Die Kandidat*in

Dass politische Höhenflüge rasch und unvermittelt in Sinkflüge oder gar in steile Sturzflüge münden können, wissen wir seit langem. Der historische Reigen der politischen Ikarier, die dieses Schicksal ereilte, ist kilometerlang. Zumeist ist es die, dem Ehrgeizigen innewohnende, Hybris, die dem Sturz vorausgeht. Im unbändigen Verlangen nach Scheinwerferlicht kommt der Protagonist der heißen Lichtquelle zu nah, verbrennt sich seine Flügel und stürzt ab. Jüngstes Beispiel: die Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock. Hochgelobt, vom medialen Mainstream regelrecht “angehimmelt”, erklimmt sie die Höhen der Demoskopie, verharrt kurz und strahlend im Zenit, um dann unvermittelt geerdet zu werden.* – Was ist da passiert? Hat sich nur die Kandidat*in geirrt oder sind wir gar allesamt einer medial gepushten Schimäre aufgesessen?

Bevor wir uns der Protagonistin in diesem besonderen ikarischen Bühnenstück zuwenden, ein kurzer Blick in die oberen Etagen der politischen Kandidatenkür. Wenn es hier so etwas wie ein beispielgebendes Paradefeld gibt, dann findet sich das jenseits des Atlantiks, in den USA. In schöner Regelmäßigkeit finden hier alle vier Jahre groß angelegte Kandidaten-Ausscheidungsrennen vor laufender Kamera statt.

Politcal Campaigning

Im Zusammenhang mit der Präsidentenkür erfolgt das sogar über zwei Stufen: Zunächst auf der Ebene der beiden großen Parteien und dann noch einmal in einer großen Wahlrallye durchs ganze Land im Zuge des eigentlichen Präsidentschaftswahlkampfes. Wer etwas über hochpersonalisierte Wahlkämpfe auf Spitzenebene, über professionelles Political Campaigning, über die ausgefeilten Strategien von Büchsenspannern und Spin Doctores oder über die hohe Kunst des Agenda-Setting erfahren will, sollte hier aufmerksam zuschauen. Hier wird man nicht nur gut unterhalten, hier kann man sogar etwas lernen.

Dass solche hochartifiziellen Kandidatenrennen eigentlich nur zu Präsidialsystemen a l`américaine bzw. a la francaise passen, liegt eigentlich auf der Hand. Dass uns diese politischen Schauspiele dennoch mittlerweile flächendeckend in fast allen westlichen Demokratien präsentiert werden – selbst dort wo gar keine Staats- oder Regierungschefs zur Direktwahl anstehen – hat nicht nur etwas mit dem US-amerikanischen “Vorbild” zu tun.

Personalisierter Wahlkampf

Politik ist heute nur noch massenmedial vorstellbar. Spätestens mit der Erfindung des Fernsehens und mit dem Siegeszug der elektronischen Übertragungswege bis hin zum Internet rückt das Gesicht vor die Programme. Soweit, dass Kandidatenprofile und Programme virtuell verschmelzen und politische Agenden exklusiv über medial gepushte Galionsfiguren vermarktet werden. Wie schwierig es sein kann, solche Symbiosen über einen kompletten Wahlkampfturnus hinweg erfolgreich zu managen, zeigt die aktuelle Baerbock-Kampagne.

Sympathievorschuss

Einmal abgesehen vom glorreich gestarteten, aber rasch wieder eingebremsten “Schulzzug” des Wahljahres 2017 dürfte selten zuvor in der Geschichte unserer Republik eine Spitzenkandidatin für das Kanzleramt mit soviel Vorschußlorbeeren gestartet sein, wie Frau Baerbock. Schon im Zusammenhang mit der Wahl Baerbocks zur Parteivorsitzenden im Januar 2018 erreichte die mediale Euphorie einsame Höhen. Die Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios Tina Hassel war so ergriffen von der neuen Doppelspitze Baerbock/Habeck, dass sich selbst wohlgesonnene Kollegen unwillkürlich fragen mussten, ob es hier überhaupt noch um “Berichterstattung” oder schon um politische PR ging.**

Diese phasenweise fast schon peinlich wirkenden Elogen blieben fortan über Wochen und Monate in den einschlägigen Medien präsent. Alles was die Kandidatin zu x-beliebigen Themen von sich gab, wurde intensiv gewürdigt, in helles Licht gerückt oder gar als “Signal an die Welt” in einen globalen Kontext gestellt. Im Windschatten des Thunberg-Hypes erschien Annalena Baerbock wie eine Art “große Schwester”, die dazu auserkoren wurde, die Gedanken des schwedischen Klima-Orakels in handfeste Politik umzusetzen.

Kobolde und Speicher im Netz

Selbst unter dem Eindruck der Pandemie-Krise hielten vor allem die Öffentlich-Rechtlichen eisern an ihrem Kurs fest. Selbst als die Kandidatin in diversen Interviews und öffentlichen Statements mit wirren Aussagen über rot-schopfige Inhaltsstoffe von Batterien (“Kobold statt Kobalt”) oder über die Speicherkapazitäten von Stromnetzen (“An Tagen wie diesen , wo es grau ist, da haben wir natürlich viel weniger erneuerbare Energien. Deswegen haben wir Speicher. Deswegen fungiert das Netz als Speicher. Und das ist alles ausgerechnet.”) auffiel, blieben die medialen Megaphone auf Dauerbetrieb.

Erste Kratzer bekam das Bild in einer Phase als Corona im Frühjahr 2021 nicht mehr jeden Tag die TOP-Schlagzeile füllte und im anhebenden Bundestagswahlkampf immer mehr Details des Lebenslaufs der Kandidatin in den öffentlichen Fokus gerieten. Nachdem sich die Mainstreammedien zunächst noch zurückhielten, um den so vielversprechend laufenden grünen Hype nicht zu beschädigen, traten ab Mitte Mai 2021 – transportiert vor allem über die sozialen Medien – immer neue Unstimmigkeiten im Zusammenhang mit der Vita der grünen Spitzenpolitikerin zu Tage.

Baustelle Lebenslauf

Auffallend dabei waren vor allem die vielen Korrekturen im Zusammenhang mit den Studienleistungen von Frau Baerbock. So stellte sich heraus, dass die Angaben zum angeblichen Bachelor-Examen in Politikwissenschaften an der Universität Hamburg allein schon deshalb nicht zutreffen konnten, weil damals zu diesem Zeitpunkt noch gar keine Bachelor-Abschlüsse an der Uni Hamburg möglich waren.

Ähnliche Ungereimtheiten ergaben sich im Zusammenhang mit dem “Völkerrechts-Studium” an der London School of Economics, wo Baerbock aufgrund journalistischer Recherchen mehrfach Formulierungen nachjustieren bzw.”präzisieren” musste.*** Als sich dann im Juni auch noch Angaben zu diversen Mitgliedschaften, z.B. beim UNHCR oder beim German Marshall Fund, buchstäblich in Luft auflösten**** und sich Informationen über nicht deklarierte Nebeneinkünfte erhärteten, fanden sich peu à peu selbst auf den Mainstreamkanälen immer mehr Unmutsäußerungen über die “Unprofessionalität” der Kandidatin.

Glaubwürdigkeits-Falle

Wie konnte das passieren? Waren das nur einige entschuldbare Nachlässigkeiten einer noch recht jungen Nachwuchskandidatin oder stand hier die Glaubwürdigkeit einer stets vom moralischen Hochsitz aus argumentierenden Politikerin auf dem Spiel? – Die Antworten auf diese Fragen fielen wie zu erwarten unterschiedlich aus. Entscheidend war auch hier der politische Standpunkt und vor allem der unbedingte Willen einer stark links-grün geprägten Medienlandschaft die selbst erzeugte “grüne Welle” nicht abebben zu lassen.

Russische Fake-News

Um die ins Stocken geratene Kampagne doch noch zu retten, lassen es einige Redaktionen – rd. 100 Tage vor dem Wahltermin – nicht mehr bei schlichten Sympathiekundgebungen bewenden, sondern zünden mit anspielungsreichen Artikeln über “rechte Netzwerke” und “russische Infiltration” eine Art zweite Raketenstufe. Danach sind die zwischenzeitlich zu beobachtenden demoskopischen Einbrüche nicht auf Unzulänglichkeiten der Kandidatin, sondern auf “Anti-Feminismus” bzw. auf zunehmend subversive “russische Propaganda” zurückzuführen.

Ob das reicht, um Annalena Baerbock und den Grünen einen zweiten Wahlkampf-Schub zu verschaffen, ist schwer zu prognostizieren. Dass es immer wieder Wähler gibt, die ihre Wahlentscheidung von platten Gerüchten oder unausgegorenen Socialmedia-Parolen beeinflussen lassen, dürfte unbestritten sein. Daraus aber eine generelle Beeinflussbarkeit des Wahlvolks durch “fremde Mächte” zu konstruieren, schießt doch weit übers Ziel hinaus.

Erkenntnisse?

Welche Schlußfolgerungen lassen sich nun aus alldem ziehen? Lässt sich aus dem Beschriebenen etwas Signifikantes für den Politikbetrieb oder für das erfolgreiche Aufsetzen politischer Kampagnen lernen? Hier nur zusammengefasst vier grundlegende Erkenntnisse:

1.) Selbst politische Kampagnen, die sich auf einen maximalen medialen Support verlassen können, erleiden Schiffbruch, wenn die Performance der Kandidatinnen und Kandidaten dem medial vermittelten Frame widerspricht. Im Falle der Baerbock-Kampagne musste sich selbst eine mit rd. 8 Milliarden Euro jährlich dotierte PR-Abteilung am Schluss eingestehen, dass auch intensivste Wahlwerbung nicht genügt, wenn sich die medial erzeugte Strahlkraft des Beworbenen als Fehlperzeption erweist.

2.) Moderner Wahlkampf, der sich im 24/7-Modus im Scheinwerferlicht der elektronisch zugeschalteten Öffentlichkeit abspielt, erfordert professionelle Vorbereitung, vor allem an der Schnittstelle zwischen dem Programm und dem politischen Personal.  Der insbesondere aus dem angelsächsischen Raum geläufige Einsatz von sog. Spin doctores löst zwar hierzulande immer noch Beklemmungen aus, dürfte aber in Zukunft unvermeidlich sein. Wenn Wahlkampfteams Lebensläufe ihrer Kandidatinnen und Kandidaten ins öffentliche Netz stellen, ohne vorher zumindest einen Plausibilitätscheck durchgeführt zu haben, dann mangelt es auf dramatische Weise nicht nur an Sorgfalt, sondern an Professionalität.

3.) Die Frage, ob es für das Aufhübschen von Lebensläufen oder für den Drang zum öffentlichen Performen ohne echte Leistungsnachweise handfeste psychologische Erklärungen gibt, ist umstritten. Eine ungute Wirkung dürften in diesem Zusammenhang vor allem die diversen Casting-Shows vor allem im Privatfernsehen haben. Zudem könnte das lange Hinausschieben der elterlichen Sorge (Helikopter-Eltern, leistungsunabhängiges Loben) gewisse Auswirkungen gerade auf die Psyche von jungen Erwachsenen haben. Alte Grundsätze wie “Mehr sein als scheinen” jedenfalls wirken unter dem Eindruck unserer bunten Wünsche-Welt merkwürdig antiquiert.

4.) Eine unangenehme Erkenntnis liefert die Tatsache, dass der momentan zu beobachtende demoskopische Einbruch der Grünen nicht primär auf den Widerwillen der Wählerschaft gegenüber dem politischen Programm zurückführbar scheint, sondern in erster Linie etwas mit einem mehrfach notdürftig geflickten Lebenslauf der Spitzenkandidatin zu tun haben dürfte. Dass es in Deutschland immer noch Parteien gibt, die mit ausgeprägt sozialistisch gefärbten Parteiprogrammen, einer rigiden Verbotskultur und einer sprachpolizeilich geschützten Diskurshegemonie starke Wählergruppen an sich binden können, lässt einen tief ernüchtert zurück. Hoffen wir, dass wir in unserem Land nicht noch einen weiteren Praxistest benötigen, um zu erkennen, dass uns nur eine freiheitliche Gesellschaftsordnung mit sozialer Marktwirtschaft ohne Diskursschranken und ohne von oben verordnete Zwangsregime weiterhilft.

* Laut einer aktuellen Umfrage von Infratest-Dimap verlor die grüne Kanzlerkandidatin seit Mai in der “Kanzlerfrage” 12 Prozentpunkte und liegt nun mit 16 Prozent deutlich hinter Armin Laschet (29 %) und Olaf Scholz (26 %). (“Absturz – Annalena Baerbock im freien Fall”, DIE WELT, 10.6.2021).

** Ulf Poschardt von “DIE WELT” fragte im Zusammenhang mit dem Hasselschen “Bericht” über den Grünen-Parteitag leicht süffisant: “Wie soll das vom Social Media-Team der Grünen eigentlich noch getoppt werden?” Tina Hassel ist übrigens heiße Kandidatin für den Posten der ZDF-Intendantin.

*** Frau Baerbock hat sich sowohl in ihrer Vita auf bundestag.de als auch im Zusammenhang mit ihren vielen öffentlichen Auftritten immer wieder als “Völkerrechtlerin” vorgestellt. Echte Nachweise über einschlägige Seminare, juristische Examina oder wissenschaftliche Arbeiten sind bisher nicht bekannt. Wie “selbstbewußt” die Kandidatin mit ihren akademischen Würden umgeht, belegt eine Sequenz aus einem gemeinsamen Auftritt mit ihrem Mitstreiter Robert Habeck: “Ich Völkerrechtlerin, du Schweinebauer”.

**** Während die Angabe über die Mitgliedschaft beim UNHCR gar nicht stimmen konnte, weil Privatpersonen gar keine Mitglieder im UN-Flüchtlingshilfswerk werden können, stellte sich die “Mitgliedschaft” im GERMAN MARSHALL FUND als “Teilnahme an einem Stipendien-Programm” heraus. (“Baerbock präzisiert Lebenslauf”, in FAZ, 5.6.2021)