Wächst zusammen, was zusammen gehört?

Es ist wieder soweit! Zum 27mal jährt sich der Tag, an dem die beiden deutschen Staaten nach rund 40jähriger Teilung ihre Wiedervereinigung vollzogen haben. Obwohl die Feierlichkeiten zum 3. Oktober zwischenzeitlich eine gewisse Routine ausstrahlen und zum festen Bestandteil des bundesdeutschen Festkalenders geworden sind, umkreist das öffentliche Erinnern seit Jahren ein merkwürdiger Gefühlsstrom aus Ungeduld und Unzufriedenheit. Irgendetwas stimmt nicht mit diesem Gedenktag. Von irgendwo her weht ein kalter Luftzug über die Straßen und Plätze des Landes und läßt viele von denen, die sich eigentlich an der Erinnerung wärmen wollen, frierend zurück. – Was hat es mit diesem ambivalenten “Nationalfeiertag” auf sich? Warum können wir uns nicht ungezwungen freuen über das Erreichte? Können wir uns nicht wenigstens an diesem einen Tag einmal unbelastet und frei unter dem schwarz-rot-goldenen Banner als Einheit, als starke Gemeinschaft versammeln? „Wächst zusammen, was zusammen gehört?“ weiterlesen

Europas taumelnde Mitte

Wenn in den großen Standardwerken zur europäischen Geschichte von der geographischen Mitte des alten Kontinents die Rede ist, dann meist in einem skeptischen Tonfall. Die Mitte – so die verbreitete Sicht – changiert ständig zwischen den Polen, schwankt mal hierhin und mal dorthin und findet nie den Halt, den Mittellagen eigentlich schon hinsichtlich der Semantik in sich tragen müssten. Mal Schlachtfeld, mal amorphes Gebilde ohne feste Grenzen, dann aber wieder machtstaatlich organisiert, zu stark und zu vital für das europäische Gleichgewicht und zu expansiv und zu ungeduldig für eine Welt, die die Mächte-Equilibristik über Jahrhunderte hinweg zu höchster Vollendung getrieben hat. – Diese unruhige Mitte ist aktuell dabei nach der großen Wendezeit vor 30 Jahren eine erneute Metamorphose zu vollziehen. Ein Wandlungsprozeß, der vor allem nach Innen wirkt, der aber auch – wie sollte es angesichts der Zentrallage anders sein –  die Nachbarn und damit das ganze europäische Haus tangiert. – Was geht da vor sich und warum scheint sich die Entwicklungsspirale nach drei Jahrzehnten relativer Stabilität nach unten zu drehen? Was beunruhigt die europäische Mitte und was heißt das für die Zukunft des alten Kontinents? „Europas taumelnde Mitte“ weiterlesen

Gedanken zum Tag

“Der Deutsche schleppt an seiner Seele; er schleppt an allem, was er erlebt.”

(Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse, 1886)

“Verfluchtes Volk! Kaum bist du frei.
So brichst du dich wieder selbst entzwei.”

(Johann Wolfgang von Goethe: Zahme Xenien, 1814)

“Es gibt in den obersten Rängen der Staatenhierarchie kaum einen anderen  Staat, dessen Angehörige ein so verschwommenes, farbloses Wir-Bild haben, wie die Deutschen.”

(Norbert Elias, 1989)

 

Die demoralisierte Mitte

Wer sich mit der Geschichte moderner Demokratien beschäftigt oder wissenschaftliche Abhandlungen über die verschiedenen Varianten der Volksherrschaft studiert, stößt immer wieder auf eine zentrale Grundbedingung für den Erfolg partizipativer Systeme, nämlich das Vorhandensein einer starken bürgerlichen Mitte. Eine Demokratie ohne staatstragende Mittelschichten, so der breite Tenor, mangelt es an innerer Kohäsion und politischer Stabilität. – Wer aktuell auf die politischen Entwicklungen in Deutschland und darüber hinaus in weiten Teilen der westlichen Welt schaut, gewinnt unweigerlich den Eindruck, dass dieser Stabilitätsfaktor auf spürbare Weise dabei ist zu erodieren. Das traditionelle Fundament moderner Bürgergesellschaften gerät ins Rutschen, die Extreme gewinnen an Stellenwert und “die Mitte” kommt von den Flügeln her unter Druck. – Was ist da los? Warum wirkt das gemäßigte bürgerliche Element derzeit so kleinlaut und verdruckst? Wo ist der bewährte politische Kompaß geblieben, der politisches Handeln über Jahrzehnte hinweg aus der Mitte der Gesellschaft heraus organisiert hat? „Die demoralisierte Mitte“ weiterlesen

Falsche Toleranz

Für Gesellschaften, die das Banner der Multikulturalität vor sich hertragen, scheint es kaum etwas wichtigeres zu geben, als die Toleranz. Sie ist als eingeforderter Grundsatz quasi omnipräsent. Fremde Sitten, fremde Gebräuche, fremde Lebensgewohnheiten sind zu tolerieren und als Ausdruck spezifischer kultureller Eigenarten zu akzeptieren. Wer sich hierüber hinwegsetzt, “diskriminiert” oder maßt sich ein unzulässiges Urteil in Unkenntnis fremder Wertvorstellungen an. Wenn gelegentlich dennoch, z.B. das Grundgesetz als Toleranzrahmen erwähnt wird, dann in der Regel nur leise und verhalten. Immer in politischer Hab-Acht-Stellung und wohl wissend, dass eine Staatsverfassung zwar allgemeine (rechtliche) Schranken (!) setzt, aber letztlich doch wohl eher dazu da ist, Freiheitsrechte (!) und damit Bewegungsspielräume zu kodifizieren. – Was hat es also auf sich mit diesem allgemeinen Toleranzpostulat? Müssen wir – allein schon aus dem Diskriminierungsverbot heraus – alles tolerieren? Oder setzt richtig verstandene Toleranz nicht doch stets einen eigenen Standpunkt voraus? „Falsche Toleranz“ weiterlesen

Overtourism

Urlaubszeit ist Reisezeit! Millionen und Abermillionen machen sich auf in die Ferne. Lange Autokaravanen ziehen gen Süden. Die Strände laufen über und in den großen Tourismusmetropolen drohen die Straßen und Plätze vor lauter Massenandrang  zu kollabieren. Laut “Spiegel” zählen die Fluggesellschaften in diesem Jahr erstmals mehr als 4 Milliarden Passagiere. Gut 1,2 Milliarden Menschen machen sich weltweit als Touristen auf den Weg. Und allein in diesem Sommer durchstreifen erneut über 200 Millionen Urlaubsreisende die Berge, Landschaften und Gestade Europas. Vor diesem Hintergrund kann es nicht überraschen, dass mittlerweile nicht nur Tourismusexperten, sondern vermehrt auch Politiker und Bürgerbewegte, z.B. aus Barcelona, Palma de Mallorca oder Venedig, das Thema “Overtourism” kritisch diskutieren. Übersteigen die Kosten des “Fremdenverkehrs” nicht längst dessen Nutzen? Haben wir beim Aufbau der Tourismusinfrastrukturen nicht von Anfang an das Wohl der Gastgeber aus den Augen verloren? Ist es an der Reisefront nicht längst 5 vor 12? Müssen wir der Übernutzung der Strände, Paläste, Kirchen und Museen, der Berge, Seen und Landschaften nicht endlich Einhalt gebieten? „Overtourism“ weiterlesen

Gedanken zum Tag

“Unsere fehlende nationale Identität hat ihren Preis. Sie ist der Grund für die politische Labilität unserer politischen Kultur und unseres seelischen und intellektuellen Gleichgewichts. Für die Krisen-, Moden- und Hysterieanfälligkeit, für die seltsame Mischung aus Unbehagen, Weltangst, Welttrauer einerseits und realem Wohlergehen, relativem Glück andererseits. Für die Verschärfung des gesellschaftlichen Konflikts und die Radikalität des Wertewandels. Vor allem aber für die moralisierenden Absolutheitsansprüche und für die Erosion des demokratischen Grundkonsenses.”

Thomas Nipperdey (1985)

Europa – Von der Schmalspur auf die Überholspur

Wer sich heute im Jahre 2018 über Europa als politische Kategorie informieren will, bekommt aktuell in den deutschen Medien in der Regel ein dünnes Süppchen aus Brüsseler Verordnungen und Straßburger Allerlei, garniert mit ein bißchen Gipfel-Sahne serviert. Wer angesichts solcher Schmalkost das Gesicht verzieht oder sich gar weigert, die Suppe auszulöffeln, wird unisono als undankbarer Kostverächter, vielfach aber sogar als schlimmer “Europafeind” tituliert. – Was ist denn das, ein”Europafeind”? Kann man tatsächlich gegen einen Kontinent sein, der vom Atlantik bis zum Ural reicht und der aus 47 unabhängigen Staaten besteht? Ist unser politisch-geographischer Blickwinkel mittlerweile so beschränkt, dass wir das moribunde Brüsseler Projekt mit Europa verwechseln? Wo ist die Würdigung der vielgestaltigen Kulturlandschaft, die Beschäftigung mit der tiefgründigen Geschichte unseres Kontinents geblieben? Hat Europa nur eine Zukunft, wenn es durch das Nadelöhr der “Europäischen Union” geschoben wird? Oder gibt es nicht doch handfeste Alternativen, auf die uns nur die Sicht versperrt wird? „Europa – Von der Schmalspur auf die Überholspur“ weiterlesen

Burden Sharing

“Die NATO am Abgrund!” – so hallt es schrill und im alarmistischen Ton durch die Internet-Kanäle, die Redaktionsstuben und die Konferenzflure. Und wer ist schuld? Schon wieder der böse alte Mann aus dem Weißen Haus, der erneut wie ein Berserker durch den Porzellanladen rennt und alles was uns lieb und teuer ist, in Windeseile zerlegt. – Doch was ist dran an diesem Bild vom großen Zerstörer, der die heile Welt um uns herum auf so häßliche Weise malträtiert?  Machen wir nicht wieder den Fehler und stellen denjenigen an den Pranger, der das Problem nicht verursacht, sondern nur besonders nachdrücklich benannt hat? Was ist dran an Trumps Forderung nach einem substantielleren Verteidigungsbeitrag der Europäer? War es wirklich der “Auftritt von Brüssel”, der die NATO an den Abgrund geführt hat oder steckt das Bündnis nicht vor allem deshalb in der Krise, weil der “europäische Pfeiler” immer mehr erodiert? Und was ist mit der Bundeswehr? Sind die deutschen Streitkräfte in ihrem derzeitigen Zustand  international überhaupt noch satisfaktionsfähig? „Burden Sharing“ weiterlesen