Trugbilder

Wir Menschen sind empfindliche Wesen. Insbesondere dort, wo es um die Diskrepanz zwischen den eigenen Vorstellungen und der harten Wirklichkeit geht. Oft klammern wir uns ein Leben lang an unsere selbst konstruierte Schein-Wirklichkeit und ignorieren konsequent alle Widersprüche, um ja nicht in den Sog einer kognitiven Dissonanz zu geraten. Im privaten Umfeld hat das oft bittere Konsequenzen, bleibt aber in der Regel im kleinen Kreis und damit weniger folgenschwer. Deutlich gravierendere Auswirkungen kann dieser faktische Selbstbetrug im Rahmen großer Kollektive haben, insbesondere dann, wenn das konstruierte Trugbild über mediale Multiplikation gewaltige Ausmaße annimmt und die damit einhergehende (Selbst-)Täuschung zum Massenphänomen wird.

Täuschung setzt – auch wenn sie als Selbsttäuschung daher kommt – neben einem Täuschungsgegenstand immer auch ein Subjekt voraus, das bereit ist den Trug mitzugehen oder sich zumindest den Blick auf die Wirklichkeit verstellen zu lassen. Wir wollen das im Folgenden vor allem am Beispiel der Klimafrage verdeutlichen, wo sich im Hinblick auf die Machbarkeit einer politisch administrierten “Weltklimawende” Täuschung und Selbsttäuschung auf eigentümliche Weise vermischen und wo sich medial generierte Denk- und Wahrnehmungszwänge eklatant auf die Größenordnung und die Hartnäckigkeit der Fehldeutung auswirken.

Klimafrage

Seit Jahren führen wir rund um das Klimanarrativ eine merkwürdige Debatte, die schon lange keine alternativen Gedanken und Ideen zum eingeschlagenen Kurs mehr zulässt und die immer mehr in die Erörterung von  “Glaubensfragen” abdriftet. Bedenklich dabei ist vor allem, dass die diversen problematischen (Neben-)Folgen der vielen widersprüchlichen Interventionen kaum noch ernsthaft zur Sprache kommen.

Schicksalsergeben akzeptieren wir die höchsten Energiepreise der Welt. Können nicht mehr unterscheiden zwischen Eiskugeln und Eisbergen. Schädigen unseren Wirtschaftsstandort und lassen vor allem die im Regen stehen, die mit ihrem schmalen Nettoeinkommen ohnehin kaum mehr über die Runden kommen.

Selbstschädigung

Ohne erkennbares Murren lassen wir es zu, dass unsere seit Jahrzehnten erfolgreichste Industriesparte, die Automobilindustrie,  in einen von oben verordneten Strukturbruch getrieben wird, der absehbar zum ersatzlosen Verlust von Zehntausenden von lukrativen Arbeitsplätzen in der heimischen Produktion und in der Zuliefererbranche führen dürfte.

Parallel dazu erdulden wir geradezu stoisch, den fahrlässigen Umgang der Regierenden mit unserer heimischen Stromversorgung. Mit Stichtag 31.12.2021 verlor das deutsche Stromnetz mit den AKWs Brokdorf, Grohnde und Grundremmingen C noch einmal über Nacht Leistungskapazitäten von 4.05o MW. Am gleichen Tag wurden darüber hinaus zusätzlich drei Kohlekraftwerksblöcke mit rd. 810 MW abgeschaltet. Auf diese Weise vermindert sich die im 24/7-Modus bereitstehende Grundlast im deutschen Stromversorgungssystem nochmals um fast 5000 MW, ohne das nur annähernd ein gleichwertiger Ersatz bereit stände und ohne dass irgendjemand ernsthaft die sichere Konsequenz einer deutlich wachsenden CO2-Emission angeprangert hätte.

Nuklearer Treppenwitz

Vollends absurd wurde die Sache durch den aktuellen Plan der EU-Kommission zukünftig Gas -und Atomkraftwerke (!) als “grüne” Technologien einzuordnen und zu fördern. Gegen den einsamen Widerstand Deutschlands und Österreichs dürften sich die EU-Staaten mit großer Mehrheit für die nukleare Option entscheiden. Das heißt,  spätestens ab 31.12.2022 – wenn die letzten deutschen AKWs vom Netz gehen – wird der deutsche Steuerzahler neben den horrenden Stilllegungsprämien für die eigenen Kraftwerke auch noch atomare Kraftwerkparks an der französischen oder polnischen Grenze mitsubventionieren müssen.

Kein Aufschrei

Spätestens an dieser Stelle müsste der Rezipient des Geschehens lauthals aufschreien vor Schmerz. Er müsste rot anlaufen und müsste sich fragen, wer in aller Welt hat diesen hanebüchenen Unsinn auf den Weg gebracht? – Doch selbst solche Absurditäten scheinen keinerlei Zweifel bei den solchermaßen “Getäuschten” auszulösen. Eisern und ohne das Ende zu bedenken, hält weiterhin ein Großteil der Bevölkerung an der großen Illusion einer von Deutschland ausgehenden “Weltklimarettung” fest.

Dabei scheint es überhaupt keine Rolle zu spielen, wer da im globalen Kontext überhaupt noch mitzieht. Weder der rasante Ausbau der Kohlekraftwerkskapazitäten in China noch die schon jetzt sichtbar zu Tage tretenden exorbitanten sozialen Kosten der aktuellen “Klimapolitik” geben die nötigen Anstöße zum Umsteuern. Der Gedanke, dass uns – angesichts der gewaltigen “Nebenwirkungen” der klimapolitischen Interventionen – realistischerweise nur eine weltweit konzertierte Strategie der Krisenfolgeneindämmung bleibt, wird noch nicht einmal ansatzweise erwogen.

Bevor wir im Folgenden noch kurz auf weitere Beispiele für die Produktion von Trugbildern eingehen, an dieser Stelle ein erster Erklärungsversuch für die Hartnäckigkeit der oben beschriebenen (Selbst-)Täuschung bzw. ein Antwortversuch auf die Kernfrage nach der Durchsetzungskraft einer politischen Agenda, die offensichtlich nicht nur unsere Gesellschaft massiv zu spalten droht, sondern im Grunde unseren elementaren Lebensinteressen widerspricht.

Widersprüche ignorieren

Keine Debatte hat sich in den letzten rund 10 Jahren so weit von den elementaren Kausalitäten unserer hoch entwickelten Industriegesellschaften entfernt, wie die Klimadebatte. Kaum ein Debattenfeld ist in den letzten Jahren derart in den Sog einer Art “Hypermoralisierung” geraten, wie das Feld des Klimadiskurses. Ähnlich wie in antiken Kosmogonien, in denen Gottheiten mit den von ihnen bewohnten Elementen zusammenfließen, mutieren Begriffe wie “Klima” und “Kohlendioxid” zu quasi personalisierten, mythischen Figuren einer von Ängsten und Drohungen angefüllten Untergangsprophezeiung.*

Statt nüchtern auf die vielen sich überkreuzenden wissenschaftlichen Fragestellungen zu schauen, das Entdeckte immer wieder aufs Neue zu falsifizieren und eine nüchterne Kosten-Nutzen-Analyse der Interventionsfolgen vorzunehmen, geben wir uns einem medial bis zum Äußersten gedehnten Narrativ hin, das den Begriff “Wissenschaft” nur noch im Singular gebraucht und das unseren Wahrnehmungsapparat regelrecht blind macht, für die komplexen Kausalzusammenhänge der klimapolitischen Interventionen und ihrer Korrelationen mit ökonomischen und sozialen Fragen.

Nahe an der Urerzählung von der Sintflut folgen wir apokalyptischen Szenarien, machen Co2, den eigentlichen Urstoff der lebenserhaltenden Photosynthese zum lebensgefährlichen “Klimakiller”. Lassen uns jugendliche “Klimaaktivisten” als semi-religiöse Kultfiguren verkaufen (“Greta-Effekt”) und verfolgen gebannt den Titanenkampf gegen die fossil-energetische Finsternis.

Sprachregime

Ist das noch reparabel? Oder werden wir hier nicht einfach nur Opfer unseres unstillbaren Hangs nach Großerzählungen? Brauchen wir diese Mythen-Narrative im Gut-Böse-Modus, bevölkert mit Helden, die gegen dunkle Mächte ankämpfen, nicht sogar als Sinngebungsinstanzen?** – Als Kinder der Aufklärung sollten wir dieser merkwürdigen Neigung eigentlich klare Grenzen ziehen. Ein solches Glaubenssystem mit Katechismen und Liturgien hat sich doch längst überholt, oder?

Dass wir dennoch nicht umsteuern und immer noch nicht erkannt haben, wo der Weg zum Umdenken beginnt, hat zuvorderst mit unserem Sprachgebrauch, unserem Begriffsbaukasten, noch besser gesagt mit unseren Sprachregimen zu tun.*** Spätestens seit den 70er Jahren formiert sich in der westlichen Welt ein neues dominantes Sprachregime, dessen theoretisch-philosophische Wurzeln auf die sog. postmoderne Linke um Philosophen wie Jean-Francois Lyotard, Michel Foucault, Jacques Derrida und Gilles Deleuze zurückgehen.****

Ihr dekonstruktivistischer Ansatz brach mit den gängigen Modellen der marxistischen Linken und rückte “kulturell-identitäre Fragen” an die Stelle der alten “sozialen Frage”. Statt einer Kritik der politischen Ökonomie versuchte sich die “neue Linke” an der Dekonstruktion bzw. Dekomposition althergebrachter, bürgerlicher Beziehungen und Bindungen über eine fortschreitende Bewirtschaftung von Minderheiteninteressen.

Kampf um die richtige Sprache

Ihr Hauptinstrument in diesem Machtspiel mit den Kräften der Tradition und des Herkommens war von Anfang an das Streben nach  “Kulturhegemonie”, das wiederum vor allem auf eine Dominanz im Kampf um die “richtige Sprache”abzielte. In dieser Auseinandersetzung hat die postmoderne Linke vor allem seit den 2000er Jahren phänomenale Geländegewinne errungen. Und zwar vor allem im vor-diskursiven Raum, wo es um grundsätzliche sprachpolitische Weichenstellungen und die Festschreibung von Tabu-Begriffen geht.*****

So ist es den Protagonisten – nicht nur in der oben beschriebenen Klimafrage – sondern beispielsweise auch in den Vorfeldzonen der Geschlechterdebatte oder auch der Grundsatz-Debatte über die Grenzen des “Sagbaren” (Political Correctness) in einem jahrelangen zähen Kampf gelungen kritik- und argumentationsresistente Festungen aus zulässigen Begriffen und adäquaten Sichtweisen zu errichten.

Sprach- und Deutungsfestungen

Dabei sind fast hermetisch abgeschlossene Begriffs- und Deutungsfelder entstanden, die sich vor allem aufgrund ihrer hypermoralischen Aufladung so gut wie jeder argumentativen Kritik entziehen. Bislang als unantastbar geltende Traditionen, Üblichkeiten und Gewohnheiten wurden zerlegt und in ein Proskrustesbett aus sprachlichen Normen und bis ins Unterbewußte vordringende Sagbarkeitsgrenzen eingebettet.

So ist die oben skizzierte Deutungshoheit grün-linker Parteien und “Aktivisten” über die Klimafrage kein isoliertes Sonderphänomen, sondern wohl das zentrale Bindeglied in einer viel größeren Auseinandersetzung um die großen Felder der Frag-und Alternativlosigkeit, die den traditionellen diskursiven Zugriffen aus Argumenten und per se gleichwertigen Gegenargumenten entzogen sind.******

Aufprall auf die Wirklichkeit

Was dabei unweigerlich entsteht, ist eine permanente Konfrontation mit gesellschaftlichen, ökonomischen und letztlich sogar physikalischen Gesetzmäßigkeiten. Das heißt die Sprachregime wirken zwar auf phänomenale Weise raumgreifend und normsetzend. Erwähnt seien hier nur die Auflösung der binären Geschlechterordnung, symbolhaft dokumentiert durch Sterne und Doppelpunkte, oder die “Dekonstruktion” nationaler Gemeinschaften in multikulturelle Multiversen aus unzähligen Minderheiten und “Identitäten”.

Andererseits aber zahlen wir für diesen Triumph der postmodernen Linken an der Sprach- und Deutungsfront einen hohen Preis. So lässt sich die Diskrepanz zwischen dem Wünschbaren und dem Realen durchaus eine ganze Zeit lang übertünchen. Insbesondere dann, wenn fast alle Leitmedien bei den mittlerweile beinahe zur Routine gewordenen Frames und Narrativen “mitarbeiten”. Problematisch und folgenschwer für unser Politik- und Gesellschaftsmodell wird es jedoch, wenn die immer wieder bemühten (Trug-)Bilder und Rahmenerzählungen am Ende der Realität buchstäblich nicht mehr stand halten.

Realitätsschocks

Noch halten sie, die großen Konstruktionen aus Sprachregelungen und Diskurskorridoren, gefüttert aus schier endlosen Finanzquellen. Was ist aber, wenn sich trotz der großen Erzählung vom “stabilen Euro”, die uferlose Gelddruckeritis ungebremst fortsetzt und sich eine Hyperinflation Bahn bricht? Was ist, wenn sich im Zuge der großen Dekonstruktion, Familien und Nationen endgültig in atomisierte  Konglomerate aus “neuen Identitäten” zerlegen?  Und was ist, wenn sich trotz des Wünsch-Dir-was in der Energiepolitik, regelmäßige Brown-Outs oder sogar Black-Outs ereignen?*******

Haben wir da noch die Kraft, das Ruder rumzureißen? Haben wir da noch genug Reserven um dem Wirklichkeitsschock zu widerstehen?

Tatsachen dauerhaft zum Schweigen zu bringen, ist selbst in hochgradig homogenisierten Mediengesellschaften mit digitalen Algorithmen und regulierten Social-Media-Plattformen ein auf Dauer aussichtsloses Unterfangen. Lösen wir uns rechtzeitig aus der diskursiven Umklammerung. Lassen wir abweichende Gedanken wieder zu. Verabschieden wir uns rechtzeitig von der Alternativlosigkeit einseitiger Sprachspiele. Die Realität dürfte am Ende stärker sein, als unser Wunsch nach homogenen Weltbildern.

* Zur Moralisierung des Klimanarrativs, zu den semantischen Dimensionen des “Treibhauseffekts” und zur Erbschuld der weißen Menschheitsfraktion an der “Überhitzung” des Planeten, vgl. u.a. Alexander Kissler: Klimaschutz – Rettet die Aufklärung!, in: Cicero 26.9.2019

** Zur Mythenanfälligkeit der Deutschen, vgl. u.a. Herfried Münkler: Die Deutschen und ihre Mythen, Berlin 2009.

*** Zum Phänomen der “Sprachregime”, zu den vordiskursiven Regelsetzungen der postmodernen Linken und zu den Konsequenzen ihrer Deutungshoheit für die westliche Debattenkultur, vgl. u.a. Michael Esders: Sprachregime. Die Macht der politischen Wahrheitssysteme, Dresden 2020.

**** Der Dekonstruktivismus hat sich aufbauend auf den Gedankengebäuden der sog. french theory  (“différance” (Derrida) und “L´Ordre du discours” (Foucault) und “La Condition Postmoderne” (Lyotard) etc.) zu einem schlagkräftigen Vehikel linker Gesellschaftsveränderung entwickelt. Als genialer Schachzug erwies sich die als Ballastabwurf zu wertende Distanzierung von der marxistischen Geschichtsphilosophie und die neue Schwerpunktsetzung der postmodernen Linken auf den Feldern der Sprache, der Kultur und des Diskurses. Die Überwindung der Moderne heißt hier vor allem die Überwindung der bürgerlichen Moderne und die Zerschlagung ihrer zentralen Institutionen (Familie, Nation etc.).

***** “Nicht nur die Sprache denkt uns vor und steht uns bei unserer Weltsicht “im Rücken”, noch zwingender sind wir durch Bildervorrat und Bilderwahl bestimmt bzw. kanalisiert.” (Hans Blumenberg)

****** Der Zusammenhang zwischen “Klimafrage” und “Dekonstruktion” wird erst ersichtlich, wenn man sich die besondere Hebelwirkung der zentralplanwirtschaftlichen Emissionsregime für die “Zerlegung” des bürgerlichen Kapitalismus vor Augen führt.

******* Ein Vorgeschmack auf in naher Zukunft bevorstehende größere “Lastabwürfe” geben regelmäßige Stromschwankungen im deutschen Mittelstand. Aufgrund des wachsenden Stellenwerts der volatilen “Erneuerbaren” im Zusammenhang mit der Bedarfsdeckung häufen sich die Frequenz-Schwankungen im Netz massiv.