Wächst zusammen, was zusammen gehört?

Es ist wieder soweit! Zum 27mal jährt sich der Tag, an dem die beiden deutschen Staaten nach rund 40jähriger Teilung ihre Wiedervereinigung vollzogen haben. Obwohl die Feierlichkeiten zum 3. Oktober zwischenzeitlich eine gewisse Routine ausstrahlen und zum festen Bestandteil des bundesdeutschen Festkalenders geworden sind, umkreist das öffentliche Erinnern seit Jahren ein merkwürdiger Gefühlsstrom aus Ungeduld und Unzufriedenheit. Irgendetwas stimmt nicht mit diesem Gedenktag. Von irgendwo her weht ein kalter Luftzug über die Straßen und Plätze des Landes und läßt viele von denen, die sich eigentlich an der Erinnerung wärmen wollen, frierend zurück. – Was hat es mit diesem ambivalenten “Nationalfeiertag” auf sich? Warum können wir uns nicht ungezwungen freuen über das Erreichte? Können wir uns nicht wenigstens an diesem einen Tag einmal unbelastet und frei unter dem schwarz-rot-goldenen Banner als Einheit, als starke Gemeinschaft versammeln?

Symbolverarmte Gesellschaft

Zunächst zum Datum selbst? Eine gewisse Verlegenheit war schon dabei, als sich die politisch Verantwortlichen in der turbulenten Phase des mehrstufigen Wiedervereinigungsprozesses Gedanken über den geeigneten Gedenktag für die spektakuläre Ereigniskette machten. Das hatte vor allem mit dem sozialpsychologischen Zustand des “aufnehmenden” Weststaates zu tun. Das Land, in das die fünf neuen Bundesländer mit dem Einigungsvertrag vom 11. August 1990 buchstäblich “eingemeindet” wurden, zeichnet sich spätestens seit den 1968er Jahren durch eine chronische Symbolverarmung aus. Bereits damals standen westlich der Elbe weder Flagge noch Hymne hoch im Kurs. Die eigene Geschichte als Identifikationsreservoir war schon in den 70er und den 80er Jahren auf einen schmalen Blickkorridor verengt worden, der zudem noch durch den fast undurchdringlichen Grauschleier des “Dritten Reiches” verstellt war.

Alternativen zum 3. Oktober

Insofern konnte es nicht verwundern, dass das eigentliche Schlüsselereignis, nämlich die Maueröffnung am 9. November (1989) als Bezugsdatum nicht satisfaktionsfähig war. Wie konnte ein Staat, der sein Geschichtsbild auf so hermetische Weise auf die dunklen 12 Jahre verengt hatte, ein buchstäblich kontaminiertes Datum aus dieser Zeit zum “Feiertag” erheben? Niemand konnte es den Deutschen zumuten an einem Tag ausgelassen die geeinte Nation zu feiern, der schon durch so etwas wie die Reichspogromnacht “belegt” war? Die Frage, ob die “Beförderung” des 9. November zum Nationalfeiertag nicht doch eine historische Chance gewesen wäre, ist schwer zu beantworten. Die Entscheidung für ein solches Datum wäre ohne Zweifel gewagt gewesen. Hätte aber die Möglichkeit eröffnet, Nachkriegsdeutschland noch akzentuierter gegen den nationalsozialistischen Unrechtsstaat in Stellung zu bringen. Das heißt, das gesamtdeutsche Nine-Eleven des Jahres 1989 als friedfertig-befreiender Gegenentwurf zum 9/11 des Jahres 1938.

“Wir sind das Volk!”

Kein Datum zwischen der großen Leipziger Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989 (“Wir sind das Volk!”) und dem Herbst des Jahres 1990 steht derart offensichtlich für die Asymmetrie des Vereinigungsgeschehens, wie der 3. Oktober. Wenn der Wille zu einer zumindest symbolischen Kompensation der westlichen Dominanz vorhanden gewesen wäre, hätte es genug Alternativen zu dieser Auswahlentscheidung gegeben. Kaum eine zivilgesellschaftliche Manifestation in der deutschen Geschichte hätte ein würdigeres Gedenken möglich gemacht, als das demonstrative “Fanal von Leipzig”. Zehntausende auf den Straßen, gewaltfrei und solidarisch, die ganze Strecke flankiert von bewaffneten Sondereinheiten des MfS und der Volkspolizei und damit immer unter dem Damoklesschwert der “chinesischen Lösung”. Und dann auch noch die großen Gänsehautmomente als Tausende zwischen Nicolaikirche und Altstadtring die eigentliche Freiheits- bzw. Freisprechungsparole der friedlichen Revolution “Wir sind das Volk!” skandierten. Was hätte sich besser in den Erinnerungsfundus aller Deutschen integrieren lassen, als dieser historische, volksbewegte Moment vom 9. Oktober 1989.

Selbst der 18. März (1990) wäre als Erinnerungsort für die historische Zäsur besser geeignet gewesen als der 3. Oktober. Jahrzehntelang hatte man den Menschen in der DDR das freie, geheime und gleiche Wahlrecht vorenthalten. 40 Jahre Wahlen in der DDR standen für 40 Jahre Betrug und Manipulation. Scheinwahlen, deren Ergebnisse bereits im vorhinein fest standen. Kandidaten und Parteien, die keine Alternative boten, sondern von oben eingesetzt und von oben kontrolliert wurden. Insofern mussten die ersten freien Volkskammerwahlen am 18. März 1990 wie ein Akt der Befreiung wirken, der erstmals die Chance bot, Jahrzehnte der Repression hinter sich zu lassen. Auch die Entscheidung für diesen Tag hätte die Asymmetrie des Vereinigungsaktes deutlich besser kompensieren können, als der Tag des Inkrafttretens eines Vertragswerks, dessen Inhalte am Rhein erdacht und formuliert worden waren.

Artikel 146 GG

Bis heute trägt das wiedervereinigte Deutschland schwer daran, dass damals auf der westlichen Seite des ehemaligen “Eisernen Vorhangs” niemand so recht den Mut hatte, den Schritt zur Vereinigung nicht über Art. 23, sondern über Art. 146 des Grundgesetzes zu gehen. Das damalige Hauptargument, ein solcher Weg wäre deutlich aufwändiger gewesen und hätte den Prozeß durch die Überführung des GG in eine neue gesamtdeutsche Verfassung verkompliziert, beschreibt nämlich nur eine Seite der Medaille. Der unbestreitbare Pluspunkt einer Lösung nach Art. 146 GG wäre die Realisierung einer Vereinigung auf Augenhöhe gewesen, die uns viele schmerzhafte Nachwehen erspart hätte.

Tiefere Ursachen

All das Beschriebene belastet ohne Zweifel das nationale Erinnern auch noch im Jahre 2018. Es hieße jedoch den 3. Oktober zu überfordern, wollte man allein an ihm die grundlegende Defizienz der deutsch-deutschen Realität festmachen. Was uns aktuell auf den Straßen von Chemnitz und Köthen, im Plenum des Deutschen Bundestages oder in den Politiksparten der Tageszeitungen bzw. der Diskussionsplattformen der Sozialen Netzwerke begegnet, ließe sich keinesfalls durch die schlichte Verlegung eines Feiertages beheben. Das was hier geschieht, hat tiefere Ursachen und wird von tieferen Beweggründen gespeist, auf die wir an dieser Stelle nur kursorisch eingehen können.

Einseitig ökonomischer Blick

Wenn heute über die Defizite des Wiedervereinigungsprozesses debattiert wird, dann zitiert die breite Schar der Kritiker quasi gebetsmühlenhaft Sozial- und Wirtschaftsstatistiken. Alles was Deutschland noch teilt, scheint über unterschiedliche Arbeitslosenquoten in Ost und West, über Unterschiede im Rentenniveau und Gefällstrecken auf den Gebieten von Investition und Einkommen erklärbar. Wer die deutsche Einheit vollenden will – so der breite Tenor – muss über die bereits geflossenen Milliarden hinaus, weitere Milliarden in die Hand nehmen und auf diese Weise endlich für gleichwertige Lebensverhältnisse sorgen.

Sozial-Verträglich vs. Emotional-Verträglich

Was bei alldem übersehen wird, ist die Tatsache, dass politisch-psychologische Sinnkrisen nicht allein durch das Auffüllen von Ladenregalen oder die “sozialverträgliche”  Angleichung von Rentenansprüchen lösbar sind. Als die neuen Länder 1989/90 in der Bundesrepublik aufgingen, hatten beide Teilgesellschaften ganz überwiegend die materiellen Aspekte der Wiedervereinigung im Blick. Themen wie die Umtauschrelation zwischen Deutscher Mark und DDR-Mark, die Übertragung des westdeutschen Sozialversicherungssystems auf die neuen Länder und der Streit über die Höhe der Solidarhilfen verstellten den Blick für fast alle Fragen rund um die Befüllung der divsersen Orientierungsvakuen in Ost und West.

Trotz zaghafter Anläufe ist es den Siegern von 1989 nicht einmal ansatzweise gelungen, die nationale Euphorie aus den glücklichen Tagen der Selbstbefreiung auf fruchtbringende Weise in verstetigte Bahnen zu lenken. Das hochdefiziente Nationalbewußtsein der Westdeutschen und das chronisch verkümmerte Symbolbewußtsein der westdeutschen Eliten ließen alle Anläufe zur Nutzbarmachung patriotischer Gefühle für die Verstetigung des Einigungsprozesses von vornherein versanden. Dass Nationen nicht ohne einigende Narrative und wiederkehrende Rituale zusammengehalten werden können, will der ganz überwiegenden Mehrheit der politschen und gesellschaftlichen Eliten in (West-)Deutschland einfach nicht einleuchten. Auch dass Menschen greifbare, verläßliche Erinnerungsmarken brauchen um Krisen zu überstehen, kommt – trotz der offensichtlichen Probleme – anscheinend kaum jemand in den Sinn.

Dunkeldeutschland

Stattdessen – und hier betreten wir vollends vermintes Terrain – rufen Politiker und Medien aus dem Westen den Menschen in den neuen Ländern z.T. üble Schimpfwörter und Verwünschungen hinterher. Und zwar vor allem deshalb,  weil sie das Kompensationsangebot für die nicht gewollte Patriotismus-Renaissance, nämlich die grenzenlos-humanitäre Öffnung Deutschlands für Menschen aus aller Welt, partout nicht in Anspruch nehmen wollen. Die schon seit 1989/90 latent vermutete Undankbarkeit der “Ossis” scheint sich auf diese Weise – so die verbreitete Sicht – ins Monströse zu steigern. Während das helle Deutschland – so die politisch-mediale Botschaft – freudig in die neue, immer bunter werdende Zeit marschiert, verharrt das verstockte “Dunkeldeutschland” in abwehrender Lethargie oder schreckt sogar vor eruptiven Angriffen auf die neue Ordnung nicht zurück.

Dass sich hier – neben den Unbelehrbaren der rechtsextremen Szene –  ganz normale Menschen schlicht und einfach gegen die Brutalisierung ihrer Alltagswelten und das stetige Anwachsen von No-go-Areas wehren, will den Moral- und Diskurswächtern vor allem in den urbanen Patchwork-Zonen Westdeutschlands einfach nicht in den Sinn. Zu hoch ist das Podest auf dem sie stehen und zu unverständlich das Verlangen dieser Menschen nach verlässlicher Orientierung und ganz normaler öffentlicher Sicherheit.

Spaltung überwinden

Angesichts dieser Ausgangslage wird es schwer ein gemeinsames, konsensuales Erinnern an die Glory Days vor knapp 30 Jahren zu organisieren. Zu tief steckt aktuell der Stachel der Spaltung – leider nicht nur zwischen Ost und West, sondern auch innerhalb der beiden Teilgesellschaften. Die Politik tut aktuell wenig, um die gesellschaftliche Spaltung zu überwinden. Im Gegenteil – oftmals allein aus einem tagespolitischen Kalkül heraus – werden Ereignisse auch dort skandalisiert und in dramatischer Weltuntergangsrhetorik diskutiert, wo eigentlich Mäßigung und Kompromißsuche möglich wären. Die weiteren Aussichten sind trübe und verheißen heftige Gewitter und politische Graupelschauer. Vielleicht gelingt es uns wenigstens am 3. Oktober 2018 mal ohne Hader und ohne Rechthaberei zusammenzustehen und uns dankbar zu erinnern an glücklichere Tage voller Mut und Freiheitswillen.