Gefangen im Schwarz-Weiß-Raster

Wer Diskursschranken, Meinungskorridore und Sprachregime thematisiert, muss sich auf Kritik gefasst machen. Immer seltener wegen den Sachverhalten selbst. Hier sind die Belege mittlerweile einfach so vielfältig und so eindrücklich, dass selbst überzeugte Diskurswächter vor allzu lautem Widerspruch zurückschrecken. Deutlich häufiger zielt der Vorwurf auf das angeblich unterentwickelte Gespür für die Notwendigkeit einer klaren Trennung von Gut und Böse. Wir leben in unübersichtlichen Zeiten und der Mensch – so der Grundtenor – verlangt nach Orientierung, nach klaren Leitplanken, nach der richtigen Einordnung. In solchen Zeiten sei es geradezu fahrlässig Mehrdeutigkeit zu produzieren, Verwirrung stiftende Zwischentöne zu thematisieren oder gar “alternative Fakten” zu artikulieren. Über Fakten – so die Kernbotschaft – läßt sich nicht streiten und wer Fakten im öffentlichen Diskurs in Frage stellt, erzeugt Verwirrung und trägt zur Spaltung der Gesellschaft bei.

Was ist dran an dieser These? Ist der stete Zweifel nicht tatsächlich ausschließlich etwas für philosophierende Eremiten oder forschende Wissenschaftler in Hinterzimmerlaboren? Ist das falsche Denken, das Sähen von Zweifeln, das Abweichen von alternativlosen Pfaden nicht immer schon brandgefährlich gewesen?

Verstärken statt zweifeln

Ist es nicht ratsam, ja geradezu weise z.B. in die wichtigsten Talkrunden des öffentlich-rechtlichen Fernsehens nur die Gäste einzuladen, die für den richtigen Kurs eintreten, die politisch korrekt argumentieren? Hat sich die Verstärker- und Multiplikatoren-Rolle der Nachrichtenmoderatoren und der Talkmaster für regierungsamtliche Positionen nicht vollumfänglich bewährt? Wo wären wir, wenn wir an solch prominenten Plätzen “Klimaleugner”, “Corona-Leugner”, “Europafeinde”, oder gar “AfD-Versteher” zugelassen hätten?

Debatte ist natürlich wichtig und muss allein schon aus Gründen der grundgesetzlich verankerten Meinungsfreiheit geduldet werden, aber wer in den zentralen Schlüsselfragen unseres gesellschaftlichen Lebens offenkundige “Minderheitenpositionen” mit der Tendenz zur “Faktenleugnung” vertritt, sollte doch klar in seine Schranken gewiesen werden, oder? Wohin soll das denn führen, wenn wir einfach ohne saubere Vorauswahl, Passierscheine für den Eintritt in die analogen Diskursräume, egal ob privat oder öffentlich-rechtlich, verteilen?

Faktenchecker

Wer die seit einigen Jahren wie Pilze aus dem Boden schießenden “Faktenchecker”, “Faktenfinder” oder “Faktenfüchse” bei ARD und ZDF oder im Umfeld namhafter Printmedien bei ihren Recherchen beobachtet, für den liegen die Antworten auf die obigen Fragen quasi auf der Hand: Natürlich brauchen wir klare Orientierungen. Natürlich muss der Kampf gegen alternative Fakten, gegen Fake News, vor allem aber auch gegen die Uneinsichtigkeit der vielen Unwissenden konsequent und zielgerichtet geführt werden…!*

Doch halt! Stop! Irgendwas stimmt hier nicht? Ist das Zusammentragen von Fakten, ihre kritische Beurteilung, ihre möglicherweise notwendige inhaltliche Falsifizierung nicht die ureigene Aufgabe des politischen Journalismus.** Was ist ein Journalismus, ausgestattet mit dem vielfältigen Instrumentarium aus Berichterstattung, Kommentar, Reportage etc. wert, der anscheinend nur noch in Begleitung von höchst einseitig agierenden “Faktencheckern” funktionieren kann? Läuft da nicht fundamental etwas schief.***

Aktivistischer Haltungsjournalismus

Nur auf den ersten Blick. Denn das alte politik-journalistische Credo “von der Sache mit der man sich keinesfalls gemein machen darf”, hängt leider in immer mehr Redaktionen nur noch als Ladenhüter in der Auslage. Im Mittelpunkt steht immer öfter der aktivistische Haltungsjournalismus, der es sich zur primären Aufgabe gemacht hat, nicht mehr so sehr dem Wahren, sondern in erster Linie dem Guten zum Durchbruch zu verhelfen. Und das unbedingt auch dort, wo Widerspruch sich unmittelbar aufdrängt und wo eigentlich kritische Distanz erforderlich wäre.

Überdeutlich wird das immer dann, wenn der Leser, der Zuhörer, der Zuschauer noch vor dem Aufblättern der Zeitung, noch vor dem Einschalten der Fernbedienung und noch vor dem Klicken der Maus absolut sicher sein kann, dass ihm im Folgenden ausschließlich Erwartbares präsentiert wird. Auf die fast schlafwandlerisch vorhersehbare Besetzung öffentlich-rechtlicher Talkrunden hatten wir bereits hingewiesen.****

Böse weiße Männer

Ebenfalls in einem fast lupenreinen Schwarz-Weiß-Modus kommt die Berichterstattung über die “Dunkelmänner” und die “Lichtgestalten” der internationalen Politik daher. Viktor Orban, Jaroslaw Kaczynski, Wladimir Putin, Boris Johnson und ihre politisch-medialen Stichwortgeber sind auf konsequente Weise immer böse. Sie sagen so gut wie immer das Falsche, egal was sie von sich geben. Die dabei eingesetzte Semantik ist fast immer abwertend. Da wird nicht “gesagt” oder “geurteilt”, sondern fast immer “gewettert”, “geätzt” oder “gegiftet”.

Grautöne oder Zwischentöne? Fast immer Fehlanzeige. Eine nüchterne, vorurteilsfreie Analyse von Interessen und Hintergründen? Nur in wenigen Ausnahmefällen! Und wenn´s dann doch zu eingleisig wird, dann gibt´s ja immer noch den Kontrast zu den Protagonisten dieseits der Frontlinie, zu den Merkels, den Macrons, den Obamas oder den Clintons.

Kampf um kulturelle Hegemonie

Noch um einige Grade konsequenter lebt sich das Gut-Böse-Raster an den Frontlinien der großen “Kulturkämpfe” der Gegenwart aus. Hier werden mittlerweile kaum noch Gefangene gemacht. Hier versackt fast jede Debatte schon in ihren Anfängen in einem wilden Gegeneinander von vermeintlich unvereinbaren Positionen und Grundhaltungen. Zu den relevanten Schlachtfeldern, auf denen die wechselseitigen Attacken geritten werden, habe ich in früheren Kolumnen bereits ausführlich hingewiesen.

Deshalb hier nur der Hinweis: Die fast schon archaisch anmutende Verschärfung der Polarisierung wird vor allem von dem immer schrofferen Vokabular getrieben. Fast allgegenwärtig ist in diesem Zusammenhang insbesondere die Wendung vom “Leugner”. Wie gemacht für das Schwarz-Weiß-Raster der vor-diskursiven Sprachregulierung werden Kritiker ohne lange Umschweife zu “Leugnern” erklärt, zu Verächtern der einen, unumstößlichen Wahrheit. Damit werden systematisch “Sachfragen zu Glaubensfragen erhoben und letztendlich Widersprüche in Ketzerei verwandelt” (Ramin Peymani).

Wie soll unter solchen Umständen Verständigung wachsen oder gar Kompromiss gedeihen?

Entweder-oder!*****

Vielleicht hilft folgende Grunderkenntnis: Hinter der Spaltung steht immer und überall ein hartes Entweder-oder! Die Fixierung auf die eine Seite konstratiert mit der kompromisslosen Verleugung der anderen Seite. Was dabei verloren geht, ist die Möglichkeit zur freien Abwägung und zu der Erkenntnis, dass in fast sämtlichen psychosozialen Situationen Denken, Fühlen und Handeln mit Wahrheit und Irrtum oder besser mit einem Sowohl-als-auch einhergeht.

Die eine Seite hält die andere für das Problem und verkennt auf chronische Weise die Tatsache, dass sie immer selbst auch ein Teil des Problems ist. Zu übermächtig ist die Furcht am Ende selbst einen schmerzhaften Blick auf den eigenen, hausgemachten Irrtum werfen zu müssen.

Heilsame Realität

Das fundamentale Problem in diesem Zusammenhang ist, dass auch diejenigen die glauben, die “Wahrheit” sei allein auf ihrer Seite, früher oder später in den Abgrund schauen müssen. Realität – das steht fest – verflüchtigt sich nicht einfach und lässt sich auch durch noch so viel Wunschdenken nicht zum Verschwinden bringen. Was man sieht, ist nur eine Fata Morgana. Die Verleugnung des Realen wird spätestens durch den Realitätsschock offenbar.

– Konkret heißt das z.B. die uferlose Gelddruckeritis der Notenbanken wird sich früher oder später in schmerzhaften Konsequenzen offenbaren. Die Hochinflation der Gegenwart gibt einen Vorgeschmack auf das was uns erwartet.
– Moderne Volkswirtschaften ohne Grundlastkraftwerke sind nicht überlebensfähig. Wir wollen es nicht sehen, weil wir glauben von der Mitte Europas aus das Weltklima retten zu müssen. Die Black-out-Realität wird uns deshalb, wenn wir so weiter machen, wohl schon bald erreichen.
– Und das Virus ist kein Problem der Virologie allein, sondern zieht durch seine Lockdown-zentrierte Bekämpfung große soziale, wirtschaftliche und psychologische Folgewirkungen nach sich, die wir aktuell erst in Ansätzen zu verstehen beginnen. Die Polarisierung an den Fronten der Impfpflicht-Debatte dürfte möglicherweise nur ein Vorgeschmack auf kommende Auseinandersetzungen sein.

Mehr Realismus

Was wir dringend bräuchten, wäre schlichtweg mehr vermittelnden Realismus. Mehr Kraft zu einer realitätsgerechteren Wahrheit und mehr Kraft zu der Erkenntnis, dass politische Moral kein Patentrezept zur Verbesserung der Welt ist und dass bei der Bewältigung von Problemen multiperspektivische Ansätze deutlich erfolgversprechender sind als kraftvolle Parforce-Ritte in nur eine Richtung.

Das Dilemma ist, dass insbesondere in hoch polarisierten Gesellschaften die Realisten immer in der Minderheit sind. Aus dem Blickwinkel der großen Konrahentengruppen stehen sie als Außenseiter immer zwischen den Stühlen. Sie erinnern die “In-sich-verkeilten” an ihre Irrtümer und haben Mühe ihre realitätsgerechteren Einschätzungen hörbar zu machen.

Sowohl-als-auch

Es kann deshalb sehr sehr lange dauern, bis sich die einsamen Rufer für mehr Realitätssinn durchsetzen. Nicht zuletzt, weil auch diese Gruppe nicht gänzlich frei sein dürfte, von dem letztlich immer auch narzisstischen Bedürfnis mehr zu sehen und zu verstehen als die anderen.

Fest steht auf jeden Fall: Erst wenn die aktuell omnipräsente Formel “Ihr seid schuld!” ein Stück weit hinter die Selbsterkenntnis “Auch wir sind ein Teil des Problems” zurücktritt, gibt es berechtigte Hoffnung auf Besserung.

* Stellvertretend für die noch recht junge Spezies der “Faktenfinder” steht Patrick Gensing, der für die ARD-Tagesschau arbeitet und stets zuverlässig abweichende Positionen oder Stellungnahmen zwar selten ins rechte, aber fast immer ins linke Licht rückt. Gensing macht an keiner Stelle einen Hehl daraus, dass es ihm nicht um eine irgendwie geartete “neutrale Objektivität” geht, sondern um einen aktiven “Kampf gegen Rechts”. Sein Publikationsschwerpunkt außerhalb seiner Faktenchecker-Aktivitäten liegt fast ausschließlich auf dem Bereich Rechtspopulismus und Rechtsradikalismus. Dabei legt er  – wie fast alle seiner Kollegen – “rechtes Gedankengut” sehr weit aus. Kritische Anmerkungen zu grün-linken Positionen lassen sich in seinen “Faktenchecks” nicht entdecken.

** Auf drastische Weise hat erst vor wenigen Tagen Marc Walder, der Chef des international tätigen Schweizer Ringier-Verlags, deutlich gemacht, welche Rolle er der “vierten Gewalt” vor allem in Zeiten großer Kontroversen zumisst. Er – so seine ernüchternde Botschaft vom Februar 2021 in einer Rede vor der Schweizerischen Management-Gesellschaft – habe “in allen Ländern, wo wir tätig sind” die Anweisung gegeben, “die Regierung durch unsere mediale Berichterstattung zu unterstützen, damit wir gut durch die Krise kommen.” Walders Zusatzbemerkung – “ich wäre froh, wenn das in diesem Kreis bleibt”, wurde nicht erhört.

*** Zu den Hintergründen und zur Entstehungsgeschichte des “Faktenchecker-Wesens” vgl. Michael Meyen: Wahrheitsbeamte, auf medienblog.org. Professor Dr. Michael Meyen unterrichtet Kommunikationswissenschaften an der LMU München.

**** Eine Art Talkrunden-Dauer-Abo wurde im Jahre 2021 an Karl Lauterbach vergeben. Er tauchte in diesem Jahr allein 29mal (!) in den verschiedenen Talkshow-Formaten bei den Öffentlich-Rechtlichen auf. Eine konkurrierende Stimme musste der “Corona-Erklärer” (ARD) bei seinen diversen Auftritten nicht fürchten.

***** Hierzu und im Folgenden vgl. vor allem Hans-Joachim Maaz: Das gespaltene Land. Ein Psychogramm. München 2020, S. 51ff.