Doppelmoral

Ertappt!, hallt es durch den Social-Network-Äther: 50 km Ultrakurzstrecke mit dem Privatjet, statt ressourcenschonend über Land mit Bahn oder E-Auto. Über eine Tonne CO2 in nicht ganz 20 Minuten in die Höhenluft geblasen und wenige Tage zuvor noch vollmundig grüne Weltverbesserung gepredigt.* – Natürlich wissen wir seit langem, wie sehr Ursula von der Leyen den großen Auftritt liebt und hätten uns das Erstaunen über rd. 50 ähnliche Kurzstreckenflüge seit Beginn ihrer Amtszeit als EU-Kommissionspräsidentin eigentlich auch sparen können. Wenn da nicht dieses ungute Gefühl wäre, auf der großen Klimabühne immer wieder Zeuge einer bedenklichen Doppelmoral zu werden.

Braucht der “Klima-Präsident” aus dem fernen Amerika in seinem schottischen Klima-Konferenz-Tross neben seiner gepanzerten Limousine wirklich eine Armada von weiteren 85 Begleitfahrzeugen? Oder muss Joe Biden mit seinem gesamten Tross täglich von Edinburgh nach Glasgow chauffiert werden, damit er anschließend im Kongreßsaal beim “Power Napping” gefilmt werden kann? Und Hand aufs Herz: Was ist von einer Konferenz zu halten, die als großer “Meilenstein der Klimarettung” apostrophiert wird,  deren Teilnehmer:innen aber aus allen Himmelsrichtungen mit mehr als 400 Privatjets anreisen? Kann man das noch ernst nehmen?

Tu quoque**

Moral, das wissen wir im Grunde von Kindesbeinen an, ist ein hohes, wenn auch ambivalentes Gut. Die große Schwierigkeit bei der Anwendung moralischer Handlungsprinzipien ist zuvorderst die Aufrechterhaltung des Gleichklangs zwischen privater und öffentlicher Moral. Zugespitzt geht es dabei um eine ganze Reihe von grundlegenden Handlungsmaximen, die uns fast allesamt an die Grenze des menschlichen Leistungsvermögens führen.

Beispielhaft sei hier nur das Kantsche Diktum von der strikten Ausrichtung des persönlichen Handelns an den Leitprinzipien einer allgemeinen Gesetzgebung erwähnt (“Kategorischer Imperativ”). Die inneren Kämpfe, die es auf solchen moralischen Pfaden auszufechten gilt, sind Legion und bringen selbst integerste Persönlichkeiten an den Rand des Machbaren.

Zweierlei Maß

Die zweite Schwierigkeit liegt darin, dass Menschen je nach Herkunft, Geschlecht, Alter und sozialem Umfeld dazu neigen, gleiches Verhalten unterschiedlich zu bewerten, obwohl es dafür keine sachlich nachvollziehbaren Gründe gibt. Im allgemeinen Sprachgebrauch hat sich dafür die Wendung von der “Doppelmoral” etabliert, bei der es stets um das Urteilen “nach zweierlei Maß” und sehr häufig auch um die unterschiedliche Beurteilung des eigenen Verhaltens und des Fremdverhaltens bzw. des dem Anderen gegenüber eingeforderten Verhaltens geht.

Bei von der Leyens “Jet-Gate” handelt es sich offensichtlich genau um diese Form von Doppelmoral. Während sie einerseits quasi täglich allen normalsterblichen “Klimasündern” ex- oder implizit den überzogenen “CO2-Verbrauch” vorwirft, fühlt sie sich und ihre vielköpfige Entourage anscheinend in keiner Weise an diese “moralische Verpflichtung” gebunden.

Frei nach dem altrömischen Motto “Quot licet jovi, non licet bovi”*** hinterlässt sie als passionierte Jet-Hopperin riesige ökologische Fußabdrücke, erklärt aber den Menschen an ihren jeweiligen Ankunftsorten mit hoch erhobenen Zeigefinger stets laut und vernehmlich die Unredlichkeit ihres klimasünderischen Tuns.

Systemimmanente Doppelmoral

Nun wäre es billig, wollte man allein die “rasante Uschi” für dieses Dilemma verantwortlich machen. Wie oben angedeutet, stürzt die Hypermoralisierung des Klimadiskurses die überwiegende Mehrheit der Klimapolitiker und ihrer aktivistischen Begleiter in diese merkwürdige Doppelmoral-Falle.

In einer modernen, von hoher Mobilität und Luxuskonsum geprägten Welt steht das moralisch motivierte Zelebrieren von Knappheit vor schier unauflösbaren Widersprüchen. Die riesigen (Plastik-)Abfallberge nach einschlägigen Szene-Demos , die pseudomoralischen Attacken von grünen Vielfliegern auf touristische Billigflieger und die “grünen” Nachhaltigkeitsappelle an die heimische Landwirtschaft nach dem Verzehr von fair gehandelten Flug-Papayas gehören ebenso in diesen Kontext, wie die oft schwer erträgliche Radikal-Rhetorik reicher Wohlstands-Kids angesichts wachsender sozialer Verwerfungen an der Klimafront.

Selektive Nachhaltigkeit

Glaubwürdigkeit zurück erlangen, könnte die stetig wachsende Klima-Blase, wenn sie ihre hohen moralischen Ansprüche an “nachhaltiges Wirtschaften” auch dort anlegen würde, wo es mindestens genauso um die Zukunft der jüngeren Generation geht.

Gemeint ist hier vor allem die Geldpolitik, die sich in den zurückliegenden Jahrzehnten, spätestens aber seit der großen Finanzkrise 2007/08, fast vollständig von jedweder Nachhaltigkeit verabschiedet hat. Künstlich zementierte Null- und Negativzinsen stehen mindestens genauso für drastische Verschwendung wie der unkontrollierte Raubbau an natürlichen Ressourcen. Ins Gigantische aufgeblähte Geldmengen wirken wie riesige Mengen an Billig-Food aus der Tüte und sind mindestens genauso gesundheitsschädlich wie soja-gepemperte Schweinefleischberge aus der Büchsenfleischfabrik.

Klima- und andere Schulden

Was für die Geldpolitik gilt, gilt um so mehr in der Fiskal- und Haushaltspolitik. Auch hier scheint die grüne “Weltrettung” an den Toren der Staatskassen abzuprallen. Kaum einer der führenden Klima-Protagonisten scheint sich ernsthaft Gedanken über die wachsende Ressourcenverschwendung im Bereich der öffentlichen Finanzen zu machen.

Die kreditfinanzierten Mega-Programme des US-amerikanischen Präsidenten dürften den Schuldenberg von Uncle Sam deutlich weiter anschwellen lassen. Schon jetzt stehen die Vereinigten Staaten von Amerika mit 28,5 Billionen US-Dollar bei den Banken in der Kreide.  Rd. 5 Billionen mehr als vor der Pandemie. In EU-Europa reißt mittlerweile mehr als die Hälfte der Mitgliedsstaaten die ursprünglich einmal in Maastricht vereinbarte Schuldengrenze von 60% des BIP. Länder wie Griechenland (210%) und Italien (160%) haben sich im Rahmen des großen Levitationsprojekts längst an den äußeren Rand des Schuldenorbits katapultiert.****

Nachhaltigkeitsschwindel

Wenn also Ursula von der Leyen Nachhaltigkeit predigt oder ihr schmuckes, ebenfalls überwiegend Schuldenfinanziertes  “NextGenerationEU”-Programm propagiert, dann scheinen ihr auch hier die eklatanten Zielkonflikte keine größeren Gewissensbisse zu bereiten. Wer nach dem Motto “Verschulden fürs Klima” operiert und “Sustainability” nur durch die grüne Brille betrachtet, betreibt – ob er es wahrhaben will oder nicht – ausgewachsenen “Nachhaltigkeitsschwindel”.

Leider, und das hat nicht zuletzt mit einer sehr selektiven Sicht der Medien auf die erwähnten Doppelmoral-Phänomene zu tun, werden diese beschriebenen Widersprüche für die breite Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger nicht wirklich transparent. Die moralische Aufladung der Klimathematik und vor allem das ausgeprägte Panikpotential der Berichterstattung lassen andere Politikfelder hinter einer Flut von Weltuntergangsprophetien verschwinden. Selbst die bedenkliche Doppelmoral führender Protagonisten der Klimabewegung lassen nur selten Zweifel an der Glaubwürdigkeit der vorgebrachten Narrative aufkommen.

Entrüstet Euch

Eklatante Widersprüche zwischen moralischem Anspruch und tatsächlichem Tun lassen sich auf mittlere und längere Sicht nur einigermaßen beheben, wenn es gelingt, das Thema, um das es geht, zu erden bzw. aus den sauerstoffarmen Sphären der Hypermoral zu befreien.

Die Selbstbeförderung der EU zum weltweiten “Klima-Musterknaben” bricht sich bereits an den inner-europäischen Gegensätzen. Länder wie Polen, Ungarn und Slowenien mucken längst gegen die fürsorgliche klimapolitische Bevormundung der EU-Kommission auf und weigern sich schon aus Gründen der Selbsterhaltung den scharfen CO2-Sparkurs der EU mitzugehen. Ob am Ende Fördermittelkürzungen oder andere Sanktionen wirklich geeignet sind, die EU auf eine Stimme zu trimmen, ist angesichts der Heterogenität der Ausgangslagen in den einzelnen Mitgliedsländern mehr als fraglich.

Ohne China gehts nicht!

Mehr Realismus erzwingt auch die demonstrative Absage der Präsidenten Chinas und Rußlands auf die Einladung zur Klimakonferenz nach Glasgow. Was nützt es den Musterknaben zu markieren, wenn der weltweit größte C02-Emittent einfach weiter munter Kohlekraftwerke baut.***** Und was nützt es, sich von Putins Rußland zu distanzieren, sich gleichzeitig aber immer abhängiger von seinen Erdgas-Lieferungen zu machen.

Die Forderung namhafter “Klimaforscher”, EU-Europa solle auch dann seine einsame Maximalstrategie weiter verfolgen, wenn der Rest der Welt in wesentlichen Bereichen außen vor bleibt, ignoriert die Wirklichkeit einer vernetzten Welt und treibt den alten Kontinent am Ende in eine gefährliche Schieflage.

Befreien wir die öffentlichen Diskurse von ihrer moralisierenden Schlagseite und bieten wir damit der Doppelmoral und dem Illusionismus der Sonderwege weniger Angriffsfläche. Dann verlieren auch von der Leyens Ultrakurzstreckenflüge ihren moralischen “Schrecken” und werden zu ganz banalen Auswüchsen einer selbstzentrierten Bürokratie im Brüsseler Berlaymont.

* EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen hatte sich Anfang November mit ihrem privaten Dienst-Jet von Wien nach Bratislawa chauffieren lassen. Die Distanz zwischen den beiden Hauptstädten beträgt gerade einmal 50km. Der 19-minütige Ultrakurzstreckenflug wurde vom Umfeld der Präsidentin schließlich damit begründet, dass es der europäischen “Regierungschefin” in Zeiten von Corona nicht zuzumuten sei, Bahn zu fahren.

** Die Wendung “Tu quoque” (“Auch du..!) stammt aus dem Pflichtenheft der antiken Rhetorik und kam dort zum Einsatz, wo es darum ging, die Argumente des Gesprächspartners durch das “Zurückwerfen” des gleichen Arguments zu entkräften. In unserem Kontext ließe sich in Zukunft eigentlich jedes allgemeine CO2-Einspar-Argument von Ursula von der Leyen mit eben dieser Wendung kontern.

*** Die etwas derbe Wendung “Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen (schon mal gar) nicht erlaubt” stammt ebenfalls aus antiken Quellen und steht ganz generell für Auswüchse im Privilegien-System politischer Herrschaft. Bis zur Industriellen Revolution und bis zur historisch einmaligen Generierung von Massenwohlstand auf der Grundlage der Ausbeutung unterirdischer Wälder war Luxuskonsum stets das Privileg von kleinen Minderheiten. Sie konnten “verschwenden”, weil sie es sich leisten konnten. Dem großen Rest fehlte schlichtweg die Kaufkraft.

**** Die EU-Kommission arbeitet aktiv an der weiteren Verwässerung der Verschuldungskriterien der Europäischen Union. Obwohl die in Maastricht Anfang der 90er Jahre festgeschriebenen Grenzen für die Neuverschuldung (3 % des BIP) und für die Gesamtverschuldung (60% des BIP) mittlerweile ohnehin massiv durchlöchert wurden, waren sie zumindest bislang eine gewisse Sicherungslinie gegenüber allzu großen Begehrlichkeiten insbesondere der südeuropäischen Haushälter. Diese Haltelinie droht nun zu fallen.

***** China war laut dem Klimabericht des Global Carbon Project im Jahre 2020 für rd. 31 % der weltweiten CO2-Emissionen verantworlich.