Elitendämmerung

Das Jahr 2016 war – wer will es bestreiten – ein Jahr des Umbruchs! Brexit-Votum, Trump-Schock, eine immer dichter werdende Kette von Terroranschlägen und ganz viel allgemeine Verunsicherung, ablesbar an kurzwelligen Erregungszyklen und aufgeregten Krisen-Debatten über Europa, das transatlantische Verhältnis und die alt-neue Gefahr aus dem Osten. – Wie immer in Zeiten des Umbruchs sind vor allem diejenigen gefragt, die auch sonst den Ton angeben: die Eliten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. Nur sie scheinen auf Grund von Macht, Einfluß und Bildung in der Lage Orientierung zu geben, wo sich Orientierungslosigkeit breit macht und Leitplanken zu setzen, wo die Ränder anfangen die Mitte aufzufressen. – Doch wo sind sie die Eliten? Was tun sie um dem wankelmütig gewordenen Wahlvolk den notwendigen Halt zurück zu geben? Oder konkreter noch: Wie reagieren die Eliten auf die großen Niederlagen vom 23. Juni (Brexit) und 8. November (Trump-Wahl)? Welche Gegenmittel haben sie, um mögliche Wiederholungen zu vermeiden?
Wer Antworten auf diese Fragen sucht, muss zunächst klären, welche Ansprüche wir heute Anfang des 21. Jahrhunderts überhaupt noch an unsere “Eliten” stellen können? Gibt es nach rund 250 Jahren Gleichheitspostulat überhaupt noch anerkannte, handlungsfähige Führungsschichten mit unbestrittener Legitimation? – Hier lohnt sich ein
kurzer Blick zurück in die Zeit der Großen Französischen Revolution. Damals Ende des 18. Jahrhunderts kam ein Begriff in die Welt, der für die Konstitution der westlichen Gesellschaften kaum folgenreicher hätte sein können. Die Rede ist nicht vom unbändigen Freiheitspathos (liberté) oder von den großen (nationalen) Solidaritätsbekundungen (fraternité) der Revolutionäre, sondern vom schillernden Begriff der “egalité”.  Zunächst noch verhalten bürgerlich-gemäßigt intoniert, wurde die Forderung nach “Gleichheit” rasch zu dem zentralen Schlachtruf der Revolution. Begleitet vom rasenden Furor der “Guillotine” (Sichel der Gleichheit) mutierte der Aufstand der Bürger zu einer “Gleichheitsrevolution” par excellence. Die Köpfe, die damals in die Körbe fielen, waren deshalb mehr als nur das Resultat schlichter Racheakte für erlittenes Unrecht. Sie symbolisierten auf markante Weise den Eintritt in eine neue Welt und zwar in eine Welt ohne Rangdifferenz.
Nun hat diese Botschaft, die damals von Paris ausging noch einmal viele Generationen benötigt um sich überall, in allen westlichen Gesellschaften, flächendeckend durchzusetzen. Immer im Wettbewerb mit dem Freiheitspostulat musste sich die “egalité” immer wieder gegen das restaurative Roll back vor allem der bürgerlichen Führungsschichten durchsetzen, die über weite Strecken des 19. Jahrhunderts eine Art “Selbstaristokratisierung” betrieben haben. Ihre an Leistung und Bildung orientierte “Talentreligion” (Sloterdijk) blieb noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein Ausdruck eines bürgerlichen Elitebewußtseins, das sich klar und unmissverständlich von den “ungebildeten Schichten” abgrenzte. Flaggschiffe dieser Epoche waren das humanistische Gymnasium als bürgerliche Eliteschule, die Universität als Hort des bürgerlichen Humanismus und das Kaufmannskontor als Residuum des bürgerlichen Unternehmergeistes. All diese Ankerpunkte bürgerlich-liberaler Elitenbildung sind mittlerweile weitgehend verschwunden. Nach der Emeritierung der “Heiligen” im Zuge der Aufklärung und der Außerdienststellung der “Weisen” im Schatten des unbedingten Vorrangs der Demokratie vor der Philosophie war es die radikale Einebnung des alten Bildungsprivilegs durch die Erhebung des Gymnasiums zur “Regelschule” und der Hochschule zur “Massenuniversität”, die den letzten großen Rangdifferenzen den Todesstoß versetzten.

Nun wäre es vermessen und sicher nicht mehrheitsfähig, würde man heute der Rückkehr zu den “alten Zeiten” der Vertikaldifferenz das Wort reden. Sie scheinen angesichts des Zeitgeistes und der Zeitläufe unwiderbringlich verloren und nicht restituierbar. Wie alles auf der Welt hat aber auch der Sieg der Demokratie über die hierarchische Gesellschaft seinen Preis: Nämlich eine immer noch weiter fortschreitende Elitendämmerung, die noch durch den Umstand verstärkt wird, dass wir trotz der politisch gewollten Einebnung der Rangunterschiede immer noch zu hohe Erwartungen an die Eliten stellen, die geradezu zwangsläufig enttäuscht werden müssen. Das Brexit-Votum und die Wahl Donald Trumps sind unter diesem Gesichtspunkt in hohem Maße Ausdruck enttäuschter Erwartungen, lediglich verstärkt durch sog. “Populisten”, die es im vergangenen Jahr bestens verstanden haben, die um sich greifende Elitenverdrossenheit in Wählerstimmen umzumünzen.

Nun stellt sich vor allem im Blick auf die nähere Zukunft die Frage, muss es bei dieser wechselseitigen Enttäuschung zwischen “denen da oben” und “denen da draußen im Lande” bleiben? Haben die Eliten es nicht doch noch in der Hand das Ruder rumzureißen? – Bei so viel Macht und Einfluß und bei so viel Unterstützung durch fast alle traditionellen Medien sollte es doch eigentlich ein Leichtes sein, das in den Keller gerauschte Stimmungsbarometer wieder umzukehren. – Wie schwierig diese Wende trotzdem sein kann, wird bei einem Blick auf das aktuell laufende Weltwirtschaftsforum in Davos deutlich. Unter dem akuten Eindruck der bitteren Erfahrungen des Vorjahres wäre wohl kaum ein “Gipfeltreffen” besser geeignet, Wegmarken für einen neuen Aufbruch und eine mutige Trendumkehr zu setzen. Doch was man den Medienberichten entnehmen kann, sind fast ausschließlich Selbstzweifel. Kaum ein Exponent des rd. 3.000 Personen umfassenden Eliten-Things scheint gewillt, die Fahne in die Hand zu nehmen. “Die Kapitalisten glauben nicht mehr an den Kapitalismus!” oder “Die Wirtschaftsführer vom Systemzweifel erfasst!” oder “Die Menschen trauen den Eliten nicht mehr!” – so nur einige wenige Schlagzeilen aus den letzten Tagen.
Was aus diesen Headlines spricht, ist eine tiefe Verunsicherung, die nicht mehr allein das Publikum zu erfassen scheint, sondern mittlerweile auch diejenigen umtreibt, die eigentlich das Heft in die Hand nehmen müssten. Stattdessen auch hier, wie in weiten Teilen der Politik, die Vereinnahmung eminent politischer Themen durch moralische Kategorien. Auch in weiten Bereichen der Ökonomie gewinnt man den Eindruck einer fortschreitenden Erosion alter Konsensmuster und einer zunehmenden Verdrängung von konkreten Problemlösungsmustern durch statische Gut-Böse-Raster.  So will man, laut Klaus Schwab, dem Forumsgründer und Konferenzdirektor, zwar “zuhören und verantwortlich handeln” und das weltweite Wirtschaften “inklusiver machen”, aber was das konkret heißt und wohin die Reise gehen soll, bleibt auch dem interessierten Betrachter weitgehend verschlossen.

Wenn sich 2016 nicht wiederholen soll, dann ist mehr gefragt als nur das Aufwärmen alter Politik-Rezepte. Denn eigentlich müsste allen Verantwortlichen in den Chefetagen der Unternehmen und in den Führungsriegen der Parteien und Administrationen längst deutlich geworden sein, dass es nicht mehr damit getan ist, politische Diskurse aus der Ferne zu steuern und reale Probleme mit eingeübten Formelkompromissen zuzudecken. Macht und Einfluß haben, heißt Verantwortung übernehmen – und zwar nicht nur für die vielen “Minderheiten” und “Opferkollektive”, sondern endlich auch für diejenigen, die die Mitte unserer Gesellschaft ausmachen und auch in Zukunft in der Lage sein sollen, den Karren zu ziehen, in dem wir alle sitzen.