Russische Erde

17 Millionen Quadratkilometer, verteilt auf zwei Kontinente! 11 Zeitzonen in der West-Ost-Achse und alle relevanten Klimazonen zwischen Arktis und Wüste entlang der Nord-Süd-Achse! Eine Supermacht auf dem Weg ins 21. Jahrhundert? Oder doch nur ein tönerner Koloss im Zustand einer halborientalischen Autokratie? Ein Öl- und Gas-Scheichtum auf dem Sprung in die Moderne oder doch nur ein rückständiges Schwellenland unverdient gesegnet mit einer Fülle von Naturschätzen? Die politischen und gesellschaftlichen Widersprüche unseres großen Nachbarn im Osten könnten kaum größer sein. Ökonomisch steht die Russische Föderation ganz im Bann volatiler Rohstoffkonjunkturen. – Wie stehts um den russischen Patienten? Was verbirgt sich hinter den Mauern des Kreml? Wird Russland jemals ein normaler “westlicher” Staat?

Das doppelte Erbe

Wer Russland auch nur ansatzweise verstehen will, muss bereit sein, wie eine Archäologe, Schicht für Schicht russischer Erde freizulegen. Fündig wird man – was die historischen Wurzeln angeht – erst ganz tief im Erdreich. Und zwar nicht im alten Herzland des Moskauer Großfürstentums, sondern fernab in südlicher Richtung – am Bosporus. Beide Grundpfeiler der russischen Staatlichkeit, nämlich die Religion und das Herrschaftssystem, haben ihre Ursprünge im antiken Byzanz. Von hier aus wurden die Ostslawen im 9. und 10. nachchristlichen Jahrhundert missioniert und zum christlich-orthodoxen Bekenntnis bekehrt. Und exakt von hier aus ging rund fünf Jahrhunderte später auch das Erbe der byzantinischen Cäsaren auf die russischen Zaren über. Wer heute – noch einmal ein halbes Jahrtausend später – offenen Auges über den Kreml im Zentrum der russischen Hauptstadt läuft, spürt dieses doppelte Erbe immer noch hautnah. Mächtige einschüchternde Palastanlagen neben prächtigen orthodoxen Kathedralen. Herrschafts- und Überwältigungsarchitektur in Reinkultur. Gebaut um “Cäsaren” zu beherbergen, Untertanen zu überwältigen und tiefsitzende Gläubigkeit zu zelebrieren.

Iwan der Große versus Federazija-Building

Doch halt! Hat das moderne Russland diese antik-mittelalterlichen Wurzeln nicht längst hinter sich gelassen? Haben 70 Jahre real existierender Sozialismus nicht gründlich mit dem alten Russland aufgeräumt? Steht der Kreml und das damit verbundene historische Erbe nicht längst im Schatten der riesigen glänzenden Hochhaustürme von Moskwa City? Was ist der rd. 80 Meter hohe “Iwan der Große” auf dem Kremlberg gegen den 374 Meter hohen Wostok-Tower des Federazija-Buildings?

Ein Land in der Transformation

Wahrhaftig! 70 Jahre kommunistische Gewaltherrschaft und nunmehr fast 30 Jahre kapitalistische Transformation haben ihre tiefen Spuren hinterlassen. Nicht nur in der urbanen Topographie (“die sieben Schwestern” neben der Hochhaussilhouette von Moskwa City), sondern auf spürbare Weise auch in der Psyche des russischen Volkes. Wer über die Twerskaja in Moskaus Innenstadt oder den Newskij-Prospekt in St. Petersburg flaniert, dem springt der Siegeszug des westlichen Konsumkapitalismus regelrecht ins Auge. Konsumtempel neben Fastfood-Restaurant und überall westliche Marken – teuer und trotzdem sichtlich begehrt.

Das alles immer noch merkwürdig gepaart mit Relikten des real existierenden Sozialismus. Triste Plattenbauten in den Vorstädten soweit das Auge reicht, Hammer und Sichel-Enbleme auf unzähligen Hausfassaden und mitten auf dem Roten Platz, im Herzen der Hauptstadt, immer noch der aufgedunsene Leichnam des Revolutionsführers in seinem steinernen Mausoleum, so als wolle der alte Lenin einfach nicht sterben und weiter wiedergängerisch durch die nächtlichen Gassen Moskaus streifen.

Ex okzidente lux

In Deutschland haben wir gelernt, den Weg in die Moderne mit dem Begriff der “Verwestlichung” zu umschreiben. Dahinter steckt die bis in die frühe Neuzeit zurückreichende Vorstellung, dass das zukunftsweisende Licht nicht wie in der christlichen Überlieferung fixiert, aus dem Osten (“ex oriente lux”), sondern aus dem Westen zu uns kommt. Wer Demokratie und Rechtsstaat will, die Sonne des Marktliberalismus hell aufscheinen lassen will und gesellschaftlich oder was die schnell wechselnden Modetrends anbetrifft state of the art sein will, der muss nach Westen schauen.

Westlertum gegen Slawophilie

Genau dieser Blick nach Westen war für Russland immer ambivalent. Nicht weil man in Moskau oder St. Petersburg an chronischer Kurzsichtigkeit oder altersbedingt an grauem Star leiden würde, sondern weil die russische Psyche – wie oben angedeutet – historisch-kulturell mindestens seit Peter dem Großen unablässig von einer ambivalenten Janusköpfigkeit geprägt war. Die rabiate Modernisierungsdiktatur des Reformzaren Ende des 17./Anfang des 18. Jahrhunderts und die Widerstände der orthodoxen Kirche und der altrussischen Bojaren gegen diese “Revolution von oben” sind hier ebenso zu nennen, wie die hartnäckigen Auseinandersetzungen zwischen “Westlern” und “Slawophilen” im 19. Jahrhundert. Russland kommt – kurz gesagt – von seiner östlichen Perspektive einfach nicht los und wird auch im 21. Jahrhundert den alten Spagat zwischen Westorientierung und historisch-kultureller Ostbindung aushalten müssen.

Den Zwiespalt aushalten

Dass es uns schwer fällt, das zu verstehen, liegt auf der Hand. Unsere Freude darüber, vermeintlich endlich selbst alle Gespenster der anti-modernistischen Vergangenheit abgestreift zu haben, verstellt uns den Blick für diese Art von politisch-historischer Zwiespältigkeit. Obwohl wir Russland mittlerweile wieder intensiv bereisen und uns landauf und landab an seinem prächtigen kulturellen Erbe ergötzen, bleibt uns die russische Identität immer noch weitgehend verschlossen. Wir ahnen, dass hier tiefsitzende Traditionen und vielfältige Überlieferungen immer noch fest in historischem Boden keimen und dass andererseits offensichtlich viel Neues nach vorne drängt, bringen aber partout die beiden Enden der gegensätzlichen Welten nicht zusammen.

Flucht in die Personalisierung

Wie immer, wenn das große Kollektiv allzu rätselhaft bleibt, beginnt die Personalisierung. Der tausendfach kommentierte und multiplizierte Fall Putin ist so eine Personalisierung. Wer deutsche Zeitungen aufschlägt oder  z.B. die Öffentlich-Rechtlichen Medien konsultiert, muss den Eindruck gewinnen, als bestände Russland aktuell nur aus einer einzigen Person. Mittlerweile medial zu einem halborientalischen Autokraten aufgeblasen, steht er merkwürdig verzerrt vor uns. Sinnbild für ein fehlgeleitetes System aus politischer Repression und staatskapitalistischem Nepotismus. Eine Negativfolie, die uns davor schützt näher hinschauen zu müssen. Ein Zerrbild, das uns dabei hilft, alte, überkommene Feindbilder vom dunklem Osten zu reanimieren.

Genau hier liegt das Problem! Die eigentlich unübersehbare Ambivalenz des russischen Erbes und der russischen Gegenwart wird zu einem holzschnittartigen “Gegenentwurf” zum westlichen Lebens- und Politikmodell verengt. Wir schauen drauf, fangen an zu analysieren, hören dann aber abrupt auf und fallen zurück in alte Stereotypen.

Mehr Verständnis für die Widersprüche

Wer Russland wirklich verstehen will, muss tiefer graben und die alten Feindbild-Zöpfe endlich abschneiden. Nicht um unkritisch über Menschenrechtsverletzungen hinwegzusehen oder apologetisch politische und religiös-orthodoxe Autokratismen zu relativieren, sondern um nach der gescheiterten Aussöhnung der 90er Jahre endlich erfolgreich für gegenseitiges Verständnis und gegenseitigen Respekt werben zu können. Russland bleibt unser größter Nachbar und mit Nachbarn – auch wenn sie einem noch immer fremd sind – lebt sichs besser im gegenseitigen Einvernehmen und im Bewußtsein unaufhebbarer Widersprüche.