Grenzgänge vermeiden

Wie muss es um ein Land bestellt sein, in dem führende Würdenträger für eine Ausmusterung der Nationalhymne votieren? Klar, der Hauptexponent dieser Idee, der Ministerpräsident des Freistaates Thüringen, ist ein Mann der “Linken”, ein “Internationalist”, der sich mit nationaler Symbolik generell schwer tut. Aber was sagt das über den Zustand eines Gemeinwesens, wenn selbst Inhaber hoher Staatsämter nicht davor zurückschrecken, in aller Öffentlichkeit, die Axt an identitätsprägende Säulen dieses Gemeinwesens zu legen? – Ist wirklich alles, was durch den Malstrom des Nationalsozialismus gegangen ist, für alle nachfolgenden Generationen ad ultimo unbrauchbar geworden? Ist nationale Überlieferung, die an Zeitstränge vor 1933 anknüpft, überhaupt noch tradierbar?

Feuereifer

Dass das Land in der Mitte Europas immer mehr zu einem ausgewachsenen Rätsel für seine Nachbarn wird, ist mittlerweile unübersehbar. Schon frühere Generationen haben voller Verwunderung auf den mit einer merkwürdigen Hybris gepaarten Feuereifer der Deutschen geschaut. Erratisch zwischen den Extremen hin und her schwankend, haben die Deutschen seit Beginn ihrer nationalen Selbstvergewisserung Ende des 18. Jahrhunderts beinahe jede Untiefe des wankelmütigen Zeitgeistes bis zur bitteren Neige ausgekostet.

Nationaler Wahn

Besonders dramatisch manifestierte sich diese Sehnsucht der Deutschen nach dem Extremen im neuzeitlichen Titanenkampf zwischen Nationalismus und Universalismus. In der historischen Bilanz des 19. und 20. Jahrhunderts gibt es wohl keine Nation in Europa, die sich intensiver und hartnäckiger dem Nationalen verschrieben hat, wie die deutsche. Auf dem Höhepunkt dieser krassen Fehlübung steigert sich das Überlegenheitsgefühl der Deutschen zu einem irren Wahn, der selbst vor  vorsätzlicher Weltbrandstiftung nicht zurückschreckte und weite Teile Europas in einen Trümmerhaufen verwandelte.

Einfach mal normal werden

Vor allem mit Hilfe der westlichen Siegermächte, aber auch getrieben von einem immanenten Läuterungsprozess gelang es den waidwunden Torso in der Mitte Europas Schritt für Schritt mit viel Mühe wieder in die Gemeinschaft der zivilisierten Völker zurückzuholen. Die europäische Integration, die Einbindung in das transatlantische Verteidigungsbündnis, die Reintegration in den internationalen Handelsaustausch, aber vor allem die konsequente Übernahme des westlichen Wertekanons gaben der Bundesrepublik Deutschland die notwendigen Impulse für eine langgezogene mentale Abkühlphase. Im Zenit dieser neu aufgesetzten Selbstfindung schien es nach der friedlich-einvernehmlichen Bewältigung der Wiedervereinigung fast so, als könnten sich die Deutschen zu einer ganz normalen Nation entwickeln. Ruhig, abgeklärt, pragmatisch und selbstsicher, aber auch stolz auf das gemeinsam Erreichte und sich wärmend an den positiv tradierbaren Überlieferungen einer wechselvollen Geschichte.

Dass diese Hoffnungen sich nicht erfüllten, hat ohne Zweifel in erheblichem Umfang mentalitätsgeschichtliche Hintergründe. Die schier unstillbare Neigung, zeitgeistige Strömungen dramatisch zu übersteigern, läßt uns einfach nicht los. Man könnte von einer Art “faustischem” Zug sprechen, der uns immer wieder dazu verleitet, das Auf-uns-Einströmende nicht gelassen zu kanalisieren, sondern bis an den Rand des Möglichen auszutesten.

Nur noch in der Welt zuhause

Das gilt aktuell vor allem für den großen Trend ins Universale. Die Mobilitätsrevolution, das World Wide Web, die Globalisierung des Ökonomischen und das immer weiter voranschreitende Denken in Kategorien der “Einen Welt” (Weltklimadebatte) bringen alte Mentalitätsgerüste ins Wanken und scheinen Nationalstaaten zu grenzbefreiten “(Welt-) Regierungsbezirken” in einem globalen Kontext umzuformen. Während die meisten unserer Nachbarn diesen (globalen) Trend eher verhalten adaptieren und versuchen mit den gewachsenen Grundlagen des nationalen Gemeinwesens zu versöhnen, vermitteln die Deutschen den Eindruck, als sei es nun an der Zeit, endgültig alle nationalen Symbole und Konnotierungen über Bord zu werfen und durch Attribute des Universalen zu ersetzen.

Der dabei an den Tag gelegte politisch-moralische Furor macht selbst vor grundlegenden Selbstverständlichkeiten, wie der Nationalhymne, der Nationalflagge bzw. allen damit zusammenhängenden Leitbegriffen (Volk, Heimat, Staatsgrenze etc.) nicht halt. Dabei spielt es kaum noch eine Rolle, woher die überlieferten Traditionsbestände rühren. Dass Hoffmann von Fallersleben, das “Lied der Deutschen” 1841 aus dem Exil heraus als zukünftige Hymne eines liberalen Verfassungsstaates konzipiert hat, scheint im öffentlichen Diskurs kaum noch eine Rolle zu spielen. Hambacher Fest, Frankfurter Wachensturm, Paulskirchenversammlung und erste Nationalverfassung? Ok! Einzelne Lichtblicke einer ansonsten dunklen Nationalhistorie. Aber für uns Heutige doch wohl ohne Bedeutung! Wir sind längst auf dem Weg zu neuen Ufern. Wir brauchen eine neue, universale, politisch korrekte Hymne und müssen endlich den alten Ballast loswerden…!

Nationales Fundament

Ein gefährliches Spiel, weil wir wieder einmal deutlich übers Ziel hinausschießen. Der Traum von der “Weltgesellschaft” wird noch lange ein Traum bleiben. Wie in föderalen Systemen mit vertikaler Gewaltenteilung wird auch ein weltumspannendes Dach auf einem festen Fundament und auf soliden Stockwerken gründen müssen. Herzstück dieses Gebäudes wird bis auf weiteres der Nationalstaat sein müssen. Nur er garantiert gesellschaftliche Geschlossenheit, soziale Sicherung und den Schutz von Leib und Leben.

Einmal nicht Grenzgänger sein

Wer meint, den Nationalstaat seiner politischen und symbolischen Grundlagen berauben zu können und wer glaubt, den ehernen völkerrechtlichen Dreiklang aus Staatsvolk, Staatsgebiet und Staatsgrenze einfach so aufs Spiel setzen zu können, schafft nicht nur ein staatspolitisches Vakuum, sondern auch eine psychologisch-emotionale Leerstelle. Hoffentlich erkennen wir diesmal rechtzeitig die warnenden Leuchtzeichen an der Wand und drehen rechtzeitig vor dem Aufprall bei. Noch ist es Zeit und noch gibt es die Chance den gefährlichen Grenzgang zu vermeiden. Lasst es uns wenigstens versuchen!