Brexit reloaded

Wieder ist das Unmögliche wahr geworden. Wie am 23. Juni diesen Jahres, als das britische Wahlvolk für den Austritt aus der EU stimmte und weite Teile des politischen Establishments und der führenden Leitmedien diesseits des Atlantiks ihre Niederlage eingestehen mussten, erleiden nun ihre Pendants in Übersee exakt das gleiche Schicksal. Damals wie heute: Schockstarre, Entsetzen und ganz viel Heulen und Zähneklappern. Damals wie heute: Katastrophenszenarien, Untergangsvisionen und Börsen-Crash-Phantasien. Was hat es mit diesem merkwürdigen déjà vu auf sich? Warum wollen die Stimm- bzw. Wahlbürger nicht so wie die politischen Eliten oder die breite Front der Medienschaffenden? Ist das nur kindlicher Trotz oder steckt dahinter etwas Grundsätzliches, was uns nur noch nicht wirklich aufgefallen ist, weil wir die eigentlich notwendigen Debatten noch gar nicht geführt haben. Was sich sicher diagnostizieren lässt, ist eine zunehmende Spaltungstendenz in fast allen westlichen Gesellschaften. Nach Zeiten relativer Ruhe und relativer Stabilität werden plötzlich mächtige Gräben sichtbar, die sich mitten durch das Land ziehen. Ein nicht unwesentlicher Teil der westlichen Menschheitsfraktion bis hinein in die bisher eigentlich “staatstragenden” Mittelschichten begehrt auf und stellt sich schroff und unversöhnlich gegen die “Regierenden” und ihre medialen Sekundanten.
Was könnten die Ursachen für diesen Aufstand der (wut-)bürgerlichen Mitte sein? Was treibt die bisher eher “schweigende” Mehrheit dazu ins Lager der “Nicht-Korrekten” abzudriften und den “Meinungsführern” die Gefolgschaft zu verweigern? – Die Antworten auf diese Fragen finden sich nicht in den großen Revolutionsgeschichten oder in den “Schwarzbüchern” der großen gescheiterten Utopien des 20. Jahrhunderts, sondern offenbaren sich viel basaler in den Häusern und Wohnungen bzw. auf den Straßen und Plätzen unserer Mittelschichtquartiere. Was sich da zusammenbraut, ist ein wachsender Unmut über die zunehmende Tendenz von Politik und Medien die eigentliche Lebenswirklichkeit und Alltagserfahrung der einfachen Bürger bei ihren Entscheidungen bzw. in ihren Beiträgen und Kolumnen zu ignorieren. Was wir erleben, ist eine tendenzielle Entkoppelung von “denen da oben” und “denen da draußen im Land”, die offensichtlich viel mit dem Gefühl einer wachsenden Zahl von Menschen zu tun hat, immer mehr abgehängt und nicht mehr ernst genommen zu werden. Dazu kommt eine zunehmende “Sprachlosigkeit”, die nur zum Teil auf mangelnde Kommunikation zurück zu führen ist, sondern viel wesentlicher noch im Aufeinanderprallen unterschiedlicher Sprach- und Begriffswelten gründet.

Insofern sind die Ereignisse vom 23. Juni und 8. November nur Symptome für einen sehr viel tiefer liegenden Trend in Richtung auf eine zunehmende Erosion des gesellschaftlichen Konsenses. Boris Johnson und Donald Trump, die Hauptdarsteller in den beiden politischen Dramen, sind in diesem Sinne lediglich Resonanzkörper eines aufgestauten Unmuts, der nach ungeschminkter Artikulation und unmissverständlicher Rhetorik verlangt. Auch die Themen, die beide hochgradig zugespitzt in die politische Debatte geworfen haben, sind vom Grunde her nicht die Themen der beiden eher wandlungsfähigen, fast chamäleonartigen Exponenten, sondern spiegeln im Prinzip nur das wider, was viele Menschen aktuell umtreibt und wo schmerzlich Antworten der etablierten Politik vermisst werden.
Nun stellt sich die Gretchenfrage: Wenn das wirklich so ist, wie sollen Politik und Medien auf die veränderten gesellschaftlichen Grundströmungen reagieren? Gibt es in Demokratien, in denen der Demos oft und gerne dem “Populären” hinterher läuft, überhaupt wirkungsvolle Gegenmittel gegen einen um sich greifenden “Populismus”?

Ich denke ja! Nur kann das Rezept nicht das bisher angewandte sein! Die bislang Probleme eher zudeckende Rezeptur lief im Kern nämlich darauf hinaus, kontroverse Themen wie Migration, Euro-Rettung, Islamismus etc. in eine Art politisch-moralisch abgeschotteten Kokon zu verpacken. Wer den aufgestauten Dampf im Kessel kontrolliert ablassen will, der muss einen offenen Diskurs zulassen, der Lebenswirklichkeit und Alltagserfahrung der Menschen nicht ignoriert, sondern aktiv in die Debatte mit einbezieht. Nur das offene, ungefilterte Ansprechen der realen Probleme schafft die nötige frische Luft, um aufgestaute politische Aggressionen zu dämpfen und verstopfte Diskurskanäle zu durchlüften. Nur auf diese Weise lassen sich Vorurteile abbauen, Gesprächsblockaden aufheben und aufgerissene gesellschaftliche Gräben überwinden.