Empört Euch!

Es ist kaum ein halbes Jahrzehnt her als ein kleines Bändchen unter dem Titel “Indignez-vous!” aus der Feder des inzwischen verstorbenen französischen Publizisten Stéphane Hessel am Buchmarkt für Furore sorgte. Auf gerade mal etwas mehr als 20 Seiten appellierte Hessel in seinem Essay mit großer Vehemenz vor allem an seine jungen Leser sich wo immer nötig “zu empören” und den vielfältigen Gebresten dieser Welt einen lauten, vernehmlichen “Empörungsschrei” entgegen zu stellen. Wenige Jahre später scheint es so, als sei Hessels millionenfach publizierter Appell in fast allen Zeitungs- und Fernsehredaktionen landauf und landab angekommen. Es vergeht kaum ein Tag an dem sich nicht irgendwie, irgendjemand über irgendetwas empört. Im Fokus dabei stehen interessanterweise nicht überwiegend “empörungswürdige” Ereignisse, sondern mittlerweile in viel höherem Maße öffentliche Äußerungen oder Einlassungen von Personen des öffentlichen Interesses.
Was steckt hinter diesen in den letzten Jahren fast tsunamiartig angewachsenen “Empörungswellen”? Was treibt insbesondere soviele Vertreter/innen aus Politik, Medien und Wissenschaft sich in diesen Chor der Empörten einzureihen? – Ein wesentlicher Grund für diese offensichtliche Tendenz scheint mir eine durchgreifende “Moralisierung” von an sich durch und durch politischen Phänomenen zu seien. Gerade auf zentralen gesellschaftspolitischen Feldern oder in Themenbereichen wie Einwanderung/Migration; Europäische Integration oder Gender, erleben wir seit einigen Jahren eine massive Verlagerung der Frontstellungen weg vom politisch-inhaltlichen Diskurs zu reinen Moraldebatten. Es geht vielfach gar nicht mehr um das Problem an sich, sondern um die Festigung einmal getroffener moralischer Wertungen.
Wenn man davon ausgeht, dass die genannten Themenfelder generell konfliktbehaftet sind und einer Lösung im offenen politischen Diskurs bedürfen, dann entsteht im Zuge einer solchermaßen anschwellenden “Empörungswelle” quasi unvermeidlich eine Art Gesprächs- bzw. Problemlösungsblockade. Anders gesagt: Wenn in schwierigen Entscheidungssituationen oder komplexen Konfliktkonstellationen offensichtliche Probleme regelhaft hinter einer hohen Mauer der Moral verschwinden, dann besteht die akute Gefahr, dass Politik Probleme nicht löst, sondern nur noch hinter den ungelösten Problemen hinterher regiert. Das heißt, nicht nur der öffentliche Diskurs verkümmert im Zuge seiner normativen Vereinnahmung, sondern auch die realen Probleme selbst, bleiben unbearbeitet auf einer immer größer werdenden Halde zurück. Wenn das verantwortliche politische Personal auf diesen Feldern der normativen Vereinnahmung dann wider Erwarten trotzdem handelt, dann müssen sich diejenigen die trotzdem handeln quasi unweigerlich mit dem Stigma der Amoralität auseinandersetzen.

Resümierend bleibt festzuhalten – und hier zitiere ich den renommierten Mannheimer Politologen Peter Graf Kielmansegg -, “der Empörungsschrei” ist im Rahmen politischer Zielkonflikte, nur möglich, “weil er es sich im Regelfall erspart, zu Ende zu denken, was zu Ende gedacht werden muss.” Das heißt solange es bei reiner Empörung bleibt und sich diese Empörung “ein gutes Gewissen macht, in dem Sie anderen ein schlechtes macht”, haben wir vielleicht allesamt das gute Gefühl auf der richtigen Seite zu stehen, operieren aber fast immer weit außerhalb der eigentlichen Problemzone.