Menschsein heißt Nicht-allein-leben-können

“Alle primären kulturellen Einheiten lassen sich nur als sich selbst erzeugende morphogenetische Prozesse verstehen. Das unmittelbare Projekt jeder Gemeinschaft ist die fortgesetzte Selbstbergung der Gruppe in ihrer morphologischen Hülle.”

“Der Individualismus ist die Denkform, die das Prädikat “wirklich” für die Einzelnen reserviert und die Gemeinschaften nur als sekundäre, nachrangig wirkliche und kündbare Zusammensetzungen autonomer Teile gelten läßt.”

“Der Ausdruck Welt bezeichnet nicht “alles, was der Fall ist”, sondern: alles, was von einer Form oder einer gewußten Grenze enthalten werden kann.” (z.B. die homerische Oikuméne, als der vom Okeanosstrom umflossene Wohnort der Menschen)

“Bei den wirklich Zusammenlebenden besitzen die Innenverhältnisse immer einen unbedingten Vorrang gegenüber den Umwelt-Beziehungen.”

“Zusammenlebende Gruppen bilden durch ihr Nähefeld ein Binnenklima aus, das für die Einwohner wie eine privilegierte ökologische Nische wirkt. Daher sind Menschen nicht so sehr Nischensucher sondern Nischenbauer.”

“Das gemeinsame Einwohnen in einem (selbstbergenden, selbstklimatisierten, selbstgerundeten) Welt-Ort ist mehr als die egozentrische Raumbesetzung zu mehreren.”

“Über die (inneruterine) “Klausur in der Mutter” wird in jedes zur Welt gekommene Lebewesen das bleibende urszenische Muster des Enthaltenseins in einer fördernden Rundhöhle eingeprägt.”

“Tatsächlich ist das, was man ein Weltbild nennt, nicht vorstellbar ohne eine explizite Wand- und Randfunktion und ohne die ständige Neuanpassung des Randes an erweiterte Erfahrungsräume.”

“Für jedes Weltvolumen muss eine neue Umrandung und eine angemessene Wandstärke definiert werden.”

“Jede Grenze sagt zugleich Halt und Geh weiter – selbst jene, die sich als letzte präsentiert.”

“Bis ins 20. Jahrhundert sind die (zentralen) Einheiten der geschichtlichen Welt, starkwandige Selbstbehältergruppen. Erst um 1945 kommt das weltgeschichtliche Novum einer Gesellschaft der dünnen Wände in Sicht.”

(Peter Sloterdijk, 1999)