Ist Wohlstand endlich?

Früher, als die Welt noch von massiven Mangelerscheinungen geprägt war und sich selbst die weit überwiegende Mehrheit der westlichen Menschheit noch den drakonischen Geboten der Knappheit unterwerfen musste, existierte Massenwohlstand nur als paradiesische Verheißung. Erst mit dem Eintritt ins Zeitalter der “Maschinenarbeit” bzw. mit dem Übergang ins fossilenergetische Zeitalter nahm – zumindest in den Kernzonen des Westens – das “Prinzip Überfluß” immer mehr Raum ein. Wohlstand wurde auf stabile Weise lebbar und prägte die Weltsicht und den Erlebnisraum einer stetig wachsenden Zahl von Menschen. So nachhaltig, dass sich heute in unseren Breiten das Gefühl “im Überfluß zu leben” zu einer Art Grundkonstante unseres Seelenzustandes entwickelt hat. Wohlstand und Überfluß erscheinen allgegenwärtig und auch zeitlich unlimitiert.

Prometheus` Erben

Das eigentlich Faszinierende ist, dass wir mit dem wachsenden Wohlstand nicht nur materiell reicher, sondern peu á peu auch sorgloser geworden sind, was die Fundamente unseres Wohlstandes anbetrifft. So sind wir aktuell dabei die großen prometheischen Treiber unserer Wohlstandsgesellschaften, nämlich die fossilen Energieträger Kohle, Erdöl und Erdgas, in einem großen Akt der Transformation aus unserer Welt zu verbannen. Das gute Gefühl, dass uns dabei antreibt, kontrastiert in merkwürdiger Weise mit der Wirklichkeit unserer hochmobilen, von phänomenalen Ressourcenüberschüssen geprägten Lebenswelten. Anders gesagt: Wir leben den Überfluß, betreiben aber faktisch – mit hartnäckigem Verweis auf den sog. “Klimawandel” –  die Rückkehr ins präfossilistische (Mangel-)Zeitalter.

Nun ließe sich mit einigem Recht an dieser Stelle einwenden: Postfossilismus muss doch nicht Mangel bedeuten. Wir arbeiten doch längst mit technosolaren Energieträgern und lassen für uns die Sonne scheinen und den Wind wehen. Ist es angesichts der Mühsal des Untertagebergbaus oder in Anbetracht der negativen Umweltbilanz der Öl- und Gasförderung nicht ohnehin längst an der Zeit den fossilen Hahn einfach abzudrehen?

Zurück zu den launischen “Treibstoffen” des Agrarzeitalters

Das fundamentale Problem dieser aktiv herbeigeführten Transformation unserer Energieregime ist die noch völlig offene Frage der Versorgungssicherheit. Alle bisher ventilierten Szenarien konzentrieren sich auf Stilllegungs- und Abschaltpläne, lassen aber zentrale Fragen der Versorgungssicherheit und vor allem der Versorgungskontinutät (“Dunkelflauten”) weitgehend unbeantwortet. Das heißt, wir kehren zurück zu den launischen “Treibstoffen” des Agrarzeitalters (Sonne und Wind) und riskieren damit latente Unsicherheit dort, wo bisher die fossilenergetische Wohlstandsturbine Tag und Nacht lief.

Energiekomfort als Minderheitenprivileg

Ähnliches gilt für die Bezahlbarkeit der neuen Energiequellen. Angesichts der massiv steigenden Energietarife ist weiterhin völlig offen, ob das im fossilistischen Zeitalter erreichte Niveau des energetischen Massenkonsums auch nur annähernd gehalten werden kann. Der normale Stromverbraucher wird kaum in der Lage sein teure Vorkehrungen für “Stromlücken” zu treffen und schon jetzt steht fest: Um so niedriger das Einkommen bzw. um so höher der Energiekostenanteil am Haushaltsbudget, um so größer die Einbußen beim gewohnten Energiekomfort. Alles deutet darauf hin, dass der ungehinderte Zugang zu frei verfügbarem Strom und zu höherwertiger Mobilität (Auto, Flugzeug etc.) in Zukunft wieder zu einem Privileg von wohlhabenden Minderheiten werden dürfte.

Erfolgsbedingungen unseres Gesellschaftsmodells

Dass wir solche Entwicklungen kaum ernsthaft in den Blick nehmen, hat einerseits mit einem mittlerweile weit verbreiteten Weltrettungseifer in weiten Teilen vor allem der bürgerlichen Schichten zu tun. Wer das Weltklima retten will, kann keine Rücksicht auf eventuelle soziale Verwerfungen nehmen. Es muss gehandelt werden, auch wenn es Opfer kostet. Zum anderen – und dieser Umstand scheint mir mindestens gleichwertig zu sein – haben wir im Zuge unserer Wohlstandsentwicklung einfach das gesunde Gespür für die Erfolgsbedingungen unseres Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells eingebüßt.

Dass echte Prosperität nur dann von Dauer sein kann, wenn Grundsätze der Nachhaltigkeit beachtet werden, scheint uns in Umwelt- und Klimafragen sofort einzuleuchten. Dass wirtschaftlicher Erfolg nur auf einem soliden ordungspolitischen Fundament gedeihen kann, ist in weiten Teilen unserer Gesellschaft deutlich weniger präsent. Die vollständig aus dem Ruder gelaufene Geldpolitik in den westlichen Ökonomien läßt sich nur mit einem hohen Maß an Zukunftsvergessenheit erklären. Das beschleunigte Hinabgleiten auf der schiefen Ebene der nullzins-getriebenen Billigkreditsysteme scheint kaum noch jemanden ernsthaft zu beunruhigen. Solange das pekuniäre Manna in rauen Mengen fließt, drückt niemand den Alarmknopf.

Nur einseitig nachhaltig

Mindestens ebenso sorglos gehen die westlichen Staaten mit den stetig wachsenden Steuer- und Abgabenquoten um. Angesichts der absehbaren demographischen Einbrüche ist derzeit völlig offen, wie die gewaltigen Ausgabenlasten in Zukunft getragen bzw. verteilt werden können. In vielen Fällen hat man den Eindruck, als würde im politischen Raum niemand mehr ernsthaft die Frage nach der nachhaltigen Finanzierbarkeit öffentlicher Wohlfahrt stellen. Schuldenexplosion und das Leben auf Kosten zukünftiger Generationen sind zu Allgemeinplätzen einer Politik der allgemeinen Sorglosigkeit geworden.

Erst die Ouverture

Es gibt wenig Anhaltspunkte dafür, dass sich an den dahinter stehenden Grundhaltungen in absehbarer Zeit signifikant etwas ändern dürfte. In den Wohlstands- bzw. Komfortzonen des Westens herrscht bisher noch nicht mal eine grobe Ahnung davon, was bei einem beschleunigten Übergang ins postfossilistische Zeitalter auf uns alle zukommt. Das Vorgeplänkel, das wir in den letzten Jahren auf diesem Felde bereits erlebt haben, wirkt lediglich wie die erste Strophe einer langgezogenen Ouverture zu einer Gesamtkomposition, die die Grundfesten unserer Lebenswelten massiv erschüttern dürfte.  Bisher hat ein glücklicher konjunktureller Aufschwung das Durchschlagen von sozialen Folgewirkungen auf breite Bevölkerungsschichten noch weitgehend abfedern können.

Das wird sich schon bald ändern und spätestens dann wird uns selbst die massive Geldschwemme der Notenbanken nicht mehr vor der Erkenntnis bewahren können, dass Wohlstand dirigistische Eingriffe von oben und weltanschaulich motivierte Gesellschaftsexperimente selten unbeschadet übersteht. Einmal erreichter Wohlstand ist in der Regel Ergebnis harter Arbeit und gewaltiger Anstrengungen. Ihn zu verspielen, kostet deutlich weniger Zeit und weniger Mühe.