Sieg oder Niederlage

Geschichtsbücher – und zwar nicht nur die alten Folianten früherer Tage, sondern auch fast alle modernen Monographien – rekapitulieren Siegergeschichte. Die Verlierer kommen in den  historischen Abhandlungen in der Regel nur als unterworfene Antipoden bzw. als Negativfolien einer siegerzentrierten Fortschrittsgeschichte vor. Im besonderen Maße gilt das für Kriegs-und Nachkriegszeiten, wo im Windschatten der Schlachten und im Angesicht der Zerstörungen auch auf dem Felde der Medien und der politischen Rhetorik Kriegszustand herrscht. „Sieg oder Niederlage“ weiterlesen

Fahren auf Verschleiß

In diesen Tagen ist viel von “Mobilitätswende” die Rede. Ein Begriff aus dem Subtext der noch viel mächtigeren Energiewende. CO2-lastige Verkehrsträger sollen zugunsten CO2-armer Mobilität zurückgedrängt werden. Klimaschonend soll sie sein, die neue Mobilität. Muskelkraft statt SUV. Bahn statt Auto. Balkonesien statt Malle. Und wenn schon Bewegung im öffentlichen Raum, dann bitte nur mit möglichst kleinem Fußabdruck und auf möglichst leisen Sohlen. „Fahren auf Verschleiß“ weiterlesen

Mit dem Mangel wirtschaften

Angefangen hat alles mit fehlenden Handybauteilen, fehlenden Baumaterialien und akuten Lücken in der Automobillogistik. Lieferkettenprobleme hieß es landauf und landab. Corona hat die globalen Logistikketten durcheinander gewirbelt. Die Container stauen sich vor den Zero-Covid-geplagten Hafenterminals an Chinas Küsten. Und wenn das alles nicht schon genug wäre: Nun geht uns auch noch das Erdgas aus. Und nun warnt der Bundeswirtschaftsminister sogar vielsagend vor „politischen Albtraumszenarien“. „Mit dem Mangel wirtschaften“ weiterlesen

Elephants in the room

Eigentlich müssten wir dem alten Fjodor Dostojewski dankbar sein für diese geniale Metapher. Sie wäre mit Sicherheit in Vergessenheit geraten, wenn der begnadete Literat sie nicht in seinen “Dämonen” (1879) – einer Kurzgeschichte von Ivan Krylow folgend – zum großen Überlieferungsschatz der Weltliteratur hinzugefügt hätte: Die Geschichte vom „Wissbegierigen“, der durch ein Naturkundemuseum streift und statt des riesigen Elefanten mitten im Raum nur die Miniaturen in den Glasvitrinen wahrnimmt. „Elephants in the room“ weiterlesen

Gelderosion

“Geld regiert die Welt”, “Money makes the world go round”, “Ohne Moos nix los”! – Die in der Regel der Volkssprache entlehnten Wendungen zur Beschreibung der “Geldherrschaft” sind schier unerschöpflich. Wenn es einen Stoff gibt, der die Welt im Inneren zusammenhält, dann ist es das sagenumwobene “Pecunia”, das universelle Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel namens Geld. „Gelderosion“ weiterlesen

Rhetorische Aufrüstung

Noch vor wenigen Wochen hätten wir alle Themen rund ums Militärische angstvoll gemieden. Soldaten-Jargon oder gar Casino-Ton waren komplett out. Gewaltkonnotierte Sprache war restlos tabu. Jetzt plötzlich scheint irgendwie alles anders: Schlachten werden geschlagen, Panzer rücken vor, Truppen werden verschoben und Helden werden geboren. Das alles scheint schon verrückt genug. Noch surrealer an diesem verbalen Zivilisationsbruch ist die Tatsache, dass viele von uns die Wucht der rhetorischen Wende noch nicht einmal bemerken. Die Einbettung des aktuellen Kriegsgeschehens in der Ukraine in bekannte, stark moralisierende Narrative suggeriert Kontinuität dort, wo gar keine ist.1 „Rhetorische Aufrüstung“ weiterlesen

Schwere Waffen

Noch vor gut zwei Monaten hätte wahrscheinlich jeder von uns, auf die Frage, was denn die größte Geißel der Menschheit sei, reflexartig die Virus-Pandemie genannt. Seit dem 24. Februar ist das Virus wie vom Erdboden verschluckt und der Krieg als zweite große Menschheitsplage mit Wucht auf die Bühne zurückgekehrt. Die Geschütze und die Maschinenkanonen hemmern Tag und Nacht aus der Ostukraine zu uns herüber und werden tausendfach in medialen Echokammern multipliziert. „Schwere Waffen“ weiterlesen

Wer kämpft hier eigentlich für wen?

Mindestens seit dem 24. Februar ist aus der unterschwelligen, leider oft genug verdrängten Ahnung wieder echte Gewißheit geworden: Frieden ist ein großes Geschenk. Nicht nur im christlich-abstrakten Sinne einer transzendental-österlichen Versöhnung mit dem Tod, sondern ganz unmittelbar für uns Alltagsmenschen, die wir täglich unserer Arbeit und unseren privaten Zerstreuungen nachgehen. „Wer kämpft hier eigentlich für wen?“ weiterlesen

Nie wieder deutsche Panzer vor Charkow

Noch ist es nicht soweit. Noch besteht die ehrliche Hoffnung, dass der Kelch an uns vorüber zieht.  Noch scheint es – trotz einer immer absurder werdenden Eskalationsdynamik – so etwas wie historisch-politische Einsicht vor allem in der Berliner Regierungszentrale zu geben. Was momentan jedoch im Kontext des Ukraine-Krieges ernsthaft Sorge bereitet, ist die Tatsache, dass das oben angedeutete Szenario (“Deutsche Panzer vor Charkow”) längst nicht mehr nur von ein paar Irrläufern am Rande der Medienlandschaft “durchgespielt” wird, sondern zwischenzeitlich wachsende Teile des politisch-medialen Mainstreams erreicht zu haben scheint.* „Nie wieder deutsche Panzer vor Charkow“ weiterlesen

Neuer Heroismus

In diesen Tagen ist viel von Zeitenwende die Rede. Der Ukraine-Krieg, so der breite Tenor, ändert alles. Alte Gewissheiten, so hallt es durch den Blätterwald, sind plötzlich obsolet und werden durch neue Erkenntnisse abgelöst, über die so vorher angeblich niemand nachgedacht hatte. – Ist das wirklich so? Leben wir mitten in einer akuten Zeitenwende, einer Art Sattelzeit, wo sich das Vorher vom Nachher radikal unterscheidet? Vor allem: Was ist plötzlich mit uns selbst los? Was treibt uns dazu, langjährig eingeübte politisch-mentale Dispositionen quasi über Nacht zu kassieren? Wo ist sie plötzlich hin, unsere Abneigung gegen alles Martialische? Unsere jahrzehntelang antrainierte Furcht vor einem lauten Heroismus, der in Militärstiefeln und Tarnanzügen daher kommt? „Neuer Heroismus“ weiterlesen