World-Wide-Virus

Noch vor wenigen Wochen hätte wahrscheinlich so gut wie jeder von uns beim Wort “Virus” besorgt auf sein IPhone, sein IPad oder sein Notebook geschaut und sich gefragt, ob er denn auch alle Updates rechtzeitig “runtergeladen” hat. Auch die Meldung, dass dieses und jenes via World Wide Web “viral geht”, hätte noch vor kurzem fast niemand mit einem Krankheitserreger in Verbindung gebracht. Nichts scheint nun ferner zu liegen, als solche Assoziationen. Das Corona-Virus beherrscht die mediale Weltbühne und verdrängt die Computerviren auf die hinteren Plätze. – Dennoch – wer die weltumspannende Dimension des Corona-Phänomens auch nur annähernd verstehen will, muss das WWW als medialen Verbreitungsweg in den Blick nehmen und kommt an der Erkenntnis nicht vorbei, dass Covid 19 wohl die erste weltweite epidemische Erkrankung ist, die sich nicht nur Face-to-Face, sondern auch übers Internet verbreitet.

Wuhan, Bergamo und New York City!: Rund-um-die-Uhr-Berichterstattung von den globalen Hotspots der Pandemie. Blaulicht, Patienten in Intensivbetten, Menschen mit Panik in den Gesichtern und immer wieder übereinander gestappelte Särge vor trister Klinikkulisse. Und das alles immer live, immer unmittelbar, immer schockartig. Es wirkt fast so, als seien momentan alle Kameras der Welt 7 Tage die Woche, 24 Stunden rund um die Uhr nur auf eines gerichtet – nämlich auf ein zwar mikroskopisch kleines, aber dennoch enorm wirkungsmächtiges Objekt.

Neues Medium

Dass sich die Bilder so rasch verbreiten und beim Zuseher so unmittelbare Wirkung hinterlassen, liegt ohne Zweifel am Internet, besser noch an seinem technischen Gerüst, dem World Wide Web. Als dieses neue Medium Ende der 80er Jahre aus bescheidenen Anfängen in die Welt entlassen wurde, konnte noch niemand so recht ahnen, was das für uns und für die Sphäre der Massenmedien bedeuten würde. Ursprünglich als “bombensichere” Plattform für militärische Kommunikation gedacht, fehlten zunächst noch die kommerziellen Anwendungen für die technische Basisinnovation.

Das änderte sich mit den großen Handels- bzw. Bestellplattformen (Amazon, 1994) und schließlich mit den sog. “Sozialen Medien” (Facebook, 2004 etc.), die erstmals weltweite virtuelle Face-to-Face-Kommunikation ohne nennenswerte Kosten und ohne  Zwischenschaltung von professionellen Redaktionen ermöglichten. Genau diese Social Media-Plattformen sind es, die das Virus aktuell quasi in jeden Winkel der Welt transportieren. Stets mit hoher “Ansteckungswirkung” und stets verbunden mit einem Multiplikatoreffekt, der alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt.

Virtueller Verstärker

Ein wirksamerer “Verstärker” für Meldungen von der Pandemiefront, als das World Wide Web, lässt sich kaum vorstellen. Die Ereignisse von denen berichtet wird, sind nämlich auf spektakuläre Art wie gemacht für das weltumspannende “Netz”.  Jeder scheint betroffen, jeder glaubt mitreden zu können und jeder hat irgendwie eine Meinung zu vermitteln. So rollt News auf News, Post auf Post über den elektronischen Ticker und läßt alles andere dahinter zurücktreten.

Das wirklich Neue an der Corona-Krise ist jedoch nicht nur der virtuelle Hauptverbreitungsweg des Virus an sich. Spektakulär und überdimensional sind auch die Wirkungen, die die virtuellen “Verstärker” auf dem Felde der Politik und bei den traditionellen Medien hinterlassen.

Politik unter Druck

Politik und Massenmedien stehen seit Generationen in einem sich wechselseitig verstärkenden Spannungsverhältnis. Spätestens seit der Erfindung der Rotationspresse Mitte des 19.  Jahrhunderts, seit der Gründung der ersten Nachrichtenagenturen in etwa zur gleichen Zeit und mit dem beginnenden Siegeszug der sog. Penny- oder Yellow-Press gegen Ende des 19. Jahrhunderts findet Politik unter den Bedingungen massenmedial veröffentlichter Meinung statt. Überall da, wo sich Pressefreiheit etablierte und regelmäßig demokratische Wahlen stattfanden, musste sich Politik in der permanenten massenmedialen Pulsmessung üben. Bis heute nutzen die politischen Eliten dabei die Sensoren der Demoskopie – unter dem Motto: Was denkt das Volk, wie tickt die Mehrheit? Bzw. wie kann ich – im Zweifel – Mehrheiten generieren, um politische Entscheidungen und getroffene Maßnahmen “gängig” zu machen?

Vieles in Sachen Corona liegt noch im Dunkeln. Weitreichende politische Entscheidungen wurden unter den Bedingungen der Ungewissheit getroffen. Die Krise wurde zunächst allein unter medizinisch-epidemiologischen Gesichtspunkten betrachtet und bekämpft. Mittlerweile treten die wirtschaftlichen und sozialen Folgeschäden des Shutdowns immer massiver in den Vordergrund, jedoch auch hier nach wie vor mit ungewissem Ausgang. Was sich auf jeden Fall jetzt schon deutlich abzeichnet, ist ein massives Präventions-Dilemma, in das sich unzählige Regierungen weltweit hineinmanövriert haben.

Präventionsdilemma

Getrieben durch die Flut der virtuell verbreiteten Schreckensbilder vor allem aus Oberitalien haben sich die politischen Krisenmanager in Europa und Übersee präventiv, in einem Akt kollektiver Notwehr, für einen rigorosen Shutdown entschieden und das öffentliche Leben mit einer Vollbremsung buchstäblich zum Stehen gebracht. Die Entscheidung fiel so gut wie ausschließlich unter medizinischen Gesichtspunkten und unter exklusiver Hinzuziehung virologischer Expertise.

In einigen Ländern hat die Virusinfektion zu einer sichtbaren Überforderung des Gesundheitswesens geführt. Es fehlte an Betten,  an technischem Gerät sowie an ärztlichem und pflegerischem Personal. Hier sind in Europa vor allem Italien und Spanien zu nennen.  In den meisten anderen entwickelten Ländern hat sich aber entgegen den zu Beginn angestellten Prognosen weder eine Überlastung des Gesundheitssystems noch ein exponentieller Anstieg der Infiziertenzahlen ergeben. Mit der Folge, dass sich nun nach vielen Wochen des Shutdown vermehrt auch wissenschaftlich fundierte Stimmen regen, die eine massive “Übersteuerung” bei den Präventionsmaßnahmen anmahnen – verbunden mit der hartnäckigen Frage, ob es angesichts des milden Verlaufs im Rahmen einer Risikoabwägung überhaupt notwendig war, die gesamte Wirtschaft und das öffentliche Leben auf so massive Weise für so lange Zeit buchstäblich mattzusetzen?

Die Knopfdruck-Illusion

Entscheidend für die politische Nachlese der Krise dürfte deshalb die Klärung der Frage sein, ob es zur Überwindung der Pandemie tatsächlich eines massiven präventiven Shutdowns bedurfte. Die Vorstellung, man könne eine ganze Volkswirtschaft für Wochen und möglicherweise Monate abschalten und dann einfach per Knopfdruck wieder hochfahren, dürfte sich als gefährlicher Trugschluss erweisen. Die anfänglich von Wirtschaftsforschern prognostizierte V-Form der Krisenbewegung wurde für wichtige Industrieländer der westlichen Welt längst revidiert. Die sich abzeichnenden Einbrüche werden tief und langgezogen sein und viele Fragen vor allem hinsichtlich der Verantwortung für Insolvenzen und Massenarbeitslosigkeit aufwerfen.

Traditionelle Medien mit im Boot

Noch scheint es für eine differenzierte Aufarbeitung der politischen Verantwortung zu früh. Der Nebel über der Szenerie beginnt sich erst langsam zu lichten und noch zeichnen sich die wirtschaftlichen und sozialen Folgeschäden erst in groben Umrissen ab. Was jedoch schon erkennbar wird, ist, dass nicht nur die Politik in ein Dilemma hineinrutscht, sondern sich in vielen Ländern auch in den Redaktionen der klassischen Medien erste Zweifel an der Nachhaltigkeit des eingeschlagenen Kurses entwickeln.

Wie schon in der Euro-, der Migrations- und zuletzt in der Klima-Debatte haben sich in Europa und speziell in Deutschland fast alle öffentlich-rechtlichen Medien, aber auch große Teile der privaten Printmedien für eine flächendeckende Unterstützung bzw. Flankierung des Regierungskurses entschieden. Das nicht nur von Angela Merkel propagierte Diktum von der Alternativlosigkeit wurde auch in den zurückliegenden Wochen der Corona-Krise als generelle “Leitschnur” der klassischen Nachrichtenberichterstattung genutzt. In der Regel wurden fast alle regierungsamtlichen Maßnahmen mehr oder weniger kritiklos an das Publikum weitertransportiert und nur ganz selten tiefergehend problematisiert. Unter dem Hashtag “# Wir bleiben zu Hause” boten beinahe alle Medien “Amtshilfe” an und ließen in der Regel kaum Zweifel aufkommen, dass Grund- und Freiheitsrechte selbstverständlich hinter den staatlich verordneten Maßnahmen zurücktreten müssen.

Paternalismus der guten Absichten

Phasenweise glitt die Kommentierung in den vergangenen Wochen sogar auf unangenehme Weise in eine paternalistische Tonlage ab und näherte sich in der Diktion bereits sehr weit den Wendungen aus vorangegangenen Debatten an. Mittlerweile taucht in den Kommentarspalten – in der Nachfolge von Vokabeln wie “Europafeinde” und “Klima-Leugner” – sogar vermehrt die Wendung “Corona-Leugner” auf. Ob diese Form der Ausgrenzungs-Rhetorik wirklich helfen wird, die Debatte strukturiert zu führen, dürfte vor allem angesichts der Gegenöffentlichkeit im Netz mehr als fraglich sein.

Die Konsens-Illusion

Was die aktuelle Auseinandersetzung mit dem Corona-Phänomen erneut belegt, ist die Tatsache, das sich Bilder, Nachrichten und Kommentare sowie daraus abgeleitete “öffentliche Meinungen”, die bevorzugt übers Internet laufen, deutlich schwieriger steuern und kanalisieren lassen, als das im Zeitalter der klassischen Medien noch der Fall war. Die prinzipiell anarchischen Strukturen der neuen Medien – Millionen von Laien-Redakteuren und Zehntausende von Bloggern – stehen in deutlichem Kontrast zur aktuell bevorzugten Strategie des “Manufacturing Consent” (Noam Chomsky).

Wenn eine Konsensgemeinschaft aus Politik und klassischen Medien versucht auch an allen Eingängen der virtuellen “Agora” ihre Rolle als Gatekeeper aufrechtzuerhalten, droht über kurz oder lang die Überforderung. Vor allem dann, wenn Krisen “real” werden und die Politik bei der Abfederung der Krisensymptome an sichtbare Grenzen stößt.

Wendemanöver einleiten

Im Gegensatz zu den beiden jüngsten Krisen (Finanz- bzw. Eurokrise und Migrationskrise), wo das TINA-Prinzip (“There Is No Alternative”) von vielen Regierungen, vorbehaltlos unterstützt von einem Großteil der Medien, konsequent durchgehalten wurde, wird diesmal alles davon abhängen, die Wendemarke vor dem drohenden Zusammenbruch der Volkswirtschaften nicht zu verpassen.

Was uns retten könnte, ist die zentrale Einsicht, dass ein handlungsfähiges System der sozialen Sicherung und ein funktionierendes Gesundheitswesen, zwingend eine funktionsfähige Wirtschaft voraussetzen. Der Rückweg aus dem tiefen Tal der geschlossenen Läden, der leeren Schulen, der entvölkerten Innenstädte, der verlassenen Straßen und Plätze dürfte schmerzhaft und steinig werden. An der Wegstrecke – das ist jetzt schon sicher – werden Millionen unmittelbar Betroffene und Abertausende von Kritikern stehen. Das Netz wird überlaufen von verzweifelten Hilferufen und heftigen Kommentierungen.

Dennoch, der Weg muss gegangen werden. Wünschen wir denen, die in Deutschland, Europa und anderswo Verantwortung tragen, ganz viel Kraft und Charakterstärke und vor allem den Mut zu unpopulären Entscheidungen.