Fluchtpunkt des Postfaktischen

Es ist mehr als kurios: Noch vor wenigen Jahren kannte der Jubel über die globale Vernetzung und die menschheits-verbindende Kraft des Internets und seiner diversen Ausformungen keine Grenzen. Parallel zu einer sich vor allem ökonomisch rasant globalisierenden Welt schienen sich auch die Tore der globalen Kommunikation sperrangelweit geöffnet zu haben. Social Networking im globalen Maßstab, Eindampfen räumlicher Barrieren auf Mouseclick-Distanz und geradezu phantastisch anmutende Globalisierungsperspektiven nach dem Motto “die Welt in der Hand jedes Einzelnen”. IPhone, IPad, Smartphone & Co machen´s möglich!
Doch mittlerweile scheint sich dies alles geändert bzw. umgekehrt zu haben. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo irgendwer, meistens auf den Frontseiten der Feuilletons oder auf den Titelseiten einschlägiger Buchpublikationen vor den unabsehbaren Gefahren der neuen Medien warnt. Im Fokus stehen hier vor allem die sog. “Sozialen Netzwerke” wie Facebook und Twitter, die vor kurzem noch auf dem Wellenkamm der digitalen Euphoriewelle dahin surften. Was kürzlich noch als phantastische Innovation gepriesen wurde, wird plötzlich – zum Teil von den gleichen Autoren – als sozial desintegrierendes Teufelszeug gebranntmarkt. Von “Echokammern”, “Filter-Blasen” und narzisstischen “Ausstellungsräumen des Ich” ist plötzlich die Rede. Facebook und Twitter, so die schlimme These, vernetzen und verbinden nicht, sondern trennen und vereinseitigen kommunikative Welten zu reinen “Selbstbespiegelungsanlagen”.

Was ist passiert? Warum recken plötzlich die gleichen Leute, die vor kurzem noch jubelnd am Wegesrand standen, ihren Zeigefinger warnend in die Höhe? Und warum sind die gleichen Mechanismen, die bisher soviel Gutes bewirkt haben, auf einmal böse? – Die Antwort auf diese Frage hat interessanterweise wenig mit dem Medium selbst zu tun. Das Internet ist deutlich grösser, vielfältiger und anwendungsfreundlicher geworden, aber die “Algorithmen”, die die Netzwerke im großen Netzwerk steuern, haben sich – wenn überhaupt – nur marginal verändert. Was sich radikal verändert hat, ist der Stellenwert des Netzes als Medium der politischen Meinungsbildung und der gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Seit dem “Brexit” und seit dem “Trump-Schock” sind die Social Networks aus dem Blickwinkel weiter Teile der Politik und der traditionellen Medien zu klassischen “roten Tüchern” geworden. In den Augen einer wachsenden Zahl von Kommentatoren aus dem politisch-medialen Raum sind die einst so gepriesenen digitalen Netzwerke zu regelrechten Lügen-Generatoren geworden. Politische “Lügen-Barone” und dubiose Autokraten haben sich dem Netz bemächtigt, es massenhaft mit verschwörungstheoretischen Inhalten gefüllt und dabei einen Aus- bzw. Abgrenzungsfuror erzeugt, der die bislang so friedliche und harmonische Welt auf gefährliche Weise spaltet und desintegriert.

Stimmt diese Wahrnehmung? Entspricht diese radikale Kursänderung in der Bewertung digitaler Medien wahrhaftig der Realität? Dass die politische Rechte das Medium Internet und mit ihm die sozialen Netzwerke als politischen Tummelplatz und mehr noch als Transportmedium für ihre Botschaften entdecken würde, stand wohl außer Frage. Angesichts der weitgehenden Durchdringung der traditionellen Medien mit links-liberalem Gedankengut wäre es ja geradezu fahrlässig gewesen, wenn die bis dahin weitgehend ignorierten Teile des politischen Spektrums nicht auf diesen fahrenden Zug aufgesprungen wären. Welche Plattform könnte besser für die Verbreitung politisch nonkonformer Botschaften geeignet sein, als das prinzipiell anarchische Internet, in dem Autoren weder eine Journalistenschule noch ein selektives Auswahlverfahren durchlaufen müssen?
Aber kann das ein Grund sein, um – wie es nun landauf und landab geschieht – eine durchgreifende Kontrolle und nachhaltige Beschränkung der Sozialen Netzwerke einzufordern? Soll künftig – wenn es Facebook & Co. nicht selber tun – eine staatliche Kontrollbehörde darüber entscheiden, ob “Posts” richtig oder falsch sind? Nach welchen Kriterien würde eine solche Auswahl getroffen? Und vor allem: Was wären die Folgen für ein pluralistisches System, das Meinungsfreiheit grundgesetzlich garantiert? Wer im Kontext einer zugegebenermaßen schärfer werdenden politischen Auseinandersetzung nicht den Weg der (Gegen-)Argumentation, sondern einer nur unzureichend bemäntelten Zensur wählt, bewegt sich auf sehr dünnem Eis. Unbestimmte Rechtsbegriffe wie “Verbreitung falscher Nachrichten” können niemals anwendbare Maßstäbe für den Meinungsstreit in einer offenen Gesellschaft sein.

Das Dilemma liegt darin, dass wir im öffentlichen Diskurs immer mehr dazu neigen, auf das Argument zugunsten von moralischen Wertungen zu verzichten. War es in den zurückliegenden Jahren vor allem das Austrocknen ganzer Debattenfelder durch den inflationären Gebrauch politisch korrekter Diskursregeln, scheint es jetzt – nach “Brexit” und “Trump” – der Fluchtpunkt des “Postfaktischen” sein, der uns vor dem offenen Meinungsstreit bzw. vor “falschen Meinungen” schützen soll. Die dabei mitschwingende These ist, dass sich die Welt zwischenzeitlich in zwei Lager gespalten hat – in eine Welt des Faktischen, die tapfer von den alten Medien verteidigt wird und für eine Art höhere Einsicht steht und in eine Welt des Nichtfaktischen, die in den neuen Medien ihr Unwesen treibt und allein unvernünftigen Emotionen folgt. – Wer derart holzschnittartig argumentiert und daran geht politische Positionen nach einem schlichten Wahr-Falsch-Raster zu sortieren, sucht nicht den ehrlichen, ungefilterten Austausch von Argumenten, sondern will ein komplettes Meinungsspektrum systematisch ausgrenzen. Vollends fragwürdig ist die These, dass wir zwischenzeitlich in ein “postfaktisches Zeitalter” eingetreten wären. Haben wir denn etwa in den Zeiten, in denen die “Bild-Zeitung” noch ein Massenblatt war, in einem “faktischen Zeitalter” gelebt? Gab es jemals eine Phase in der jüngeren Geschichte, in der politischer Streit ohne Wertungen, Taktiken und Einstellungen geführt wurde. Das Ausgraben von solchen “Unwörtern” mag uns vielleicht für kurze Zeit vor den Mühen des Argumentierens schützen. Wirklich weiter kommen wir dadurch nicht.

Fest steht: Ein pluralistisches System muss auch “falsche Nachrichten” und “falsche Meinungen” aushalten können und darf sich nicht auf die Couch des selbstgerechten Verwaltens von vermeintlichen “politischen Wahrheiten” zurückziehen. Meinungsstreit ist anstrengend und bisweilen unangenehm, aber ohne den offenen Diskurs verlieren politische Systeme nicht nur ihre Erneuerungs- und Problemlösungsfähigkeit, sondern die Grundlage für ihre politische Legitimation.