Overtourism

Urlaubszeit ist Reisezeit! Millionen und Abermillionen machen sich auf in die Ferne. Lange Autokaravanen ziehen gen Süden. Die Strände laufen über und in den großen Tourismusmetropolen drohen die Straßen und Plätze vor lauter Massenandrang  zu kollabieren. Laut “Spiegel” zählen die Fluggesellschaften in diesem Jahr erstmals mehr als 4 Milliarden Passagiere. Gut 1,2 Milliarden Menschen machen sich weltweit als Touristen auf den Weg. Und allein in diesem Sommer durchstreifen erneut über 200 Millionen Urlaubsreisende die Berge, Landschaften und Gestade Europas. Vor diesem Hintergrund kann es nicht überraschen, dass mittlerweile nicht nur Tourismusexperten, sondern vermehrt auch Politiker und Bürgerbewegte, z.B. aus Barcelona, Palma de Mallorca oder Venedig, das Thema “Overtourism” kritisch diskutieren. Übersteigen die Kosten des “Fremdenverkehrs” nicht längst dessen Nutzen? Haben wir beim Aufbau der Tourismusinfrastrukturen nicht von Anfang an das Wohl der Gastgeber aus den Augen verloren? Ist es an der Reisefront nicht längst 5 vor 12? Müssen wir der Übernutzung der Strände, Paläste, Kirchen und Museen, der Berge, Seen und Landschaften nicht endlich Einhalt gebieten?

Dichtestress

Wer schon einmal im Hochsommer durch die Lagunenstadt Venedig spaziert ist und plötzlich direkt am Markusplatz über den Köpfen von Tausenden von Touristen gegen die massive Bordwand eines riesigen Kreuzfahrtschiffes geschaut hat, ahnt wovon die Rede ist. Massentourismus bedeutet engste Tuchfühlung mit Hunderten von Menschen, die man nicht kennt und oft richtig viel Stress durch eine Enge, wie man sie ansonsten nur in vollgestopften U-Bahnen zur Rush-Hour erlebt.

Kratzen an der Oberfläche

Dennoch – wie so oft bei solchen Phänomenen – kratzen die Experten bei den Antworten auf die vielen offenen Fragen zumeist nur an der Oberfläche. Das heißt, die Antwortgeber beschäftigen sich fast ausschließlich mit den Symptomen, verschweigen aber geflissentlich die eigentlichen Hintergründe. So ist fast flächendeckend vom Heilmittel des “sanften Tourismus” die Rede. Es geht um Sperrzeiten für Vergnügungsviertel, um Zulassungssperren für neue Hotels und Ferienwohnungen und um airbnb-Verbotszonen. Sogar die Mautpflicht für Stadtrundgänge oder die Limitierung von Sangria-Eimern am Ballermann werden diskutiert.

Verwunderung über die Folgen

Was hier in der Regel fehlt, ist eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Phänomen der weltumspannenden Mobilität über die schlichte Symptombekämpfung hinaus. Das heißt, wir sehen die dichten Menschenmassen in den Abfertigungshallen der internationalen Flughäfen. Wir sehen die unzähligen Touri-Busse, die in Paris, London oder Barcelona an uns vorbeiziehen und wir registrieren die immer gigantischer werdenden Kreuzfahrtschiffe, die die Meyer-Werft in Papenburg “ausspuckt”. Wundern uns aber trotzdem über die Folgen des Booms!

Wir deregulieren den Flugverkehrsmarkt und öffnen damit den Reiseflugverkehr für “Billigflieger” aller Art. Wundern uns aber über Hundertausende von Wochenendtouristen, die zum Preis eines Nahverkehrstickets am Freitagnachmittag nicht an den Baggersee, sondern mit “Easy Jet” nach Barcelona touren. Und wenn dann plötzlich Ryanair-Piloten in den Streik treten, die es satt haben als Scheinselbständige für einen Hungerlohn Verantwortung für Hunderte von Fluggästen zu übernehmen, ist das Wehklagen über ausgefallene Verbindungen und Wartezeiten am Airport groß.

Das Unwort “Grenze”

Das grundlegende Problem in diesem Zusammenhang ist, dass es in diesem unübersichtlichen Getriebe kaum jemand gibt, der zu einer schonungslos offenen Analyse der wahren Problemursachen bereit wäre. Wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen gehen auch auf dem Felde des Tourismus die Warnlampen an, sobald das Wort “Grenze” ertönt. Reflexartig geht die Sirene an und gibt das Signal für eine ganze Kaskade von überwiegend leerlaufenden Symptombeschreibungen.

Überforderung durch Grenzenlosigkeit

Handelt es sich dabei nur um ein semantisches Problem? Meiden die Kritiker vielleicht nur das Wort Grenze, weil es irgendwie kontaminiert ist? Es scheint fast so! Denn obwohl in den einschlägigen Berichten und Reportagen fast ständig über Überfüllungsphänomene, Überforderungssymptome bei den Einheimischen und Verschleißerscheinungen bei den Infrastrukturen die Rede ist, taucht fast nirgendwo das Wort “Grenze” oder “Obergrenze” auf.

Politische Semantik

Ein wesentlicher Grund hierfür dürfte die Sorge sein, dass unvorsichtige Formulierungen auf diesem Sektor auf ein anderes wichtiges Themenfeld, nämlich die Migrationsdebatte, überschwappen könnten. Den Autoren wird beim Entwurf ihrer Texte sehr schnell deutlich, dass es zwischen beiden Phänomenen, nämlich dem massenhaften Eintreffen von Touristen und dem grenzenlosen Zuzug von Migranten vielfältige Parallelen gibt.

Hier mischt sich – wie in der Umweltdebatte – das Bemühen, die “Begrenzungsdebatte”* in den Bereichen Umwelt und Tourismus soweit wie möglich von der “Begrenzungsdebatte” im Bereich der Armutsmigration zu trennen. Es wäre fatal und politisch nicht hilfreich, wenn die Überforderungsphänomene im Bereich Umweltverbrauch oder auf dem Feld des Tourismus zu “negativen” Schlußfolgerungen im Zusammenhang mit der Migrationsdebatte führen. Schon allein deshalb achtet ein Großteil der Autoren peinlich darauf, das Begriffe wie “Grenze” oder “Obergrenze” vermieden werden.

Take back control

Trotz dieser semantischen Trennkost wird verantwortliche Politik – angesichts des immer weiter steigenden Stellenwerts der Urlaubsreise für immer breitere Schichten der Bevölkerung – mittelfristig nicht umhin kommen, sich dem Thema “Grenze” wieder intensiver zu widmen. Und zwar vollumfänglich, ohne ein politisch opportunes Verschleiern von Ursachen und ohne sematische Taschenspiele. Belastungsgrenzen zu ignorieren, obwohl sie einem tagtäglich regelrecht ins Auge springen und berechtigte Proteste von vornherein als moralische Unzulänglichkeit abzutun, erzeugt Polarisierung und Frustration.

Vernünftige Steuerung und Kontrolle ist nur dort möglich, wo Grenzen gezogen werden und wo diese Grenzen auch klar benannt und Grenzüberschreitungen auch klar sanktioniert werden. Wer nur dort steuert und reglementiert, wo es um die (Um-)Verteilung von Geld geht und dort auf Regulierung verzichtet, wo die gezielte Steuerung globaler Mobilität im Mittelpunkt steht, überfordert die betroffenen Gemeinwesen und nimmt die immer weiter voranschreitende Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts in Kauf.

* Auch an der Wiege der Umweltdebatte steht das Wort “Grenze”. Mit dem Bericht des Club of Rome über die “Grenzen des Wachstums” wurde Anfang der 70er Jahre eine umweltpolitische “Ressourcen-Begrenzungsdebatte” ausgelöst, die bis heute anhält.