Bewegte Jugend

Kann es etwas sympathischeres geben, als junge Menschen, die sich selbstlos für die gute Sache engagieren? Muss man sich angesichts von “Fridays for future” nicht voller Ehrfurcht verneigen vor dieser Vehemenz, dieser jugendlich-kompromisslosen Eindeutigkeit? Gut, es ist Freitag und es herrscht Schulpflicht, aber was sind ein paar verstreute “Parents for future” oder ein paar grauhaarige “Teachers for future” gegenüber dieser frischen, demonstrativen Unbedingheit? Sind die ewigen Erwachsenen-Kompromisse angesichts der drohenden Apokalypse überhaupt noch erlaubt? Die 16jährige Greta Thunberg, die merkwürdig entrückt wirkende Galionsfigur der Kids against climate change, schleudert den Kompromißlern ihr unerbittliches Nein! entgegen und soll dafür nun sogar mit dem Friedens-Nobelpreis ausgezeichnet werden.  – Was ist da los? Was soll das? Ist das spontan und selbstmotiviert oder wird da jugendlicher Enthusiasmus lediglich instrumentalisiert?

Dass Jugendliche leicht emotionalisierbar sind, dass ihre Begeisterungsfähigkeit in einsame Höhen aufwachsen kann, ist allenthalben bekannt. In Sportstadien und Konzertarenen sind es vor allem die Heranwachsenden, die sich am intensivsten mitreißen lassen. Wer mal in die verzückten Gesichter und die funkelnden Augen von jugendlichen Fans beim Auftritt ihrer – oft ebenfalls noch sehr jungen – “Superstars” geschaut hat, wird die Kraft, den Elan, der hier eruptiv zum Ausbruch kommt, niemals vergessen.

Kinder Gottes

Dass jugendlicher Enthusiasmus auch mißbraucht werden kann und religiöse oder politische Mächte oft nur darauf warten, jugendlichen Elan auf ihre Mühlen zu leiten, dürfte ebenso unstrittig sein. Die Institution, die auf dieser Klaviatur über Jahrhunderte hinweg besonders virtuos gespielt hat, war die Kirche. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit belegen unzählige Dokumente, die zentrale Rolle der “Kinder Gottes” für die Missionsfeldzüge der christlichen Kirchen. Neben dem grellen Fanal der mittelalterlichen “Kinderkreuzzüge” ins Heilige Land waren es vor allem die vielen jugendlichen Märtyrer und Glaubenszeugen, die mithalfen das heilbringende Fundament zu festigen. Wer große Glaubensgebäude zukunftsfest machen will, der muss – das wußten Päpste, Bischöfe und Priester nur zu gut –  die Jugend gewinnen und sie in den Dienst der heiligen Sache stellen.

Politische Heilsideen

Als die Heilsideen sich im Laufe des 19. Jahrhunderts von ihren kirchlichen Wurzeln emanzipierten und ins Feld der Politik wanderten, wiederholte sich das Schauspiel in abgewandelter Form. Auch die politischen Religionen der Neuzeit (Sozialismus, Kommunismus, Faschismus etc.) suchten die enge Liaison mit der Jugend. Keine Weltanschauungspartei des 20. Jahrhunderts kam ohne marschierende und lauthals deklamierende  “Kinderarmeen” aus. Ohne die Komsomolzen, die “Hitlerjugend”, die FDJ, und die vielen “Jungen Garden” des Links- und Rechtsextremismus wären die großen Ideologeme der Moderne undenkbar gewesen. “So früh wie möglich an die Partei binden!”, “So rasch und so kompromisslos wie möglich für den politisch-militärischen Kampf ertüchtigen!” und den Partei- und Staatsnachwuchs “so konsequent wie möglich zu loyalen Kadern heranbilden!” – das galt im Dritten Reich genauso wie im real existierenden Sozialismus der Sowjetunion, Chinas oder Kambodschas.

Entschuldigung! Aber was hat das alles mit unserer Gegenwart zu tun? Der Unterschied zwischen den friedlich-bunten Schülerdemos dieser Tage und den uniformierten Kolonnen im Zeitalter der Ideologien könnte doch wohl kaum größer sein! – Einverstanden! Die Unterschiede sind unübersehbar. Und außerdem: Welche Gefahr könnte von einem schmalbrüstigen, an Autismus erkrankten Schulmädchen oder von durch und durch pazifistisch gestimmten Kinderdemonstranten ausgehen? Ist das nicht nur ein herbeigezwungener Popanz, der hier konstruiert wird?

Abgleiten ins Quasireligiöse

Geschichtliche Bezüge und historische Vergleiche hinken fast immer. Geschichte wiederholt sich nicht einfach 1 zu 1, sondern entfaltet sich in immer neuen, abgewandelten Ausdrucksformen. Was sorgenvoll stimmt, ist das Abgleiten wachsender Teile der Klimaschutzbewegung ins Quasireligiöse. Immer seltener werden Fakten und handfeste Forschungen bemüht. Stattdessen werden immer öfter (korrekte) Haltung und (richtige) Gesinnung prämiert. Skeptiker werden – ganz im Duktus einer Glaubenslehre – als “Klimaleugner” tituliert und an den medialen Pranger gestellt. Die kleine Greta wirkt vor allem habituell wie eine kindliche Glaubenszeugin. Märtyerhaft geht sie ihren steinigen Weg, lebt asketisch und fast himmlisch entrückt ganz und gar für die (heilige) Sache.

Sobald enthusiasmierte Jugend in die Fänge von großen Eiferkollektiven gerät, ist Vorsicht geboten. Das Abwägende stirbt den Nuancentod, die nüchterne Rationalität unserer hoch entwickelten Wissensgesellschaft kommt unter die Räder und der im Meinungsstreit erzielte demokratische Kompromiss wird platt gewalzt. Nicht mehr Fakten und falsifizierbare Thesen beherrschen die Szene, sondern Glaubenssätze, die von Erwachsenen formuliert und von Kindern vielstimmig repetiert werden.

Gefahr der Disziplinierung von oben

Nochmal: Geschichte entwickelt sich nie monolinear. Immer wieder kommt der Zeitstrom an Weggabelungen und driftet mal in die eine und mal in die andere Richtung. Gefahr ist dann im Verzug, wenn sich Gruppierungen wie die Klimaschutzbewegung zur “Klimakirche” weiterentwickeln, wenn Endzeitvisionen zu apokalyptischen Johannes-Evangelien mutieren und wenn Ältestenräte an der Spitze der (Kirchen-)Hierarchie anfangen, den noch unbeschwerten jugendlichen Enthusiasmus ideologisch-dogmatisch zu “disziplinieren”.

Nach oben melden

Was ist, wenn der große ökologische und gesellschaftliche Umbau nicht funktioniert? Wenn der gleichzeitige Ausstieg aus Atomkraft und Kohleverstromung, der Totalumbau der Automobilindustrie, die restlose Decabonisierung unseres Landes zu massiven sozialen Verwerfungen führt? Menschen anfangen im Keller ihres Hauses aus lauter Verzweifelung widerrechtlich Dieselaggregate betreiben oder Kamine entzünden? Können jugendliche Klimaaktivisten das durchgehen lassen? Können sie einfach wegschauen, auch wenn es ihre Eltern oder Großeltern sind, die sich da am Klima “versündigen” oder im Zwiefel sogar strafbar machen? Müssten sie das nicht unverzüglich nach oben “melden”?

Falsche Prophetie

Nur eine Dystopie? Eine völlig unbegründete Angstmache? – Leider hält gerade die jüngere Geschichte zu viele Negativbeispiele für politisch-ideologisch irregeleite “Jugendbewegungen” bereit. Zu oft wurden gute Absichten und hehre Ziele auf die Mühlen von doktrinären Weltanschauungen geleitet.  Hüten wir uns also vor neuen Glaubenslehren und schützen wir unsere Kinder vor falschen Propheten. Die Welt braucht jugendliches Engagement, jugendliche Kreativität und jugendliche Begeisterungsfähigkeit, aber keine gläubigen Klimajünger, die auf die große, ultimative Mission geschickt werden.