Die Weltpolizisten

In unserer restlos durchmediatisierten Welt werden wir rund um die Uhr mit einer unglaublichen Fülle an “Global News” bombardiert. Zumeist sind es Krisen- oder Katastrophenmeldungen aus Übersee, die die Schlagzeilen dominieren. Neben den fast schon allgegenwärtigen Naturkatastrophen scheint es keinen Tag zu geben, an dem nicht irgendwo in der Ferne Krieg, Bürgerkrieg oder Terrorismus aufflammt. – Ist unser Globus wirklich so unsicher? Haben unsere Vorfahren im Zeitalter der Weltkriege nicht sehr viel mehr erdulden müssen? Oder besser gefragt: Wer schützt eigentlich die dünnwandige Außenhaut unserer durchpazifizierten Komfortzonen? Sind wir das selbst? Ist das die UNO? Sind das Merkel, von der Leyen und Kramp-Karrenbauer? Oder sind wir nicht seit Jahrzehnten nur geschickte Trittbrettfahrer einer ausgelagerten Sicherheitsarchitektur?

Sichere Handelswege

Nach aktuellen Erhebungen befuhren Ende November 2018 rund 2360 Handelsschiffe deutscher Reedereien die Weltmeere. Ganzjährig durchkreuzen sie den Atlantik, den Indischen Ozean oder die Meerengen von Gibraltar, Hormus, Malakka und Suez. Zeitgleich durchpflügen Hunderttausende von deutschen Touristen die globalen Reiserouten in prall gefüllten Ferienfliegern und hoch aufragenden Kreuzfahrtschiffen. Die Reiseziele können gar nicht exotisch genug sein und kaum ein Platz auf dieser Welt auf dem nicht längst deutsche Werkzeugmaschinen rattern oder deutsche Premium-Vehikel die Straßen bevölkern.

Dass der Welthandel zu unseren Gunsten brummt und der weltweite Tourismus uns immer neue Destinationen offeriert – daran haben wir uns längst gewöhnt. Niemand fragt mehr danach, wer eigentlich die Freiheit der Meere garantiert. Niemand kann sich vorstellen, dass mal ein Flieger Verspätung hat, weil auf der Flugroute Luftpiraten auf ihre Beute warten. Und wenn doch mal einer nach Überflug- oder Landerechten, nach Durchfahrts- oder Liegerechten fragt, werden internationale See- oder Luftrechtskonventionen bemüht, auf die man sich im Zweifelsfalle ja berufen könne. Auf die Idee, dass es Garantiemächte braucht, die Völkerrecht effektiv durchsetzen und Weltverkehr auch dort garantieren, wo eigentlich das Faustrecht herrscht, kommt nur noch selten jemand.

Sicherheitsgarantien und multilaterale Illusionen

Weil es so gut in unsere Sicht auf die Welt passt, reden wir uns in solchen Konfliktfragen fast immer auf die Vereinten Nationen oder besser noch auf den omnipotenten “Multilateralismus” heraus. Und dass, obwohl wir aus Dutzenden von Beispielfällen längst wissen, dass am New Yorker East-River keine handlungsfähige “Weltregierung” sitzt. Und dass, obwohl wir eigentlich längst gemerkt haben müssten, dass es mit der weltpolitischen Bindungswirkung von UN-Konventionen nicht weit her ist. Wider besseres Wissen klammern wir uns an schöne Bilder von “G20-Konferenzen”, unterzeichnen im Verbund mit unzähligen, dubiosen Potentaten UN-Pakte oder laben uns an der vermeintlichen “Weltmarke Merkel”, die immer dann herbei gerufen wird, wenns mal richtig brennt.

Die Kunst der Illusion

Kein Illusionskünstler, kein Magier mit Zylinder und Zauberstab hätte aktuell genug Phantasie um das vorherrschende Bild von “Internationaler Sicherheit” in weiten Teilen unserer Leitmedien und in wesentlichen Zirkeln unserer Politik angemessen zu beschreiben. Wir bestehen auf weltweitem Freihandel, tun aber so gut wie nichts um die seit 2001 (!) laufende WTO-Runde zur Handelsliberalisierung voran zu bringen. Wir fordern Sicherheitsgarantien für Syrien und den Nahen Osten, beschränken unser militärisches Engagement aber auf die Entsendung von sechs (!) Aufklärungsflugzeugen. Wir fordern sichere Fahrt durch die Meerengen der südlichen Hemisphäre, lassen aber Fregatten und damit potentielle Begleitschiffe zu Wasser ohne vorher für die Ausbildung der Besatzungen zu sorgen.

Auch noch Ansprüche stellen, wie?

Diese Unehrlichkeit gegen uns selbst wäre ja möglicherweise noch verkraftbar, wenn wir zusätzlich nicht auch noch denjenigen, der unsere sicherheitspolitischen Wünsche seit Jahrzehnten erfüllt, mit Füßen treten würden.  Dass wir Deutschen ein ambivalentes Verhältnis zu unseren Verbündeten in Übersee pflegen, liegt auf der Hand. Insbesondere der Anti-Amerikanismus von links hat in Nachkriegsdeutschland eine lange Tradition und das “Ami go home” der 68er Jahre hallt bis heute nach. Hinzu kommt die Tatsache, dass momentan ein Präsident im Weißen Haus sitzt, der komplett quer zu unserer Weltsicht steht und noch weniger als seine Vorgänger bereit scheint, für Länder wie Deutschland “Weltpolizei” zu spielen.

“Jetzt will sich der Kerl doch glatt aus Syrien und Afghanistan zurückziehen und den Russen bzw. den Taliban das Feld überlassen! Ungeheuerlich, was der sich einbildet! Klar, 2.200 gefallene GIs in Afghanistan seit 2001 sind ne Menge und rd. 100 Mrd. Dollar Kosten jährlich für den Kampf gegen den islamistischen Terrorismus am Hindukusch sind nicht ohne. Aber wenn der Typ im Oval Office jetzt meint, wir könnten da mehr machen oder uns gar in echte Kampfeinsätze verwickeln lassen, dann hat er sich gründlich getäuscht.” – so oder so ähnlich laufen momentan die Argumentationsketten in fast allen deutschen Leitmedien. “Klar, die USA hatten entscheidenden Anteil am Sieg über den Nationalsozialismus. Sie haben uns im Kalten Krieg “den Russen” vom Leib gehalten und sorgen heute als maritime Supermacht dafür, dass wir ungestört unsere Exportüberschüsse steigern können. Aber Ansprüche auf “burden sharing” stellen oder gar Anerkennung via Gegenleistung einfordern, das geht definitiv zu weit!”

Sicherheit ohne Widerlager

Um Mißverständnissen vorzubeugen: Selbstverständlich haben auch die US-Amerikaner von ihrem Weltmacht- und damit auch Weltpolizeistatus profitiert. Mit dem Eingreifen in die beiden Weltkriege 1917 und 1941 und  mit dem Triumph im Kalten Krieg 1989/91 haben die Vereinigten Staaten auch für sich Einflußzonen erobert und Absatzmärkte gesichert. Es wäre jedoch fatal zu glauben, dass die USA nach dem “Sieg des Westens” und nach der weltweiten Durchsetzung marktwirtschaftlicher Ordnungsmodelle auch weiterhin bereit sein könnten im globalen Maßstab den Sheriff zu spielen und alle Bösewichter abzuräumen.  Unabhängig von der politischen Couleur werden US-Präsidenten in Zukunft massiv eine gerechtere Lastenteilung und mehr Engagement vor allem von uns Europäern einfordern.

Ende der Kulissenschieberei

Die bewährte Übung, immer dann das St.-Florians-Prinzip zu wählen, wenns knallt oder sich hinter Blauhelmen oder historischen Altlasten zu verstecken, wenns mal wieder richtig brennt, bringt uns nicht mehr weiter. Die “Ikone des Westens”* ist eine gefährliche Schimäre ohne wirkliche Substanz. Herbeigeschrieben von Edelfedern wie Claas Relotius, die längst weg sind, wenn die Konsequenzen ihrer Märchen sichtbar werden. Deutschland wird zwar nicht am Hindukusch verteidigt, aber wenn wir weiter ernst genommen werden wollen, müssen wir aufhören, Luftschlösser zu bauen. Die Amis haben uns oft genug gewarnt! Gott schütze uns, wenn sie doch mal Ernst machen sollten.

* Ein besonders frappierendes Beispiel für diese Form der fast schon peinlichen Illusionskunst ist die oben bereits verlinkte Kolumne von Stefan Kuzmany im SPIEGEL vom 3.12.2018 unter dem Titel “Weltmarke Merkel”. Hier nur eine Kostprobe: “Es ist selbstverständlich vollkommen ausgeschlossen, dass Angela Merkel sich aus der Weltpolitik zurückzieht, nachdem ihr das deutsche Kanzleramt abgenommen worden ist. Sie wird dringend gebraucht. Irgendwer muss doch diesen Laden zusammenhalten, der sich Weltgemeinschaft nennt. Wenn die Menschheit demnächst Kontakt mit Außerirdischen aufnimmt, wer soll denn mit denen vernünftig reden, wenn nicht sie?