Nie wieder deutsche Panzer vor Charkow

Noch ist es nicht soweit. Noch besteht die ehrliche Hoffnung, dass der Kelch an uns vorüber zieht.  Noch scheint es – trotz einer immer absurder werdenden Eskalationsdynamik – so etwas wie historisch-politische Einsicht vor allem in der Berliner Regierungszentrale zu geben. Was momentan jedoch im Kontext des Ukraine-Krieges ernsthaft Sorge bereitet, ist die Tatsache, dass das oben angedeutete Szenario (“Deutsche Panzer vor Charkow”) längst nicht mehr nur von ein paar Irrläufern am Rande der Medienlandschaft “durchgespielt” wird, sondern zwischenzeitlich wachsende Teile des politisch-medialen Mainstreams erreicht zu haben scheint.*

Was soll das? Sind wir irre geworden? Gut 70 Jahre Vergangenheitsbewältigung. Jahrzehntelange Erinnerungs- und Gedenkarbeit unter dem eisernen Motto “Nie wieder!”. Und nun: Zwar keine “Panther” oder “Tiger” wie 1943 und auch kein Feldmarschall von Manstein als Schlachtenlenker, aber ein starkes Aufgebot an deutschen “Mardern” soll es sein. Zwar auf jedem Fall mit übertünchtem “Balkenkreuz”** und natürlich mit ukrainischer Besatzung, aber erneut gegen “die Russen” und garantiert auf “historischem Boden”.

Um auch nur annähernd begreifen zu können, welch ein Desaster sich hier möglicherweise anbahnt, muss man sich nur kurz und ohne lange Umschweife in die kriegs-und nationalhistorisch durchaus tief bewanderten Köpfe  der russischen Bevölkerung hineindenken. Auch wenn es schon fast 80 Jahre her ist: die epischen Kämpfe zwischen der Wehrmacht und der Roten Armee um das ukrainische Charkow zwischen Februar und August 1943 füllen ganze Bibliotheken  russischer Erinnerungsliteratur.***

Gefährliche Assoziationen

Das historisch Besondere an den damaligen Schlachten war es, dass es den Deutschen trotz der verheerenden Niederlage von Stalingrad im Winter 1942/43 im darauffolgenden Frühjahr noch mal gelang am Südabschnitt der Ostfront die militärische Initiative zurückzugewinnen. Trotz unsäglicher Verluste konnte es die Rote Armee nicht verhindern, dass die Heeresgruppe Süd unter Erich von Manstein, das bereits aufgegebene Charkow wieder zurück eroberte, um die Stadt dann Monate später als Ausgangsbasis für die im Juli 1943 folgende Offensive in Richtung Kursker Bogen zu nutzen.

Damals tauchten auf dem Schlachtfeld erstmals in größerer Zahl neue deutsche Panzertypen auf, benannt nach gefräßigen Großkatzen. Ausgerüstet mit “Panthern” und “Tigern” haben damals vor allem die Panzerregimenter des neu geschaffenen SS-Panzerkorps den russischen T-34 das Fürchten gelehrt.

Wenn es also wahrhaftig so weit kommen sollte, dass die Bundeswehr Schützenpanzer vom Typ “Marder” an die ukrainische Front schicken sollte, sind historische Assoziationen auf Seiten der Russen kaum zu vermeiden. Das Schlachtfeld ist dasselbe, die Frontstellung ist dieselbe, das Material kommt erneut aus deutschen Rüstungsfabriken, nur die Sprache der Besatzungen ist eine andere.

Bilder im Kopf

Nun könnte man – trotz solcher Bilder im Kopf – zugegebenermaßen durchaus zu anderen Schlussfolgerungen kommen: Muss uns das historische Bauchgefühl russischer Soldaten beim Anblick deutschen Kriegsgeräts wirklich interessieren? Können wir den Ukrainern in ihrem Kampf gegen die russischen Invasoren die schweren Waffen tatsächlich vorenthalten? Müssen wir nicht einfach nur Erklärungen nachschieben, unter dem Motto: Diesmal kommen wir garantiert in bester Absicht.

Oder noch deutlicher: Im Grunde geht es doch gar nicht gegen euch persönlich. Es geht gegen Putin. Es geht um die Freiheit. Es geht um die Souveränität der Ukraine. Jede Verbindung mit historischen Ereignissen des vorigen Jahrhunderts – seien sie auch noch so furchtbar und einschneidend  – verbietet sich doch von Hause aus, oder?

Russische Wiederholungsängste

Wer glaubt, wir könnten unsere massive Waffen-Präsenz vor Ort wirklich mit komplizierten “Gebrauchsanweisungen” relativieren und wer glaubt, die russische Führung würde sich diese historisch-politische Steilvorlage als Anknüpfungspunkt für propagandistische Vorstösse entgehen lassen, täuscht sich gewaltig. Der Kreml versucht den Ukraine-Konflikt ohnehin zu einer Art “Großen Vaterländischen Krieg 3.0” hochzustilisieren und hat die  Karte mit dem großen “N” in der Mitte in diesem Konflikt bereits mehrfach ausgespielt. Er wird sie – wenn sich die Chance bietet – garantiert erneut auf den Tisch legen.

Das hat nur teilweise mit der momentan fast hermetischen Isolierung der russischen Bevölkerung an der Informationsfront zu tun. Erheblich wuchtiger wird hier die traumatische Kriegs-und Leidenserfahrung der Russen durchschlagen, die seit Jahrzehnten nachwirkt und beim Anblick deutscher Kriegswaffen reflexartig zuschnappen dürfte.

Deutscher Lernvorsprung

Wenn ausgerechnet wir Deutschen das nicht verstehen, was haben dann unsere Lehrer im Geschichtsunterricht eigentlich die ganzen Jahre gepredigt. War das alles nur Schall und Rauch? Sicher ist: Würden wir den traumatischen Erfahrungshorizont unserer ehemaligen Kriegsgegner bei der Entscheidung für die weitere Aufrüstung der ukrainischen Armee ausblenden, hätten wir wirklich nichts, aber auch gar nichts aus unserer eigenen jahrzehntelangen Erinnerungsarbeit gelernt.

Deutschland hat Europa zwischen 1939 und 1945 auf verheerende Weise mit Krieg überzogen. Hat ab September 1939 in Polen und ab Juni 1941 in Russland nicht mehr nur militärische Feldzüge geführt, sondern “Vernichtungskriege” in unvorstellbaren Ausmaß exekutiert. Deutsche Waffen haben tief in die Sowjetunion hinein “Verbrannte Erde” hinterlassen, geschätzt 27 Millionen Sowjetbürger, darunter fast 10 Millionen Soldaten, getötet und sich dabei als scharfkantige Pranken eines feldgrauen Ungeheuers tief in die Psyche eines ganzen Volkes eingegraben.

Nie wieder!

Wenn es in den letzten Jahrzehnten bei Gedenkveranstaltungen, bei Kundgebungen an historischer Stätte und natürlich im Geschichtsunterricht immer wieder hieß: Nie wieder!, dann musste natürlich – wie selbstverständlich neben dem alles überragenden “Holocaust” – immer auch das mörderische Desaster hinter den Frontlinien des “Unternehmens Barbarossa” mitgedacht werden. Beide Großverbrechen hängen unmittelbar zusammen und wer das jüdische Trauma ernst nimmt, sollte auch das russische Trauma ernst nehmen.

Also bitte – so sehr wir auch mit den Ukrainern mitleiden und so gerne wir ihnen Hilfe gewähren möchten – keine Lieferung deutscher Panzer an Kiew. Kein Export von schwerem deutschen Kriegsgerät auf dem am Vortag noch das Balkenkreuz prangte. Unsere eigene Geschichte, aber letztlich auch unser Selbsterhaltungswille, sollte uns schnellstmöglich von solch einer Idee abbringen.

Nie wieder deutsche Panzer vor Charkow und nie wieder an gleicher Stelle russische Soldaten im Sperrfeuer deutscher Maschinenkanonen. Noch haben wir es in der Hand. Wenn uns die Vollzugsmeldung in knallroten Lettern auf der Titelseite der Bild-Zeitung anspringt, ist es zu spät.

* Neben diversen Kommentatoren z.B. im Spiegel  und in der F.A.Z. und unzähligen, selbst ernannten, aber garantiert ungedienten “Militärexperten” auf Facebook und Twitter, sind es interessanterweise vor allem Politiker der “Grünen” – immerhin Regierungspartei – ,die die Lieferung von Mardern an die Ukraine fordern. Einen traurigen Höhepunkt bilden geradezu himmelschreiend ahnungslose Äußerungen des Grünen-Politikers Anton Hofreiter in der Sendung “Markus Lanz” vom 8.4.2022.

** Das sog. “Balkenkreuz” geht auf das Kreuzsymbol des “Deutschen Ordens” zurück und markierte als militärisches “Hoheits- und Erkennungszeichen” ab 1916 deutsches Kriegsgerät (Flugzeuge, Panzer etc.). Die Bundeswehr übernahm nach 1955 eine leicht abgewandelte Version der Wehrmachtskennung.

*** Mansteins Gegenangriff begann Anfang Februar 1943 mit dem Ziel zunächst die Offensivkraft der Roten Armee zu stoppen. Nach schweren Kämpfen konnten Einheiten des SS-Panzerkorps am 15. März Charkow zurückerobern und sich nördlich und östlich der Stadt festsetzen. Charkow wurde dabei zu 70% zerstört. Die Umgebung von Charkow bildete Anfang Juli 1943 die südliche Ausgangstellung für den Angriff auf den sog. Kursker Bogen (“Unternehmen Zitadelle”), der zur größten Panzerschlacht des 2. Weltkrieges führte. Nach dem Scheitern der deutschen Offensivaktionen fiel Charkow am 23. August 1943 endgültig zurück in sowjetische Hand. Vgl. hier u.a. “Schlacht bei Charkow” auf Wikipedia.