Publizistischer Paternalismus

Was ist mediale Berichterstattung wert, die nicht mehr zwischen Information und Meinung unterscheidet? Kann man Medien, die zur Schonung des Publikums oder zur Vermeidung “falscher” Dissonanzen, wesentliche Teile der Wahrheit verschweigen, noch vertrauen? Was sind Nachrichtensendungen wert, die den Bürger nicht mehr informieren, sondern ihm eine “Haltung” vermitteln wollen? – Auf den ersten Blick alles Fragen aus der Welt der “Staatspresse” und des “Staatsrundfunks”. Russland, China, die Türkei! Ok! Aber hier bei uns? Was gehen uns solche Einwürfe in Deutschland an? Presse- und Meinungsfreiheit sind bei uns doch verfassungsrechtlich verankert. Wo ist die Zensurbehörde? Wo ist das staatliche Mediendiktat? Bei uns kann doch jeder denken, schreiben und sagen, was er will – oder?

Meinungsfreiheit?

Gut! Art. 5 des Grundgesetzes garantiert das Grundrecht aller Deutschen, “ihre Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten”. Deutlicher kann man es nicht formulieren. Dennoch scheint es in dieser Sache paradoxerweise ein wachsendes Unwohlsein zu geben. Laut einer aktuellen Allensbach-Umfrage glauben nur noch knapp 20 % (!) der Deutschen, man könne seine Meinung in der Öffentlichkeit frei äußern. Was ist da los? Haben wir uns nur in der Tür geirrt oder ist es angesichts der Komplexität der Probleme nicht tatsächlich besser, das Feld den Profis der “veröffentlichten Meinung” zu überlassen? Wissen Claus Kleber, Marietta Slomka, Heribert Prantl oder Margarete Stokowski nicht ohnehin viel besser, was gut für uns ist?

Falsche Meinungen

Wer aktuell in den Politikteilen der großen, überregionalen Zeitungen blättert oder gar öffentlich-rechtliche Talk-Runden bzw. Nachrichtenmagazine einschaltet, dem drängt sich die Antwort auf die obigen Fragen geradezu auf. Wer mit seiner “Privatmeinung” nicht auf peinliche Weise daneben liegen will, sollte unbedingt vorher seine medialen Vordenker konsultieren.

Die Zeiten, in denen man “Brüssel” kritisieren konnte, ohne als “Europafeind” tituliert zu werden, sind lange vorbei. Diejenigen, die die Durchsetzung von Law and Order oder gar “Grenzschutz” fordern, sollten sich vorher gut überlegen, was Sie sagen. Auch in der Geschlechterdebatte sollte man sich lieber nicht zu weit vorwagen, ohne sich vorher mit den Sprachregelungen des “Haltungsjournalisten” vertraut gemacht zu haben. Und beim Thema Islamkritik ist im Grunde sowieso nur der Moslem selbst sprachfähig oder in Ausnahmefällen noch der offziell bestallte Religionsexperte, der uns auch noch die mittelalterlichsten Blüten dieser Glaubensrichtung plausibel machen kann.

Orientierung in Zeiten von Fake News

Halt! Gemach! Geht das nicht zu weit? Das hört sich ja so an, als würden wir im Zeitalter des betreuten Denkens leben. Gerade in Zeiten, in denen soviel “Fake News” und soviel “falsche Meinungen” kursieren, sind wir doch auf die professionelle Einordnung des Geschehens und auf die Artikulation unmissverständlicher “Haltungen” geradezu angewiesen. Nehmen wir nur die Klima-Debatte! Durchblick bekommt nur der, der die Experten befragt. Die Klimatologen, die uns das menschengemachte Weltklima erklären und uns sagen, wann es zu spät ist, wenn wir nicht handeln. Also doch Cool down? Alles im Lot! SZ, TAZ, SPIEGEL, DIE ZEIT und vor allem ARD und ZDF wollen uns nur helfen, damit wir nicht irre werden, angesichts der Vielfalt der Probleme und in Anbetracht der Alternativlosigkeit der Lösungen.

Alternative Fragen

Wenn da nicht dieses merkwürdige Unwohlsein bliebe! Gibts wirklich für das Problem der Europäischen Einigung nur eine Option? Müssen wirklich alle Züge zur “finalité européenne” über den Brüsseler Hauptbahnhof fahren? Ist es im 21. Jahrhundert tatsächlich unmöglich Staatsgrenzen zu sichern? Ist die Kombination aus “Seenot-Rettung” und “Immigration nach Deutschland” wirklich alternativlos? Gibt es nicht doch nur zwei Geschlechter und warum ist es so schwer zu begreifen, dass in der Linguistik das grammatische Geschlecht nichts mit dem biologischen Geschlecht zu tun hat?

Haltungsjournalismus

Genau hier liegt das fundamentale Problem: Auf all diese Fragen gibt der einschlägige Haltungsjournalismus aktuell keinerlei Antworten mehr. Er hält im Grunde bereits die Fragen für überflüssig, weil er längst die eine, wahre Antwort kennt. Für denjenigen, der trotzdem fragt, hält er nur zwei Reaktionsmuster bereit: Entweder Empörung bzw. moralische Schelte oder aber Häme, neuerdings in der Regel verbunden mit dem Vorwurf des Rechtspopulismus. Die Folge ist eine dramatische Verengung der Diskurskanäle. Themenstellungen und Positionen, die vor wenigen Jahren noch Gegenstand offener Debatten waren oder in den Kolumnen der großen Tageszeitungen breit diskutiert wurden, werden heute als inakzeptable Verstösse gegen die Sprachhygiene gebrandmarkt oder gar in das Feld des Unsagbaren abgedrängt.

Stets für die gute Sache

Kann das gut gehen? Sind in einer pluralistischen Gesellschaft mit grundgesetzlich garantierter Meinungs- und Pressefreiheit Sprachtabus und strenge Diskursregulierung überhaupt legitimierbar? Was passiert, wenn Medien flächendeckend, statt ihrer kritischen Wächterfunktion zu genügen, kindliche Klima-Aktivisten in den Rang von “Leitfiguren” oder gar “Glaubenszeugen” erheben? Was geschieht, wenn Vertreter einer bestimmten Partei quasi zu Dauergästen von öffentlich-rechtlichen Talkrunden werden und dort selbst absurdeste Thesen aus Rücksicht auf die “gute Sache” nicht ernsthaft hinterfragt werden? Wie lange lassen sich Fragen nach den Folgen der Migration für die öffentliche Sicherheit oder nach den Folgen der ultralockeren Geldpolitik für die europäischen Volkswirtschaften noch als gefährliche Tabuthemen abtun?

Zurück zum friedlichen Wettstreit um die besten Antworten

Der publizistische Paternalismus einer stetig wachsenden Zahl von Medienvertretern nimmt besorgniserregende Dimensionen an. Statt kritische Distanz zum Objekt der Berichterstattung zu wahren, machen sich immer mehr Journalisten offen und ungerührt “mit der Sache gemein”.

Es ist höchste Zeit umzusteuern. Nur der freie, ergebnisoffene Diskurs garantiert gesellschaftlich breit abgestützte Konsenslösungen. Nicht die kontinuierliche Ausweitung der Kampfzone des Politisch Korrekten bringt uns voran, sondern die Rückkehr zum friedlichen Wettstreit um die besten Antworten, ohne Oberlehrer-Attitüden, ohne weiße Lügen und ohne dabei den Bürger schon beim ersten Händedruck “an die Hand zu nehmen”.