Auf abschüssiger Bahn

Wenn sich später einmal, so in ca. 20 Jahren, Wirtschaftshistoriker auf die Suche nach besonders eindrücklichen Beispielen für selbstverschuldete Niedergänge hochentwickelter Ökonomien machen, werden sie bei ihren Recherchen unweigerlich auf das Paradebeispiel Deutschland stoßen. Kein Land der entwickelten Welt unternimmt derzeit so große Anstrengungen, um das mühsam erarbeitete Fundament, auf dem es jahrzehntelang erfolgreich stand, systematisch zu zerlegen. Es geht dabei nicht etwa nur um den üblichen fiskalischen Belastungstest der steuerzahlenden Minderheit aus Unternehmern und Leistungsträgern, sondern um massive strukturelle Eingriffe in ein hochsensibles Wirtschaftssystem. Ganze Wirtschaftszweige sollen in wenigen Jahren komplett umgebaut oder nötigenfalls abgewickelt werden. Ganze Branchen sollen “emissionsfrei” werden oder bei Nichterfüllung verschwinden. Und das alles nicht etwa – wie in einer Marktwirtschaft sonst üblich – über Markt und Wettbewerb, sondern administrativ von oben verordnet. – Was ist da los? Sind wir verrückt geworden? Haben wir den Verstand verloren? Oder welcher Gaul geht da gerade mit uns durch? „Auf abschüssiger Bahn“ weiterlesen

Freiheitsverwöhnung

Wir leben in kuriosen Zeiten. Einerseits gab es wohl nie eine Epoche der Menschheitsgeschichte, in der – zumindest in der entwickelten Welt – die Optionenvielfalt so groß war, wie in unserer Gegenwart. Die freie Wahl am bunten Ladentisch sprengt jeden Rahmen und nie war es so einfach, Distanzen zu überbrücken, Menschen kennenzulernen und kurioseste Zerstreuungs- und Vergnügungsvarianten auszuprobieren, wie heute. Dennoch hört man immer öfter die Klage über verschiedenste Spielarten der Bevormundung, des begleiteten Denkens und der subkutanen Beschneidung von Freiheitsrechten. – Was ist da los? Können wir mit dem alten Freiheitsbegriff, dem revolutionären Freiheitspathos des bürgerlichen Zeitalters heute überhaupt noch etwas anfangen? Fühlen wir uns von so viel Freiheit nicht längst genötigt? „Freiheitsverwöhnung“ weiterlesen

Gedanken zum Tag

Während der Radikale verlangt, dass sich der Wind nach der Fahne dreht, hängt der Gemäßigte seinen Mantel hinein.”

“Seit zwei Jahrhunderten taucht hinter jeder fortschrittlichen Position eine noch radikalere auf. Auf diese Weise geraten nur die haltgebenden Kräfte in die Ächtungslage, denn nur gegen die Konservativen hat man freies Schußfeld.”

“Man kann den Attentismus, das Abwarten, wer gewinnt, nicht von der Lebensklugheit unterscheiden, die im Alltag fünf gerade sein läßt und sich die Option für den Ernstfall aufspart.”

“Gegen den feinhäutigen Egoisten, bei dem sich die Selbstzartheit in Indignation umsetzt und der anmoralisiert, was ihm fordernd entgegentreten könnte, gibt es heutzutage keine Argumente mehr.”

“Ohne Tapferkeit, Gehorsam und Kameradschaft wird eine Truppe vielleicht schießen, aber nicht kämpfen; ohne Hinhören auf den Geist der Gesetze, ohne Hinblick auf das Stimmrecht der Sachen wird der Richter schlecht richten.”

“Die Lehre vom Lebensglück braucht niemand mehr zu verkünden, weil alle sie leben.”

(Arnold Gehlen, 1969)

Die Weltpolizisten

In unserer restlos durchmediatisierten Welt werden wir rund um die Uhr mit einer unglaublichen Fülle an “Global News” bombardiert. Zumeist sind es Krisen- oder Katastrophenmeldungen aus Übersee, die die Schlagzeilen dominieren. Neben den fast schon allgegenwärtigen Naturkatastrophen scheint es keinen Tag zu geben, an dem nicht irgendwo in der Ferne Krieg, Bürgerkrieg oder Terrorismus aufflammt. – Ist unser Globus wirklich so unsicher? Haben unsere Vorfahren im Zeitalter der Weltkriege nicht sehr viel mehr erdulden müssen? Oder besser gefragt: Wer schützt eigentlich die dünnwandige Außenhaut unserer durchpazifizierten Komfortzonen? Sind wir das selbst? Ist das die UNO? Sind das Merkel, von der Leyen und Kramp-Karrenbauer? Oder sind wir nicht seit Jahrzehnten nur geschickte Trittbrettfahrer einer ausgelagerten Sicherheitsarchitektur? „Die Weltpolizisten“ weiterlesen

Hard Brexit

Selbstzufriedenheit ist ein Seelenzustand, der aufgeregte Gemüter extrem beruhigen kann. Insbesondere dann, wenn diese Selbstzufriedenheit sich mit Sündenbock-Mentalität paart. Die letzten Selbstzweifel verflüchtigen sich. Der Sündenbock ist an allem Schuld. Und alle Stimmen, die auf wachsende Unzulänglichkeiten hinweisen, werden als unmoralische Zumutungen abgeschattet. Trotz einer Flut von ungelösten Problemen scheint sich die Europäische Union momentan genau in diesem Gemütszustand eingeschwungen zu haben. Der Brexit wirkt wie ein Ventil durch das endlich nach vielen Jahren mal wieder die Möglichkeit besteht, innere Spannungszustände nach außen auf einen abtrünnigen Sündenbock abzuleiten. Auf Häresie, so auch der Tenor weiter Teile der kontinentaleuropäischen Leitmedien, steht die Höchststrafe, nämlich die internationale Ächtung. Dass das Brexit-Dilemma etwas mit dem inneren Zustand der EU zu tun haben könnte, will momentan niemand hören. Stattdessen Augenrollen über die ach so tumben Insulaner und ganz viel moralische Entrüstung.   „Hard Brexit“ weiterlesen

En Marche

Politische Systeme zeichnen sich in der Regel durch ein hohes Maß an eigentümlicher Trägheit aus. Tradition, Herkommen, vor allem aber gesetzlich verankerte Institutionen sorgen üblicherweise für ein gerüttelt Maß an gewachsener Stabilität. Diese besondere Statik wird zwar immer wieder durch das Ein- und Ausatmen im Zuge medialer Erregungszyklen erschüttert, pendelt am Ende der Zyklen jedoch fast immer wieder zurück in die Ausgangslage.  Eine höhere Ebene der Erschütterung erreicht ein politisches System meistens erst dann, wenn Politik sich entschließt, selbst Bewegungsenergie in den gesellschaftlichen Großkörper zu pumpen. Die beiden Hauptmotive hierbei sind entweder das offen artikulierte Verlangen nach einem “Systemwechsel” oder das Bestreben, Blockaden bzw. Verkrustungen aufzubrechen. Beispiele für beide Phänomene lassen sich momentan in Frankreich bzw. in Deutschland beobachten. – Was ist dran an diesem Bewegungsdrang? Sollte Politik das nicht lieber sein lassen? Ist das nie viel zu gefährlich? Werden da nicht falsche Erwartungen, vor allem im Blick auf gesteigerte Partizipation geweckt? „En Marche“ weiterlesen

Gedanken zum Tag

“Menschen sind in der Lage sich Regeln zu geben, die ihrer Natur entgegenstehen. Diese Form der Selbstbeschränkung nennt man Kultur.”

“Wenn Moral zur herrschenden Religion wird, muss die traditionelle Religion Moral werden.”

“Der Mensch möchte Individuum sein. Deshalb geht jede Verbesserung der ökonomischen Lebensbedingungen mit einem Mehr an Individualismus einher. Oder anders: Kollektivismus ist ein Produkt der Not.”

“Das erste Grunddilemma des modernen Individuums ist: Wenn alle unverwechselbar sein wollen, werden alle gleich. Das Individuum inszeniert sein Einmaligkeit als Kopie.”

“Das zweite Grunddilemma ist: Das Individuum ist in der Regel nicht bereit die Konsequenzen echter Individualität zu tragen. Einerseits will das postmoderne Individuum unabhängig sein und frei von Zwängen, um sich ganz und gar autonom zu entfalten. Andererseits soll diese Freiheit ohne Risiko sein. Also ruft das Individuum nach Kontingenzkompensation, unter dem Motto: Da es ein Menschenrecht ist, sich selbst zu verwirklichen, darf dieses Menschenrecht nicht durch die Wechselfälle des Lebens getrübt werden.”

“Medien und Moral sind Wahlverwandte. Beide gehorchen der Logik des Bipolaren. Das ´Gute` zelebrieren und das ´Böse` desavouieren.”

(Alexander Grau, 2018)

Milliarden-Roulette

Noch rollt sie, die Kugel. Etwas gebremster und auch schon etwas unrund, aber immer noch stetig im Kreis und mit dem typischen Rollgeräusch. Noch immer heißt es: Faites vos jeux! Und noch immer stapeln sich die Jetons in hohen Türmen auf dem Spielfeld. – Wenn es etwas gibt, dass die aktuelle Situation auf den internationalen Finanzmärkten besonders anschaulich umschreibt, dann ist es dieses Bild aus dem Innenleben des Spielcasinos. Hohe Einsätze! Hohes Risiko! Massive Wetten auf die Zukunft! Und ganz viel Vabanque auf den Spielfeldern des großen Geldes. – Was ist da los? Geht uns das was an? Achso, Casino-Kapitalismus! Nee! Vielleicht in den Börsensälen der Wall Street oder in den Banktürmen der Londoner City! Aber doch nicht bei uns! Sollen sie doch spielen die Zocker und Hasardeure! Wir bleiben solide, stehen jeden Morgen auf, gehen zur Arbeit, zahlen Steuern und ernähren uns fair und gesund. „Milliarden-Roulette“ weiterlesen

Midterm Elections

Wer in diesen Tagen die Berichterstattung in den deutschen Medien über die “Zwischenwahlen” in den USA verfolgt, durchlebt eine Art dèjá vu. Wieder – wie 2016 – schwappt eine meterhohe Welle aus Sympathieadressen für die einen und Empörungsbotschaften für die anderen über den Atlantik. Unzählige erhobene Zeigefinger recken sich in die Höhe, Heerscharen von “Analysten” beschwören die “blaue Welle” und das blanke Entsetzen über Donald und seine Donaldisten kennt buchstäblich keine Grenzen. Dass es um die Mehrheiten in den beiden Kammern des Kongresses geht und nicht um das Weiße Haus, kommt phasenweise nur im Kleingedruckten zur Sprache. Stattdessen immer wieder nur die Frage: Wird es der Darth Vader mit der orangenen Tolle (wieder) schaffen oder siegen am Ende doch die Guten? – Was ist da los? Warum ist es uns so wichtig die Scharte von 2016 auszuwetzen? Oder besser noch: Warum ist uns das politische System der USA auch nach Jahrzehnten der Bündnispartnerschaft immer noch so fremd? „Midterm Elections“ weiterlesen

Gedanken zum Tag

“Der Globus mag auf einem kostbaren Ständer stehen, mit fein ziselierten Füßen aus Rosenholz, in einem metallenen Meridianring eingefaßt; er mag auf den Betrachter wie ein Paradigma von Überschaubarkeit und Gutbegrenztheit wirken: Er wird aber stets das Bild eines Körpers wiedergeben, dem der bergende Rand, das sphärische Außengewölbe fehlt.”

“Die Haupttatsache der Neuzeit ist nicht, daß die Erde um die Sonne, sondern dass das Geld um die Erde läuft.”

“Die Neuzeit mit ihrem Zwang zum Handeln in die Ferne, ist das Paradies der Hellseher (Telepathen) und Konsultanten.”

“Regierungen nennt man heute Personengruppen, die sich darauf spezialisiert haben, so zu tun, als könne man im allgemeinen Hemmungshorizont die Dinge energisch vorwärtsbringen.”

“Das Einschlagen eines Nagels verlangt heutzutage die Zustimmung einer Kommission, die, ehe sie der Nagelfrage näher tritt, ihren Vorsitzenden, dessen Stellvertreter, den Kassenwart, den Schriftführer, den Frauenbeauftragten und dazu noch ein externes Mitglied wählt, das die Anliegen des regionalen Ethikrates für Technologiefolgenabschätzung und Umweltschutz geltend macht.”

(Peter Sloterdijk, 2005)