Zurück in die Zukunft

Nie war so viel Wende wie heute! “Energiewende”, “Mobilitätswende”, “Agrarwende”, “Klimawende”! Die Steine, die da noch aufeinander bleiben, lassen sich an einer Hand abzählen. Das Alte muss weg. Das Neue muss her. Es ist fünf nach Zwölf. Wer zögert, hat verloren! Wer zaudert, ist von gestern! – Doch halt! Ist eigentlich allen klar, wohin die Reise geht? Was das Alte ist, was da weg muss? Und was das Neue leistet, wenn es ohne das Alte auskommen muss? – Die aktuelle Debatte, vor allem der Debattenstil, lassen wenig Hoffnung auf tiefere Erkenntnis. Im Grunde haben wir in den Verwöhnräumen unseres großen Komfort-Treibhauses längst das Gespür für die elementaren Grundlagen unseres Wohlstandes verloren. Wir navigieren umgeben von unzähligen Entlastungsprothesen durch unseren hochtechnisierten Alltag und laben uns hemmungslos an einem energetischen Manna, dessen Herkunft uns längst fremd geworden ist. Also noch mal: Wissen wir wirklich, was wir tun und was uns erwartet, wenn wir den Schonraum der alten Welt verlassen?

Nicht den Schimmer einer Ahnung!

Dass wir nicht den Schimmer einer Ahnung haben, was es bedeutet mit Schwung ins postfossilistische Zeitalter einzusteigen, beweist unser fahrlässiger Umgang mit dem Terminus “Energiewende”! Wir glauben tatsächlich, wir könnten Kohle, Erdöl und auch Erdgas quasi im Handumdrehen durch “Windmühlen” oder Solarpanelen auf Kartoffeläckern und Hausdächern ersetzen. So als wäre diese fundamentale Transformation hin zu den “Erneuerbaren” nur ein forscher Technologiewechsel, den wir in den diversen Innovationszyklen der letzten Jahrzehnte schon so oft hinter uns gebracht haben.

Den Launen der Natur entflohen

Dass wir mit der fossilistischen Revolution gegen Ende des 18. Jahrhunderts ein menschheitsgeschichtlich einmaliges Experiment begonnen haben, will uns einfach nicht mehr einleuchten. Erst die Kohle und später das Erdöl haben die Völker der entwickelten Welt erstmals in die Lage versetzt, im großen Stil schweißtreibende Menschenarbeit durch Maschinenarbeit zu ersetzen. Erstmals seit der neolithischen Revolution konnte sich Homo sapiens auf breiter Basis buchstäblich von den Launen der Natur befreien. An die Stelle der unendlich mühsamen Feld- und Kärnerarbeit der herkömmlichen Agrarkulturen trat die Welt der Motoren. Die Länder Europas wurden zu Einwanderungsländern für Kraftmaschinen aller Art, gefüttert von neuartigen “Treibstoffen”, die nach Jahrtausenden der mühsamen Plackerei die muskuläre Arbeit von Mensch und Tier auf wundersame Weise ersetzten.

Getrübtes Gedächtnis

Die Erinnerung an diese gewaltige Revolution ist aus den Köpfen der postmodernen Menschen fast vollständig getilgt. Wir sitzen in unseren vollklimatisierten Büros, bewegen Papier von rechts nach links und lassen ansonsten “Rechner” und “smarte Telefone” für uns arbeiten. Die Welt der Industriellen Revolution verschwimmt vor unseren Augen wie eine Schwarz-Weiß-Fotographie auf vergilbtem Papier und mit ihr das Wissen um die überragende Bedeutung der prometheischen Entlastungsagenten Kohle, Öl und Gas für unsere moderne Zivilisation.

Diese kollektive Amnesie führt direkt und im Zeitraffer zurück in eine Welt der Knappheit, aus der wir uns vor rund 250 Jahren dank der “unterirdischen Wälder” befreien konnten. Die politischen und medialen Leitwölfe, die diese radikale Umrüstung ganzer Populationen propagieren, vermeiden momentan auf peinlichste Weise die Bereitstellung von Erinnerungshilfen. Der Umstieg soll  – angesichts der herannahenden Reiter der Apokalypse – in denkbar kurzer Frist und von oben administriert erfolgen. Da stört es nur, wenn Skeptiker daran erinnern, dass die Menschheit jahrtausendelang ihr Dasein nur auf bedrohten Inseln der humanen Künstlichkeit inmitten einer ansonsten menschenfeindlichen Natur gefristet hat. Und da hemmt es nur, wenn mahnende Stimmen vernehmbar an die immanente Launenhaftigkeit von Sonne, Wind und Wasser erinnern.

Sprudelnde Honigpumpen

Wenn wir ehrlich mit uns sind, haben wir alle den fossilenergetischen Lebensstil hochgradig verinnerlicht. Unsere existenzielle Grunderfahrung ist der Energieüberschuß. Selbst die FfF-Kohorten reisen nach ihren Freitagsdemos mit dem Flieger nach Übersee oder mit Papis SUV zur Eisdiele um die Ecke. Und selbst die Klimaretter der ersten Stunde ahnen, wie schwierig es sein dürfte, die “Über-alle-Maßen-Verwöhnten” von ihren unablässig sprudelnden Honigpumpen zu entwöhnen.

Vertreibung aus dem fossilenergetischen Paradies

Dass fast das gesamte politische Establishment – trotz dieser Erkenntnisse – das Wende-Gaspedal mächtig durchtritt, mutet paradox an. Wie soll das gehen: Raus aus der Kohleverstromung und der Kernkraft und gleichzeitig die Versorgungssicherheit für einen der höchstentwickelten Industriestandorte der Welt gewährleisten? Haben die verantwortlichen Administratoren der Klimawende die Blaupausen für die noch nicht erfundenen Mega-Stromspeicher bereits fertig in der Schublade? Wer erklärt dem Konsumenten gigantischer Energieüberschüsse und entgrenzter Mobilität den plötzlichen Blackout in der “Dunkelflaute”? Und wer erklärt Tausenden und Abertausenden von Familien, dass Papi und Mami in Zukunft eben keine Arbeit mehr bei Audi, BMW, Bosch, Conti oder Schaeffler haben, weil Automobile jetzt einen E-Antrieb brauchen und besser dort produziert werden, wo die Batterien sind, nämlich in China?

Auf gehts, an die Riemen, Genossen!

Von dem Zeitstrang, der sich durch die Geschichte zieht, steht uns das dicke Ende auf dem Feld der Energie- und Klimapolitik ohne Zweifel noch bevor. Das Schiff, dass uns in die Neue Welt bringen soll, hat seinen Heimathafen längst verlassen und dampft bereits auf hoher See gegen die Wellenberge an.

Wie Weiland Phileas Fogg in Jules Vernes “In 80 Tagen um die Welt” auf seiner Schlussetappe über den Atlantik haben wir große Teile der Takelage und der Bordverkleidung bereits im Heizkessel unter Deck verbrannt. Wir haben unseren Kindern versprochen, dass wir das Dieselaggregat nur auf Notbetrieb fahren. Aktuell rudern wir fleißig gegen die Wogen an und hängen gelegentlich den Außenborder über die Heckreling. Wir merken, dass sich die Fahrt spürbar verlangsamt, wollen aber die unter Deck lauthals feiernden Passagiere nicht beunruhigen. Am Ende kriegen die noch Panik und springen über Bord. Lieber weiter pullen, immer der Sonne entgegen und hoffen, dass die Winde auch in Zukunft günstig stehen…!