Der 20. Juli im Lichte der deutschen Gedenkkultur

Im Rückblick auf die Zeit des Nationalsozialismus kommt dem 20. Juli 1944 fraglos eine besondere Bedeutung zu. Es handelt sich quasi um den einzigen positiv konnotierten “Gedenktag” im breiten Strom des Negativgedenkens an das wohl dunkelste Kapitel deutscher Geschichte. Während alle anderen Jahrestage die Verbindung zu Krieg, Entrechtung und Massenmord herstellen, erscheint der 20. Juli wie ein leuchtendes Fanal in dunkler Zeit – genährt durch ein Feuer der Freiheit und des Widerstandes gegen die Tyrannei. Dass das Andenken an das Hitler-Attentat des Grafen Stauffenberg dennoch nicht widerspruchsfrei ist, hat wesentlich mit den Ambivalenzen der bundesrepublikanischen Gedenkkultur zu tun, die – trotz aller Konsensbemühungen – einschneidender sind, als gemeinhin angenommen.

Wer trägt die Schuld?

Da ist zunächst und vor allem die fundamentale Frage nach der sog. Kollektivschuld der Deutschen an der Herrschaft des Nationalsozialismus. Welche Verantwortung tragen die Deutschen als Kollektiv an Hitlers Machtergreifung? War der 30. Januar 1933 Ergebnis einer Elitenverschwörung rund um den greisen Reichspräsidenten Hindenburg und seine Kamarilla oder hat der Demos Hitler an die Macht getragen? Läuft unsere Gedenkkultur, die ganz auf die kollektive Haftung aller Deutschen für die NS-Verbrechen aufbaut, nicht auch auf eine unentrinnbare Mitschuld der Männer des 20. Juli hinaus? Zerstören wir nicht unser aufwändig gepflegtes, kollektives Schuldanerkenntnis, wenn wir Stauffenberg, Tresckow und Beck einfach exkulpieren?

Stauffenbergs politisches Programm

Ein weiteres Konflikfeld im Zusammenhang mit der historischen Rezeption des 20. Juli tut sich dort auf, wo es nicht mehr allein nur um das Attentat selbst geht, sondern um die “Programmatik” der Verschwörer, die ja Hitler nicht nur beseitigen, sondern explizit auch die politische Macht an sich ziehen wollten. Die Durchsicht der überlieferten Dokumente aus dieser Zeit, läßt kaum Zweifel an der dezidiert national-konservativen Gesinnung des Widerstandskreises um Claus Graf Schenk von Stauffenberg aufkommen. Abgesehen von einer Gruppe von Zivilisten um den ehemaligen Leipziger Oberbürgermeister Goerdeler waren alle Schlüsselpositionen der Verschwörer mit Wehrmachtsoffizieren besetzt, deren politische Sozialisation sich explizit unter den Bedingungen des preußischen Offizierethos vollzogen hatte und die ihre überweigend aristokratisch-elitäre Herkunft nicht verleugnen konnten oder wollten. Wie verträgt sich das mit unserem bedingungslosen “Kampf gegen rechts”, wo die Verbindung aus “national” und “konservativ” längst zum Feindbild schlechthin geworden ist?

Motivlage

Noch diffiziler wird die Sache, wenn man sich mit der eigentlichen Motivlage der Attentäter befasst. Waren es nicht überwiegend militärisch-fachliche Zweifel an der dilettantischen Kriegführung des obersten Kriegsherrn, die die Männer des 20. Juli zur Tat schreiten ließ? Welche Rolle spielte die Empörung über die Gewaltverbrechen an den Juden oder den russischen Kriegsgefangenen bei der Ausarbeitung der Attentatspläne? War es wirklich das moralisch unangreifbare Motiv des Tyrannenmords, das die Juli-Attentäter antrieb oder ging es vornehmlich darum Handlungsspielräume für einen Separatfrieden mit den Westalliierten zu schaffen?

Perspektive der Nachgeborenen

Fragen über Fragen! – aber allesamt Fragen aus der komfortablen Perspektive der Nachgeborenen. Kaum jemand von denjenigen, die heute über das Für und Wider des 20. Juli rechten, können sich annähernd vorstellen in welcher Not- bzw. Zwangslage sich die Männer um den Grafen Stauffenberg in den entscheidenden Wochen vor dem Attentat befunden haben. Sie waren allesamt – soweit sie den militärischen Fahneneid geschworen hatten – an Hitler gebunden. Sie hatten dem Diktator unbedingten Gehorsam geschworen und standen ausnahmslos in der preußisch-deutschen Militärtradition der festen Loyalität gegenüber dem Kriegsherrn. Für uns Heutige eine merkwürdige Berufsblindheit rückwärtsgewandter Militärs – für Stauffenberg & Co. damals eine kaum überwindbare Schwelle, die erst dann wirklich fiel, als unmißverständlich klar wurde, dass der Eidnehmer selbst den Treueeid durch seine verbrecherische Politik gebrochen hatte.

Maßstäbe einer Weltmoral

Das heißt, wenn wir 2019 durchs historiographische Fernrohr auf die Ereignisse vor 75 Jahren schauen, dann sollten wir uns davor hüten, allein unsere heutigen, eng gezogenen politisch-moralischen Maßstäbe an das Handeln der Widerständler des 20. Juli anzulegen. Aus Stauffenberg und Tresckow werden niemals lupenreine Demokraten. Sie werden niemals den Anforderungen an unsere hoch anspruchsvolle Weltmoral gerecht werden und sie werden niemals die moralische Makellosigkeit erreichen, die uns heute in Zeiten von Demokratie, Rechtsstaat und Massenwohlstand an so vielen Orten in ihrer Gratis-Variante begegnet.

Befreiende Botschaft

Was in jedem Fall bleibt, ist die befreiende Botschaft des 20. Juli. Selbst in Zeiten, in denen fast alle den gleichen Ideen, den gleichen ideologischen Parolen, den gleichen Idolen nachlaufen, keimt dennoch immer irgendwo der Widerspruch. So schwer und existenzgefährdend das Aufbäumen gegen den schier übermächtigen Strom auch sein mag, es gibt sie doch, die Widerständler, die bereit sind, nicht nur ihre eigene Existenz, sondern auch die ihrer nächsten Angehörigen zu riskieren, um in letzter Stunde dennoch das Schlimmste abzuwenden.

Das “Coute que coute”, das Henning von Tresckow ausrief, bevor er seinem Leben in den frühen Morgenstunden des 21. Juli mit einer Gewehrgranate eine Ende setzte, wird in jedem Fall nachhallen. Er und seine Mitstreiter haben – trotz ihres tragischen Scheiterns – vor der Geschichte bewiesen, dass selbst in Zeiten des totalitären Wahns, Ungehorsam und Widerstand gegen eine schier übermächtige Ideologie und ihre Exponenten möglich ist. Sie sind gescheitert und haben dafür mit ihrem Leben bezahlt, aber ihr Heldenmut wird auch die nächsten 75 Jahre überdauern.