Schwere Waffen

Noch vor gut zwei Monaten hätte wahrscheinlich jeder von uns, auf die Frage, was denn die größte Geißel der Menschheit sei, reflexartig die Virus-Pandemie genannt. Seit dem 24. Februar ist das Virus wie vom Erdboden verschluckt und der Krieg als zweite große Menschheitsplage mit Wucht auf die Bühne zurückgekehrt. Die Geschütze und die Maschinenkanonen hemmern Tag und Nacht aus der Ostukraine zu uns herüber und werden tausendfach in medialen Echokammern multipliziert.

Was passiert da gerade? Stehen wir vor dem ganz großen Crash? Eignen sich unsere politischen Reaktionsmuster, mit denen wir in den letzten – sagen wir – anderthalb Jahrzehnten auf innere und äußere Krisen reagiert haben, eigentlich noch aus, um das lodernde Feuer zu löschen?  Oder konkreter: Ist die massenhafte Lieferung von “schweren Waffen” wirklich das richtige Instrument, um den Ukraine-Konflikt zu beenden?

Wenn wir uns in unserem Land in den letzten Jahren an etwas gewöhnt haben, dann an große politische Wendemanöver. Der Weg des Euro vom Stabilitätsanker zum Billiggeld war kurz, zunächst fast lautlos, mittlerweile aber alles andere als schmerzlos. Mittlerweile nagt die horrende Geldentwertung Tag und Nacht an den Sparbüchern und Portemonnaies des Mittelstandes. Ähnlich abrupt kamen uns die Atomkraftwerke abhanden. Erst als “Zukunftstechnologie” gefeiert, dann als Auslaufmodelle Schritt für Schritt eingemottet. Gar nicht zu reden, vom Umgang mit unseren Grundrechten. Jahrzehntelang als Wesens- und Identifikationskern unserer Republik (“Verfassungspatriotismus”) gepflegt, dann aber fast schlagartig  von heute auf morgen per Verordnung unter “Pandemievorbehalt” gestellt.

Und jetzt soll es zu allem Überfluss auch noch eine “Zeitenwende” in der Außen- und Sicherheitspolitik geben. Waren Waffenexporte in Kriegs- bzw. Krisengebiete bis zum 24. Februar diesen Jahres nicht ein absolutes No go? Nun verkauft man uns das genaue Gegenteil: “Frieden schaffen mit immer tödlicheren Waffen!” Ist das nicht verrückt?

Versuchen wir eine Annäherung an die komplizierte Problemlage über ein Gespräch. Nutzen wir das Dialogformat, um dem Problemgeflecht auf die Spur zu kommen.

Lehnen sie sich zurück, entspannen sie sich und stellen Sie sich einen etwas schummrig erleuchteten Raum mit Gummibäumen, Europakarte und Besprechungstisch vor. Ein Bundestagsabgeordneter empfängt einen zugegebenermaßen etwas kritisch dreinschauenden Bürger zur “Bürgersprechstunde”. Thema ist der Ukraine-Krieg und seine Folgen. Los gehts mit einer durchaus provokanten Bürgerfrage:

B: Herr Abgeordneter, meinen sie wirklich, dass mehr Waffen auch mehr Frieden bringen. Waren sie nicht früher ein überzeugter Friedenskämpfer? Ostermärsche und so? Wo ist ihre Überzeugung geblieben?

A: Großes Missverständnis, junger Mann. Meine Fraktion und ich passen sich nur der neuen, veränderten Realität an. Von einem Kurswechsel oder gar von einem Gesinnungswandel kann überhaupt keine Rede sein. Unsere handlungsleitende Gesinnung ist unverändert makellos. Wir müssen die Ukrainer in ihrem gerechten Krieg  gegen den Aggressor unterstützen und unseren Kiewer Freunden schnellstmöglich das nötige militärische Werkzeug an die Hand geben.

B: Aber Herr Abgeordneter, Einspruch: Gab es jemals Kriege bzw. militärische Konflikte, die durch massenhafte Waffenlieferungen beendet werden konnten? Sind immer tödlichere Waffen wirklich das richtige Rezept, um die Kriegsfurie zu stoppen?

A: Falsche Fragen, mein Freund. Wer jetzt nicht handelt, lässt die Verteidiger hilflos im russischen Geschossregen stehen. Die vielen Bedenkenträger und Sofa-Pazifisten sollten mal nach Mariupol fahren, dann wird ihn hoffentlich ein Licht aufgehen.

Und nochmal: Gewissensbisse müssen die haben, die nicht bereit sind schwere Waffen zu liefern. Im Kern ist es doch genauso wie bei der Euro-Rettung, der Klima-Rettung und der kollektiven Impfung? Die Putinversteher werden genauso wie damals die Europafeinde, die Klimaleugner oder die Coronaleugner merken, dass es nur diesen einen alternativlosen Weg gibt.

Und Gott sei Dank, haben wir das Lavieren im Graubereich auch in den vergangenen Jahren immer unterbunden und dabei konsequent das Richtige getan. Haben sie jemals in öffentlich-rechtlichen Talk-Runden oder in den Nachrichtensendungen von ARD und ZDF andere Sichtweisen dazu gehört. Das war immer eindeutig und unmissverständlich.

B: Könnte das auch an der Zusammensetzung der Talk-Runden und der öffentlichen Podien gelegen haben?  Wer immer die gleichen Leute befragt, bekommt immer die gleichen Antworten.
Was mich an den jüngsten Debatten vor allem irritiert hat, war, dass plötzlich viele ehemalige Friedenskämpfer vor laufender Kamera über Nacht zu Panzerkommandanten mutierten. Das war komplett surreal und nahm teilweise die Form einer merkwürdigen Farce an. Überzeugte Wehrdienstverweigerer, die ihren Kindern aus Gründen der political correctness noch nicht mal eine Wasserpistole zum Geburtstag schenken, erklären einem plötzlich in öffentlich-rechtlichen Talkrunden den effektiven Gebrauch von Scharfschützengewehren. Hat sie das nicht auch irritiert? Es waren vor allem auch ihre Fraktionskollegen, die sich da besonders hervortaten.

A: Tut mir leid, junger Mann. Wieder der falsche Zugang zur Sache! Nehmen wir nur Toni Hofreiter. Er hat sich im Gegensatz zu den ganzen “Zauderern” und “Zögerern”einfach mal schlau gemacht und nachdem er aus Proporzgründen nicht Minister wurde, endlich ein Feld gefunden, dass seinen Neigungen und Fähigkeiten entspricht. Und noch mal: Nicht wir haben uns verändert, die Wirklichkeit hat sich gewandelt. Unsere Gesinnung ist immer noch die alte! Neu ist nur die kriegerische Realität, auf die wir reagieren müssen.

Und, mein Lieber,  wenn sie das alles nicht begreifen, dann schauen sie sich doch einfach um:  Alle NATO-Partner gehen de facto den gleichen Weg. Die US-Amerikaner geben den Takt vor und spätestens beim großen Kriegsrat von Ramstein am 26. April hätte Deutschland ohnehin Farbe bekennen müssen. Die Zusage für die Lieferung von Gepard-Flakpanzern an die Ukraine war überfällig und schlichtweg alternativlos.

B: Entschuldigung, Herr Abgeordneter. Ich war selbst Soldat und kenne mich ein bißchen aus mit den verschiedenen Panzertypen. Hand aufs Herz!: Was sollen die Ukrainer mit sanierungsbedürftigen Panzer-Ungetümen, die seit rund 10 Jahren auf einem Freigelände der Firma Krauss-Maffei-Wegmann vor sich hinrosten. Es wird Wochen dauern bis die Panzer, vor allem bis die komplexe Bordelektronik, wieder leidlich funktioniert. Zudem galt das Gefährt schon als es noch in der Bundeswehr zum Einsatz kam, als hochkompliziert und störanfällig – sowohl was die Handhabung als auch was die Instandsetzung angeht.

A: Passen sie mal auf und klammern sie sich nicht an diese 50 Panzer-Oldtimer. Das Ganze ist definitiv erst der Anfang. Bei den nächsten Lieferungen werden wir mächtig nachlegen. Bereits letzte Woche haben wir mit unseren amerikanischen Freunden vereinbart, baldmöglichst einen  Schwung Panzerhaubitzen 2000 und später dann auch moderne Leopard II hinterher zu schicken. Die Ausbildung ukrainischer Panzerbesatzungen auf deutschem Boden ist bereits fest eingeplant und läuft unmittelbar an.

B: Das hört sich gefährlich nach dem Motto “Deutschland muss Kriegspartei werden” an. Wie sollen die Russen das interpretieren, wenn wir uns derart massiv mit eigenem schweren Kriegsgerät an dem Konflikt beteiligen. Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages warnt bereits deutlich: Die Ausbildung ukrainischer Soldaten auf deutschem Boden, kann völkerrechtlich als offizieller Kriegseintritt gewertet werden. Ist das nicht brandgefährlich?
Und haben sie eigentlich mal überlegt, was es für die Russen bedeutet, wenn plötzlich wieder deutsche Panzer auf den alten Schlachtfeldern des 2. Weltkrieges auftauchen? Zugegeben ohne Balkenkreuz und mit ukrainischen Besatzungen. Aber mindestens genauso tödlich und verheerend wie im Frühjahr 43 als Manstein mit seinen Panzerdivisionen gegen Charkow marschierte.

Und noch eins: Bedeutet das nicht eine gigantische Steilvorlage für die nach Innen gerichtete Staatspropaganda des Kreml? Putin und Lawrow  hantieren seit Kriegsbeginn mit einer aggressiven “NS-Wiedergänger-These”. Wenn deutsche Maschinenkanonen erstmals seit 80 Jahren wieder massenhaft russische Soldaten auf ehemals sowjetischem Territorum niedermähen, wird der Kreml nicht zögern, das schrille Narrativ in der Kriegsberichterstattung ganz nach vorne zu schieben.

A: Was sind das für merkwürdige Vergleiche? Wenn einer keinen Nachhilfeunterricht in Vergangenheitsbewältigung braucht, dann sind das wir Deutschen. Die deutschen Panzer des Jahres 2022 kommen als Befreier und wenn es Tote und Verletzte gibt, dann sind nicht wir schuld, sondern die Russen, die alles angezettelt haben.

B: Die Frage, wer zuerst geschossen hat, wird die Väter und Mütter der gefallenen russischen Soldaten wohl nicht wirklich interessieren. Ich finde, auch wenn es nicht zum großen Crash kommen sollte, sollten wir uns auf jeden Fall klar machen, was das langfristig für das deutsch-russische Verhältnis bedeutet. Nicht nur auf der Ebene der hohen Politik, sondern auch auf der Ebene der normalen Bürger mit ihren historischen Traumata. Das können wir doch nicht wollen und entspricht doch auch nicht unserer historischen Verantwortung, oder?

A: … Ok, wars das, oder gibts noch was?

B: Ja! Den Hauptpunkt hab ich eigentlich noch gar nicht thematisiert: Wenn das alles so ist und wir den Kampf gegen die Russen weiter intensivieren sollen, dann mach ich mir schon Sorgen, was die weiteren militärischen Reaktionen des Kreml angeht. Insbesondere was eine nukleare Eskalation anbetrifft.
Auch schon vor “der Bombe” war der Krieg ein extrem blutiges Geschäft. Schon im 30jährigen Krieg radierte die Kriegsfurie ganze Städte und Landschaften aus. Im 20. Jahrhundert verendeten Hunderttausende von Soldaten in den Schützengräben und Millionen von Zivilisten starben durch Bombenkrieg und gewaltsame Vertreibung.

Was es aber im konventionellen Zeitalter definitiv noch nicht gab, war die untrennbare Schicksalsgemeinschaft der Toten mit den Überlebenden. Die Atomwaffe lässt – neben ihrer ungeheuren Vernichtungskraft – bei flächendeckender Verwendung auch alle Überlebenden durch die radioaktive Verseuchung in einem katastrophalen Zombiestatus zurück. Zugespitzt formuliert, entsteht nach dem Krieg eine Art Vorhölle, in der die Überlebenden die Toten beneiden.

A: Entschuldigen sie mal. Wollen sie den Menschen Angst machen? Das sind doch Hirngespinste, Dystopien ohne realen Hintergrund. Schon mal was von “Overkill” und “Zweitschlagskapazität” gehört. Der Russe weiß doch, dass er beim Einsatz von Nuklearwaffen in Europa ebenfalls in den nuklearen Winter geschickt wird und wird sich hüten, diesen Eskalationschritt auch nur anzudenken.

B: Da sollten wir nicht zu sicher sein. Die Drohungen mit blitzschnellen Gegenschlägen bei unannehmbaren strategischen Bedrohungen, wie Putin neulich formulierte, sollte man nicht leichtfertig ignorieren. Und außerdem: Wäre es doch fatal, wenn wir die Anlässe, die Russland zu solch einer Überreaktion verleiten könnten, einfach nur multiplizieren, in dem wir immer mehr westliche Waffen ins Kriegsgebiet liefern.

A: NaNa! Das hört sich ja fast so an, wie aus diesem merkwürdigen offenen Brief von Alice Schwarzer, Martin Walser & Co. Salon-Pazifismus in Reinkultur.  Wer behauptet, wir würden Putin in die Enge treiben, sollte erstmal die ukrainischen Verteidiger des Stahlwerks in Mariupol befragen? Die wissen, was in die Enge treiben bedeutet.

B: Entschuldigung, Herr Abgeordneter, aber sollten wir bevor wir immer wieder die Helden von Mariupol ins Feld führen, nicht erstmal schauen, was das eigentlich für Leute sind und warum die sich mit rechtsextremen Symbolen schmücken.
Und noch mal: Gerechte Kriege im Atomzeitalter lassen sich nicht gewinnen. Hier kommt der Diplomatie eine um Potenzen größere Bedeutung zu, als im Zeitalter der konventionellen Kriege. Momentan wirken aber alle diplomatischen Kanäle wie verstopft. Der Zug rollt mit Wucht weiter in Richtung Prellbock und am Ende nur zu hoffen, dass es nicht soweit kommt, ist eigentlich ein bißchen zu wenig, oder?

A: Rollende Züge in Richtung Prellbock! Das ist mir zu nebulös. Wir dürfen jetzt einfach nicht nachlassen. Putin versteht nur Stärke und wenn wir jetzt zurückweichen, ist schon bald der Nächste dran.

B: Das ist mir aber jetzt zu einfach. Kompromisslosigkeit bis zum Endsieg. Wohin soll das führen? Die diplomatischen Kompromisswege liegen doch auf der Hand. Neutralität der Ukraine nach finnischem Muster und – nach dem offensichlichen Scheitern des Minsker Abkommens – endlich eine dauerhafte Autonomielösung für die überwiegend russischsprachigen Landesteile im Osten der Ukraine.

A: Sorry, aber jetzt komm ich mit dem Zug – und zwar mit dem, der im Moskauer Zentralbahnhof Ende Februar endgültig abgefahren ist. Diesen Kompromissweg haben sich die Russen verbaut. Finnlandisierung ist zur Schimäre geworden. Finnland wird noch dieses Jahr NATO-Mitglied.
Jetzt sprechen die Waffen. Jetzt geht es um Sieg oder Niederlage. Das von Joe Biden beschworene Waffenlager der Demokratie hat unendliche Kapazitäten und Putin hätte sich den Angriff vorher überlegen müssen.

B: Also eine Einbahnstraße ohne Wendemöglichkeit. Erst Zero-Risk mit Masken für alle und jetzt Maximal Risk mit schweren Waffen im Schlussverkauf. Kann das wirklich unser Ernst sein…?

In diesem Moment schaut der Abgeordnete auf seine Uhr und lässt seinen Blick für einige Sekunden haltlos im Zimmer schweifen.

A: Ich bitte um Verständnis, aber meine Zeit ist um. Ich muss zur nächsten Verteidigungsausschuss-Sitzung. Das Pentagon hat sich gemeldet. Wir beraten über weitere Waffenlieferungen an unsere ukrainischen Freunde. Glauben sie mir: Der Sieg ist nah. Machen sie sich keine Sorgen. Die Macht ist mit uns!. Wir haben mit unserer Haltung in zentralen gesellschaftlichen Schlüsselfragen in den zurückliegenden Jahren immer richtig gelegen und uns auch von ein paar Querdenkern und Quertreibern am Wegesrand nicht beirren lassen.

In diesem Moment zieht der Gesprächspartner mit einem kurzen Nicken und einem knappen Lächeln in den Mundwinkeln ab und lässt den etwas verwirrten Bürger ziemlich ratlos zurück.

Sicher war sich der solchermaßen Zurückgelassene nur, dass seine Fragen, seine Bedenken immer noch da waren. Vor allem dieses himmelschreiende Parodox: “Frieden schaffen durch immer tödlichere Waffen”, wollte ihm einfach nicht in den Kopf. Immer mehr schwere Waffen, immer größere Kaliber, immer lautere Siegesrhetorik – das kann nicht die Lösung sein.

Sein lautes Nachdenken hörte der Abgeordnete nicht mehr, denn unten schlug die Tür.

Sein letzter Gedanke galt seiner Familie. Dem privaten Umfeld. Der nahen Zukunft. In diesem Augenblick fiel die Klappe und die Kamera schwenkte auf die üppigen, frühlingsbunten Blumenwiesen draußen vorm Fenster..!