Gewaltaffinität des Religiösen

Der spannungsgeladene Kontrast in den Weihnachtstagen des Jahres 2016 könnte kaum größer sein: Auf der einen Seite Freude und Zuversicht im Lichte der frohen Botschaft und auf der anderen Seite Tod und Verderben im Schatten irrsinniger Wahnideen. Die zerborstenen Weihnachtsmarktstände von Berlin, die in einer medialen Endlosschleife an uns vorüber ziehen, wirken wie ein weiteres Menetekel für ein Phänomen, dass wir lange für überwunden hielten, das aber spätestens seit 9/11 wieder gegenwärtig ist. Die Rede ist von der Gewalt im Namen Gottes, die uns seit nunmehr rund 15 Jahren massiv in Atem hält und einfach nicht verschwinden will. Im Gegenteil, während wir im September 2001 und im Zusammenhang mit einer ganzen Kette von Folgeanschlägen (Madrid, London, Paris, Brüssel etc.) noch in der Lage waren, den Terror der islamistischen Gewalttäter mit Hilfe medialer Filter auf Distanz zu halten, ist diese spezifische Form der Gewalt nunmehr mitten im Herzen unserer Hauptstadt angekommen. Dennoch scheinen wir irgendwie der bitteren Wahrheit nicht ins Auge sehen zu wollen. Immer noch versuchen wir die Fragen, die sich jedem Betrachter eigentlich unmittelbar stellen müssten, mühsam abzuschatten. Es scheint fast so, als würden wir uns vor den Antworten fürchten und deshalb die Motivlage der Täter am liebsten im Dunkeln lassen. – Aber geht das? Können wir solchen Gewaltakten entfliehen, in dem wir ihre konkreten Hintergründe und ihre historisch-theologischen Wurzeln ausblenden? Ich denke nein! Wie auf allen anderen Feldern der Ursachenforschung hilft uns auch hier nur die schonungslose Analyse aus unserem Dilemma heraus.

Um verstehen zu können, woher die religiös motivierte Gewaltfreisetzung rührt, kommt man zumindest an einer kurzen historischen Tiefenbohrung nicht vorbei.* Jan Assmann, Ägyptologe, Altertumsforscher und Autor von bahnbrechenden Werken zur Entstehungsgeschichte des Monotheismus verortet den Beginn religiöser Gewaltsamkeit in der frühen Gründungsphase der “Ein-Gott-Religionen”. Getragen von einem “emphatischen Wahrheitsbegriff” und einem strikten “Entweder-Oder” operierten der jüdische Monotheismus und seine beiden großen Nachfolgereligionen (Christentum und Islam) von Anfang an im dramatischen Kontrast nicht nur zu allen Poly- und Kosmotheismen, sondern auch und vor allem mit rigoroser Härte gegen alle internen Leugner der “einen Wahrheit”. Peter Sloterdijk spricht in diesem Zusammenhang von der Herausbildung rituell und theologisch voneinander isolierter “Programmvölker”, die sich über Jahrhunderte hinweg entlang hermetischer Trennlinien “versteifen” und das Motiv der religösen Gewalt bis in die Neuzeit hinein tragen.
Nun haben Kritiker dieser Thesen immer wieder eingewandt, dass es unredlich und unhistorisch wäre, den Monotheismen eine Art “Gewaltautomatismus” zu unterstellen. Das ist selbstverständlich ein berechtigter Einwand und wird auch von Jan Assmann nicht negiert. Für alle drei großen Ausprägungen des Ein-Gott-Prinzips lassen sich eine Fülle von historischen Beispielen für Barmherzigkeit, Hilfsbereitschaft und Rücksichtnahme dokumentieren. Unbestreitbar ist jedoch die tief in diesen Religionstypen angelegte “inhärente Gewalttätigkeit”. Das heißt, durch den ihnen innewohnenden Einzigartigkeitsanspruch entstanden an ihren Rändern unweigerlich gewalttätige Abstoßungsreaktionen gegen alle Formen von “Häresie” und gegen alle Formen des lauen “Sowohl als auch!”.

Was heißt dies nun für unsere Terror-geschüttelte Gegenwart? Ist diese Gewaltaffinität des Religiösen wirklich unabweisbar und mit einer Art Ewigkeitsprinzip behaftet? – Hoffnung macht der Läuterungsprozess im christlichen Europa nach den Schrecknissen des 30jährigen Krieges. Hier ist es nach rd. 150 Jahren Mord und Totschlag im Namen Gottes durch ein geschickt austariertes Entfeindungsmodell auf der Basis territorialer Grenzziehungen und einer zunehmenden Trennung von Staat und Kirche gelungen, die großen, innerchristlichen Konfessionskonflikte zwischen Katholiken und Protestanten zunächst einzuhegen und dann im Zuge der philosophischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts dauerhaft zu überwinden. Die daraus entstandenen Säkularisierungsfortschritte vor allem in den westlichen Kernzonen des Monotheismus sind gewaltig und haben dort zu einer fast vollständigen Pazifizierung der alten Eiferkollektive geführt. Genauso hoffnungsvoll stimmen diverse historische Beispiele für gelungene Entfaszinationsprozesse für tief ineinander verkeilte Kontrahenten zum Beispiel im Anschluß an das Zeitalter des Hochnationalismus, wo es gelungen ist “Erbfeinde” zu versöhnen und Prozesse in Richtung auf ein höheres Niveau der Zivilisationstauglichkeit anzustossen.

Solche Prozesse gelingen aber nur, wenn die Ursachen und Handlungsmuster, die in den Konflikt geführt bzw. ihn immer wieder angefacht haben, konsequent aufgedeckt und beseitigt werden. Im Zusammenhang mit dem religiös motivierten Terror der Islamisten kann deshalb das Rezept auch nicht falsche Rücksichtnahme und großzügiges Verschweigen von Ursachenketten sein, sondern nur das nachhaltige Durchlüften eines in großen Teilen immer noch im Mittelalter wurzelnden “Kirchengebäudes”. Objektiv besteht überhaupt kein Zweifel, dass hier nur eine zahlenmäßig überschaubare Minderheit bombt bzw. terrorisiert. Anderseits sind die objektiven Anhaltspunkte für eine enge Verbindung zwischen den Tätern und der religiösen Sphäre ihrer Herkunftskultur so erdrückend, das wir endlich aufhören sollten, immer wieder zu behaupten, die furchtbaren Terroranschläge hätten nichts mit der religiös-kulturellen Heimat der “Heiligen Krieger” zu tun. Eine solche “Ausrede” hilft der betroffenen Religion nicht – im Gegenteil sie schadet ihr eher und droht den jüngsten Sproß der abrahamatischen Religionsfamilie nur noch tiefer in die Isolation und in die zivilisatorische Sackgasse zu treiben.

Eine Glaubensrichtung, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts Frauenrechte ignoriert, die Trennung von Staat und Religion verweigert und darüber hinaus einer mittelalterlich anmutenden Strafjustiz das Wort redet, braucht eine durchgreifende Metanoia. Eine fundamentale Umkehr, die zwar wesentlich von innen her kommen muss, die aber zumindest durch eine kritisch objektivierende Wahrhaftigkeit von außen unterstützt bzw. flankiert werden kann. Der brutale Anschlag auf den Berliner Breitscheidplatz ist mit rein kriminologischen Methoden weder aufklär- noch erklärbar. Der tunesische Attentäter war – obwohl er offensichtlich über Italien zu uns kam – definitiv kein Mafiosi und schon gar kein schlichter Krimineller, sondern ein gnadenlos exekutierender Exponent eines durch und durch archaischen Gewalttyps, den wir im Interesse unserer Kinder und Kindeskinder dringend therapieren müssen!

* Näheres zu den Hintergründen der Gewaltaffinität des Religiösen findet sich im 1. Kapitel von “Entfasziniert Euch!”.