Reisen in Zeiten der Pandemie

Wer in diesen Wochen als Urlauber durch Europa reist und wachen Auges durch die Straßen und über die Plätze der Städte, Dörfer und Weiler läuft, wird von einer merkwürdig ambivalenten Grundstimmung erfasst. Einerseits erscheint alles wie immer: Die markanten Gebäude erstrahlen im gleichen Licht wie in den Jahren zuvor. Der Dogenpalast wacht wie eh und je über der Piazetta, der Gardasee liegt wie gewohnt im sonnigen Dunst und die Wiener Ringstraße scheint nichts von ihrem majestätischen Glanz verloren zu haben. Andererseits – ebenso unübersehbar – fehlen die Menschen auf den großen Sichtachsen. Unzählige geschlossene Restaurants, verwaiste Bahnhöfe, vergitterte Schaufenster und gähnend leere Auslagen. Plätze, die alljährlich zu dieser Zeit vor Besuchern regelrecht überquellen, sind beinahe menschenleer. Und wenn man hinter der nächsten Kurve doch jemandem begegnet, fällt der Blick auf maskierte Gesichter, die oftmals nur rasch vorbeihuschen und sogar den üblichen Blickkontakt meiden.

Zunächst beruhigt man sich noch damit, dass es sich ja um besondere Zeiten handelt, in denen wir leben, und dass es doch nur richtig sein kann, im aktuellen Ausnahmezustand, das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben soweit wie möglich herunterzufahren. Zu Hause bleiben in den eigenen vier Wänden, mal wieder ein Buch lesen, Fernsehen schauen und einfach geduldig abwarten bis Entwarnung kommt. Sind wir in den zurückliegenden Jahren nicht ohnehin viel zu viel gereist, haben wir nicht allesamt deutlich über den Bedarf touristisch konsumiert? Wäre das, was wir aktuell erleben, nicht ohnehin bald notwendig geworden: Verzicht und Wirtschaften ohne umweltzerstörerisches Wachstum?

Unterschiedliche Betroffenheiten

Was aber passiert, wenn das öffentlich propagierte und vielfach untermauerte Gebot zum “Abwarten bis der Impfstoff da ist” doch nur eine Option für Minderheiten ist? Was ist mit den vielen Gastronomen, Cafe- und Barbesitzern, den unzähligen Einzelhändlern hinter ihren vergitterten Schaufenstern? Was ist mit den Tausenden und Abertausenden von Servicekräften in den kaum halbbesetzten Hotels und Pensionen? Können die auch abwarten? Wie ist das im Winter 2020/21 oder im Sommer 2021? Kommen dann diejenigen, die diesen Sommer zu Hause geblieben sind, einfach zurück?

Verblüffenderweise – und das zeigen die Gespräche mit den akut Betroffenen – weitet sich deren Blick auf die Lage längst in Richtung auf das Phänomen der “Affektpandemie”. Auch sie hören und lesen ständig vom “Virus”, von der “Epidemie”, der “Infektionswelle”. Auch in ihren Köpfen hat der Gedanke an das Erkrankungsrisiko einen festen Platz. Viel weiter als ihre Gäste bzw. Kunden sind sie aber in der Erkenntnis, dass die virale Pandemie immer stärker von einer Art “informationellen Pandemie” überlagert wird, die auch in der Phase der Endemie lange nachwirken dürfte.

Mediale Infektion

An keiner Stelle läßt sich die mediale, sprich sekundäre “Infektion” mit dem Corona-Virus aktuell besser studieren, als in den Hotspots des europäischen Tourismus. Hier wird deutlicher als andernorts, dass der Gebrauch von Begriffen wie “Infektion” und “Epidemie” in der Geschichte der seuchengeplagten Menschheit viel älter ist, als die Entdeckung der krankmachenden Mikroben selbst. Oder anders: Die genannten Begriffe stehen in ihrem Ursprung nicht für die Krankheitsübertragung, sondern für die Affektübertragung, die auch dann noch dynamisch weiterwirkt, wenn das Virus längst seine tödliche Wirkung verloren hat.

Doppelte Pandemie

Hinzu kommt die Tatsache – und das erspüren die Gastgeber in den Zielgebieten des Tourismus wie empfindliche Seismographen – dass in der aktuellen Coronapandemie, im Gegensatz zu allen vorangegangenen Pandemien, die mikrobische und die informationelle Pandemie erstmals vollständig synchron auftreten. Das heißt, Waren, Personen, Mikroben und Informationen bewegen sich nicht – wie in früheren Jahrhunderten – nacheinander in unterschiedlichem Tempo, sondern alle gleich schnell um den Globus – mit ungeheuren psychodynamischen Wirkungen auf die betroffenen Populationen.

Gesundschrumpfen als Option?

Wer täglich ins Internet schaut, regelmäßig seine Tageszeitung aufschlägt oder sich in den sozialen Netzwerken tummelt, überlegt sich zweimal, ob er wirklich reisen soll oder nicht doch zu Hause bleibt. Wenig ermutigend sind dabei auch die Reaktionen mancher Nachbarn oder mancher “Freunde” im Netz: “Was? Du fährst in Urlaub? Du bist in Italien? Ist das nicht “Risikogebiet”? Und außerdem: Sonnige Urlaubsbilder aus dem Ausland in Zeiten der Seuche? Hätte der Vorgarten da nicht allemal gereicht?”

Wenn da nicht die Langzeitfolgen für die betroffenen Hauptreisegebiete wären! Und wenn da nicht der Widerspruch zwischen der europäischen Solidarität und dem strikten Gebot des Zuhausebleibens wäre!  Dennoch nochmals: Ist das nicht die ideale Gelegenheit völlig überlaufene Urlaubsinseln wie Mallorca “gesundzuschrumpfen”? Hätten wir das Problem des “Overtourism” nicht längst aktiver angehen müssen? Bringt uns Corona nicht endlich den lang ersehnten “sanften Tourismus”?

Wenn da nicht die vielen menschlichen Existenzen wären, die am Tourismus hängen. Wenns da nicht ganze Regionen gäbe, die ohne die Urlauber aus dem Norden regelrecht “austrocknen” würden?  Wer Oberitalien, Südfrankreich oder Katalonien bereist, spürt unmittelbar, dass tourismuszentrierte Volkswirtschaften, die in ihrem Kern von Einzelunternehmern, Selbstständigen und Kleingewerbetreibenden leben, ohne den Menschenstrom aus “Alemania” selbst mittelfristig nicht überleben könnten – auch dann nicht, wenn es gelänge, die EU-Fördergelder dauerhaft zu verdoppeln.

Vertrauen als Krisenwährung

Staatliche Hilfsprogramme – das dürfte jedem einleuchten – können besonders gebeutelte Ökonomien, wie die italienische, die spanische oder die französische, einige Zeit vor allzu großen Einbrüchen bewahren und zudem an manchen Stellen auch akute Not lindern. Nachhaltige Erholung dürfte sich jedoch erst einstellen, wenn die gewaltige, medial getragene “Angstwelle” signifikant abebbt. Solange die virale und die informationelle Pandemie synchron rollen und solange sich neben den handfesten Zahlen nicht auch die sozialpsychologischen Parameter grundlegend verbessern, ist keine wirkliche Gesundung in Sicht.

Mutige Gastgeber

Hoffnung macht der Mut und der ungebremste Initiativgeist vieler Menschen im mediterranen Süden. Sie sind nicht nur Seismographen für die Sorgen und Ängste ihrer Gäste, sondern auch auf phänomenale Weise bemüht, den Aufenthalt, trotz aller behördlichen Einschränkungen, so normal wie möglich zu gestalten.

So wächst zwar seit Wochen die Zahl der Insolvenzen, Betriebsschließungen und Geschäftsaufgaben in immer schnellerem Tempo, aber zumindest bei denen, die noch da sind, spüren wir in fast jedem Gespräch einen unglaublichen Überlebenswillen – eine Kraft, die auch unter schwersten Bedingungen, niemals erlahmt. Wünschen wir ihnen und uns, dass sie auch im nächsten Jahr noch unsere Gastgeber sein können.