Raumvergessenheit

Wer kennt das nicht, dieses Gefühl der Freiheit und Ungebundenheit, dass einen beschleicht, wenn man hoch oben am Fenster eines Flugzeuges sitzt und tief unten die Berge und Täler, die Städte und Dörfer, die Flüsse und Seen und die Felder und Fluren im Zeitraffer vorbei ziehen sieht! Sichtbar nur als Relief oder als grau-grün, manchmal blau oder auch schmutzig-weiß schimmernde Flächen im Miniaturmaßstab. Es ist das Gefühl des scheinbar mühelosen “Überfliegens”, das uns so beeindruckt und das uns angesichts ständig wachsender Mobilität in der Luft, am Boden und zu Wasser in seinen Bann zieht. Eine wesentliche Begleiterscheinung dieser Mobilitätsrevolution ist das Entstehen immer neuer “Transiträume”, die nicht zum Verweilen errichtet werden, sondern allein zur Durchreise bestimmt sind. “Nicht-Orte” (Marc Augé), wie Flughäfen, Bahnhöfe, Ein- und Ausfallstraßen oder Supermarkt-Parkplätze, die sich zu bestimmten Uhrzeiten mit oft dicht gedrängten Menschenmassen füllen, um sich dann zyklisch – meistens in den späten Nachtstunden -wieder zu entleeren. Wir alle kennen diese Nicht-Orte, die wir meistens schnellen Schrittes oder eingehüllt in vierrädrige Kokons durcheilen, oft ohne ein einziges Mal nach links oder nach rechts geschaut zu haben.
Zuweilen noch unmittelbarer ereilt uns die besondere Stimmungs-und Gefühslage des “Überfliegens” bei der fortschreitenden Nutzung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien. Angesichts von Internet und “Cyber Space” scheinen alle traditionellen Distanzräume, die uns bisher wie selbstverständlich trennten, plötzlich regelrecht verdampft oder zumindest auf Mouseclick-Distanz verkürzt. Bisher unerreichbar scheinende Orte und Adressaten liegen plötzlich vor der Haustür und werden zu scheinbar frei verfügbaren Bestandteilen einer sprichwörtlich globalen Verständigungs- und Kommunikationszone.
Was geht da mit uns vor? Verlieren wir angesichts solcher Phänomene nicht unweigerlich das notwendige Gespür für die Wirkungs- und Ordnungsmacht von Räumen? Es scheint fast so! Denn wenn man dem renommierten Marburger Soziologen Markus Schroer Glauben schenken darf, dann haben nicht nur die Gesellschaftswissenschaftler, sondern weite Teile der westlichen Menschheitsfraktion das “Denken in Räumen” buchstäblich verlernt. Zeit- und Bewegungsmetaphern beherrschen unsere Sprache. Seßhaftigkeit, (spießige) “Häuslichkeit” und alle Formen von Grenzen werden negativ konnotiert und gegen ein fortschrittliches “In-Fluß-Sein” und gegen eine schier allumfassende Flexibilität kontrastiert. Vor wenigen Jahren noch hätte praktiziertes Reise- oder Arbeitsnomadentum Ablehnung und Widerwillen hervorgerufen. Heute sind die Jet-Seter, die die VIP-Lounges der Flughäfen und die Business-Class-Sitze der Airliner bevölkern, beneidete Protagonisten einer neuen globalen Mobilitätselite.
Nun könnte man sich halb zufrieden, halb resigniert zurücklehnen und sagen: Das ist der Zug der Zeit. Das unveränderbare Signet des globalen Zeialters. – Doch wer so denkt, macht es sich zu leicht! Denn selbst in der viel beschworenen Postmoderne sind Räume und die sie einfriedenden Grenzen unverzichtbare Ordnungsfaktoren zum Erhalt von Zusammenhalt. Man braucht nur auf die großen politischen Ordnungssysteme der Gegenwart zu schauen, die nach wie vor – entgegen anderslautender Gerüchte – nationalstaatlich organisiert sind. Die Nationalstaaten bilden gleichzeitig auch die “Sozialstaaten”. Rente, Arbeitslosenunterstützung und Gesundheitsversorgung werden von nationalstaatlich verfassten Gesellschaftssystemen garantiert und wer sie unkontrolliert öffnet, riskiert ihren Fortbestand. Auch das öffentliche Gut “Sicherheit” wird über nationalstaatliche Strukturen bereit gestellt. Wer nationalstaatliche Grenzen unkontrolliert öffnet, schafft reale Unsicherheit und muss Zäune um “Oktoberfeste” bauen und Privathäuser mit Alarmanlagen und Bewegungsmeldern sichern.
Grenzen, so die Grunderkenntnis, verschwinden nicht, sie verschieben sich nur! Und auch Anfang des 21. Jahrhunderts muss Politik dafür sorgen, dass die “Autorität von Demarkationslinien” (Markus Schroer) und der rechts- und sozialstaatlich bedingte Schutz von politischen Räumen erhalten bleibt. Das ist kein Plädoyer für den abgeschotteten “Container-Staat” früherer Zeiten, aber eine deutliche Akzentsetzung gegen eine leichtfertige “Raumvergessenheit”. Das “Überfliegen” bleibt ein Privileg des Luftverkehrs, eignet sich aber nicht zur Ausgestaltung menschengemachter Ordnungssysteme.

Noch ein Literaturtip: Markus Schroer: Räume, Orte, Grenzen. Auf dem Weg zu einer Soziologie des Raums, Frankfurt/M., 5. Aufl. 2016