die Sicherheit Deutschlands in einer sich dramatisch verändernden Welt? Oder direkter noch: Was passiert, wenn der “NATO-Verächter” Donald Trump uns mit unseren hausgemachten Problemen tatsächlich alleine läßt? „Bedingt einsatzbereit“ weiterlesen

Elitendämmerung

Das Jahr 2016 war – wer will es bestreiten – ein Jahr des Umbruchs! Brexit-Votum, Trump-Schock, eine immer dichter werdende Kette von Terroranschlägen und ganz viel allgemeine Verunsicherung, ablesbar an kurzwelligen Erregungszyklen und aufgeregten Krisen-Debatten über Europa, das transatlantische Verhältnis und die alt-neue Gefahr aus dem Osten. – Wie immer in Zeiten des Umbruchs sind vor allem diejenigen gefragt, die auch sonst den Ton angeben: die Eliten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. Nur sie scheinen auf Grund von Macht, Einfluß und Bildung in der Lage Orientierung zu geben, wo sich Orientierungslosigkeit breit macht und Leitplanken zu setzen, wo die Ränder anfangen die Mitte aufzufressen. – Doch wo sind sie die Eliten? Was tun sie um dem wankelmütig gewordenen Wahlvolk den notwendigen Halt zurück zu geben? Oder konkreter noch: Wie reagieren die Eliten auf die großen Niederlagen vom 23. Juni (Brexit) und 8. November (Trump-Wahl)? Welche Gegenmittel haben sie, um mögliche Wiederholungen zu vermeiden? „Elitendämmerung“ weiterlesen

Vive le président!

Am 20. Januar werden wir sie wieder live im Fernsehen erleben: Die “Inauguration ceremony” auf den Treppenstufen des Washingtoner Kapitols. Ein weihevolles Schauspiel, das nicht weit entfernt ist von einer Krönungsmesse und das uns wieder für einen Moment an die Zeiten erinnern wird, in denen es noch fast überall gekrönte Häupter gab, die mit viel Pomp und noch mehr Glorie theatralisch mit den Insignien ihrer Macht ausgestattet wurden (Vive le roi). Obwohl der Republikanismus mittlerweile deutlich die Oberhand gewonnen hat, scheint die monarchische Attitüde und die große Geste ihre alte Wirkungsmacht nicht verloren zu haben. Im Gegenteil: Wie selten zuvor macht sich auf der politischen Bühne eine schon tot geglaubte Figur breit, die in der Regel den schönen Titel “Präsident” trägt, in Wahrheit aber so etwas zu sein scheint, wie ein “Königs-Ersatz”, eine Art monarchisches Surrogat. „Vive le président!“ weiterlesen

Das (Be-)Schweigen der Opfer

Berlin, Breitscheidplatz, 19.12.2016: Ein islamistischer Terrorist rast bewaffnet mit einem schweren LKW mit hoher Geschwindigkeit durch eine Menschenmenge, zermalmt menschliche Körper und hinterlässt Tod und Verwüstung. Wenige Augenblicke nach dem Anschlag beginnen Live-Berichte vom Tatort. Im Anschluss stundenlang minutiöse Beschreibungen des Tathergangs und dann nach der Identifizierung des Täters ausführliche Berichte über seine möglichen Motive und seine Herkunft, begleitet von Interviews mit Angehörigen, Psychologen und diversen “Terrorexperten”. Und immer wieder das “Tätergesicht”, dass uns unablässig über alle Kanäle anstarrt. – Und die Opfer? Wer berichtet über die Opfer? Wer kennt ihre Gesichter? Wer weiss etwas über ihre individuellen Biographien, über ihre (zerstörten) Lebensentwürfe? „Das (Be-)Schweigen der Opfer“ weiterlesen

Fluchtpunkt des Postfaktischen

Es ist mehr als kurios: Noch vor wenigen Jahren kannte der Jubel über die globale Vernetzung und die menschheits-verbindende Kraft des Internets und seiner diversen Ausformungen keine Grenzen. Parallel zu einer sich vor allem ökonomisch rasant globalisierenden Welt schienen sich auch die Tore der globalen Kommunikation sperrangelweit geöffnet zu haben. Social Networking im globalen Maßstab, Eindampfen räumlicher Barrieren auf Mouseclick-Distanz und geradezu phantastisch anmutende Globalisierungsperspektiven nach dem Motto “die Welt in der Hand jedes Einzelnen”. IPhone, IPad, Smartphone & Co machen´s möglich! „Fluchtpunkt des Postfaktischen“ weiterlesen