Trumps War

Die Carl von Clausewitz zugesprochene Wendung vom „Nebel des Krieges“ passt nicht nur zum laufenden Iran-Krieg, sondern im Grunde zu allen Kriegen, auch wenn sie schon lange zurückliegen und von ganzen Heerscharen professioneller Militärhistoriker quellenkritisch analysiert wurden. Deshalb sind die folgenden Ausführungen lediglich erste Einschätzungen und stehen zwingend unter dem Vorbehalt späterer militär- und politikgeschichtlicher Revisionen.

Was lässt sich aus zeitgenössischer Perspektive zu diesem Krieg sagen, der am 28. Februar 2026 mit US-amerikanischen und israelischen „Decapitation strikes“ auf führende Köpfe des iranischen Mullah-Regimes begann und nach nun fast fünf Wochen immer noch tobt.

1.) One Man´s War

Vor allem im medialen Raum, aber auch auf der diplomatischen Bühne scheint es kaum jemanden zu geben, der den auslösenden Faktor dieses Krieges nicht im Weißen Haus verortet. Obwohl eingerahmt von State Department, Pentagon und Joint Chiefs of Staff und obwohl eingebunden in ein enges Bündnis mit Israel wirkt alles, wie von einem einzigen zentralen Protagonisten orchestriert. Bis in die kleinsten Wellenbewegungen der militärischen Attacken scheint alles bis ins Detail vom Schreibtisch des Oval Office gesteuert. So als säße der 47. US Präsident wie ein omnipräsentes Wundertier am Steuer Hunderter von Jets, die sich auf Tausende iranische Ziele stürzen. – Doch so gewichtig der Anteil des Washingtoner „Kriegsfürsten“ am konkreten Konfliktgeschehen auch sein mag, so sehr vernebelt dieser einseitige Blick auf nur eine Person die komplexen historisch-politischen Facetten dieses Waffengangs.

2.) Okzident gegen Orient

Beginnend mit den griechischen „Perserkriegen“  im 5. vorchristlichen Jahrhundert und erstmals kulminierend in der alexandrinischen Hellenisierung des persischen Ostens im späten 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zieht sich eine langgezogene „Blutspur“ durch den Raum zwischen Hellespont, Levante und persischem Hochland. Immer wieder unterbrochen durch Phasen des Atemholens und immer wieder angetrieben durch neue Völkerstürme aus den Tiefen des Orients (Parther, Sassaniden, Araber, Mongolen, Seldschuken und Osmanen) zog sich der Dauerkonflikt zwischen Okzident und Orient durch die Jahrhunderte.

So sehr historische Vergleiche immer wieder auf einem Bein zu hinken scheinen, ist doch unmissverständlich klar, dass es wichtige Parallelen gibt zwischen dem aktuellen Konflikt und seinen historischen Vorläufern. Das betrifft die Bewegungsrichtung der Angriffs- und Verteidigungswellen genauso wie die motivationalen Elemente, bei dem im Kern in der Regel kulturell-religiöse Motive dominierten (Kreuzzüge, arabische Landnahme unter dem Halbmond oder jüngst die verschiedenen Wellen des expansiven islamischen Fundamentalismus). Und niemand wird ernsthaft bestreiten können, dass das iranische Mullah-Regime merkliche Züge der „orientalischen Despotien“ der Antike und des Mittelalters trägt. Ausgeprägte Gewaltherrschaft verbunden mit einem rigiden Unterdrückungsapparat, der Menschenleben auf dramatische Weise gering schätzt und – ganz im Banne okzidentaler Feindbilder – nach beinahe hermetischer Abgeschlossenheit strebt.

3. Kampf gegen Endzeitsekten

In der langen Geschichte der großen Imperien, beginnend mit dem Alexanderreich und dem römischen Kaiserreich, gab es immer wieder Phasen, in denen sich die imperialen Zentren an ihren weitläufigen Peripherien Angriffen von endzeitlich orientierten und daher besonders fanatisch kämpfenden Religionsgemeinschaften erwehren mussten. Ein besonders krasses Beispiel für einen solchen Konflikt war der „Jüdische Krieg“ zu Beginn der 70er Jahre des 1. nachchristlichen Jahrhunderts. Obwohl damals die jüdischen Kombattanten durch das Heer des römischen Feldherrn Titus bereits geschlagen waren, igelten sich die Überlebenden über Monate hinweg in der Wüstenfestung Masada ein. Fanatisch kämpfend bis zum Schluss verübten die Belagerten schließlich zusammen mit ihren Frauen und Kindern kollektiven Selbstmord.

Nun dürfte auch dieses historische Beispiel nur begrenzt mit der aktuellen Lage im Kampf gegen das schiitische Mullah-Regime zur Deckung gebracht werden können. Es fehlt nicht nur am Element der breiten Volksbewegung, die sich mit Wucht dem Angreifer entgegenwirft, sondern es fehlt auch an der Bereitschaft des Angreifers langgezogene Belagerungen durchzuhalten. Unübersehbare Parallelen gibt es bei den endzeitlich-chiliastischen Prägungen der Verteidiger. Wie in der messianischen Überlieferung der Hebräer mutiert auch der fanatische Glaube der schiitischen „Revolutionswächter“ an die bevorstehende Wiederkunft des zwölften Imams zu einer Art energetisierenden Durchhalteparole. Erst vor diesem Hintergrund  wird klar, welch eine gewaltige Aufgabe den US-Amerikanern bis zu einer möglichen Niederwerfung des fundamental-religiös motivierten Gegners noch bevorstehen könnte.

4. Indirect Approach

Zurück aus den tiefen Sphären der historischen Konfliktforschung in die Niederungen des konkreten Kriegsgeschehens: Seit den blutigen Massenkriegen des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts – kulminierend in den „Knochenmühlen“ des 1. Weltkrieges – suchten vor allem die entwickelten Staaten des Westens nach geeigneten operativen Rezepten jenseits des die „Heimatfront“ demoralisierenden Massensterbens an den Fronten (Verdun als Trauma und Menetekel!). Neben fortgeschrittenen Ansätzen des opferschonenden Eingrabens und Einbunkerns („Maginot-Denken“) und der durchgreifenden Mechanisierung des Krieges durch die geballte, tief ins Hinterland vorstoßende Panzerwaffe („Blitzkriegkonzept“) waren es nach 1945 vor allem die Weiterentwicklung der Luftkriegsführung und der massive Einsatz von „Auxiliar-Truppen“, die aus Sicht der westlichen Demokratien moderne Kriege unter permanenter Beobachtung von bürgerlicher Öffentlichkeit und Massenmedien, wieder führbar erschienen ließen.

Das in der Militärgeschichtsschreibung als „Indirect Approach“ bekannte Konzept der Kriegführung allein aus der Luft oder äußerstenfalls mit Hilfe von überwiegend fremdländischen Hilfstruppen am Boden spielte in fast allen Kolonialkriegen des 20. Jahrhunderts und auch in fast allen Peace-Enforcement-Operationen der westlichen Mächte in Afrika und Asien, aber auch auf dem Balkan, die zentrale Rolle. Begünstigt durch den Fortschritt der Militärtechnik – vor allem durch den Einsatz von sog. Lenkwaffen – und angesichts der gesteigerten Rücksichtnahme nicht nur auf die eigenen Soldaten, sondern auch auf die Zivilisten der Gegenseite kommt der Waffeneinsatz des beginnenden 21. Jahrhunderts in der Regel präzise, punktgenau und mit dem Ziel der Vermeidung größerer Kollateralschäden daher. Während jedoch das verheerende „Carpet-Bombing“ des Zweiten Weltkriegs und später der Kriege in Korea und Vietnam weitgehend der Vergangenheit angehört, hält auch der laufende Iran-Krieg nach wie vor die bittere Erkenntnis bereit, dass echte militärische Entscheidungen nicht allein aus der Luft zu erzwingen sind, sondern am Ende dann doch ein – wenn auch begrenztes – „Boots on the Ground“ erfordern.

5. Krieg ums Öl

Den Älteren unter uns sind sie noch gegenwärtig: die Bilder von den leeren Autobahnen im November/Dezember 1973, auf denen keine Autos, sondern Fahrradfahrer und Fußgänger hin und her pendelten. Ölboykott, Ölkrise und Sonntagsfahrverbote. Vierter Nahostkrieg zu Yom Kippur und der erste große Rohstoffschock der Nachkriegszeit.

Der massiv erhöhte, stark von Steuern und Abgaben verzerrte Benzinpreis an den Zapfsäulen wird heute im Gegensatz zu damals seitens der Politik eher mit Achselzucken kommentiert. Ölpreis-Bonanza und grüne Verkehrswende passen einfach zu gut zusammen, als dass man sich über die  „Abzocke“ an den Zapfsäulen all zu sehr aufregen müsste. Und außerdem: Bringt die Sperrung der Straße von Hormuz durch iranische „Kanonenboote“ und Seeminen nicht endlich den lang ersehnten Durchbruch an der E-Auto-Front? Und: Sind die Kalamitäten der Trump-Regierung am Golf nicht die ideale Gelegenheit, um frühere Demütigungen zu rächen?

Land auf und Land ab heißt es nun: „Das ist nicht unser Krieg“. Und: „Soll er doch die Suppe auslöffeln, die er sich selber eingebrockt hat“. „Warum  sollen wir ihn da raus hauen, obwohl er uns nicht mal konsultiert hat, als es Ende Februar losging?“ – Gute Fragen, aber dennoch: Vergaloppieren wir uns da nicht maßlos? Was haben wir tatsächlich an Trumpfkarten in der Hand? Wie stark sind unsere Bataillone tatsächlich?

Und was machen wir, wenn Trump uns vollends mit dem Ukrainekrieg alleine lässt, frei nach dem gleichen Motto: „Das ist doch nicht mein Krieg, das ist doch euer Krieg!“ Fest steht auf jeden Fall: Die Amis haben ihr Schieferöl und wer die Lunte an die NATO legen möchte, sollte sich vorher genau überlegen, welche realen Sicherheitsalternativen es eigentlich gibt.  Es könnte in Zukunft nicht nur schwierig werden, den Ölnachschub aus der Golfregion für Europa sicherzustellen, sondern am Ende auch die Russen von Ostsee und Weichsel fernzuhalten.

6. Handelskrieg ohne Geleitschutz

Jahrzehntelang waren wir es gewohnt, dass die US-Amerikaner mit ihrer beispiellosen maritimen Übermacht auf allen Weltmeeren für sicheres Geleit sorgten. Genauso wie wir es gewohnt waren, dass die Amis uns die Russen vom Leib gehalten haben. Gesperrte Meerengen, erodierendes Seerecht und wildgewordene, vom Iran unterstützte Milizen an den Ausgängen des Roten Meeres waren Probleme, um die wir uns nicht kümmern mussten, weil es ja den Ami gab, der sich um alles kümmerte.

Sollte Trump auch nur ansatzweise nach dem zwischenzeitlich mehrfach verkündeten Motto „Holt euch euer Öl doch selbst“ verfahren sollte, wird der Geleitschutz für deutsche Tanker und Containerschiffe in Zukunft ein echtes Problem. Dann dürfte uns und unsern EU-Partnern schnell klar werden, dass anhaltende Appelle ans Völkerrecht kaum ausreichen dürften, um unsere Handelsschiffe weiterhin ungehindert auf den großen Seehandelsrouten  verkehren zu lassen.

Resümierend betrachtet, ist der Iran-Krieg anders als der Ukraine-Krieg ein typisch westlicher Krieg. Kein Stellungskrieg, kein zähes Ringen um jeden Quadratmeter mit unzähligen Opfern, sondern ein Krieg vor allem aus der Luft und natürlich ein durch und durch medialer Krieg um die Seelen der Menschen und die Sympathien der Weltöffentlichkeit. Ein Krieg, der – und das ist elementar – letztlich auch an den Börsen entschieden wird.

Das große Dilemma, in dem Donald Trump momentan steckt, hat nicht nur mit der Weigerung der iranischen Führung zu tun, ein wie auch immer geartetes US-amerikanisches Ultimatum zu akzeptieren, sondern auch und vor allem mit der fehlenden Kongruenz der militärischen und der ökonomisch-politischen Zeitschienen. Die Weltwirtschaft braucht den schnellen Sieg bzw. eine schnelle Entscheidung. Eine Begrenzung der militärischen Opferzahlen ist jedoch nur möglich, wenn sich die US-amerikanischen und die israelischen Militärs ausreichend Zeit für eine Fortführung des kräftesparenden Luftkrieges nehmen.

Sollten die Weltwirtschaft und die großen Leitbörsen durch tiefere Einbrüche eine schnellere Lösung des Konflikts erzwingen, dürfte das nur mit dem massiven Einsatz von Bodentruppen gelingen. Trump wird den Einsatz und die damit verbundenen Risiken so oder so erhöhen müssen.

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