Münzen, Noten, Plastikgeld

Eine der bedeutendsten Zäsuren der Menschheitsgeschichte war ohne Zweifel der Übergang vom Naturaltausch zum indirekten Tausch. Erst diese markante Transformation des Tauschmechanismus ermöglichte (Fern-)Handel und Arbeitsteilung in flächendeckender Form. Das Medium dieses säkularen Umbruchs war das Geld, das grundsätzlich gegen alles “eingetauscht” werden konnte und als universales Tauschmittel immer größere Handelsräume miteinander verband.  Abgesehen von einigen exotischen Vorläufern waren es seit der Antike vor allem metallische Kurantmünzen auf Gold- oder Silberbasis, die den frühen Geldkreislauf prägten. Gesichert durch ihren Eigenwert waren sie quasi mit dem Verlassen der Prägeanstalt immer gleich auch Wertaufbewahrungsmittel. Geld – so die jahrhundertlang gültige Norm – war damit nie allein Tauschmittel, sondern immer auch Wertanlage. Man konnte es horten, für schlechte Zeiten aufbewahren oder in der Neuzeit sogar zinsbringend “sparen”! – Wer auf unsere Gegenwart schaut und für kurze Zeit mal seine rosa Brille absetzt, merkt schnell, was sich hier in den letzten Jahrzehnten verändert hat und immer noch dabei ist sich rapide zu verändern.

Münzregal

Wer die dahinter liegenden Wandlungsprozesse verstehen will, muss sich von Beginn an klar machen, dass Geld jedweder Art und Provenienz zu allen Zeiten einer mehr oder weniger großen Werterosion unterlag. Selbst die “harten” Gold- oder Silbermünzen standen über Jahrhunderte hinweg unter dem Damoklesschwert der Münzverschlechterung. Die mit dem “Münzregal” (Königsrecht) ausgestatteten “Münzherren” griffen immer wieder zum Mittel der zumeist verdeckten “Geldschöpfung”. Der “Münzfuß” (Edelmetallgehalt)  wurde unter Beibehaltung des Nominalwerts abgesenkt, vor allem um “mehr Geld” für höfischen Luxus oder militärische Rüstung zu mobilisieren.

Geldwerterosion

In Folge dessen kam es im langfristigen Trend immer wieder zu drastischen Geldentwertungen, modern gesprochen zu Kaufkraftverlusten bzw. zu “Inflation”. Diese Geldwerterosionen  wiederum trafen vor allem den Normalbürger, der lange vor der Herausbildung moderner Staatswesen, im Kredit- und Wirtschaftskreislauf in der Regel als Nettogläubiger auftrat. Im Gegensatz zu den Nettoschuldnern aus den Bereichen öffentliche Hand und Unternehmen traf die Inflation vor allem die Sparer und Konsumenten, zum einen weil Spargutachten “inflationiert” wurden und zum anderen weil sich Waren des täglichen Bedarfs “verteuerten”. Insbesondere der Hof, später der Staat stand inflationären Prozessen durchaus offen gegenüber, weil sie latent die Chance boten, (Staats-)Schulden nicht über anstrengende Tilgung, sondern über Geldentwertung abzutragen.

Notenmonopole

Diese Mechanismen setzten sich mit der Einführung des “Papiergeldes” ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert in noch markanterer Form fort. An die Stelle der vielen feudalen Münzherren des Mittelalters und der frühen Neuzeit trat der Staat mit einem gesetzlich verankerten “Geld(ausgabe)monopol”. An die Stelle der Kurantmünzen traten die Banknoten, deren Eigenwert gegen Null tendierte und die ihre (reale) “Werthaltigkeit” allein aus einer Art staatlichen Garantieerklärung zogen. Es wurde staatlicherseits noch leichter aktiv zu inflationieren und noch einfacher den Geldwert nach den jeweiligen politischen Opportunitäten zu manipulieren. Grenzen gab es in der Regel nur dort, wo “Hyperinflation” die Tauschmittelfunktion des Geldes systematisch untergrub oder über die rapide Inflationierung eine Art “zweite Besteuerung” einsetzte, die am Ende – meist begleitet von massiven sozialen Verwerfungen – nur noch über eine schmerzhafte “Währungsreform” zu stoppen war.

Notenbanken

Ein wenig eingedämmt wurde diese oft fatale Prozeßkette erst durch das Erstarken der sog. “Notenbanken”, die in einem zweistufigen Bankensystem gesetzlich beauftragt wurden, Geldwertstabilität zu sichern. Dieses geldpolitische Korrektiv funktionierte über viele Jahrzehnte hinweg leidlich. Es gab zwar kriegs- und wirtschaftskrisenbedingt immer wieder schwere Rückschläge (Große Inflation Anfang der 1920er Jahre, Weltwirtschaftskrise 1929ff. etc.) gegen die vielfach auch die Notenbanken machtlos waren, aber die politische Aufgabenteilung mit der Zuständigkeit des Staates für die Fiskal- und Konjunkturpolitik und der Notenbank für die Geldpolitik wurde nach 1945 zur politisch-systemischen Grundnorm.

Blasenbildung und Staatsfinanzierung über die Notenpresse

Vollends ins Rutschen kam diese prinzipielle Aufgabenteilung erst als die Notenbanken – meist unter staatlichem Druck – anfingen sich auf dramatische Weise in der Konjunktur- und Wachstumspolitik zu engagieren. Statt als unabhängige Instanz den Geldwert zu stabilisieren und im Zweifel ein Gegengewicht zur expansiven Fiskalpolitik zu bilden, wurden im Zuge der jüngsten Finanzkrisen (Platzen der Dotcom-Blase im Jahre 2000; Weltfinanzkrise 2007/08) hemmungslos die Geldschleusen geöffnet. Die Leitzinsen wurden auf Null oder annähernd Null geprügelt, die Notenbanken engagierten sich aktiv in der Staatsfinanzierung und betätigten sich beinahe off limits in der Staats- und Bankenrettung.

Geldkanonen

Das Fatale ist, dass diese hemmungslose Politik des “Easy Money” immer mehr an ihre Grenzen kommt. Auf der abschüssigen Bahn sorgen zwar immer noch riesige “Geldkanonen” für eine immer dünner werdende (Geld-)Schneedecke, aber bei den dahinserbelnden Wirtschaftsakteuren schwindet zunehmend das Vertrauen in die Feuerkraft der Geldhaubitzen. Realwirtschaft und Geldillusion driften zunehmend auseinander und das überbordende fresh money verpufft in galoppierenden Vermögensinflationen an den Wertpapierbörsen und an den Immobilienmärkten.

Gefährliche Planspiele

Angesichts dieser Entwicklung und in Anbetracht der immer wirkungsloser werdenden Geld- und Kreditspritzen reifen in den (Noten-)Banktürmen immer obskurere Planspiele. Nachdem Geldschwemme, Nullzins und das Aufkaufen von Staatsschuldtiteln nicht mehr helfen, soll es nun dem Bargeld selbst an den Kragen gehen. Schon heute bunkern immer mehr Banken in ihren Tresoren gewaltige Bargeldmengen, vor allem um ihre Liquidität vor dem Negativzins der Notenbank zu schützen. Auf diese Weise kommt das Geld nicht in den Geldkreislauf und kann vermeintlich auch kein Wachstum erzeugen. Das Gleiche gilt – aus dem Blickwinkel der Notenbanken – für die Konsumenten. Auch hier wird Bargeld angesichts von Niedrigzins und Konjunktursorgen tendenziell nicht ausgegeben, sondern “zurückgelegt”.

Was liegt näher als den bockigen Wirtschaftssubjekten einfach das Bargeld zu entziehen und durch “Plastikgeld” zu ersetzen. Das Geld verliert auf diese Weise vollends seine wachstumsbremsende Wertaufbewahrungsfunktion und bietet in der Plastikversion (Kredit- und Debitkarten) zusätzlich noch den Vorteil, dass sämtliche Transaktionen – vor allem für Finanzbehörden – komplett rückverfolgbar werden. Verkauft wird die Sache als Komfortgewinn, als Krönung der barrierefreien Konsumgesellschaft und als ultimativer Eintritt in die Welt von “Easy Money” und “Easy Credit”.

Weg mit dem Bargeld

Um den Übergang zu  managen, werden z.B. vom IWF Modelle lanciert, die zunächst auf eine Art “Parallelgeld-System” hinauslaufen. Kredit- und Debitkarten werden zur Regel erklärt, zwei “Währungen” (Bargeld und Sichteinlagen) parallel geführt und das verbleibende Bargeld – gekoppelt an die Entwicklung der Negativzinsen – kontinuierlich abgewertet. So wird Bargeld systematisch unattraktiv gemacht und der Sog in Richtung Plastikgeld bzw. Bankeinlagen stetig gesteigert. Am Ende hat buchstäblich niemand mehr reales Geld “in der Tasche”, niemand mehr die Möglichkeit Geld außerhalb des Bankensystems zu halten und niemand mehr die Chance Transaktionen unbeaufsichtigt und autonom auszuführen.

Der Weg in die skizzierte Richtung scheint vorgezeichnet. (Hochsteuer-)Länder wie Schweden werden voraussichtlich schon Mitte des kommenden Jahrzehnts nur noch vollständig gläserne Staatsbürger dulden. Die EZB stellt den Druck des 500 €-Scheins ein und macht es für die Banken noch unattraktiver größere Bargeldmengen zu horten. Und immer neue Angebote für bargeldloses Zahlen via Smartphone führen dazu, dass immer weniger Menschen noch eigenes Geld in der Tasche haben.

Letzte Warnung

Wir protestieren gegen die Verdrängung der mexikanischen Schwanzlurche, engagieren uns vehement gegen die Bedrohung der Bechsteinfledermaus im Zusammenhang mit dem Bau eines Airbuswerks oder fesseln uns an Blaufichten, wenn der Bagger anrückt, aber wenns um unser Geld geht, bleiben wir passiv und lassen die Sache über uns ergehen. Angesichts der massiven Folgewirkungen der Bargeldabschaffung, eine gefährliche Passivität, die sich bitter rächen könnte.