Der Bürger ist tot, es lebe der Bürger!

Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg! Erneute Schlappe der “Volksparteien” CDU und SPD. “Die Linke” stürzt ab, die “Grünen” bleiben unter den Erwartungen und die AfD legt massiv zu. Noch am Wahlabend beginnt der Koalitionspoker. Die im merkwürdigen Kontrast zu den dramatischen Stimmenverlusten zu “Siegern” erklärten Ministerpräsidenten Kretschmer und Woidke haben die Qual der Wahl. “Kenia”! – Also schwarz-rot-grün (Sachsen) bzw. rot-schwarz-grün (Brandenburg) ist angeblich das Mittel der Wahl. Die Demokraten müssen zusammenstehen. “Gegen Rechts”, auch wenn´s schwer fällt. – Doch dann der Skandal. Eine MDR-Moderatorin bringt ihn ins Rollen. Nennt eine mögliche Koalition zwischen CDU und AfD “bürgerlich” und macht “die Rechte” auf gefährliche Weise hoffähig.  Empörung! Wasser auf die Mühlen der Radikalen! Ok! Ein Versprecher! Die MDR-Intendanz entschuldigt sich vielmals! Doch das Unwort ist in der Welt und die Feuilletons quillen über. – Wie bringt man die Katze wieder in den Sack? Oder besser: Wie bringt man den Springteufel wieder in die Schachtel?

Alte Zöpfe

Au Backe, “bürgerlich”? Was soll das denn sein? Klar! Staatsbürger, Erdenbürger, Weltbürger! Ok! Aber “bürgerlich”? Das hört sich irgendwie nach 19. Jahrhundert an. Thomas Mann, die Buddenbrocks! Spitzendeckchen, Vertiko, Brahms auf dem Grammophon und das Hausmädchen mit Häubchen und Porzellan-Kaffeekanne. Aber heute im 21. Jahrhundert? Haben wir die alten Zöpfe nicht spätestens 1968 abgeschnitten? Wo sind sie, die echten Bürger? Die Bildungsbürger mit ihrem distinguierten Auftreten? Die Kaufleute in ihren Kontoren und die Professoren und Studienräte in ihren Roben? Alles tot! Mausetot! Tief vergraben auf dem Friedhof der Geschichte.

Zwei Etagen tiefer

Doch halt! Ist das nicht zwei Etagen zu hoch? Niemand redet der Renaissance der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts das Wort. Bürgerliche Autonomie, das freie, politisch selbstbestimmte Individuum als Urgrund politischen Denkens und der freie Markt als Spielfeld bürgerlicher Selbstentfaltung? Irgendwie alles von gestern und irgendwie zu abstrakt! Müssen wir die Sache nicht runter buchstabieren, auf die Ebene eines profanen Streits zwischen politischen Parteien? Wenn die AfD ihre Eingemeindung ins “bürgerliche Lager” einfordert, dann tut sie das doch nicht wegen grundlegender bürgerlicher Werte, oder? Gehts der AfD nicht einfach nur um die immer noch nachwirkende Reputierlichkeit bürgerlicher Lebensentwürfe? Wollen die Etablierten den “Newcomer” nicht einfach nur draußen halten, um ihn weiter ungezwungen mit dem N-Wort bombardieren zu können?

Latente Empörungsbereitschaft

Also doch nur ein bedingter Reflex einer stets sprungbereiten Empörungs-Community, die bei bestimmten Stichwörtern ruckartig hochschnellt und mit der Keule der Political Correctness zuschlägt? Wenn`s so einfach wäre! Im Grunde gehts nämlich um mehr, als das zappelige Empörungsfeuer vermuten läßt. Wer das einfach nur abfackeln will und zur nächsten Empörungswelle wechselt, springt deutlich zu kurz. Ein Blick hinter die Kulissen könnte uns vielleicht helfen zu dem zurückzukehren, was in diesem Land mal breiter Konsens war und was unser Gemeinwesen jahrzehntelang getragen hat. Das erfordert sicher tieferes Nachdenken und ist sicher anstrengend, aber einfach nur empören, hilft doch nicht weiter, oder?

Das Bonner Modell

Als die Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1949 aus der Trümmerlandschaft des 2. Weltkrieges hervorkeimte, war den Staatsgründern ziemlich schnell klar, dass das neue politische Gebilde nach den geistigen Verwüstungen und mentalen Zerstörungen des “Dritten Reiches” einen politisch-gesellschaftlichen Grundkonsens braucht, um wieder auf die Beine zu kommen. Dass das nur ein bürgerlicher Grundkonsens auf konservativ-liberaler Grundlage sein konnte, wurde im Laufe der 50er Jahre schnell klar. Selbst die Sozialdemokratie erlebte 1959 ihr bürgerliches “Godesberg” und legte den (Alb-)Traum vom endzeitlichen Sozialismus endgültig zu den Akten.

In Abgrenzung zu den “Arbeiter- und Bauernstaaten” des deutschen und europäischen Ostens artikulierte sich das westdeutsche Gesellschafts- und Politikmodell von Anfang an dezidiert bürgerlich! Galionsfiguren wie Konrad Adenauer und Ludwig Erhard auf dem Felde der Politik,  Hermann Josef Abs und Berthold Beitz im Bereich der Wirtschaft oder Marion Gräfin Dönhoff und Joachim C. Fest im Mediensektor personifizierten diese bürgerliche Wende und gaben der zweiten deutschen Republik die dringend benötigte (bürgerliche) Reputation.

1968

Im Grunde überstand dieses Modell zunächst selbst die Studentenrevolte der 68er Jahre. Die Revolution der akademischen Jugend blieb in den Hörsälen und in den marxistisch-maoistischen Pamphleten hängen und erreichte weder breitere Kreise des Bürgertums noch gar das imaginäre Proletariat, für das ursprünglich doch eigentlich alles inszeniert war. Die Kräfte der Beharrung waren einfach zu stark und die Erfolgsbilanz des “Wirtschaftswunderlandes” einfach zu spektakulär, um einer neuen Ära Platz zu machen.

Erosion eines Erfolgsmodells

Substantielle Erosionserscheinungen machten sich erst bemerkbar, als sich nach der Wiedervereinigung im Jahre 1989/90 mit der Neuordnung des Parteiensystems, der Sozialdemokratisierung der “bürgerlichen Parteien” und dem immer spürbarer werdenden Erstarken der 68er und Post-68er in den Führungsetagen der Parteien, der Medien, der Kirchen und der Sozialverbände ein grundlegender Elitenwechsel vollzog. Die Bundesrepublik rückte nach links und mit dieser signifikanten Linksverschiebung erodierte auch der konservativ-liberale Grundkonsens.

Merkel-Ära

Besonders sichtbar wurde das an der Tatsache, dass die eigentliche Staats- und Gründerpartei der alten Bundesrepublik spätestens ab Mitte der 2000er Jahre (“Merkel-Ära”) daran ging buchstäblich alle Kernpositionen der bürgerlichen Gründergeneration über Bord zu werfen. 180-Grad-Wende in der Familienpolitik mittels einer Öffnung der Ehe “für alle” und einer Deprivilegierung der bürgerlichen Kleinfamilie; Aufgabe der Wehrpflicht als substantieller Hort bürgerschaftlich organisierter Landesverteidigung sowie Opferung von fast allen ordnungspolitischen Grundpositionen der Nachkriegsjahrzehnte zugunsten einer “Europäisierung der (ultraleichten) Geldpolitik” und zugunsten einer Haushaltspolitik mit einem mächtig aufgeblähten “Mittelstandsbauch” – um nur einige Felder der Erosion zu nennen.

Der grüne Hipster

Das alte, im Kern beispiellos erfolgreiche politisch-gesellschaftliche Modell büßte auf diese Weise seine tragenden Säulen weitgehend ein. Politisch und gesellschaftlich tonangebend ist heute nicht mehr der hart arbeitende, Steuer zahlende Mittelstand, sondern der grüne Hipster aus den gentrifizierten Innenstadtvierteln, der sich zwar weiterhin mit einer Art bürgerlichen Fassade umgibt, der aber in seiner politischen Grundhaltung  dezidiert antibürgerlich denkt und handelt.

Diese neue Schicht – so wie sie sich heute an der Wahlurne, in den Feuilletons und in den urbanen Quartieren findet – ist marktkritisch, demonstrativ unpatriotisch und offen für beinahe jede Form gesellschaftlicher Experimente. Ihre Exponenten wähnen sich in der Rolle des autonomen Individuums, rufen aber im Grunde bei jeder sich bietenden Gelegenheit nach dem Staat. Sie besingen die Freiheit, wollen aber am liebsten maximale Gleichheit. Sie sind dezidiert grün, lehnen aber Nachhaltigkeit beispielsweise in der Migrations- und Geldpolitik strikt ab.

Zurück zur Vernunft

Wenn also das “Bürgerliche” zur politischen Maskerade wird und wenn die größte bürgerliche Partei offen nach links und in Richtung Grün abdriftet, ist da überhaupt noch Raum für so etwas wie bürgerliche Politik? Die Antwort auf diese Frage können nur die bürgerlichen Mittelschichten außerhalb der grünen Hipsterzone selbst geben. Sie müssen endlich ihre lähmende Sprachlosigkeit überwinden und anfangen ihre konkreten Anliegen offensiv zu artikulieren. Dass was aktuell in Sachen Energie- und Klimawende in Deutschland diskutiert wird, kann niemals im Interesse derjeinigen liegen, die sich ihren Wohlstand jeden Tag hart erarbeiten müssen und am Ende alles bezahlen sollen. Es fehlt an pragmatischen Stimmen der Vernunft, am Gespür für das richtige Maß und an den unverzichtbaren Sensoren für das finanziell Machbare.

All das kann nur aus der Mitte der Gesellschaft kommen, nicht von den radikalen Flügeln, wo das Extreme, das Illusionäre, das gefährlich Utopische, das Unausgegorene beheimatet ist. Mindestens ebenso ungeeignet sind defensive Zweckbündnisse mit politischen Linksauslegern, in denen politische Profile bis zur Unkenntlichkeit verwässert werden. Bürgerliche Politik braucht keine konturlosen Einheitsfronten, sondern klare Profilierung und klare Kante.

Probleme lösen, nicht bewirtschaften

Nur wer Akzente setzt und die Initiative zurückgewinnt, kann hoffen, sich seine Gestaltungsmacht zurück zu holen. Die Uhr tickt und die Chancen, den ins Illusionäre und ins Radikale abdriftenden Staats-Tanker doch noch zu wenden, schwinden. Die Menschen warten darauf, dass sich Politik endlich wieder ihren konkreten Problemen und Nöten widmet und nicht länger lautstarken Minderheiten hinterherläuft, die keine echten Lösungen anbieten, sondern am Ende die Probleme nur bewirtschaften.