Weis(s)e alte Männer

Das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen in den USA hat nahezu in der gesamten westlichen Welt Politik und Medien aufs Heftigste aufgeschreckt. Die schon als sichere Siegerin gehandelte Bewerberin musste sich einem Kandidaten geschlagen geben, der offensichtlich alle Eigenschaften und Charakteristika eines “zornigen weißen Mannes” in sich zu vereinen scheint. Alt und rückwärtsgewandt; aufbrausend und unbeherrscht; demagogisch und machohaft. Ein Politikertypus also, der sinnbildlich für alles Überholte steht und vor dem seit Jahren in fast allen öffentlichen Verlautbarungen gewarnt wird.
Wenn man etwas genauer hinschaut und einmal aus einer gewissen Distanz Habitus, Politikstil und Programmatik der namhaften Protagonisten der aktuellen Wahlkämpfe nebeneinander legt und analysiert, dann ergibt sich die verblüffende Erkenntnis, dass nicht nur in den Reihen der politischen Rechten, sondern auch im linken Spektrum – neben ehrgeizigen Politikerinnen – vielfach “alte weiße Männer” den Ton angeben. Man kann geradezu von einem Aufmarsch der 70jährigen sprechen, der sich momentan parallel in beiden politischen Lagern vollzieht. Neben Donald Trump mit seinen 70 Lebensjahren lassen sich im linken Lager, Politrentner wie Bernie Sanders (75), Alexander van der Bellen (72) und Jeremy Corbyn (67) herausheben. Allesamt entstammen sie einer Zeitperiode unmittelbar vor Ende oder kurz nach Ende des 2. Weltkrieges. Und bei allen dürfte sich die entscheidende politische Sozialisation in den aufgewühlten 68er Jahren vollzogen haben.
Obwohl also alle in etwa der gleichen Generation angehören und es sich ausnahmslos um “alte weiße Männer” handelt, wird diese eher pejorativ gebrauchte Zuordnung nur gegen einen der vier Protagonisten im negativen Sinne gebraucht. Die drei anderen Akteure werden fast immer mit Attributen der großväterlichen Milde beschrieben und trotz gelegentlicher Wutausbrüche auf öffentlicher Bühne bemühen sich fast alle journalistischen Beobachter um eine differenziert-rücksichtsvolle Bewertung der drei “Anti-Trumps”. Bei Bernie Sanders, dem Clinton-Konkurrenten und verhinderten Widersacher Trumps, hatte man phasenweise sogar den Eindruck einer Art sozialdemokratisch-progressiven “Lichtgestalt” gegenüber zu stehen. Angereichert mit unzähligen Bildern jubelnder, vor allem junger Menschen überschlugen sich die Kommentatoren geradezu in ihrem Lob für sein “dynamisches Auftreten” und seine “klare, ummissverständliche Sprache”.
Was man aus diesen unterschiedlichen Wertungen lernen kann, ist, dass politische Etikettierungen immer vor dem Hintergrund einer politischen Einstellung zustande kommen. Das landläufig negativ besetzte Etikett “Alter weißer Mann”, das gegen alles Bunte und Progressive, gegen alles Feminine und Zukunftsoffene in Stellung gebracht wird, verschwindet schnell in der Schublade, wenn der betroffene Protagonist einem anderen politischen Lager angehört. Dann sind Hautfarbe und Geschlecht, die z.B. in fast allen akademischen Milieus der Cultural und Post Colonial Studies als zentrale prädisponierende Faktoren des kulturellen Dominanzstrebens gewertet werden, plötzlich nachrangig und nebensächlich. In dem hier beschriebenen Kontext kann den drei “Progressiven” sogar ihre bisweilen ziemlich unorthodoxe politische Programmatik nichts anhaben, wo sich – Trump lässt grüßen – knallharter Protektionismus, forcierte Sozialneidkampagne und die Neigung zur schuldenfinanzierten Ausgabenpolitik auf virtuose Weise mischen.  Hier wird “Weiß-Sein” quasi im Handumdrehen zum “Weise-Sein” und das “Rentenalter” vom Stigma zum unbestrittenen Vorzug.
Die Warnung, die hier zu geben wäre, ist die, dass die politischen Alternativen oft nur in abgewandelter Verpackung daher kommen und die rückwärtsgewandte, radikale Substanz oft sehr ähnlich ist. Gerade junge Menschen, die politische Orientierung suchen, sollten nicht so sehr auf altväterlich-weise auftretende Politik-Großväter schauen, bei denen die Zeit im Jahre 1968 stehen geblieben ist, sondern eher dort politisch andocken, wo jüngere, wirklich zukunftszugewandte Kräfte mit ähnlichen Alltagserfahrungen und Lebenswirklichkeiten den Ton angeben.