Das (Be-)Schweigen der Opfer

Berlin, Breitscheidplatz, 19.12.2016: Ein islamistischer Terrorist rast bewaffnet mit einem schweren LKW mit hoher Geschwindigkeit durch eine Menschenmenge, zermalmt menschliche Körper und hinterlässt Tod und Verwüstung. Wenige Augenblicke nach dem Anschlag beginnen Live-Berichte vom Tatort. Im Anschluss stundenlang minutiöse Beschreibungen des Tathergangs und dann nach der Identifizierung des Täters ausführliche Berichte über seine möglichen Motive und seine Herkunft, begleitet von Interviews mit Angehörigen, Psychologen und diversen “Terrorexperten”. Und immer wieder das “Tätergesicht”, dass uns unablässig über alle Kanäle anstarrt. – Und die Opfer? Wer berichtet über die Opfer? Wer kennt ihre Gesichter? Wer weiss etwas über ihre individuellen Biographien, über ihre (zerstörten) Lebensentwürfe?
Was könnten die Hintergründe für dieses (Be-)Schweigen der Opfer sein? Ist das Herzlosigkeit? Die Abstumpfung angesichts der immer kürzer werdenden Terror-Intervalle? Oder wollen die mit der Aufklärung der Geschehnisse beauftragten offiziellen Stellen nur die Opfer und ihre Angehörigen vor Nachstellungen der Öffentlichkeit schützen? Das Bild, das sich hier offenbart, ist einerseits komplex und angefüllt mit viel berechtigter Pietät und Rücksichtnahme. Andererseits sind die Toten und Verletzten – ob wir es wollen oder nicht – mehr als nur schlichte Verkehrsopfer, sondern Opfer und damit Zeugen von brutalen, staatsgefährdenden Terroranschlägen. Solche Anschläge – das belegen die weitgehend willkürlich ausgesuchten Tatorte – sind Verbrechen, die uns ausnahmslos alle angehen, nicht nur, weil sie uns alle hätten treffen können, sondern, weil sie verübt wurden, um die Gesellschaften, in denen wir leben, in ihren Grundfesten zu erschüttern.

In dieser Grunderkenntnis liegt bereits ein Stück weit die Erklärung für diese merkwürdige Asymmetrie in der Berichterstattung. Das destabilisierende und Angst erzeugende Faktum des Anschlages selbst, ist schon so gewichtig, dass es den Verantwortlichen in Politik, Polizei und Medien unverantwortbar erscheint, mehr als unbedingt nötig über das individuelle Schicksal der Opfer zu veröffentlichen. Die Täter, das ist bereits erschütternd genug, leben unter uns und lauern wie tickende Zeitbomben auf ihren schrecklichen Moment. Wenn diese erschütternde Erkenntnis dann auch noch durch die Anteilnahme-erzeugende Beschreibung der individuellen Opferschicksale “angereichert” wird, besteht die Gefahr, dass die Stimmungslage des potentiellen “Opferkollektivs” vollends kippt und möglicherweise in offen artikulierten Unmut umschlägt. – Also eine Art Prävention, die uns helfen soll, das Geschehene mit einem gewissen Gleichmut zu verarbeiten und mögliche Überreaktionen zu vermeiden? Kann das aber ein geeignetes Rezept sein, um Gesellschaften unter permanenter Terrordrohung im Gleichgewicht zu halten? Wie wirkt das langfristig auf die Psyche der Terrorbedrohten und auf die Handlungsmaximen der Täter und ihrer Hintermänner? Müssen wir wirklich soviel über Anis Amri, alias Mohamed Hassa, alias Ahmed Almasri etc. erfahren, um die Taten richtig einordnen zu können?

Um mit dem Letzteren zu beginnen: Definitiv nein! Wen interessiert es, ob der Attentäter von Nizza, Mohamed Bouhlel, Salza-Tänzer war und gerne zum Body Building gegangen ist. Müssen wir uns die quälend hilflosen Ausführungen der Familienangehörigen von Anis Amri wirklich immer wieder anhören und dabei ständig in das “Gesicht” des Täters schauen. Trägt die schier endlose Duplizierung des “Tätergesichts” – auch lange nach Abschluss der Fahndung – zur Aufklärung des Geschehenen bei? Erhellt das die eigentlichen Hintergründe der furchtbaren Mordtaten? – Wohl kaum!

Trotzdem verfehlt diese schier endlose Flut an “Täterbeschreibungen” nicht ihre Wirkung. Denn das was sich da an einseitiger, weil nur Täter-zentrierter Berichterstattung  auftürmt, verstellt unweigerlich den Blick auf die Opfer. Statt Bilder, Gesichter, Opferbiographien oder Interviews mit Angehörigen – wie beim Täter – nur immer wieder die lapidare Auflistung der nackten Zahlen: 12 Tote und 50 Verletzte!  Ließ sich dies unter dem unmittelbaren Eindruck des Geschehens noch verschämt mit Begriffen wie “Pietät” und “Rücksichtnahme auf die Angehörigen” erklären, fehlen nun – Wochen später – alle Argumente für dieses laute Beschweigen der Opfer.  Kein “Staatsakt” für die Ermorderten! Keine “Trauerrede” am Tatort, wie sie Francois Hollande wie selbstverständlich in Nizza gehalten hat! Kein feierliches Verlesen der Namen, wie auf der Promenade des Anglais! Und noch nicht mal eine offizielle Gedenkminute zur Erinnerung an die Opfer!

Es fällt schwer nach handfesten Motiven für diese offen artikulierte Schweigespirale zu fahnden. Nachfragen der vierten Gewalt zu diesem Umstand sind Mangelware und irgendwie scheinen sogar die, die es “immer schon gewußt haben” nur auf die “Schlange” und nicht auf die Opfer zu schauen. Hat es mit dem schlechten Gewissen der politisch Verantwortlichen des September 2015 zu tun? Wollen sich diejenigen, die das “Willkommen” in die Welt hinausgerufen haben, ihr großes helles “Flüchtlings-Opfer-Narrativ” nicht durch dunkle “Opfermale”  verunstalten lassen? Ist es gar die Angst vor den “falschen” Trauergästen, die die Würde der Opfer in den Hintergrund drängt?

Das kann es einfach nicht gewesen sein! Aus Respekt vor den Opfern brauchen wir nicht nur mehr öffentliche Anteilnahme, sondern endlich auch eine echte “Trauerkultur”, die uns als nationale Trauergemeinde vereint und uns stark macht für die großen Herausforderungen, die noch vor uns liegen.