Gedanken zum Tag

“In dem Augenblick, in dem Menschen mehr haben als das Nötigste, fangen sie an, sich zu vergleichen mit solchen, die noch mehr haben. Es entstehen Mangelgefühle zweiter Ordnung, die (nicht aus der Not, sondern) aus dem Vergleich stammen.”

“Jedes Lebewesen ist der Höhepunkt einer Erfolgsgeschichte von Kompetenzen, Kräften und Ausgriffen. Bedauerlicherweise gibt es in allen menschlichen Kulturen politische und pyschosoziale Mechanismen, die die Individuen unter ihre Möglichkeiten drücken. Als besonders wirkungsmächtig, sind hier die religiösen Entmutigungsmythologien zu nennen – die Doktrinen der Welt- und Lebensverneinung.”

“Wichtig ist, dass aus den Welt- und Lebensverneinungsübungen, Steigerungs- und Kreativitätsaskesen werden, die zur Lebensbejahung ermutigen!”

“Es ist nicht die Gier, die unsere Kartenhaus-ähnliche Weltkonstruktion antreibt, die Fehlsteuerung geht von den Zwängen des Billigkreditsystems aus: Wenn die Zentralbanken kostenloses Geld ausspucken, wäre es für echte Global Player ruinös, es nicht zu nehmen.”

“Seit dem Beginn der Neuzeit hat sich in den Menschen Europas und Amerikas das Märchenmotiv vom leistungslosen Einkommen mit archetypischer Gewalt festgesetzt.”

“Wer das Eifersuchtsmotiv des “Auch-haben-wollens” systematisch aufheizt, um das Betriebsklima einer “Konsumgesellschaft” herzustellen, erntet früher oder später moralische Desorientierung und psychische Inflation.”

(Peter Sloterdijk, 2010)

 

Ausgerechnet die Franzosen!

Trump ist an allem schuld! Wenn wir auch in vielem unterschiedlicher Meinung sind – darin zumindest sind wir uns alle einig. Er hat uns aus dem sonnenverwöhnten Paradies des Friedens und des Multilateralismus vertrieben. Er hat  – ohne uns auch nur zu fragen – vom Baum der realpolitischen Erkenntnis genascht und uns rüpelhaft zurückgeworfen in die Vorhölle des Politischen, ins Purgatorium des Nationalen. Er ist es, der uns verstoßen hat, sein Schatten verfolgt uns und er nimmt uns das Licht…! – Doch halt! Einwand Euer Ehren! Geht das wirklich? Kann ein einzelner Mensch, auch wenn er Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist, das weite Feld der internationalen Politik einfach mir nichts dir nichts von heute auf morgen ummodeln? Was, wenn es nach Trump einfach weiter geht, mit dem Vormarsch des Unilateralen? Was, wenn der souveräne Nationalstaat mit seinen vitalen Interessen doch nicht tot ist? Was, wenn wir ihn nur voreilig für tot erklärt haben? „Ausgerechnet die Franzosen!“ weiterlesen

EU-kritisch, aber pro-europäisch

Wenn Debatten ins Fahrwasser der harten Polarisierung geraten, dann sterben Argumente reihenweise den Nuancentod. Genau in diesem Stadium scheint aktuell die Europa-Debatte angekommen zu sein. Wer deutsche Zeitungen aufschlägt oder gar öffentlich-rechtliche Medien konsultiert, muss sich in der Regel auf eine schroffe Gut-Böse-Polarität einstellen. Hier Brüsseler Weisheit kombiniert mit Berliner Weitblick und dort Londoner Chaos begleitet von Budapester Ignoranz. Ein kritisches Abwägen, ein Ausleuchten des Dazwischen kommt so gut wie nicht mehr vor. Auch hier gilt es offensichtlich Haltung zu zeigen, wo eigentlich kritische Distanz notwendig wäre. – Was ist da los? Was soll das? Ist die Scheidung, die Großbritannien und die EU derzeit vor dem Richterstuhl der Geschichte vollziehen, die einzige, an der nur eine Seite schuld ist? Bräuchte die Europäische Union nicht dringend eine Reform an Haupt und Gliedern? Was sind Europawahlen wert, wenn selbst im Wahlkampf eine kritische Auseinandersetzung mit dem Gesundheitszustand des Patienten vermieden wird? „EU-kritisch, aber pro-europäisch“ weiterlesen

Auf abschüssiger Bahn

Wenn sich später einmal, so in ca. 20 Jahren, Wirtschaftshistoriker auf die Suche nach besonders eindrücklichen Beispielen für selbstverschuldete Niedergänge hochentwickelter Ökonomien machen, werden sie bei ihren Recherchen unweigerlich auf das Paradebeispiel Deutschland stoßen. Kein Land der entwickelten Welt unternimmt derzeit so große Anstrengungen, um das mühsam erarbeitete Fundament, auf dem es jahrzehntelang erfolgreich stand, systematisch zu zerlegen. Es geht dabei nicht etwa nur um den üblichen fiskalischen Belastungstest der steuerzahlenden Minderheit aus Unternehmern und Leistungsträgern, sondern um massive strukturelle Eingriffe in ein hochsensibles Wirtschaftssystem. Ganze Wirtschaftszweige sollen in wenigen Jahren komplett umgebaut oder nötigenfalls abgewickelt werden. Ganze Branchen sollen “emissionsfrei” werden oder bei Nichterfüllung verschwinden. Und das alles nicht etwa – wie in einer Marktwirtschaft sonst üblich – über Markt und Wettbewerb, sondern administrativ von oben verordnet. – Was ist da los? Sind wir verrückt geworden? Haben wir den Verstand verloren? Oder welcher Gaul geht da gerade mit uns durch? „Auf abschüssiger Bahn“ weiterlesen

Freiheitsverwöhnung

Wir leben in kuriosen Zeiten. Einerseits gab es wohl nie eine Epoche der Menschheitsgeschichte, in der – zumindest in der entwickelten Welt – die Optionenvielfalt so groß war, wie in unserer Gegenwart. Die freie Wahl am bunten Ladentisch sprengt jeden Rahmen und nie war es so einfach, Distanzen zu überbrücken, Menschen kennenzulernen und kurioseste Zerstreuungs- und Vergnügungsvarianten auszuprobieren, wie heute. Dennoch hört man immer öfter die Klage über verschiedenste Spielarten der Bevormundung, des begleiteten Denkens und der subkutanen Beschneidung von Freiheitsrechten. – Was ist da los? Können wir mit dem alten Freiheitsbegriff, dem revolutionären Freiheitspathos des bürgerlichen Zeitalters heute überhaupt noch etwas anfangen? Fühlen wir uns von so viel Freiheit nicht längst genötigt? „Freiheitsverwöhnung“ weiterlesen

Gedanken zum Tag

Während der Radikale verlangt, dass sich der Wind nach der Fahne dreht, hängt der Gemäßigte seinen Mantel hinein.”

“Seit zwei Jahrhunderten taucht hinter jeder fortschrittlichen Position eine noch radikalere auf. Auf diese Weise geraten nur die haltgebenden Kräfte in die Ächtungslage, denn nur gegen die Konservativen hat man freies Schußfeld.”

“Man kann den Attentismus, das Abwarten, wer gewinnt, nicht von der Lebensklugheit unterscheiden, die im Alltag fünf gerade sein läßt und sich die Option für den Ernstfall aufspart.”

“Gegen den feinhäutigen Egoisten, bei dem sich die Selbstzartheit in Indignation umsetzt und der anmoralisiert, was ihm fordernd entgegentreten könnte, gibt es heutzutage keine Argumente mehr.”

“Ohne Tapferkeit, Gehorsam und Kameradschaft wird eine Truppe vielleicht schießen, aber nicht kämpfen; ohne Hinhören auf den Geist der Gesetze, ohne Hinblick auf das Stimmrecht der Sachen wird der Richter schlecht richten.”

“Die Lehre vom Lebensglück braucht niemand mehr zu verkünden, weil alle sie leben.”

(Arnold Gehlen, 1969)

Die Weltpolizisten

In unserer restlos durchmediatisierten Welt werden wir rund um die Uhr mit einer unglaublichen Fülle an “Global News” bombardiert. Zumeist sind es Krisen- oder Katastrophenmeldungen aus Übersee, die die Schlagzeilen dominieren. Neben den fast schon allgegenwärtigen Naturkatastrophen scheint es keinen Tag zu geben, an dem nicht irgendwo in der Ferne Krieg, Bürgerkrieg oder Terrorismus aufflammt. – Ist unser Globus wirklich so unsicher? Haben unsere Vorfahren im Zeitalter der Weltkriege nicht sehr viel mehr erdulden müssen? Oder besser gefragt: Wer schützt eigentlich die dünnwandige Außenhaut unserer durchpazifizierten Komfortzonen? Sind wir das selbst? Ist das die UNO? Sind das Merkel, von der Leyen und Kramp-Karrenbauer? Oder sind wir nicht seit Jahrzehnten nur geschickte Trittbrettfahrer einer ausgelagerten Sicherheitsarchitektur? „Die Weltpolizisten“ weiterlesen

Hard Brexit

Selbstzufriedenheit ist ein Seelenzustand, der aufgeregte Gemüter extrem beruhigen kann. Insbesondere dann, wenn diese Selbstzufriedenheit sich mit Sündenbock-Mentalität paart. Die letzten Selbstzweifel verflüchtigen sich. Der Sündenbock ist an allem Schuld. Und alle Stimmen, die auf wachsende Unzulänglichkeiten hinweisen, werden als unmoralische Zumutungen abgeschattet. Trotz einer Flut von ungelösten Problemen scheint sich die Europäische Union momentan genau in diesem Gemütszustand eingeschwungen zu haben. Der Brexit wirkt wie ein Ventil durch das endlich nach vielen Jahren mal wieder die Möglichkeit besteht, innere Spannungszustände nach außen auf einen abtrünnigen Sündenbock abzuleiten. Auf Häresie, so auch der Tenor weiter Teile der kontinentaleuropäischen Leitmedien, steht die Höchststrafe, nämlich die internationale Ächtung. Dass das Brexit-Dilemma etwas mit dem inneren Zustand der EU zu tun haben könnte, will momentan niemand hören. Stattdessen Augenrollen über die ach so tumben Insulaner und ganz viel moralische Entrüstung.   „Hard Brexit“ weiterlesen

En Marche

Politische Systeme zeichnen sich in der Regel durch ein hohes Maß an eigentümlicher Trägheit aus. Tradition, Herkommen, vor allem aber gesetzlich verankerte Institutionen sorgen üblicherweise für ein gerüttelt Maß an gewachsener Stabilität. Diese besondere Statik wird zwar immer wieder durch das Ein- und Ausatmen im Zuge medialer Erregungszyklen erschüttert, pendelt am Ende der Zyklen jedoch fast immer wieder zurück in die Ausgangslage.  Eine höhere Ebene der Erschütterung erreicht ein politisches System meistens erst dann, wenn Politik sich entschließt, selbst Bewegungsenergie in den gesellschaftlichen Großkörper zu pumpen. Die beiden Hauptmotive hierbei sind entweder das offen artikulierte Verlangen nach einem “Systemwechsel” oder das Bestreben, Blockaden bzw. Verkrustungen aufzubrechen. Beispiele für beide Phänomene lassen sich momentan in Frankreich bzw. in Deutschland beobachten. – Was ist dran an diesem Bewegungsdrang? Sollte Politik das nicht lieber sein lassen? Ist das nie viel zu gefährlich? Werden da nicht falsche Erwartungen, vor allem im Blick auf gesteigerte Partizipation geweckt? „En Marche“ weiterlesen

Gedanken zum Tag

“Menschen sind in der Lage sich Regeln zu geben, die ihrer Natur entgegenstehen. Diese Form der Selbstbeschränkung nennt man Kultur.”

“Wenn Moral zur herrschenden Religion wird, muss die traditionelle Religion Moral werden.”

“Der Mensch möchte Individuum sein. Deshalb geht jede Verbesserung der ökonomischen Lebensbedingungen mit einem Mehr an Individualismus einher. Oder anders: Kollektivismus ist ein Produkt der Not.”

“Das erste Grunddilemma des modernen Individuums ist: Wenn alle unverwechselbar sein wollen, werden alle gleich. Das Individuum inszeniert sein Einmaligkeit als Kopie.”

“Das zweite Grunddilemma ist: Das Individuum ist in der Regel nicht bereit die Konsequenzen echter Individualität zu tragen. Einerseits will das postmoderne Individuum unabhängig sein und frei von Zwängen, um sich ganz und gar autonom zu entfalten. Andererseits soll diese Freiheit ohne Risiko sein. Also ruft das Individuum nach Kontingenzkompensation, unter dem Motto: Da es ein Menschenrecht ist, sich selbst zu verwirklichen, darf dieses Menschenrecht nicht durch die Wechselfälle des Lebens getrübt werden.”

“Medien und Moral sind Wahlverwandte. Beide gehorchen der Logik des Bipolaren. Das ´Gute` zelebrieren und das ´Böse` desavouieren.”

(Alexander Grau, 2018)