Migration

Multikulturalität_ralf langejuergen

Wenn uns momentan etwas ein gutes Gefühl verleiht, dann ist es die Gewissheit auf zentralen Politikfeldern moralisch auf der richtigen Seite zu stehen. Wir sind zwar da, wo wir unsere weithin sichtbaren Selbstgewissheiten verbreiten, oft fast ganz allein, aber das spornt uns eher an, im Zweifel noch mal nachzulegen, noch rigoroser die Allgemeingültigkeit unserer moralischen Kategorien zu verteidigen und allen anderen, die dennoch handeln, Amoral vorzuhalten. Ein Politikfeld, auf dem wir unsere “Weltmeisterschaft” mindestens seit 2015 besonders hervorkehren, ist das Feld der Migrationspolitik. Hier haben wir kürzlich sogar die Schweden weit hinter uns gelassen und den einsamen Gipfel mittlerweile ganz für uns alleine. – Was ist da los? Warum kontrastiert die Größe der Herausforderung und Masse der Probleme hier auf so eklatante Weise mit dem geringen Tiefgang der Debatte? Was bedeutet es, wenn komplexe politische Streitthemen nur noch im platten Schwarz-Weiß-Modus zur Sprache kommen?


Migration als historisches Phänomen

Migration gehört ohne Zweifel zu den ältesten Menschheitsthemen. Homo sapiens war von Beginn der Zeiten an in Bewegung. Zunächst als jagender und sammelnder Nomade im Sippenverband und dann nach der Seßhaftwerdung vor rund 10.ooo Jahren im Modus der “Völkerwanderung” auf der Suche nach fruchtbareren Böden oder auf der Jagd nach Sieg und Beute. Ein Paradebeispiel für diese Unrast bildet ohne Zweifel die große germanische Völkerwanderung der Spätantike, die das ethnisch-kulturelle Bild Europas in nachrömischer Zeit quasi komplett umgewälzt hat. Weitere Beispiele sind die mittelalterliche deutsche Siedlungsbewegung Richtung Mittel- und Osteuropa und die vielen “Völkerstürme” aus den Tiefen der asiatischen Landmasse, die eher als Beutezüge daher kamen, dennoch aber die europäisch-asiatische Landkarte entscheidend veränderten.

Push and Pull

Wer einigermaßen verstehen will, wie Massenmigration entsteht und wie ganze Volksgruppen in Bewegung kommen, sollte einen Blick auf die transatlantische Migration der Neuzeit werfen. Auf der einen Seite mächtige Pull-Faktoren: Die Verheißung des freien Westens, weites (vermeintlich) herrenloses Neuland, Glaubensfreiheit, liberale Verfassung und ein starkes Gemeinschaftsethos der Siedler! Andererseits ebenso mächtige Push-Faktoren in der “alten Welt”: Fürstlicher Absolutismus, das Prokrustesbett des feudalen Systems, Hungerkrisen, Seuchenzüge und Kriege noch und nöcher!

Dass angesichts solcher Gefällstrecken Menschen massenhaft in Bewegung kommen, kann niemanden verwundern. Hier werden Emigration und Immigration quasi dynamisiert und lassen sich auch von riesigen Wasserwüsten nicht stoppen. Was den Exodus in die “Neue Welt” jedoch so spannend macht, ist nicht allein die schiere Größenordnung des Geschehens. Viel interessanter noch ist die Art und Weise des Umgangs der Aufnahmegesellschaft mit dem massenhaften Zuzug.

Angst vor den richtigen Fragen

Als Deutschland im Spätsommer 2015 die Massenflucht über die Balkanroute erreichte, wurde schon in den ersten Tagen deutlich, es fehlt komplett an einer Idee, an einem irgendwie rational-pragmatischen Umgang mit dem Thema Einwanderung. Klar war nur: Wir müssen helfen! Wir müssen vor der Geschichte endlich beweisen, dass wir dazugelernt haben! Was da auf uns zukam, was sich da schon nach wenigen Wochen an Folgewirkungen auftürmte, wurde als zweitrangig verdrängt. So tief und nachhaltig, dass wir uns heute – rund vier Jahre später – immer noch nicht so recht trauen, die richtige Fragen offen zu stellen und handfeste Antworten einzufordern.

Lernort “Neue Welt”

Was könnten wir – wenn wir wollten – hier von den US-Amerikanern lernen? Was haben die “Amis” über 250 Jahre Massenmigrationsgeschichte hinweg anders oder besser gemacht? – Zusammengefasst sind es vor allem drei “Grundsätze”ohne die Migration in größerem Stil definitiv nicht funktionieren kann und die jeder zwingend beherzigen sollte, der glaubt, sich auf solche Abenteuer einlassen zu müssen:

1.) Migration braucht eine starke integrative Idee! Wenn das US-amerikanische Beispiel eines lehrt, dann ist es die Tatsache, dass Integration nur funktioniert, wenn die Aufnahmegesellschaft klare, unmißverständliche Forderungen an die Immigranten stellt. In den USA war dies ohne Zweifel das berühmte “american credo”*, dass den Einwanderern aus der “alten Welt” sehr schnell bewußt machte, dass sie nur dann willkommen sind, wenn sie sich dem “kulturprotestantischen Wesenskern” der angelsächsischen Pioniergesellschaft unterwerfen: Arbeit, Fleiß, “family values”, Liberalität, Teamspirit, “civil religion” und ganz viel Patriotismus im Sinne  einer fest gefügten Loyalität gegenüber Verfassung, Flagge und Nation! Wer hier nicht mitzog, wer hier zurückblieb oder gar glaubte sich auf einer “Wohlstandsinsel” ausspannen zu können, wurde entweder sofort wieder zurückgeschickt und dauerhaft auf die unteren Ränge der Sozialhierarchie verbannt.

2.) Niemals Leistung ohne echte Gegenleistung! Wer im 19. Jahrhundert in Ellis Island nach beschwerlicher Fahrt über den Atlantik ankam, dem wurde schon am Kai klar, dass hier niemand wartet, um ihm beim Ausfüllen eines Sozialhilfe-Formulars zur Seite zu stehen. Im Gegenteil, die erste Begegnung mit der neuen Welt war der “Sweet Shop” in Manhattan, wo in stickigen Hinterhöfen für Hunderttausende von Zuwanderern Kleidung im Akkord genäht wurde. Die Botschaft, die von hier aus ausging, war eindeutig: Nur wenn Du Dich reinhängst, notfalls Tag und Nacht schuftest, hast Du eine Chance. Alles andere ist trügerische Illusion.

3.) Toleranz nur gegenüber den Toleranten! Die “Neue Welt” stand schon vor der Gründung der USA für eine besondere Form der religiösen Toleranz. Das Doktrinäre, das in Teilen der jungen Siedlergesellschaft, anknüpfend an die Konfessionskonflikte der alten Welt, anfänglich noch aufkeimte, blieb stets eine absolute Randerscheinung im bunten Kaleidoskop der Bekenntnisse. Was alle Siedler einte, egal ob protestantischer Angelsachse, irischer Katholik, deutscher Lutheraner oder aschkenasischer Jude, war das Beharren auf einer zivilreligiösen Toleranz, die dort ihre klaren Grenzen hatte, wo es um gewaltsame Mission, sektiererische Menschenverachtung oder die Verabsolutierung einer einzigen (Gottes-)Idee ging.

Kein Konzept

Schon bei der Lektüre der vorangegangenen Zeilen dürfte vielen Lesern klar geworden sein, wie weit wir in Deutschland aktuell von diesen “Grundsätzen” entfernt sind. Keine identifizierbare integrative Idee. Stattdessen: Multikulturelle Buntheitsträume, unter dem Motto, es wird schon alles gut werden, wenn wir den “Willkommenspfad” nur nicht verlassen. Kaum ein Gespür dafür, dass Hilfe immer mit Selbsthilfe beginnt. Sozialisiert in einem allumfassenden Sozialstaat können wir uns gar nicht vorstellen, was umfassende Sozialfürsorge mit Menschen macht, die überwiegend aus archaischen Gesellschaften zu uns kommen, in denen nie so etwas wie ein bürgerliches Leistungsethos keimen konnte. Und auch beim Thema “Intoleranz gegenüber Intoleranten” wirkt alles was wir tun merkwürdig verdruckst. Bloß nicht zu klar Grenzen aufzeigen. Selbst archaischste Absonderlichkeiten (Burka, “Hochzeitskorso”, Vielehe, Schariajustiz etc.) werden zähneknirschend toleriert, weil man offensichtlich Angst hat den diversen Parallelgesellschaften zu Leibe zu rücken.

Camouflage als letzter Ausweg

Wie soll unter diesen Bedingungen Massenmigration funktionieren? Betrügen wir uns nicht selbst, wenn wir glauben, es auch ohne diese integrativen Mindestvoraussetzungen “schaffen” zu können? – Ja, die politische und vor allem die mediale Szene scheint voller Selbstbetrug! Statt die Karten offen auf den Tisch zu legen, die Probleme offen und ehrlich anzusprechen, dominiert die hohe Kunst der Camouflage. Niemand möchte der Erste sein, der die Nebenfolgen, die immer heftiger zu Tage tretenden “Kollateralschäden” der Massenmigration offen benennt.

Uns endlich ehrlich machen

Hoffnung gibt es nur, wenn wir uns ehrlich machen, wenn wir endlich anfangen aus den Lehren der Migrationsgeschichte klare Konsequenzen zu ziehen und uns aus dem Elfenbeinturm unserer fast kindlich-naiv anmutenden Sicht auf die Dinge zu befreien. Wenn wir nicht wollen, dass das Thema immer weiter auf die radikalen Flügel abdriftet (“Multikulturalismus-Enthusiasten” gegen “Fremdenfeinde”), müssen die politisch Verantwortlichen das Ruder endlich rumreißen. Camouflage durch politisch korrekte Berichterstattung und das ständig wiederholte Hineintappen in die “Einzelfalle” bringen uns nicht weiter. Der Problemstau wächst und die politischen Fehlübungen an der Migrationsfront dauern schon zu lange. Handeln wir, bevor die Sache gänzlich aus dem Ruder läuft.

* Der Begriff “american credo” geht auf den schwedischen Sozialwissenschaftler und Ökonomen Gunnar Myrdal zurück und umschreibt die Integrationskraft des US-amerikanischen Erfolgsmodells auf der Basis einer “verpflichtenden politischen Weltanschauung”. Näheres hierzu auch in meinem Buch “Entfasziniert Euch” auf Seite 219ff.