Meinungskorridore

Abweichende Meinungen auszuhalten, ist oft schwer. So schwer, dass der Wunsch nach diskursivem Gleichklang selbst in belebten Debattenräumen immer wieder hörbar zu vernehmen ist. Was nutzt es uns zu argumentieren, wenn der Andere eh nicht zuhört? Oder: Was bringt es Andersdenkende zu dulden, wenn wir sie am Ende doch nicht überzeugen können? – Dass die Meinungskorridore in den letzten Jahren deutlich enger geworden sind, kann niemand ernsthaft bestreiten. Warum das so ist und was wir dagegen tun können, ist schon deutlich umstrittener. Hier ein erneuter Versuch der Annäherung an mögliche Antworten. „Meinungskorridore“ weiterlesen

Qual der Wahl

Auswählen können, ist ein Privileg. Die weit überwiegende Mehrheit der Menschen auf unserem Erdball kommt selten in den Genuß von echten Auswahlentscheidungen. In der Regel müssen sich die Menschen zufrieden geben, mit dem was da ist, und das ist oft dürftig und von chronischem Mangel geprägt. Dass es gar echte Auswahl im Politikregal gibt, ist global betrachtet, noch seltener. Sehr oft ist zwar von Demokratie die Rede, aber leider nur auf dem Papier. Der Reigen der Kandidaten ist üblicherweise eng begrenzt, von oben “gesetzt” und oft feinsäuberlich “handverlesen”. – Insofern sollten wir uns im Blick auf den 26. September nicht allzu sehr grämen: Wir haben im Gegensatz zu vielen Menschen außerhalb Europas tatsächlich eine Wahl. Wenn auch – wie die aktuelle Lage zeigt – alles andere als eine einfache Wahl. „Qual der Wahl“ weiterlesen

Vater Staat

Die Neigung komplexe Systeme durch ihre “Vermenschlichung” begreifbarer zu machen und auf diesem Wege gleichzeitig mit einem tieferen Sinn “aufzuladen”, ist so alt wie die menschliche Beschäftigung mit diesen Systemen selbst. Eine der über Generationen hinweg wohl populärsten Wendungen dieser Art, ist die vom Vater Staat.* Kaum ein Begriffspaar dürfte im Kontext des neuzeitlichen Denkens eine derartig starke historische Wirkungsmacht entfaltet haben, wie diese hoch-assoziative Metapher vom Staat als Vater-Ersatz. – Was hat es mit dieser Wendung auf sich? Hat sie angesichts von gesellschaftlichem Pluralismus, globalisierten Märkten und Frauenemanzipation überhaupt noch nennenswerte Relevanz? Oder erlebt sie gar angesichts staatlicher Gesundheitsregime, massiv steigender Staatsquoten und exekutiver Machtfülle gerade eine spektakuläre Renaissance?
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Billiggeldpolitik

Im Grunde wissen wir es seit langem: Was da an den Geld- und Finanzmärkten abläuft, ist ein reines Vabanque-Spiel. Ein Spiel mit immer höheren Einsätzen, immer absurderen Transaktionen und einem Regelwerk, das eher an Spielanleitungen für Casinobetreiber, als an reguläre Marktordnungen erinnert. Dass wir uns das Ganze trotzdem immer noch “schönrechnen” können, hat mit einer Art “Kollapsverzögerung” zu tun, die wie ein allmähliches Herabgleiten auf der schiefen Ebene wirkt und die es den Verantwortlichen seit vielen Jahren ermöglicht die wahren Folgen ihres Tuns gegenüber der breiten Öffentlichkeit zu camouflieren. – Ins Trudeln kommt das wacklige Projekt immer dann, wenn die Blasen platzen, wie zuletzt 2007/08  oder wie jüngst, als Politik, Finanzwirtschaft und Medien zugeben mussten, dass die heftig rotierende Preisspirale auch auf den Konsumenten durchzuschlagen beginnt. „Billiggeldpolitik“ weiterlesen

Rückzug

Wenn dieser Ruf erschallt, muss es meistens schnell gehen. Zusammenpacken, das Nötigste schultern, ein letzter Blick nach vorn und dann nichts wie weg. Mit kurzen Sprüngen von Deckung zu Deckung nichts wie raus aus der Gefahrenzone. Dieses landläufige, von Kriegsfilmen geprägte Bild vom “Rüückzuug” steht jedoch nur für die halbe Wahrheit. Denn im gängigen Militär-Jargon wird feinsäuberlich unterschieden zwischen der taktischen Gefechtsvariante des Rückzugs und der nackten Flucht. Wer sich im Gefecht zurückzieht, vom Gegner löst oder “ausweicht”, tut dies kontrolliert, nach Plan, in der Regel gedeckt durch eine Nachhut und nur soweit bis mit dem Erreichen der “inneren Linie” das Gleichgewicht zwischen Angreifer und Verteidiger wieder hergestellt ist. – Aber was hat das alles mit unserer durchpazifizierten Wirklichkeit zu tun? Was kann der dem Militärischen Entwöhnte mit solchen Begrifflichkeiten heute überhaupt noch anfangen? Ist die einzige, heute noch gängige Bewegungsart, nicht der “Fortschritt”? Und überhaupt: Wohin soll er denn gehen der Rückzug auf unserer waidwunden Kugel? „Rückzug“ weiterlesen

Unterm Regenbogen

München leuchtet!* – Vielleicht nicht ganz so hell, kulturgesättigt und kunstsinnig wie zur Zeit der Gebrüder Mann, der Gräfin Reventlow oder der Schwabinger Boheme um 1900, aber doch auffallend bunt. So bunt, dass selbst der ansonsten so nüchterne Oberbürgermeister starke Leuchtmittel hervorholt, um anläßlich der Fußball-Europameisterschaft das heimische Fußballstadion mit dem Regenbogen zu illuminieren. – Was ist da los? Was hat es auf sich mit der EM 2021 und mit der neuen Buntheit auf und neben dem Platz? Und wo ist eigentlich der sportliche Kern der Sache abgeblieben? „Unterm Regenbogen“ weiterlesen

Die Kandidat*in

Dass politische Höhenflüge rasch und unvermittelt in Sinkflüge oder gar in steile Sturzflüge münden können, wissen wir seit langem. Der historische Reigen der politischen Ikarier, die dieses Schicksal ereilte, ist kilometerlang. Zumeist ist es die, dem Ehrgeizigen innewohnende, Hybris, die dem Sturz vorausgeht. Im unbändigen Verlangen nach Scheinwerferlicht kommt der Protagonist der heißen Lichtquelle zu nah, verbrennt sich seine Flügel und stürzt ab. Jüngstes Beispiel: die Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock. Hochgelobt, vom medialen Mainstream regelrecht “angehimmelt”, erklimmt sie die Höhen der Demoskopie, verharrt kurz und strahlend im Zenit, um dann unvermittelt geerdet zu werden.* – Was ist da passiert? Hat sich nur die Kandidat*in geirrt oder sind wir gar allesamt einer medial gepushten Schimäre aufgesessen? „Die Kandidat*in“ weiterlesen

Naher Osten

Seit mindestens zweieinhalb Jahrtausenden spiegeln sich Okzident und Orient an den östlichen Ufern des Mittelmeeres. Zumeist als Gegenbilder, oft aber auch als Vorbilder aufeinander bezogen, haben beide Seiten über Jahrhunderte hinweg in diesem hin und her wogenden Bruderzwist ihr jeweiliges Selbstbild geformt. Diese historisch-kulturellen, in der Regel religiös unterfütterten Konfliktlinien wirken bis heute nach und haben durch das Erstarken des radikalen Islamismus seit 2001, also in den vergangenen 20 Jahren, wieder deutlich an Brisanz gewonnen. Trotz 9/11, trotz Al Kaida und trotz der Attentatsserien des Islamischen Staats kommt uns beim Begriff “Naher Osten” jedoch weniger dieser untergründig fortwirkende Großkonflikt in den Sinn, sondern viel mehr das verwirrende Kaleidoskop inner-nahöstlicher Regionalkonflikte. „Naher Osten“ weiterlesen

Klimatologischer Imperativ

“Handle stets so, dass die Maxime Deines Willens jederzeit Grundlage einer CO2-Emissionstabelle sein kann!” – So oder so ähnlich könnte sie bald lauten, die neue “Präambel” der deutschen Klimarepublik, wenn es nach Fridays for Future, den Grünen oder neuerdings auch nach dem Willen der Regierungskoalition und dem Bundesverfassungsgericht geht. Ist das nur ein spätes Echo des abrupt verklungenen Thunberg-Hypes? Oder was hat es auf sich mit diesem neuen kategorischen Imperativ? Kann das ernsthaft die neue Überschrift über unserer Verfassungsordnung sein oder wollte Karlsruhe nur Schlimmeres verhindern? „Klimatologischer Imperativ“ weiterlesen

Rettet den Diskurs!

Die Debattenkultur in unserem Land ist seit vielen Jahren notleidend. So notleidend, dass wir schon dachten, es könnte eigentlich nicht mehr schlimmer kommen. Doch wir wurden eines Anderen belehrt: Kamen schon die sog. “Flüchtlingsdebatte”, die “Euro-Debatte” und große Teile der “Klima-Debatte” als diskursive Tiefflüge daher, so lassen einen die aktuellen  Auswüchse der “Corona-Debatte” beinahe ratlos zurück. „Rettet den Diskurs!“ weiterlesen