30 Jahre danach

Schabowski, Schabowski, immer wieder Schabowski! Und ständig die gleiche Wendung in der Endlosschleife: “Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich.”  Und dazwischen immer wieder Genscher. Besser noch seine Stimme! Vom Balkon der Prager Botschaft im nächtlichen Dämmerlicht. Man spürt regelrecht, wie unten im Botschaftsgarten Tausende und Abertausende an seinen Lippen hängen, bis die erlösenden Worte fallen: “Wir sind zu ihnen gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Aus….” – Die “… reise” verhallt in einem schrillen Jubelchor, in einem Chor der Verzweifelten, die nur raus wollen, endlich raus! – Dieser Urschrei nach Freiheit klingt noch heute – 30 Jahre später – nach. Er hat sich quasi in unsere Gehörgänge eingenistet und ist zum markanten Sound einer dramatischen historischen Zäsur geworden! – Aber halt! Wenn dieses Freudenfest des Mauerfalls bis heute nachklingt, warum haken wir uns – in Ost und West – nicht alle unter und genießen ausgelassen das Glück der Wiedervereinigung? Warum fällt es uns so schwer, diese glückliche Geburt Gesamtdeutschlands auf demokratischem Fundament unbefangen zu feiern? Was ist los? Was nimmt uns die gute Laune? „30 Jahre danach“ weiterlesen

Luft zum Atmen

Wenn es die Demokratie nicht geben würde – wir müssten sie erfinden! Keine Staatsordnung garantiert ein so hohes Maß an Legitimität und politischer Mitbestimmung. Kein politisches System schafft so viel Freiräume für individuelle Entfaltung, Kreativität und Humanität. In der Verkoppelung mit dem liberalen Verfassungsstaat und dem sozialen Rechtsstaat ist die “Volksherrschaft” zum erfolgreichsten Exportgut der westlichen Zivilisation geworden. Selbst autokratische Systeme versuchen sich über eine Art institutionelle Camouflage, das heißt über das Einrichten von (Schein-)Parlamenten und das Abhalten von (Schein-)Wahlen, eine “demokratische” Fassade zu verpassen. – Dennoch verdichten sich die Anzeichen für eine akute Schwächephase des westlichen Demokratiemodells. Einstmals fest gefügte Institutionen beginnen zu erodieren und ehemals unstrittige Grundsätze werden auf den “Markt der Meinungen” gezerrt. Was ist da los? Geht dem Dauerläufer die Puste aus? Sind wir noch auf dem richtigen Kurs? „Luft zum Atmen“ weiterlesen

Zurück in die Zukunft

Nie war so viel Wende wie heute! “Energiewende”, “Mobilitätswende”, “Agrarwende”, “Klimawende”! Die Steine, die da noch aufeinander bleiben, lassen sich an einer Hand abzählen. Das Alte muss weg. Das Neue muss her. Es ist fünf nach Zwölf. Wer zögert, hat verloren! Wer zaudert, ist von gestern! – Doch halt! Ist eigentlich allen klar, wohin die Reise geht? Was das Alte ist, was da weg muss? Und was das Neue leistet, wenn es ohne das Alte auskommen muss? – Die aktuelle Debatte, vor allem der Debattenstil, lassen wenig Hoffnung auf tiefere Erkenntnis. Im Grunde haben wir in den Verwöhnräumen unseres großen Komfort-Treibhauses längst das Gespür für die elementaren Grundlagen unseres Wohlstandes verloren. Wir navigieren umgeben von unzähligen Entlastungsprothesen durch unseren hochtechnisierten Alltag und laben uns hemmungslos an einem energetischen Manna, dessen Herkunft uns längst fremd geworden ist. Also noch mal: Wissen wir wirklich, was wir tun und was uns erwartet, wenn wir den Schonraum der alten Welt verlassen? „Zurück in die Zukunft“ weiterlesen

Back to the tribes

Back to the Tribes? Rückkehr der Stämme? Was soll das denn? Ok! Die 12 Stämme Israels, die Ostgoten im “Kampf um Rom”, Karl Mays Winnetou und seine roten Brüder oder vielleicht noch die Yanomami im Amazonas-Dschungel. Aber Stämme in unseren Breiten Anfang des 21. Jahrhunderts? Bewegen wir uns da nicht auf anachronistischem Terrain? – Nur auf den ersten Blick! Die eindimensionalen, unilinear strukturierten Stammesgemeinschaften sind nämlich – wenn auch in neuem Gewande – wieder da! Dank der sog. “Identitätspolitik”, dank einer linksintellektuellen Irrfahrt weg vom ehemals sakrosankten Proletariat hin zu den “verfolgten Minderheiten”, die ihre vorstaatliche Herkunft nicht verbergen können und denen im politischen Diskurs in der Regel nur ein bestimmendes (Unterscheidungs-)Merkmal zugebilligt wird. – Was hat es auf sich mit dieser Renaissance des Tribalismus? Gefährdet die Rückkehr zum vormodernen Stammesdenken nicht auf gefährliche Weise die großen Errungenschaften der aufgeklärten, vernunftzentrierten Moderne? Wenn zukünftig alle nur noch um ihren eigenen Totempfahl tanzen, wo bleibt da der gesellschaftliche Zusammenhalt? „Back to the tribes“ weiterlesen

Der Bürger ist tot, es lebe der Bürger!

Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg! Erneute Schlappe der “Volksparteien” CDU und SPD. “Die Linke” stürzt ab, die “Grünen” bleiben unter den Erwartungen und die AfD legt massiv zu. Noch am Wahlabend beginnt der Koalitionspoker. Die im merkwürdigen Kontrast zu den dramatischen Stimmenverlusten zu “Siegern” erklärten Ministerpräsidenten Kretschmer und Woidke haben die Qual der Wahl. “Kenia”! – Also schwarz-rot-grün (Sachsen) bzw. rot-schwarz-grün (Brandenburg) ist angeblich das Mittel der Wahl. Die Demokraten müssen zusammenstehen. “Gegen Rechts”, auch wenn´s schwer fällt. – Doch dann der Skandal. Eine MDR-Moderatorin bringt ihn ins Rollen. Nennt eine mögliche Koalition zwischen CDU und AfD “bürgerlich” und macht “die Rechte” auf gefährliche Weise hoffähig.  Empörung! Wasser auf die Mühlen der Radikalen! Ok! Ein Versprecher! Die MDR-Intendanz entschuldigt sich vielmals! Doch das Unwort ist in der Welt und die Feuilletons quillen über. – Wie bringt man die Katze wieder in den Sack? Oder besser: Wie bringt man den Springteufel wieder in die Schachtel? „Der Bürger ist tot, es lebe der Bürger!“ weiterlesen

Rettet den Zins!

Wer kennt sie nicht? – die zumeist mit einem leisen Stoßseufzer verbundene Wendung: “Alles hat seinen Preis!”. Egal, ob wir  Schaufensterauslagen betrachten, Immobilienanzeigen studieren oder in Hochglanzbroschüren von Autohäusern blättern – überall springt uns das Preisschild ins Auge und offenbart uns die Grenzen unserer Konsumwünsche. Seit der letzten großen Finanzkrise 2007/08 bekommt dieses eherne Prinzip jedoch zunehmend merkwürdige Risse. Nicht etwa weil wir Güter und Dienstleistungen nicht mehr “bepreisen” würden, sondern weil wir angefangen haben, ausgerechnet das allgegenwärtige Tauschmittel unserer Volkswirtschaften, nämlich das Geld, Schritt für Schritt von jeglichen Preisschildern zu befreien. -Was ist da los? Sind Volkswirtschaften ohne den Zins als Steuerungsinstrument überhaupt überlebensfähig? Oder nähern wir uns im Gegenteil mit der “Befreiung” vom Zins nicht dem lang ersehnten sagenhaften Goldland, in dem Tag und Nacht (kostenlos) Milch und Honig fließt? „Rettet den Zins!“ weiterlesen

Publizistischer Paternalismus

Was ist mediale Berichterstattung wert, die nicht mehr zwischen Information und Meinung unterscheidet? Kann man Medien, die zur Schonung des Publikums oder zur Vermeidung “falscher” Dissonanzen, wesentliche Teile der Wahrheit verschweigen, noch vertrauen? Was sind Nachrichtensendungen wert, die den Bürger nicht mehr informieren, sondern ihm eine “Haltung” vermitteln wollen? – Auf den ersten Blick alles Fragen aus der Welt der “Staatspresse” und des “Staatsrundfunks”. Russland, China, die Türkei! Ok! Aber hier bei uns? Was gehen uns solche Einwürfe in Deutschland an? Presse- und Meinungsfreiheit sind bei uns doch verfassungsrechtlich verankert. Wo ist die Zensurbehörde? Wo ist das staatliche Mediendiktat? Bei uns kann doch jeder denken, schreiben und sagen, was er will – oder? „Publizistischer Paternalismus“ weiterlesen

Migration

Wenn uns momentan etwas ein gutes Gefühl verleiht, dann ist es die Gewissheit auf zentralen Politikfeldern moralisch auf der richtigen Seite zu stehen. Wir sind zwar da, wo wir unsere weithin sichtbaren Selbstgewissheiten verbreiten, oft fast ganz allein, aber das spornt uns eher an, im Zweifel noch mal nachzulegen, noch rigoroser die Allgemeingültigkeit unserer moralischen Kategorien zu verteidigen und allen anderen, die dennoch handeln, Amoral vorzuhalten. Ein Politikfeld, auf dem wir unsere “Weltmeisterschaft” mindestens seit 2015 besonders hervorkehren, ist das Feld der Migrationspolitik. Hier haben wir kürzlich sogar die Schweden weit hinter uns gelassen und den einsamen Gipfel mittlerweile ganz für uns alleine. – Was ist da los? Warum kontrastiert die Größe der Herausforderung und Masse der Probleme hier auf so eklatante Weise mit dem geringen Tiefgang der Debatte? Was bedeutet es, wenn komplexe politische Streitthemen nur noch im platten Schwarz-Weiß-Modus zur Sprache kommen? „Migration“ weiterlesen

Selbstverzwergung des Denkens

Kommunikation ist das Lebenselixier der menschlichen Spezies. Egal ob im privaten Umfeld, am Arbeitsplatz, im Verein oder im öffentlichen Raum, überall sind Menschen mit anderen Menschen im Gespräch und schaffen auf diese Weise erst die Voraussetzungen für gemeinschaftliches Handeln und konstruktives  Zusammenwirken. Das Verblüffende ist, dass gerade dort, wo Kommunikation auf höchstem Niveau stattfindet, nämlich im Bereich des intellektuellen Diskurses, diese lebenswichtige Gesprächskultur seit einigen Jahren rapide verarmt. Zeitdiagnostiker sprechen in diesem Zusammenhang von einer fortschreitenden “Selbstverzwergung des Denkens”, die immer besorgniserregendere Formen annimmt. – Was ist da los? Geht uns auf dem rasanten Weg zur globalen Digitalisierung der Kommunikation die intellektuelle Puste aus? Oder ist es der aktuelle politische Grabenkrieg zwischen Links und Rechts, der den Diskurs erstickt und das Terrain des Unsagbaren stetig erweitert?* „Selbstverzwergung des Denkens“ weiterlesen

Der 20. Juli im Lichte der deutschen Gedenkkultur

Im Rückblick auf die Zeit des Nationalsozialismus kommt dem 20. Juli 1944 fraglos eine besondere Bedeutung zu. Es handelt sich quasi um den einzigen positiv konnotierten “Gedenktag” im breiten Strom des Negativgedenkens an das wohl dunkelste Kapitel deutscher Geschichte. Während alle anderen Jahrestage die Verbindung zu Krieg, Entrechtung und Massenmord herstellen, erscheint der 20. Juli wie ein leuchtendes Fanal in dunkler Zeit – genährt durch ein Feuer der Freiheit und des Widerstandes gegen die Tyrannei. Dass das Andenken an das Hitler-Attentat des Grafen Stauffenberg dennoch nicht widerspruchsfrei ist, hat wesentlich mit den Ambivalenzen der bundesrepublikanischen Gedenkkultur zu tun, die – trotz aller Konsensbemühungen – einschneidender sind, als gemeinhin angenommen. „Der 20. Juli im Lichte der deutschen Gedenkkultur“ weiterlesen