Selbstverzwergung des Denkens

Kommunikation ist das Lebenselixier der menschlichen Spezies. Egal ob im privaten Umfeld, am Arbeitsplatz, im Verein oder im öffentlichen Raum, überall sind Menschen mit anderen Menschen im Gespräch und schaffen auf diese Weise erst die Voraussetzungen für gemeinschaftliches Handeln und konstruktives  Zusammenwirken. Das Verblüffende ist, dass gerade dort, wo Kommunikation auf höchstem Niveau stattfindet, nämlich im Bereich des intellektuellen Diskurses, diese lebenswichtige Gesprächskultur seit einigen Jahren rapide verarmt. Zeitdiagnostiker sprechen in diesem Zusammenhang von einer fortschreitenden “Selbstverzwergung des Denkens”, die immer besorgniserregendere Formen annimmt. – Was ist da los? Geht uns auf dem rasanten Weg zur globalen Digitalisierung der Kommunikation die intellektuelle Puste aus? Oder ist es der aktuelle politische Grabenkrieg zwischen Links und Rechts, der den Diskurs erstickt und das Terrain des Unsagbaren stetig erweitert?*

Kommunikation in Zeiten des Internet

Eine zentrale Ursachenquelle für dieses Phänomen findet sich zweifelsohne im World Wide Web. Dort wo sich Kommunikation durchgreifend “demokratisiert” und traditionelle Filter(medien) buchstäblich ihren Geist aufgeben, breitet sich unweigerlich so etwas wie eine Banalisierung des öffentlichen Diskurses aus. Sprache verflacht, wird durch infantile Bildsprache (Emojis) oder durch platteste Verbalagression (Hate Speech) ersetzt.

Top Down-Diskursregie

Dieser traurige Befund steht jedoch noch nicht einmal für die Hälfte der Wahrheit. Eine viel größere Wirkungsmacht im Hinblick auf die Verflachung des politisch-intellektuellen Diskurses in der westlichen Welt entfaltet der Ungeist der politischen Korrektheit. Seine Tentakeln erfassen mit großer Dynamik stetig wachsende Teile der universitären Hörsäle, des Kulturbetriebs, der Redaktionsstuben und seit neuestem auch das Terrain der Parlamente und Regierungsbänke.

Ende der Debatte

Hinter diesem Trend zur “PC” verbirgt sich eine in den ausgehenden 60er Jahren entstandene politische Bewegung, die sich damals noch als “Counter-Culture-Movement” formierte, sich dann aber im Zuge einer politischen Linksdrift in den westlichen Demokratien immer mehr in die Kernzonen der politischen, gesellschaftlichen und medialen Machtzentren vorarbeitete. Im Kern geht es dabei um eine Art Sakralisierung des Minderheitenphänomens und den Versuch der weißen (männlichen) Mehrheitsgesellschaft die überkommene Diskurshoheit zu entwinden.

Dabei wird alles, was Minderheiten “diskriminieren,”zurücksetzen” oder “potentiell verletzen” könnte oder “unumstößliche Wahrheiten” in Frage stellt, einem rigiden Regime aus Sprachtabus und  Diskursregeln unterworfen. Wer gegen diese Regeln verstößt oder auch nur in die Nähe einer “Grenzverletzung” kommt, wird aus dem Diskurs ausgeschlossen oder an einen medialen Pranger gestellt, auf dem wiederum wahlweise Begriffe wie “Alter weißer Mann”, “Fremdenfeind”, “Klimaleugner”, “Europahasser” oder in zunehmendem Maße die vernichtenden “N-Wörter” angeschlagen sind.

Wahrheit ex ante

Das eigentlich “diskursvernichtende” an diesem Phänomen ist die Tatsache, dass die eigentliche “Wahrheit” ex ante bereits fest steht, weshalb sich Debatten vom Grunde her erübrigen. Wer “diskriminiert” oder “zurücksetzt” ist per se draußen und wer die einmal gefundene Wahrheit “leugnet”, darf sich über die Ausgrenzung aus der Diskursgemeinschaft und die gesellschaftliche Stigmatisierung nicht beschweren. Die Folge ist eine fortschreitende Narkotisierung des öffentlichen Debattenraums in zentralen Politikfeldern (Europa, Migration, Gender etc.) und eine Mauer des Schweigens vor allem dort, wo der unverstellte Blick auf die Probleme so dringend notwendig wäre.

Moralische Hypersensibilität

Das eigentliche Dilemma in diesem Kontext ist, dass heute auch diejenigen, die eigentlich keine Argumente mehr haben, auf viel zu einfache Weise mit dem Verweis auf Gefühl, Identität und persönliche Befindlichkeit dennoch recht bekommen. Stets unterstützt durch eine große Schar von medialen Tugendwächtern und Moralisten können die derartig “Argumentierenden” im Notfall abrupt die Debatte beenden ohne jemals befürchten zu müssen als Verlierer vom Platz zu gehen. Verloren hat immer der, der “moralische Standards” verletzt und es wagt in den “safe space” der Hypersensibilisierten einzudringen. Am Schluß ist bereits derjenige, der zweimal nach einem Date fragt ein “Sexist”, derjenige, der einen Dunkelhäutigen nach seiner Herkunft fragt, ein “Rassist”, derjenige, der einen Diesel in der Garage stehen hat, ein “Klimafeind” und derjenige, der “Brüssel” kritisiert, ein “Europahasser”.

Gibt es aus dieser Abwärtsspirale der Diskursverarmung überhaupt noch einen Ausweg? Auf den ersten Blick scheinen die Kräfte, die in die genannte Richtung drängen, schier übermächtig. Kaum ein klassisches Medium, das sich diesem Trend zur Stromlinienförmigkeit noch zu entziehen vermag. Politik, die sich im wachsende Maße in ihr vermeintliches Schicksal fügt und den Gretas, Carolas und Luisas auch dort nachgibt, wo eigentlich nüchterne Analyse und differenzierte Problembewältigung notwendig wäre.

Autoritäre Gegenbewegungen

Was selbst einzelnen Protagonisten der PC-Bewegung mittlerweile Sorge zu bereiten scheint, ist die Tatsache, das das stetige Engerziehen der diskursiven Schraube fast in allen betroffenen Ländern zu einem Förderprogramm für autoritäre Kräfte ausartet. Die Trumps, Le Pens, Salvinis, Orbans und Bolsonaros schwimmen regelrecht auf der großen Anti-PC-Welle und bekommen durch die immer absurderen Verrenkungen linker Sprachregisseure ständig neues politisches Futter. Als “Twitter-Könige” und “Facebook-Ritter” bespielen sie ihre Klientel Tag und Nacht mit “populistischen” Provokationen, wohl wissend, dass jeder wohl kalkulierte Verstoß gegen die PC-Regeln eine ganze Flut von hysterischen Reflexen Pawlowscher Art auf der Linken hervorrufen wird.

Aufstand der Gemäßigten

Das immer bedrohlicher werdende wechselseitige “Aufschaukeln” der Radikalen auf der Linken und auf der Rechten ruft zwischenzeitlich immer mehr Gemäßigte auf den Plan, die spüren, dass mit der Erosion der freien Rede auch die pluralistische Demokratie immer mehr die Atemluft genommen wird. Das Siechtum der Einen – so die Befürchtung – wächst sich zunehmend als Gefahr für die Andere aus. So entsteht – vor allem jenseits des Atlantiks – eine markante Gegenbewegung, die sich einerseits strikt pluralistisch gebährdet, andererseits aber die Auswüchse einer überbordenden Diskursreinheit bekämpft.

Ob diese noch sehr in den Anfängen steckende Gegenbewegung Erfolg haben wird, steht noch lange nicht fest. Fest steht jedoch, das derjenige, der die Konfrontation mit anderen Meinungen nur deshalb verweigert, weil es ihm selbst an stichhaltigen Argumenten mangelt, früher oder später Schiffbruch erleiden wird. Wer seine eigene wunderschön gedreßelte Doktrin nur vor dem “Überfall guter Argumente” (Milosz Matuschek) schützen will, sollte schnellstens umlernen und sich der Debatte wieder offen stellen. Nur die freie Rede garantiert die Erneuerungsfähigkeit demokratischer Gesellschaften und schafft Raum für den ungehinderten Austausch unterschiedlichster Perspektiven und faktenbasierter Meinungen.

* Die Kolumne wurde wesentlich durch Artikel von Milosz Matuschek und Norbert Bolz, vor allem in der NZZ, inspiriert.