Gedanken zur “Europawahl”

“Die Überzeugung, dass über die Europäische Union nur in Gestalt von Bekenntnissen gesprochen werden dürfe, ist tief verwurzelt…! Zweifler werden (in der Regel) mit Ausgrenzung bestraft.”

“Immer noch wehrt sich die politische Klasse gegen die Einsicht, dass die Krise der Währungsunion mehr ist als ein Betriebsunfall, auf den der europäisch gesinnte Bürger mit einem “Jetzt erst recht” reagieren müsse.”

“Mit der Krise der Währungsunion haben wir (gelernt), dass der Leitsatz des europäischen Projekts – “Immer enger” – … kein verlässlicher Wegweiser zu einem stärkeren, einigeren Europa mehr ist; dass er ganz im Gegenteil, auch zerstörerische, das Projekt gefährdende Wirkungen entfalten kann.”

“Mehr Europa als Antwort auf die Krise der Währungsunion (heißt nach den Gesetzen der Organisationssoziologie und nach aller bisherigen Erfahrung) nicht etwa mehr europäische Handlungsfähigkeit nach außen, sondern eine weitere Verdichtung des Netzes europäischen Rechts (und damit) einen Fortgang der Binnenhomogenisierung Europas…. Die Richtung stimmt nicht!”

“Dass der Kalte Krieg kalt blieb, ist sicher nicht primär dem europäischen Einigungsprojekt zuzuschreiben, sondern, soweit wir westliche Politik überhaupt in Anschlag bringen wollen, der Verteidigungsbereitschaft und Verteidigungsfähigkeit des nordatlantischen Bündnisses, der NATO.”

“Es gibt zwei Arten von Wohlstandsgewinne(r)n in der Europäischen Union;… solche, die ihre Wohlstandsgewinne primär dem größer werdenden Markt (Aktivseite) verdanken, und solche, die sie primär Transfers (Passivseite) verdanken.”

“Wir müssen das Integrationsprojekt als historische Aufgabe Europas, ernst nehmen, ohne es zu sakralisieren. Die Neigung, das Vorhaben der Einigung Europas zu überhöhen, hat Konsenszwänge erzeugt, die der guten Sache nicht dienlich sind. Die schlichte Dichotomie hier Europäer, dort Antieuropäer war ein sehr erfolgreiches Instrument des Konsenszwanges. Aber sie hat die streitige Erörterung dessen, was streitig zu erörtern gewesen wäre, lange Zeit unmöglich gemacht.”

(Peter Graf Kielmansegg, 2015)

 

Bewegte Jugend

Kann es etwas sympathischeres geben, als junge Menschen, die sich selbstlos für die gute Sache engagieren? Muss man sich angesichts von “Fridays for future” nicht voller Ehrfurcht verneigen vor dieser Vehemenz, dieser jugendlich-kompromisslosen Eindeutigkeit? Gut, es ist Freitag und es herrscht Schulpflicht, aber was sind ein paar verstreute “Parents for future” oder ein paar grauhaarige “Teachers for future” gegenüber dieser frischen, demonstrativen Unbedingheit? Sind die ewigen Erwachsenen-Kompromisse angesichts der drohenden Apokalypse überhaupt noch erlaubt? Die 16jährige Greta Thunberg, die merkwürdig entrückt wirkende Galionsfigur der Kids against climate change, schleudert den Kompromißlern ihr unerbittliches Nein! entgegen und soll dafür nun sogar mit dem Friedens-Nobelpreis ausgezeichnet werden.  – Was ist da los? Was soll das? Ist das spontan und selbstmotiviert oder wird da jugendlicher Enthusiasmus lediglich instrumentalisiert? „Bewegte Jugend“ weiterlesen

Wollen Sie geframt werden?

Eine Institution wächst heran. Stetig und Schritt für Schritt kommen neue Anbauten hinzu. Geschützt durch einen ausgeklügelten parteipolitischen Proporz wird die Institution schließlich zu einer schier unangreifbaren Säule des politischen Systems. Milliardenschwer und rechtlich tief verankert. Plötzlich jedoch, unerwartet und laut: Kritik! Und zwar Fundamentalkritik! Von “Einseitigkeit”, “Parteilichkeit” und sogar “Manipulation” ist plötzlich die Rede. Nach einigem Zögern reagiert die Institution. Greift zum Mittel der Gegenoffensive. Will die Kritiker widerlegen und sich selbst ins richtige Licht rücken. Doch statt die Kritik aufzunehmen und mit Fakten zu entkräften, gehen schon die ersten Schüsse auf fatale Weise nach hinten los. Am Ende werden die kritischen Stimmen nicht nur bestätigt, sondern vielfach sogar überboten. Soweit überboten, dass schließlich sogar von “durchgebrannten Sicherungen” und “glatter Selbstdemontage” die Rede ist. – Um was gehts hier? Wie kann sowas passieren? Wie muss das Nervenkostüm einer Institution gestrickt sein, die zu solchen Demontageübungen greift? „Wollen Sie geframt werden?“ weiterlesen

Münzen, Noten, Plastikgeld

Eine der bedeutendsten Zäsuren der Menschheitsgeschichte war ohne Zweifel der Übergang vom Naturaltausch zum indirekten Tausch. Erst diese markante Transformation des Tauschmechanismus ermöglichte (Fern-)Handel und Arbeitsteilung in flächendeckender Form. Das Medium dieses säkularen Umbruchs war das Geld, das grundsätzlich gegen alles “eingetauscht” werden konnte und als universales Tauschmittel immer größere Handelsräume miteinander verband.  Abgesehen von einigen exotischen Vorläufern waren es seit der Antike vor allem metallische Kurantmünzen auf Gold- oder Silberbasis, die den frühen Geldkreislauf prägten. Gesichert durch ihren Eigenwert waren sie quasi mit dem Verlassen der Prägeanstalt immer gleich auch Wertaufbewahrungsmittel. Geld – so die jahrhundertlang gültige Norm – war damit nie allein Tauschmittel, sondern immer auch Wertanlage. Man konnte es horten, für schlechte Zeiten aufbewahren oder in der Neuzeit sogar zinsbringend “sparen”! – Wer auf unsere Gegenwart schaut und für kurze Zeit mal seine rosa Brille absetzt, merkt schnell, was sich hier in den letzten Jahrzehnten verändert hat und immer noch dabei ist sich rapide zu verändern. „Münzen, Noten, Plastikgeld“ weiterlesen

Gedanken zum Tag

“In dem Augenblick, in dem Menschen mehr haben als das Nötigste, fangen sie an, sich zu vergleichen mit solchen, die noch mehr haben. Es entstehen Mangelgefühle zweiter Ordnung, die (nicht aus der Not, sondern) aus dem Vergleich stammen.”

“Jedes Lebewesen ist der Höhepunkt einer Erfolgsgeschichte von Kompetenzen, Kräften und Ausgriffen. Bedauerlicherweise gibt es in allen menschlichen Kulturen politische und pyschosoziale Mechanismen, die die Individuen unter ihre Möglichkeiten drücken. Als besonders wirkungsmächtig, sind hier die religiösen Entmutigungsmythologien zu nennen – die Doktrinen der Welt- und Lebensverneinung.”

“Wichtig ist, dass aus den Welt- und Lebensverneinungsübungen, Steigerungs- und Kreativitätsaskesen werden, die zur Lebensbejahung ermutigen!”

“Es ist nicht die Gier, die unsere Kartenhaus-ähnliche Weltkonstruktion antreibt, die Fehlsteuerung geht von den Zwängen des Billigkreditsystems aus: Wenn die Zentralbanken kostenloses Geld ausspucken, wäre es für echte Global Player ruinös, es nicht zu nehmen.”

“Seit dem Beginn der Neuzeit hat sich in den Menschen Europas und Amerikas das Märchenmotiv vom leistungslosen Einkommen mit archetypischer Gewalt festgesetzt.”

“Wer das Eifersuchtsmotiv des “Auch-haben-wollens” systematisch aufheizt, um das Betriebsklima einer “Konsumgesellschaft” herzustellen, erntet früher oder später moralische Desorientierung und psychische Inflation.”

(Peter Sloterdijk, 2010)

 

Ausgerechnet die Franzosen!

Trump ist an allem schuld! Wenn wir auch in vielem unterschiedlicher Meinung sind – darin zumindest sind wir uns alle einig. Er hat uns aus dem sonnenverwöhnten Paradies des Friedens und des Multilateralismus vertrieben. Er hat  – ohne uns auch nur zu fragen – vom Baum der realpolitischen Erkenntnis genascht und uns rüpelhaft zurückgeworfen in die Vorhölle des Politischen, ins Purgatorium des Nationalen. Er ist es, der uns verstoßen hat, sein Schatten verfolgt uns und er nimmt uns das Licht…! – Doch halt! Einwand Euer Ehren! Geht das wirklich? Kann ein einzelner Mensch, auch wenn er Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist, das weite Feld der internationalen Politik einfach mir nichts dir nichts von heute auf morgen ummodeln? Was, wenn es nach Trump einfach weiter geht, mit dem Vormarsch des Unilateralen? Was, wenn der souveräne Nationalstaat mit seinen vitalen Interessen doch nicht tot ist? Was, wenn wir ihn nur voreilig für tot erklärt haben? „Ausgerechnet die Franzosen!“ weiterlesen

EU-kritisch, aber pro-europäisch

Wenn Debatten ins Fahrwasser der harten Polarisierung geraten, dann sterben Argumente reihenweise den Nuancentod. Genau in diesem Stadium scheint aktuell die Europa-Debatte angekommen zu sein. Wer deutsche Zeitungen aufschlägt oder gar öffentlich-rechtliche Medien konsultiert, muss sich in der Regel auf eine schroffe Gut-Böse-Polarität einstellen. Hier Brüsseler Weisheit kombiniert mit Berliner Weitblick und dort Londoner Chaos begleitet von Budapester Ignoranz. Ein kritisches Abwägen, ein Ausleuchten des Dazwischen kommt so gut wie nicht mehr vor. Auch hier gilt es offensichtlich Haltung zu zeigen, wo eigentlich kritische Distanz notwendig wäre. – Was ist da los? Was soll das? Ist die Scheidung, die Großbritannien und die EU derzeit vor dem Richterstuhl der Geschichte vollziehen, die einzige, an der nur eine Seite schuld ist? Bräuchte die Europäische Union nicht dringend eine Reform an Haupt und Gliedern? Was sind Europawahlen wert, wenn selbst im Wahlkampf eine kritische Auseinandersetzung mit dem Gesundheitszustand des Patienten vermieden wird? „EU-kritisch, aber pro-europäisch“ weiterlesen

Auf abschüssiger Bahn

Wenn sich später einmal, so in ca. 20 Jahren, Wirtschaftshistoriker auf die Suche nach besonders eindrücklichen Beispielen für selbstverschuldete Niedergänge hochentwickelter Ökonomien machen, werden sie bei ihren Recherchen unweigerlich auf das Paradebeispiel Deutschland stoßen. Kein Land der entwickelten Welt unternimmt derzeit so große Anstrengungen, um das mühsam erarbeitete Fundament, auf dem es jahrzehntelang erfolgreich stand, systematisch zu zerlegen. Es geht dabei nicht etwa nur um den üblichen fiskalischen Belastungstest der steuerzahlenden Minderheit aus Unternehmern und Leistungsträgern, sondern um massive strukturelle Eingriffe in ein hochsensibles Wirtschaftssystem. Ganze Wirtschaftszweige sollen in wenigen Jahren komplett umgebaut oder nötigenfalls abgewickelt werden. Ganze Branchen sollen “emissionsfrei” werden oder bei Nichterfüllung verschwinden. Und das alles nicht etwa – wie in einer Marktwirtschaft sonst üblich – über Markt und Wettbewerb, sondern administrativ von oben verordnet. – Was ist da los? Sind wir verrückt geworden? Haben wir den Verstand verloren? Oder welcher Gaul geht da gerade mit uns durch? „Auf abschüssiger Bahn“ weiterlesen

Freiheitsverwöhnung

Wir leben in kuriosen Zeiten. Einerseits gab es wohl nie eine Epoche der Menschheitsgeschichte, in der – zumindest in der entwickelten Welt – die Optionenvielfalt so groß war, wie in unserer Gegenwart. Die freie Wahl am bunten Ladentisch sprengt jeden Rahmen und nie war es so einfach, Distanzen zu überbrücken, Menschen kennenzulernen und kurioseste Zerstreuungs- und Vergnügungsvarianten auszuprobieren, wie heute. Dennoch hört man immer öfter die Klage über verschiedenste Spielarten der Bevormundung, des begleiteten Denkens und der subkutanen Beschneidung von Freiheitsrechten. – Was ist da los? Können wir mit dem alten Freiheitsbegriff, dem revolutionären Freiheitspathos des bürgerlichen Zeitalters heute überhaupt noch etwas anfangen? Fühlen wir uns von so viel Freiheit nicht längst genötigt? „Freiheitsverwöhnung“ weiterlesen

Gedanken zum Tag

Während der Radikale verlangt, dass sich der Wind nach der Fahne dreht, hängt der Gemäßigte seinen Mantel hinein.”

“Seit zwei Jahrhunderten taucht hinter jeder fortschrittlichen Position eine noch radikalere auf. Auf diese Weise geraten nur die haltgebenden Kräfte in die Ächtungslage, denn nur gegen die Konservativen hat man freies Schußfeld.”

“Man kann den Attentismus, das Abwarten, wer gewinnt, nicht von der Lebensklugheit unterscheiden, die im Alltag fünf gerade sein läßt und sich die Option für den Ernstfall aufspart.”

“Gegen den feinhäutigen Egoisten, bei dem sich die Selbstzartheit in Indignation umsetzt und der anmoralisiert, was ihm fordernd entgegentreten könnte, gibt es heutzutage keine Argumente mehr.”

“Ohne Tapferkeit, Gehorsam und Kameradschaft wird eine Truppe vielleicht schießen, aber nicht kämpfen; ohne Hinhören auf den Geist der Gesetze, ohne Hinblick auf das Stimmrecht der Sachen wird der Richter schlecht richten.”

“Die Lehre vom Lebensglück braucht niemand mehr zu verkünden, weil alle sie leben.”

(Arnold Gehlen, 1969)