Die Missachtung der Provinz

Schließen Sie die Augen, versuchen Sie ihren inneren Ruhepol zu finden und stellen Sie sich eine zum Horizont hin geöffnete Landschaft vor. An was denken Sie zuerst? Klar! – Felder, von Waldstücken unterbrochene, grüne Wiesen und im Hintergrund vielleicht noch einige mit Schnee gepulverte Berge. Ansonsten aber vor allem eines: Weite und räumliche Tiefe. Keine künstlichen Barrieren verstellen den Blick und eine Sichtachse reiht sich an die andere. – Doch, wenn wir ehrlich sind, ist das nur der topographische Blick, der uns hier fesselt. Wenn wir ansonsten mit dem Begriff “Land” hantieren und den ewigen Gegenpol, die “Stadt”, damit kontrastieren, dann ist unsere Assoziation plötzlich nicht mehr Weite und Tiefe, sondern Enge und Beschränktheit. Wir denken an Tradition, altertümliche Sitten und statische Lebensformen. Hier strahlt auf einmal die Stadt (geistige) Weite und (intellektuelle) Tiefe aus und das Land verschwindet als “Provinz” in einer der unteren Schubladen. Was hat es mit diesem merkwürdigen Kontrast auf sich? Warum verändert sich unser Blickwinkel so fundamental, wenn wir uns von der Topographie lösen und den Stadt-Land-Gegensatz in den gesellschaftlichen Kontext stellen?

Um diesem Phänomen näher zu kommen, hilft uns der Begriff der “Urbanisierung”, der zweifelos zu den Schlüsselbegriffen der modernen Soziologie gehört. Er umschreibt einen beeindruckenden siedlungsgeschichtlichen Megatrend, der seine Anfänge in der Frühindustrialisierung der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Westeuropa hatte, und heute Anfang des 21. Jahrhunderts in den großen Megalopolen der Südhalbkugel neuen gewaltigen Höhepunkten entgegenstrebt. Zunächst als Begleiter der Industrialisierung, dann als Ausdruck einer Verwaltungszentralisierung und schließlich in immer rasanterem Tempo im Zuge der großen Armutswanderungen in die Randzonen der Megastädte Asiens, Lateinamerikas und Afrikas. Fast hat man den Eindruck, als würde das Land im Zuge dieses schier unaufhaltsamen Verstädterungsprozesses buchstäblich leer laufen. Die Welt übersät mit riesigen städtischen Agglomerationen, dazwischen weitläufige Transiträume; diese aber wüstenartig verwaist und weitgehend menschenleer. In einzelnen Science Ficton-Movies ist dieses düster anmutende Entwicklungsszenario schon vorgedacht, zumeist aber als dunkle Dystopie, lichtlos vernebelt und von grauen Menschenmassen bevölkert.

Urbanität, das deutet sich hier an, ist – ähnlich wie unser Blick auf die Provinz – von großer Ambivalenz geprägt. Auf der einen Seite vielgestaltige “Stadtlandschaften” in denen junge, kreative “Urbanisten” Innovationskraft mit Phantasie mischen, andererseits aber auch die Welt der verwahrlosten Vorstädte, in denen sich alle Probleme von unkontrolliert wachsenden Verdichtungsräumen, wie Kriminalität, massenhafte Jugendarbeitslosigkeit und gewaltige soziale Spannungen auftürmen.

Trotz dieser offensichtlichen Ambivalenz des städtischen Lebens sind wir heute mehr denn je gewohnt die Welt aus dem Blickwinkel der urbanen Räume zu betrachten. Fortschritt spielt sich – so die landläufige Sicht – in der Stadt ab. Internationale Investoren suchen bei ihren Investments die Nähe großer Städte und fast alle, die neue Formen des Zusammenlebens – außerhalb der bürgerlichen Kleinfamilie – ausprobieren wollen, suchen die freie Entfaltung und gelegentlich auch die Anonymität der Großstadt.

Doch was heißt das nun für den ländlichen Raum? Gibt es ihn in seiner alten klassischen Form überhaupt noch? Angesichts der stetig zunehmenden, überwiegend medial vermittelten Diffusion urbaner Lebenswirklichkeit in die Wohnstuben der “Kleinstädter” und “Dörfler” möchte man fast mit Nein antworten. Nirgendwo wird das deutlicher als in den sog. Speckgürteln der großen Städte, wo sich das “Urbane” immer weiter ins Umland hineinfrißt und unzählige gewachsene Dorfstrukturen verkehrstechnisch erschlossen und verwaltungsökonomisch vereinnahmt werden.

Dennoch wäre es verfrüht das Land als Lebens- und Aktionsraum politisch und gesellschaftlich einfach abzuschreiben. Wie jüngste Entwicklungen, insbesondere auf dem Felde der Politik, zeigen, ist weiterhin mit der “Provinz” und ihrer angeborenen Resistenz gegenüber allzu weitgehenden Modernisierungs- und Selbstermächtigungsbestrebungen der (Haupt-)Städte zu rechnen. Die beiden spektakulären “Überraschungsvoten” des Vorjahres (Brexit und Trump-Wahl) waren – so haben diverse Wahlanalysen ergeben – in hohem Maße Ausdruck eines Aufstandes der Provinz gegen die Zentralen. Sowohl in London und Brüssel als auch in Washington und New York hatte man im vergangenen Jahr den dramatischen Stimmungswandel in der Provinz massiv unterschätzt. Nicht nur die Sensoren der großstädtischen Eliten, sondern auch die Blickfelder großer Teile der Medien reichten anscheinend gerade bis in die Randzonen der Hauptstädte.

Die Schlüsselfrage ist: Was wurde hier übersehen bzw. was gilt es stärker in den Blick zu nehmen, um Wiederholungen zu vermeiden? Ein wesentlicher Aspekt in diesem Zusammenhang ist ohne Zweifel der große Beschleunigungseffekt der Globalisierung. In unserem Kontext heißt das, das “Urbane” bricht sich immer stärker im globalen Maßstab Bahn. Rekrutierten sich in den Nachkriegsjahrzehnten die “Landflüchtlinge” noch überwiegend aus dem näheren und weiteren Umfeld der Ballungsräume, ist heute Migration sprichwörtlich global. Wurde ökonomischer Strukturwandel noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein im nationalen oder phasenweise bereits im europäischen Rahmen wahrgenommen, ist man heute im Zuge einer zunehmend globaler werdenden Arbeitsteilung gewohnt, die strukturellen Wandlungsprozesse in unseren Volkswirtschaften als Ausfluß globaler Konkurrenz zu interpretieren.

Das Verblüffende ist nun, dass obwohl die beschriebenen Wandlungsprozesse in erster Linie wiederum die Stadt betreffen, sich die Widerstandszonen gegen diese Zumutungen vor allem im kleinstädtisch-ländlichen Raum formieren. Sowohl die national-kulturellen, wie auch die protektionistischen Affekte im Zusammenhang mit Brexit und Trump-Wahl wurden wesentlich gespeist aus den retardierenden Kräften der Provinz. Sie lehnt sich auf nicht nur gegen das Establishment, sondern generell gegen einen Modernisierungsprozess, der mit Macht an die Stelle von Familie, Tradition und Heimat, eine neue Mischung aus Multikulturalität, Buntheit und grenzenloser Offenheit zu setzen versucht. Dass dieser Aufstand so heftig ausfiel, hat wesentlich mit einer weit verbreitenden Ignoranz der urbanen Eliten gegenüber diesen lange Zeit für vernachlässigbar gehaltenen Widerstandszonen zu tun.

Die beiden Wahlschocks sollten als Weckruf verstanden werden. “Provinz” ist eben doch nicht nur ein Schimpfwort, sondern eine politsch gewichtige Größe, die es zu beachten gilt. Wer plan- und konzeptlos Multikulturalismus und globales “Laissez faire” gegen die vermeintlich so rückständige Enge der Provinz ausspielt, trägt nur zur Vertiefung der bereits aufgerissenen gesellschaftlichen Gräben bei. Eine urbane Modernisierungsideologie, die sich darauf beschränkt hochartifizielle Debatten in urbanen Intellektuellenmilieus zu führen und die glaubt ohne das umgebende Land auskommen zu können, ist auf Sand gebaut und braucht dringend ein neues Fundament.