Elephants in the room

Eigentlich müssten wir dem alten Fjodor Dostojewski dankbar sein für diese geniale Metapher. Sie wäre mit Sicherheit in Vergessenheit geraten, wenn der begnadete Literat sie nicht in seinen “Dämonen” (1879) – einer Kurzgeschichte von Ivan Krylow folgend – zum großen Überlieferungsschatz der Weltliteratur hinzugefügt hätte: Die Geschichte vom „Wissbegierigen“, der durch ein Naturkundemuseum streift und statt des riesigen Elefanten mitten im Raum nur die Miniaturen in den Glasvitrinen wahrnimmt.

Dass sich die Dankbarkeit für diese Entdeckung in Grenzen hält, hat weniger mit der Nationalität des großen Schriftstellers zu tun. Und das obwohl wir aktuell unter dem Eindruck des Ukraine-Krieges mit Macht dabei sind, zu allem “Russischen” auf Distanz zu gehen und bisweilen sogar unbeteiligte Künstler, Sportler und Wissenschaftler russischer Provenienz in eine Art Kollektivhaftung nehmen. Noch sind kriegsbedingte Denkmalstürze von historischen Persönlichkeiten dieser Größenordnung tabu.

Angst vor der Erkenntnis

Der Hauptgrund für die zeitgenössische Abwehrhaltung gegen die Metapher dürfte wesentlich mit ihrer zeitanalytischen Wucht zusammen hängen. Zu bedrohlich scheint ihre spektakuläre Wirkungsmacht als Vehikel zur Aufdeckung von Selbstbetrug und Selbsttäuschung.

Deshalb soll das Folgende als eine Art Plädoyer für die Reanimation der Elefanten-Metapher gelesen werden. Das heißt, wer die vielen blinden Flecken im großen Politikbetrieb der Gegenwart beschreiben will, kommt an dieser alten Dickhäuter-Parabel nicht vorbei.

Und weil die Elefantenherde so vielköpfig ist, picken wir uns an dieser Stelle nur die größten Exemplare heraus. Die mit dem größten Gewicht und die mit dem größten Zerstörungspotenzial in den empfindlichen Porzellanläden von Politik, Ökonomie und Gesellschaft.

Energiekrise

Wohl am rasantesten wächst momentan der Elefant namens “Energiekrise” vor uns in die Höhe. Ein Land mit gut 80 Millionen Einwohnern, einer mächtigen Exportindustrie und einer komplexen Infrastruktur ist mit Riesenschritten dabei sich buchstäblich den Saft abzudrehen. Raus aus der Kernenergie, raus aus der Kohleverstromung und nun auch noch raus aus dem Gas. Putin bestrafen!, heißt die Devise. Ihn mit Sanktionen in die Knie zwingen.

Welche Folgen das Abdrehen des Gashahns nicht nur für die Wärmeversorgung der Privathaushalte, sondern insgesamt für die deutsche Volkswirtschaft haben wird, geht momentan noch weitgehend in vagen Beschwörungsformeln unter: “Weniger duschen”, “Weniger Fleisch, mehr Gemüse”, “Dicke Jacken, lange Unterhosen” – so hallt es durch den Medienäther.

Verstellter Blick

Das Fatale ist, dass das perspektivlose “Zieht Euch warm an” der deutschen Energiepolitik momentan noch so vielen Medienvertretern und auch so vielen Bürgern als Antwort auf die unmittelbar vor uns liegende Mega-Energiekrise auszureichen scheint. Der Bürger schraubt an Thermostaten, reaktiviert alte Holzöfen, hortet Brennholz und schaltet abends früher das Licht aus, verkennt aber nach wie vor das ganze Ausmaß des Problems, übersieht neben akuten Warnsignalen weiterhin den in dicken Lettern auf der grauen Flanke des Dickhäuters eintätowierten Alarmruf.

Das langsame Aufwachen der Medien wird erschwert durch das mittlerweile seit Jahren eingeübte Rollenverständnis der vierten Gewalt. Nur nicht all zu sehr anecken. Eher flankieren, als kritisieren. Und eher belehren und therapieren, als ausgewogen analysieren und informieren. Die Neigung, das zu sagen, was die Politik nicht sagt und den offenen Widerspruch auch dort zu wagen, wo es weh tut, scheitert immer wieder an den mittlerweile chronisch gewordenen journalistischen Ladehemmungen.

Easy Money Policy

Ein weiteres Beispiel für diese Form der Kurzsichtigkeit heißt Billiggeldpolitik. Der Koloss, prall gefüllt mit Easy Money, türmt sich seit Jahren vor uns auf. Nur wahrnehmen, wollen wir ihn nicht. Die Notenpresse in den Kellern des EZB-Towers ratterte über Jahre hinweg Tag und Nacht. Die Spekulationsblasen an den Börsen und an den Immobilienmärkten erreichten schwindelnde Ausmaße. Und was taten wir?: Wir schauten “Börse vor Acht” in der ARD und verfolgten DAX, Dow Jones und Nasdaq-Index auf ihren rasanten Rekordfahrten. Nun ist sie da: die Mega-Inflation auch bei den Verbrauchsgütern.

Doch selbst Inflationsraten von 8 % und mehr öffnen uns anscheinend nicht die Augen für die Wirklichkeit. Wieder braucht es ein Ventil. Einen Schuldigen. Einen der uns die Suppe eingebrockt hat. Putin ist schuld! Der Kreml macht den Sprit teurer. Den riesenhaften grauen Koloss aus dem Euro-Drucker will immer noch kaum jemand wirklich wahrnehmen.

Waidwunder Elefant auf Abruf

Ganz und gar paradox hat sich unsere Einstellung zur Verteidigungsfähigkeit beziehungsweise zur Verteidigungswürdigkeit unseres Landes entwickelt. Hier von einem rund 30 Jahre alten blinden Fleck zu sprechen, dürfte nicht übertrieben sein.

Statt Verteidigung als permanente Pflichtaufgabe eines souveränen Staates ernst zu nehmen, haben wir die Bundeswehr innerhalb von drei Jahrzehnten fast bis zur Unkenntlichkeit abgerüstet. So gut wie niemand wollte mehr etwas mit dem Thema “Militär” zu tun haben. Als schmuddelig und ewig gestrig galten die wenigen verbliebenen Verteidiger der militärischen Abschreckung (“Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen”). Kaum jemand aus der Oberstadt wollte mit den Schmuddelkindern aus der Unterstadt noch etwas zu tun.

Russischer Kriegselefant

Selbst als der russische Kriegselefant namens “Putin”, der spätestens seit 2014 bereits dick und breit im Raum stand, auch für uns Kurzsichtige in Erscheinung trat, wurde unsere Fähigkeit uns selbst zu verteidigen weiter reduziert.

Erst als der Koloss vor rund vier Monaten in voller Größe vor uns stand, begann das laute Wehklagen. Die tönernen Füße auf denen unsere heimische “Streitmacht” steht, sind immer noch tönern. Unser ins Wanken geratene Selbstbehauptungswille ist immer noch insuffizient. Trotzdem haben wir begonnen schwere Waffen zu verschenken und trotzdem reden viele von uns momentan so, als seien deutsche Panzer in der Ukraine wieder auf dem Vormarsch.

Gründe für die Selbsttäuschung

Unweigerlich drängt sich an dieser Stelle die Frage auf, wie entstehen eigentlich solche blinden Flecken bzw. was motiviert uns – trotz wachsender Zweifel – an der hartnäckigen Selbsttäuschung fest zu halten? Auch hier der Versuch die drängenden Fragen mit Hilfe konkreter Fallbeispiele zu beantworten:

Es kann nicht sein, was nicht sein darf!

Unter diesem Motto trübte sich unser Blick z.B. auf das Brexit – Phänomen seit 2016 Jahr für Jahr immer stärker ein. Die Briten, so unsere felsenfeste Überzeugung, haben mit dem EU-Austritt einen riesigen Fehler begangen. Die britische Volkswirtschaft wird ins Bodenlose stürzen. Die Unternehmen und ihre hochqualifizierten Mitarbeiter werden Großbritannien in Scharen verlassen. Das Pfund wird zur Weichwährung und die Brexit-Jünger werden ihrer gerechten Strafe nicht entgehen.

So gut wie nichts von dem ist eingetreten. Die britische Volkswirtschaft hat den Corona-Schock deutlich schneller überwunden als die deutsche. Die politischen Verhältnisse sind vergleichsweise stabil. Der als “Hauptschuldiger” identifizierte Premierminister Johnson ist trotz Party-Gate immer noch im Amt. Es gab keinen Exodus britischer Firmen bzw. Fachkräfte in Richtung Kontinentaleuropa und das Pfund wertet gegenüber dem Euro tendenziell sogar auf. 1

Übersehen bei all der polit-medialen Fixierung auf Johnson & Co. haben wir die eigenen, hausgemachten Probleme. Das Demokratiedefizit der EU, die “Schuldenunion”, die ungelöste Migrationsfrage und den bürokratischen Zentralismus der EU-Behörden. Der in vielerlei Hinsicht moribunde EU-Elefant steht seit Jahren gut sichtbar vor den Toren des Berlaymont. Nur sehen wollen wir nicht. Lieber rätseln wir darüber, ob öffentliche Kritik an der Europäischen Union überhaupt zulässig ist oder ob das ständige Hinterfragen nicht Wasser auf die Mühlen der “Europafeinde” leitet.

Realitäten, die dem Ideal widersprechen, werden ignoriert

Seit einigen Jahren pflegen wir mit Vehemenz das Ideal der Einwanderergesellschaft. Deutschland ist offen und bunt. Grenzen sind von Übel und sowieso nicht zu schützen. Außerdem müssen wir schon aus humanitären Gründen bereit sein auch diejenigen bei uns dauerhaft aufzunehmen, deren Bleiberecht rechtlich ungeklärt ist.

Spätestens seit 2015 wissen wir um die Schattenseiten unbegrenzter Immigration. Doch auch in diesem Fall setzt sich immer wieder die Formel vom “Es kann nicht sein, was nicht sein darf!” durch. Das geht bis hin zur Semantik, bis hinein in die letzten Verästelungen der medialen Berichterstattung. Kaum jemand möchte sich dabei ertappen lassen, offensichtliches auszusprechen.

Mit der Folge, dass zum Beispiel die Berichterstattung über das Clan-Unwesen in Berlin und im Ruhrgebiet immer noch unter Rechtfertigungsdruck steht und dass der Elefant namens “Parallelgesellschaft” in vielen Teilen unseres Landes weiterhin ziemlich unbeschwert durch die Straßen und mittlerweile sogar durch die Freibäder trottet. Komplett unübersehbar, weil laut und provozierend im Anspruch auf Inbesitznahme, aber weiterhin schemenhaft, weil politisch heikel und natürlich wider das Ideal.

Klima als letztes Menschheitsproblem

Richtig dick und breit, steht aktuell der CO2-Elefant im Raum. Vielleicht der einzige Dickhäuter, dessen Dimension und dessen Konturen uns unsere Medien immer wieder Tag und Nacht vor Augen führen. Insofern scheint er auch irgendwie nicht in unseren Kontext zu passen. Das Besondere an unseren Elefanten ist ja, dass sie ungesehen bleiben oder nötigenfalls versteckt werden. Von einen versteckten Problem kann hier nun wahrhaftig nicht die Rede sein.

Dennoch, es gibt ihn auch hier, den riesigen Dickhäuter, den kaum jemand so recht im Visier hat. Der zwar laut poltert und in einem uns überwiegend unverständlichen Idiom vor sich hintrötet, aber aus guten Gründen entweder nicht gesehen wird oder nicht gesehen werden darf.

Chinesischer Arbeitselefant

Gemeint ist der riesige chinesische Arbeitselefant, der wie ein vorgeschichtlicher Leviathan, bestehend aus über 1,3 Milliarden Einzelwesen, innerhalb von rund einem halben Jahrhundert zu dem CO2-speienden Ungeheuer schlechthin geworden ist. Gingen 1970 noch rund 0,9 Mrd. t. CO2 auf Kosten der chinesischen Volkswirtschaft, waren es 2021 bereits 11,9 Mrd. t. Mehr als die USA, Indien, Russland und Deutschland zusammen.

Wie problematisch seine Existenz für jede Form von “Klimarettung” ist, wird erst wirklich deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass buchstäblich so gut wie alles, was wir an CO2 in Deutschland oder Europa einsparen über preisgesteuerte Markttransaktionen früher oder später durch chinesische Schornsteine in die Luft geblasen wird.

CO2-Verlagerung in den Fernen Osten

Das heißt, auch wenn Deutschland mit seinen aktuell knapp 0,7 Mrd t CO2-Emissionen seine komplette Automobilindustrie elektrifiziert, die gesamten Heizsysteme auf Wärmepumpen umstellt und am Ende nur noch Gemüse, Obst und Fleischersatz konsumiert, verursacht das im globalen Maßstab und in Relation zur klimaverändernden Emissionslast der Chinesen entweder keinen oder nur einen marginalen Rest-Effekt.2

Wenn nicht alles täuscht, wird es in den nächsten Jahren vor allem darum gehen den han-chinesisch sprechenden CO2–Elefanten vor uns zu verbergen. Fest steht schon jetzt, dass er – ob wir es sehen (wollen) oder nicht – jedes Gramm CO2, das wir unter Inkaufnahme erheblicher Wohlstandseinbußen einsparen, in den nächsten Jahren doppelt und dreifach im Fernen Osten emittieren wird. Nicht allein um sich selbst zu füttern, sondern vor allem um den riesigen Bedarf an E-Auto-Batterien, Solarpanelen und Windrädern in Deutschland und Europa zu befriedigen.3

Traum versus Wirklichkeit

Am Ende schaut der Wissbegierige verträumt in die Glasvitrine, kneift die Augen zusammen und zählt eifrig die Gendersternchen und die Doppelpunkte in den wissenschaftlichen Begleittexten. Nur ein paar Meter weiter, von ihm unbeachtet, steht der Koloss mitten im Raum und reckt triumphierend den Rüssel in die Luft.

 

1 Das BIP in Großbritannien wuchs 2021 um 7,5 %. In Deutschland betrug die Wachstumsrate lediglich 2,8 %. Die ausländischen Direktinvestitionen in Deutschland gingen 2021 um rd. 10 % zurück. In Großbritannien gab es einen Zuwachs von 2%. 

2 Wie verzerrt der Blick auf das Thema Elektrifizierung und CO2-Reduktion ist, belegt der jüngste Entscheid des Europäischen Parlaments zur Abschaffung des Verbrennungsmotor bis 2035. Um den Beschluss zu begründen, wurde die CO2-Emission des E-Autos einfach per Federstrich auf Null gesetzt, wohl wissend, dass vor allem bei den chinesischen Batterieherstellern gewaltige Mengen an CO2-Emissionen über Energie aus Kohlekraftwerken anfallen, um die E-Auto-Batterien zu produzieren. Ob man das noch als Selbsttäuschung der Parlamentarier abbuchen kann oder schon als Wähler- und Verbrauchertäuschung abbuchen muss, überlass ich dem werten Leser.

3 Chinesische Batteriehersteller dominieren seit Jahren den Markt für E-Auto-Batterien. Zwischenzeitlich kommen 47 % der entsprechenden Batteriesysteme aus der VR China. Kein einziges der 10 größten Unternehmen der Branche kommt aus Europa. Die in Deutschland verwendeten Solarzellen kommen zu 95% aus China.