Falsche Toleranz

Für Gesellschaften, die das Banner der Multikulturalität vor sich hertragen, scheint es kaum etwas wichtigeres zu geben, als die Toleranz. Sie ist als eingeforderter Grundsatz quasi omnipräsent. Fremde Sitten, fremde Gebräuche, fremde Lebensgewohnheiten sind zu tolerieren und als Ausdruck spezifischer kultureller Eigenarten zu akzeptieren. Wer sich hierüber hinwegsetzt, “diskriminiert” oder maßt sich ein unzulässiges Urteil in Unkenntnis fremder Wertvorstellungen an. Wenn gelegentlich dennoch, z.B. das Grundgesetz als Toleranzrahmen erwähnt wird, dann in der Regel nur leise und verhalten. Immer in politischer Hab-Acht-Stellung und wohl wissend, dass eine Staatsverfassung zwar allgemeine (rechtliche) Schranken (!) setzt, aber letztlich doch wohl eher dazu da ist, Freiheitsrechte (!) und damit Bewegungsspielräume zu kodifizieren. – Was hat es also auf sich mit diesem allgemeinen Toleranzpostulat? Müssen wir – allein schon aus dem Diskriminierungsverbot heraus – alles tolerieren? Oder setzt richtig verstandene Toleranz nicht doch stets einen eigenen Standpunkt voraus?

“Toleranz ist schön, wenn sie nicht auf der Abwesenheit des eigenen Standpunkts beruht!” Mit dieser Wendung eröffnete kürzlich Hans Widmer in der Neuen Zürcher Zeitung* einen Artikel über das Spannungsverhältnis zwischen abendländischem Humanismus und kulturellem Relativismus. Ist das Geltenlassen von “ANYTHING” wirklich Toleranz oder – wie Widmer schreibt – nicht eher eine besondere Form von “unbekümmerter Arroganz aus privilegierter Warte”?

Kulturrelativismus

Das hier beschriebene Problem wirkt auf den ersten Blick sehr abstrakt, ist aber für das Verständnis der aktuellen politischen Auseinandersetzungen in der Migrationsfrage geradezu von fundamentaler Bedeutung. Keine Idee der linken “Kulturrevolution” der 60er und 70er Jahre hat nachhaltiger auf das Gedankengebäude der mittlerweile flächendeckend etablierten 68er und ihrer gelehrigen Adepten gewirkt, wie die Idee des Kulturrelativismus. Im Kern geht es hierbei um die Schlüsselthese, dass jegliche Kritik an “den Anderen”, also an fremden Kulturen, Religionen und Lebensweisen, Ausdruck “westlicher Ignoranz” bzw. “weißer Arroganz” ist. Fremdes könne, so die schlagende These, nur an dessen eigenen Werten gemessen werden. Der “kulturfremde” Blick ist per se abwertend und diskriminierend.

Problematische Kulturimporte

Auf den ersten Blick wirkt dieses theoretische Konstrukt wie ein omnipotenter Schutzmechanismus gegen alle Arten von kultureller und sozialer Diskriminierung. Vertretbare und politisch korrekte Kritik kann es per definitionem nur als “Binnen-Kritik” geben. Nur Moslems können die Rechtssprechungs-Praktiken der islamischen Scharia wirklich beurteilen und nur Hindus sind berechtigt, das indische Kastenwesen zu hinterfragen. Was wie ein Minderheitenschutz in höchster Vollendung daher kommt, hat die interkulturellen Beziehungen der Gegenwart zweifellos auf eine völlig neue Grundlage gestellt und den im 19. und 20. Jahrhundert noch überwiegend “kolonialistischen” Blick des Westens auf den Rest der Welt quasi um 180 Grad gedreht. Das fundamentale Problem, das sich dabei auftut, ist die Tatsache, dass hier zwar Minderheiten vor “Bevormundung” von außen abgeschirmt werden, dass aber gleichzeitig auch ein Einfalltor für das kulturrelative Geltenlassen auch von extrem problematischen Elementen fremdkultureller Wertvorstellungen geöffnet wird.

Westliche Errungenschaften

Kaum etwas schätzen die aufgeklärten Teile der westeuropäischen Nachkriegsgenerationen mehr als ihre großen gesellschaftlichen und soziokulturellen Errungenschaften: Konfliktlösung ohne Gewalt, demokratische Willensbildung, Gleichberechtigung der Geschlechter, Umweltbewußtsein, Rechtsfrieden und innere Sicherheit. Trotzdem scheint es mittlerweile beinahe einem Sakrileg gleich zu kommen, wenn ein Kritiker der aktuellen Migrationspraxis darauf hinweist, dass in den zurückliegenden Jahren nicht nur Menschen zu uns kamen, sondern – unter Berücksichtigung der oben genannten “Fortschritte” – auch sehr viel Rückständigkeit importiert wurde.

Angst vor dem Diskrimierungsvorwurf

So führt z.B. die Tatsache, dass in der westlichen Öffentlichkeit immer mehr verschleierte oder zumindest Kopftuch-tragende Frauen auftauchen, kaum zu nennenswerten politischen Reaktionen von offizieller Seite. Obwohl einem die Frauendiskriminierung hier regelrecht ins Auge springt, scheint es politisch inopportun, an dieser Stelle einen klaren, unmißverständlichen Gegenstandpunkt aufzubauen. Des weiteren kontrollieren mittlerweile eine ganze Reihe von arabischen Clans, z.B. in Berlin oder Duisburg, ganze Stadtteile und errichten dort weitgehend unbehelligt eine Art “Paralleljustiz”. Auch diese Problematik scheint nicht gravierend genug, um von einem unmißverständlichen Standpunkt aus, staatliche Gegenwehr auszulösen. Auch auf diesem Feld scheint die Angst vor dem Diskriminierungsvorwurf größer zu sein, als die Sorge um die Folgen einer fortschreitenden Duldung solcher Verhältnisse.

Europäischer Humanismus

Die Liste der falschen Toleranz ließe sich leicht fortführen. Woran es hier und andernorts vor allem mangelt, ist das mittlerweile leider weitgehend erodierte Verständnis für die Allgemeingültigkeit grundlegender Elemente des abendländischen Humanismus. Entgegen aller anderslautenden Behauptungen ist der Humanismus in seiner ursprünglichen Form ein durch und durch europäisches Gewächs. Entstanden im Zeitalter der Renaissance hat er auf seinem opferreichen Weg durch die Geschichte alle wesentlichen Grundlagen für die Fundamentierung der modernen Menschen- und Freiheitsrechte geschaffen. Der moderne Mensch und mit ihm die moderne Anthropologie sind ohne die Grundlagen des europäischen Humanismus nicht vorstellbar. Wie nachhaltig das damit begründete Menschenbild noch heute weltweit ausstrahlt, läßt sich an den offenkundigen “Einbahnstraßen” der weltweiten Migration ablesen. Die beispiellose Attraktivität “des Westens” für Migranten aus aller Welt hat nicht primär ökonomische Hintergründe, sondern wurzelt ganz wesentlich in der erstaunlichen Strahlkraft des westlich-humanistischen Kultur- und Lebensmodells.

Integration statt Duldung

Das Einfordern westlicher Kulturstandards und Rechtsnormen ist deshalb nicht diskriminierend, sondern unbedingte Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration fremdkultureller Zuwanderer. Wer glaubt Toleranz auf der Grundlage kultureller Beliebigkeit organisieren zu können, schafft anbindungsfreie “Parallelgesellschaften”, die sich frei floatierend neben oder sogar in Konfrontation zur “Mehrheitsgesellschaft” entwickeln. Wenn Zweidrittel der wahlberechtigten “Deutschtürken” dem islamisch-fundamentalistisch geprägten Erdogan-Regime ihre Stimme geben, dann ist das zwar ein demokratisches Mehrheitsvotum, aber auch ein deutlicher Beleg für eine weitgehend gescheiterte Migrationspolitik, die jahrelang nicht auf Integration, sondern auf Duldung gesetzt hat. Die nächste Welle falscher Toleranz ohne dezidierten (Gegen-)Standpunkt läuft bedauerlicherweise bereits auf Hochtouren…!

* vgl. NZZ, 17.08.2018. S. 37 (Hans Widmer: “Humanismus heißt die Losung – nicht kulturelle Apartheid”)