Out of Control

Wir kennen das aus dem Fernsehen und aus dem Internet: Raketenstart auf den Weltraumbahnhöfen von Cap Canaveral, Baikonur oder Kourou. Der Countdown wird heruntergezählt, der massige Raketenkörper hebt ab, schraubt sich in die Höhe und nimmt beschleunigt Fahrt auf. Manchmal – und wir haben die Bilder vom Space Shuttle “Columbia” aus dem Jahre 2003 noch vor Augen – scheitert der Kraftakt. Das Projektil kommt ins Stocken, gerät ins Trudeln und Sekunden später zerlegt sich das Fluggerät mit grellem Getöse in seine Bestandteile…!

Geld-Startrampe Euro-Tower

Dass es solche Startrampen und solche Raketen nicht nur in der Raumfahrt, sondern auch in anderen Lebensbereichen, so auch in der Politik, gibt, leuchtet ein. Die wahrscheinlich spektakulärste Rakete der jüngsten Vergangenheit ist die 2008 vom Euro-Tower in Frankfurt gestartete Geldrakete. Ein mehrstufiger Koloss, dessen Brennkammern nicht mit Kerosin, sondern mit riesigen Mengen flüssigen Geldes befeuert werden. Um das schwerfällige Gefährt auf Kurs zu halten, zünden die Masterminds in Ground Control am Mainufer immer neue Raketenstufen. Das Problem ist nur: Um den Vogel im Steigflug zu halten, muss die Treibstoffdosis jedesmal verdoppelt oder gar verdreifacht werden.

Notfallübungen auf dem Trockenen

Noch scheint genügend Sprit im Tank! Der Raketenschweif ist noch deutlich sichtbar! Aber bei genauerem Hinschauen zeigen sich erste, gravierende Verschleißerscheinungen. Kurze Aussetzer des Raketenmotors und immer mehr Notlagen, in denen die Jungs im Kontrollzentrum hektisch auf die blinkenden Knöpfe drücken und gegen das drohende Durchbrennen der Aggregate ankämpfen.  Vorsorglich haben die Supervisor bereits umfangreiche Notfallübungen angesetzt und kürzlich sogar erstmals den Super-Gau durchgespielt:

“Out of Control, Out of Control!”, hallt es durch den Äther. Die Instrumente spielen verrückt! Kommandos gehen wild durcheinander! Schweißperlen auf der Stirn!  Fahle Gesichter! “Gas weg!”, schreit der Supervisor. “Geht nicht!”, schallt es zurück, “laufen auf Volllast und haben die Bremsfallschirme bereits vor Monaten abgeworfen.” Dann ein letzter Versuch: Verbindungsaufnahme mit dem Steuerungszentrum im Raketenkopf. Die Leitung ist tot. Nur noch ohrenbetäubendes Quietschen und nervtötendes Rauschen im Hintergrund. Dann plötzlich ein lauter Knall! Kurze Stille! Und dann: Aus…!

Vollbremsung

Hey, komm! Übertreibs nicht! Ist das nicht Sci-Fi-Horrorshow, was Du uns da präsentierst? Ground Control im Frankfurter East End gibt momentan tatsächlich ein bißchen viel Gas. Aber daraus gleich nen lautes Drama zu machen, geht dann doch zu weit! Außerdem: Hast Du schon mal ne Rakete gesehen, die mitten im Flug ne Vollbremsung hinlegt? Das Ding braucht ständig Schub, sonst schmierts nach der nächsten Kurve einfach ab.

Vollbremsung? Wer will denn ne Vollbremsung? Ein bißchen weniger Doppelturbo wäre schon nen echter Fortschritt. Seit November 2019 läuft die Sache nämlich komplett aus dem Ruder: 650.000.000.- €  Nettokäufe im Rahmen des Anleihekaufprogramms der EZB – und das jeden Tag!  Diese Summe kommt tagtäglich auf die 2.500.000.000.000 Anleihe-Euronen aus den Vorjahren oben drauf. Und das fast ausschließlich zur leichtfüßigen “Entschärfung” der Schuldenbombe im Euroraum. Und ab jetzt sogar ohne erkennbares Limit.

Geldtreibstoff

Was vor wenigen Jahren noch unmöglich schien, ist mittlerweile graue Wirklichkeit: Die EZB ist volle Pulle in die Staatsfinanzierung eingestiegen und druckt in den Katakomben des Euro-Towers hemmungslos frisches Geld. Geld, das sofort und ungefiltert in die großen Brennkammern der Geldrakete gepumpt wird. Dabei ist es scheinbar völlig egal, ob der Geldtreibstoff noch Antriebspower generiert oder ob am Ende nur noch rußiger Rauch aus dem Auspuff quillt.

Noch irrer wirkt das hemmungslose Öffnen der Zins-Ventile! Die Zeiten, in denen Kredit- und Sparzins-Ventile von den Notenbanken über ihre Steuerungsinstrumente in einem soliden Gleichgewicht gehalten wurden, scheinen lange vorbei. Die Spar-Klappen werden künstlich verschlossen und die Kredit-Öffnungen werden so weit aufgerissen wie möglich. Nur raus mit dem Geld-Treibstoff. Egal wofür! Hauptsache ausreichend ölige Schmiermittel im Getriebe und Hauptsache Tag- und Nacht-Dauerbetrieb ohne Pause.

Hör nicht auf die Sparer

Und das Bodenpersonal? Was ist mit den Sparern, den Bürgern mit ihren Lebensversicherungen und ihrer ohnehin bescheidenen Altersvorsorge? – Längst egal! Zumindest für die am Gashebel. Wir brauchen jetzt den Schub! Nicht erst übermorgen. Was in 10 bis 15 Jahren ist – darum müssen sich andere kümmern. Du willst doch wegen ein paar Strafzinsen oder ein paar Millionen Kleinsparern, die fluchend am Wegesrand stehen, die Rakete nicht zum Absturz bringen? Das kann doch wohl nicht dein Ernst sein?

Ok! Sorry! Ich will ja, dass sie weiterfliegt, aber ist das was wir da machen, nicht Vabanque in Reinkultur? Als ich Kind war, hat Mama immer gesagt: Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not! Und sei kein Narr! Verjuble dein mühsam erarbeitetes Geld nicht am Automaten. Glückspiel auf dem Casino-Parkett ist was für Zocker. Bleib solide, ernähre dich redlich, sorg für deine Kinder vor und gib möglichst nur das Geld aus, was du hast.

Weltspartag is over

Au Backe!, rufen die Finanz-Gurus aus Frankfurt, New York und Tokio. Das ist doch von gestern. Omas Märchenstunde! Sparstrumpf-Rhetorik aus der Mottenkiste. Wer heute nicht zockt, fällt durch den Rost. Was früher für die Hasardeure am Spieltisch galt, gilt heute längst für uns alle: Gib Gummi! Die Bitcoins und die Junk Bonds warten mit Traumrenditen auf dich! Verpass nicht den Anschluss an die neue Zeit!

Hatte Nietzsche doch recht?

Mensch! Das hört sich ja an wie Weiland Friedrich Nietzsche? Von wegen: “Umwertung aller (bisherigen) Werte”? Werteverlust im vollen Wortsinne? Werterelativismus im Endstadium? Das kann doch nicht sein? Was bisher galt – Sparsamkeit, Solidität und die “Belohnung” (Sparzins) dafür -, gilt doch weiter, oder? – Pustekuchen! Schnee von gestern! Wer jetzt noch spart, wer jetzt noch vorsorgt, wird gnadenlos bestraft (Minuszins). Wer jetzt noch solide wirtschaftet, ist ein Narr, der die großen Spekulationskonjunkturen fahrlässig an sich vorüberziehen lässt.

Naja! Wenn das so ist! Ist es vielleicht doch besser im Zeitgeist-Geleitzug zu bleiben. Nietzsche hin, Nietzsche her! Was soll die vornehme Zurückhaltung. Wenn sogar “Volksbanken” und “Sparkassen” für meine bescheidenen Sparguthaben “Strafzinsen” nehmen und fast alle Medien weiter hemmungslos Beifall klatschen, dann hab ich mich wahrscheinlich – wie in vielen anderen Bereichen – einfach nicht schnell genug auf die neue Zeit eingestellt?

Symptomtherapeuten

Skeptisch macht mich nur die Tatsache, dass es so gut wie keinen verantwortlichen Politiker mehr gibt, der die Ursachen der irren Geldschwemme und die Folgen des gigantischen Raketenexperiments offen beim Namen nennt. Angeblich sind die Banken und Versicherungen schuld und im Zweifel noch die Miesmacher “von rechts”, die alles runterreden und sogar vor Kritik an der besten aller möglichen Welten nicht zurückschrecken. Das wundert mich echt! Und macht mich sogar ein bißchen böse, weil ich ja Steuern zahle, immer brav an der roten Ampel warte und meine Plastikflaschen vorschriftsmäßig entsorge. Da kann ich schon Ehrlichkeit erwarten, oder?

Weiter einlullen lassen

Au Mann! Jetzt wirds aber fordernd und sogar ein bißchen unbotmäßig. Deshalb hören wir lieber auf! Noch fliegt die Rakete. Zwar mit einem gigantischen ökonomisch-ökologischen Fußabdruck und mit Verbrauchswerten, die zum Himmel schreien. Und auch, wenn das Monster kaum noch Strecke macht und hinten fast nur noch heiße Luft zum Aufpumpen der Blasen an den Börsen und an den Immobilienmärkten rauskommt, ist das doch immer noch ne Meldung wert, oder?

Guckt einfach weiter “Börse vor Acht” in der ARD, eingeklemmt zwischen “Wetter vor Acht” und “Wetter nach Acht”. Anja Kohl und der “Von-wo-auch-immer-Sie-uns-zuschauen” erzählen uns im Zweifel auch dann noch das Märchen vom ewig verdauenden “Goldesel”, wenn das Kameralicht längst erloschen ist.

Austrudeln

Leider haben wir uns so an die Schwerelosigkeit gewöhnt, dass wir das Trudeln der Rakete wahrscheinlich als lustig-elegante “Trockenübung” von Madame Lagarde interpretieren werden. Neil Armstrong jedenfalls ist vor fast genau 50 Jahren mit der Raumkapsel von Apollo 11 noch sicher im Pazifik gelandet. Was von Draghis riesiger Saturnrakete nach dem großen Knall noch auf die Erde zurückkehrt, dürften allenfalls ein paar verkohlte Trümmerteile sein.