Freiheitsverwöhnung

Wir leben in kuriosen Zeiten. Einerseits gab es wohl nie eine Epoche der Menschheitsgeschichte, in der – zumindest in der entwickelten Welt – die Optionenvielfalt so groß war, wie in unserer Gegenwart. Die freie Wahl am bunten Ladentisch sprengt jeden Rahmen und nie war es so einfach, Distanzen zu überbrücken, Menschen kennenzulernen und kurioseste Zerstreuungs- und Vergnügungsvarianten auszuprobieren, wie heute. Dennoch hört man immer öfter die Klage über verschiedenste Spielarten der Bevormundung, des begleiteten Denkens und der subkutanen Beschneidung von Freiheitsrechten. – Was ist da los? Können wir mit dem alten Freiheitsbegriff, dem revolutionären Freiheitspathos des bürgerlichen Zeitalters heute überhaupt noch etwas anfangen? Fühlen wir uns von so viel Freiheit nicht längst genötigt?

Die alten “Freiheiten”

Der moderne Freiheitsbegriff ist, so merkwürdig es klingen mag, gerade mal gut 250 Jahre alt. Wenn die Menschen der Antike, des Mittelalters oder der Frühen Neuzeit über “Freiheit” redeten, dann ging es um die Befreiung  des Kollektivs von illegitimer Fremdherrschaft oder um das eherne Recht “das Herkommen zu leben” (griech.: Eleutheria). Erst mit der Spätaufklärung und der Französischen Revolution erfolgte der Durchbruch in Richtung “Freiheit des Individuums” und in Richtung auf den durch und durch pathetischen Freiheitspathos des bürgerlichen Zeitalters.

Rousseaus fünfte Träumerei

Das von Jean Jacques Rousseau in seinen “Reveries du promeneur solitaire” aus dem Jahre 1782 (posthum erschienen) so eindringlich geschilderte Gefühl des totalen “Bei-sich-selbst-Seins” machte überall dort Furore, wo der “Dritte Stand” daran ging, sich von der Bevormundung durch die beiden privilegierten Stände (Adel und Klerus) zu befreien.  Was dabei von Anfang an mitschwang, war der Grundsatz der Gleichheit des Menschen vor Gott und dem Gesetz. Nur wenn es gelang, die Privilegien der oberen Stände zu beseitigen und parallel zum Freiheits- auch das Gleichheitspostulat durchzusetzen, konnte der angestrebte bürgerliche Emanzipationsprozess wirklich gelingen.

Kraftquellen der Freiheit

Insofern ist der Beitrag der bürgerlichen Revolutionen des ausgehenden 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts für die Durchsetzung der modernen Freiheitsidee elementar. Ohne diese politischen Initialzündungen, ohne  die Übersetzung des Freiheitsprinzips in die Bereiche Ökonomie (Marktwirtschaft) und Recht (Rechtsstaat) wären die freiheitlichen Demokratien der Gegenwart ohne Fundament.

Das heißt, die von den Ideen der bürgerlichen Revolutionen ausgehende antizipative Kraft wirkt bis heute nach und dient auch Anfang des 21. Jahrhunderts immer noch als zentrale Kraftquelle für die Verteidigung unserer freiheitlichen Gesellschaften – wohl wissend, dass die Botschaften, die damals gesetzt bzw. im Vorgriff auf ihre weitere Umsetzung formuliert wurden nach dem Prinzip der “unendlichen Aufgabe” konzipiert waren. Der Auftrag der revolutionären “Freiheitsfreunde” des ausgehenden 18. Jahrhunderts ist per definitionem unvollendend und bedarf der ständigen Erinnerung und Erneuerung.

Verwöhnungseffekte

Warum tun wir uns damit so schwer? Warum setzen wir so wenig Kraft ein, um das Erbe unserer Vorväter zu hüten und zu mehren? Vordergründig ist es der oben bereits geschilderte Gewöhnungs- bzw. Verwöhnungseffekt. Vieles von dem, was sich unsere Ahnen noch mühsam erkämpfen mussten, erscheint heute als selbstverständliche Realität – abgesichert durch freiheitliche Verfassungen, Gewaltenteilung und rechtsstaatliche Grundsätze. Was hinzu kommt, ist die Tatsache, dass sich die langen, gewaltsamen Kämpfe um soziale Gleichheit  entlang der Klassengrenzen, im Zuge der massiven Wohlstandssteigerung vor allem der Nachkriegsjahrzehnte massiv abgeschwächt haben. Der Sozialstaat als “Honigpumpe” der modernen Gesellschaften tut ein übrigens, um den sozialen Frieden zu wahren und Solidarität zu ermöglichen.

Wie problematisch die Erschlaffung freiheitlicher Impulse ist, beginnt vielen von uns erst langsam zu dämmern. Es sind erste Vorboten einer neuen Beunruhigung, die uns angesichts von Finanzkrisen, gewalttätigen Demonstrationen und des Machtzuwachses von Algorithmen erfassen. Wir wissen nicht recht damit umzugehen. Hoffen, dass sich “die Anderen” schon darum kümmern werden und hoffen, dass der Spuk des sich neuerlich aufbäumenden Autoritarismus in Teilen der Welt schnell wieder verflüchtigen wird.

Recht auf Glücksein und Pflicht zum Fitsein

Dass Freiheit, wenn sie von Dauer sein soll, immer wieder neu erkämpft werden muss, ist vom Grunde her eine Binsenweisheit. Wir halten uns nur nicht dran. Lassen uns einlullen oder lassen uns bereitwillig auf den Pfad des “begleiteten Denkens” steuern. Verbarrikadieren uns in alarmgesicherten Denkarealen und glauben vielfach tatsächlich, dass die höhere Moral, Lösungen für fast alle Probleme dieser Welt bereit hält. Übersehen dabei aber, dass neben der großen Trias “Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit” zumindest noch die Wachheit, besser die Belastbarkeit hinzutreten muss, wenn die Zukunft gelingen soll.

Denn es gibt nicht nur ein Recht auf Glücklichsein, sondern auch eine Pflicht zum Fitsein – eine Pflicht zur geistigen und körperlichen Selbstsorge angesichts wachsender Bedrohungen für das freiheitliche Fundament auf dem wir gemeinsam stehen.