China first

“China boomt!”; “Die industrielle Produktion läuft auf Hochtouren!”; “Die Exporte erreichen neue Rekorde!” So oder so ähnlich hallt es in diesen Tagen stakkatoartig durch den Äther. Weltwirtschaftskrise? Globale Rezession? Ja! Vielleicht in Europa! Oder in Nordamerika! Aber im Reich der Mitte? Nein! Fehlanzeige! Im Gegenteil: Die chinesischen Exporteure kommen mit dem anschwellenden Nachfrageboom kaum zurecht. Müssen sich mächtig strecken, um die Kundenwünsche zu erfüllen und die Lockdown-geschädigte Konkurrenz aus Übersee zu ersetzen. – Aber halt? War da nicht was? Anfang 2020? Lebendtiermärkte mitten im Großstadtgewimmel? Fledermaus-Carpaccio aus Wuhan? Geisterstädte und leere Straßenschluchten. Chinesische Rettungskräfte mit Blaulicht im gespenstischen Vollschutz? Alles irgendwie nur noch Bilder aus der Konserve! Wie aus einem schlechten Film. Die neue Wahrheit sieht anders aus: Der chinesische Drache spreizt seine Schwingen, während Europa und die USA dabei sind ihr wirtschaftliches und soziales Leben erneut auf Shutdown-Niveau herunterzufahren. „China first“ weiterlesen

Aus Geschichte lernen

“Aus Erfahrung wird man klug!” Mit dieser alten Volksweisheit im Gepäck wandert Homo faber seit Generationen durch die Welt. Wunderbar geeignet als Selbstvergewisserungsformel für eine Gesellschaft unter permanenter Vertikalspannung, kommt uns dieser Satz immer wieder in Erinnerung. Fast wäre man geneigt, die Wendung als Universalformel für das menschliche Lernen schlechthin zu preisen. Wenn da nicht ihre etwas eindimensionale Praxislastigkeit wäre. Ihre einseitige Ausrichtung auf praktisches Üben und ihre Inkompatibilität mit innovativem Erfindergeist und jugendlicher Kreativität. Dass Fortschritt auch ohne Erfahrung-sammelnde Ochsentouren möglich ist, wissen wir seit langem. Noch enger wird das Anwendungsfeld, wenn man bedenkt, dass Erfahrung in der Regel individuell und bezogen auf ein Menschenleben “gesammelt” wird. Was ist, wenn wir das Lernen von großen Kollektiven, von Gesellschaften, von Völkern in den Fokus nehmen und den Blick über mehrere Generationen, ja Jahrhunderte hinweg, weiten? Geht das überhaupt: Lernen von den toten Vorvätern oder kollektives Üben am historischen Objekt? „Aus Geschichte lernen“ weiterlesen

Im Prognosedilemma

Unser Leben wäre so schön und so übersichtlich, wenn es die Ungewissenheit der Zukunft nicht gäbe. Wenn wir wüssten, was uns erwartet. Wenn wir die Welt von Morgen jederzeit hellsichtig enträtseln könnten. Was haben wir in der Vergangenheit nicht alles getan, um den Nebel des Vor-uns-Liegenden zu lichten? Wir haben Propheten engagiert, Sterndeuter befragt, Kartenleger und Hellseher konsultiert und vielerorts sogar in kristalline Glaskugeln geschaut. Immer mit dem Ziel, den tief verhangenen Horizont zu erhellen. Doch so oft wir uns bemühten, so oft scheiterten wir auch. Erst als die moderne, streng methodische Prognostik zu unserem bevorzugten Fernglas in die Zukunft wurde, schien plötzlich alles anders. Statt fragile Hellseherei, mathematisch fundiertes Extrapolieren. Statt Glaskugel oder Sternzeichen, Zukunftslabor und Big Data. – Doch halt! Können wir uns wirklich auf die moderne Prognose, auf ihre gewagten Extrapolationen verlassen? Können wir mit dem prognostischen Instrumentarium auch die Folgen externer Schocks “vorhersagen”? Und vor allem: Kann die zeitgenössische Prognostik unabhängig von politischen Erwartungen und gesellschaftlichen Stimmungen agieren? „Im Prognosedilemma“ weiterlesen

Pyrrhussiege

Nur wenige Geschichtsmetaphern wurden in den zurückliegenden Jahrhunderten so oft strapaziert, wie das Pyrrhus-Motiv: Kriegslüsterner Fürst fordert die römische Republik heraus, setzt aus Griechenland kommend nach Unteritalien über und siegt in offener Feldschlacht. Das Problem: Seine Siege sind derartig verlustreich, dass er schließlich vom eigenen Triumph aufgefressen wird. Die resignative Wendung des antiken Hellenen-Königs von wegen “Noch so ein Sieg und ich bin verloren!” hallt seitdem wellenförmig durch die Geschichtsbücher und gereicht immer wieder denen zur Mahnung, die vor lauter Triumphalismus den Blick für die Wirklichkeit verlieren. – Die Druckwellen rund um die US-Präsidentschaftswahlen, die aktuell über den großen Teich zu uns herüber wabern, sind wie gemalt für die alte Pyrrhus-Metapher: Verlierer, die sich zu Siegern erklären, vielstimmiges Triumph-Getöse, das lautes Pfeifen im dunklen Wald ersetzt und all das orchestral begleitet von wilden Schlachtrufen auf allen Kanälen. „Pyrrhussiege“ weiterlesen

Fin de Siècle

Als vergängliche Wesen unterliegen wir einem ehernen Bewegungsgesetz, bestehend aus Geburt, Werden, Altern und Tod. Dieser Vierklang prägt unser Dasein, ob wir es wollen oder nicht. Entscheidend ist die Art und Weise, wie wir die einzelnen Phasen unseres menschlichen Seins gewichten. Oder besser: wie wir unseren individuellen Standort in Zeit und Raum verorten. Das Kleinkind blickt anders auf die Welt als der Greis. Der Christ anders als der Hindu und der Darwinist anders als der Pazifist. Was uns jedoch alle eint, ist die Neigung,  die Wechselfälle unserer eigenen Existenz auf den großen historischen Zusammenhang zu projizieren. Geschichte, so der immer wiederkehrende Tenor, ist zyklisch. Kulturen werden geboren, wachsen, altern und sterben. Zivilisationen kommen “zur Welt”, erklimmen die Leiter hinauf zur Hochblüte, überschreiten ihren Zenit, fangen an zu verblühen und verschwinden manchmal über Nacht! –  Was soll uns das sagen? Ist das nicht abstrakte Geschichtsphilosophie? Wo sind da die Anknüpfungspunkte zu unserer Gegenwart? „Fin de Siècle“ weiterlesen

Mehr Mut!

Das Jahr 2020 wird – das steht vor seinem kalendarischen Ende bereits unabwendbar fest – definitiv als “Jahr der Angst” in die Geschichtsbücher eingehen. Angst vor dem Virus, Angst vor der Pandemie, Angst vor der exponentiellen Kurve! Und spätestens seit klar wurde, dass das Virus sich in einer zweiten Welle noch einmal aufbäumen würde, mischt sich die Angst um die eigene Gesundheit mit einer wachsenden Angst um die eigene wirtschaftliche Existenz und die soziale Kohäsion in unserer Gesellschaft! – Was passiert da gerade mit uns? Haben wir – abgesehen von den medizinischen und finanziellen Ressourcen – überhaupt die notwendigen mentalen Reserven, um uns gegen das Virus der Angst zu wappnen? Oder anders: Haben wir ausreichend Mut-Reserven, um den Angst-Überschuss zu kompensieren? Kann uns ein Blick in unsere eigene Geschichte, in die nahe und die ferne, Hilfestellung beim Meistern des aktuellen Geschehens bieten? „Mehr Mut!“ weiterlesen

Aus Zwei mach Eins

Wer heute im Jahre 2020 zu nationalen Gedenktagen einlädt, muss mit einer Fülle von Absagen rechnen. Nicht nur wegen Corona, sondern auch, weil das “Nationale” in der Gedankenwelt des beginnenden 21. Jahrhunderts massiv an Strahlkraft und politisch-medialem Flankenschutz verloren hat. Zukunft, so der breite Tenor, ist heute entweder global oder auf diverse Art atomistisch. Wer hier trotzdem auf nationale Besinnung pocht, muss sich immer öfter den Vorwurf der politischen Einfalt und geistigen Enge gefallen lassen. – Wenn das aber so ist, warum begehen wir an Tagen wie dem 3. Oktober überhaupt noch Nationalfeiertage? Nur weil es noch keinen global anerkannten “Weltfeiertag” gibt? Oder weil wir im Gegenteil – trotz des verheißungsvollen Modernisierungsversprechens unserer “Vordenker” – doch noch im tiefsten Innern spüren, dass da etwas ist, was uns zusammenhält. Etwas was uns aneinander bindet und etwas was wir – um den Preis der fortschreitenden Desolidarisierung – doch nicht einfach leichtfertig verspielen sollten…? „Aus Zwei mach Eins“ weiterlesen

Der große Rückstau

Nachhaltige Problemlösungen in komplexen politischen und ökonomischen Systemen sind in der Regel nicht ohne schmerzhafte Nebenfolgen zu haben. Realiter lässt sich das exemplarisch vor allem an schmerzhaften Roßkuren zur Bewältigung von Wirtschaftskrisen beobachten, wo erfolgreiche Therapien immer mit Marktbereinigungen, Ausgabenkürzungen und/oder Firmenschließungen verbunden sind. Besonders schmerzhaft sind die Folgewirkungen, wenn die Problemlösung über Jahre hinweg verschleppt wurde. Das heißt, wenn nur an den Symptomen kuriert wurde, aber die eigentliche “Erkrankung” in ihrer spezifischen Virulenz unbehandelt blieb. Was wir dann erleben, ist ein klassischer Problem- bzw. Therapie-Rückstau, der sich hinter einer hermetisch wirkenden Staumauer bedrohlich auftürmt, für die Menschen jenseits der Barriere unten im Tal in der Regel aber nur schwer erkennbar ist. Obwohl gelegentlich an der einen oder anderen Stelle Risse im Mauerwerk erkennbar werden und manchmal sogar einige Beunruhiger oben von der Mauerkrone herab Warnungen herunterrufen, bleibt es merkwürdig still im trockenen Tale. „Der große Rückstau“ weiterlesen

Meine Schublade, deine Schublade

Wer in diesen Tagen eine Weile unvoreingenommen auf unsere Debattenlandschaft schaut und inmitten des ganzen Lärms und des aufgewirbelten Staubs einen Moment lang innehält, der kriegt es unweigerlich mit der Angst zu tun. Statt Diskussion, Austausch von Argumenten und notwendiger Differenzierung entladen sich ganze Litaneien von Pöbeleien, Schuldzuweisungen und Verwünschungen. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich! Wer meine Wahrheit nicht vollumfänglich teilt, ist draußen. Die Wahrscheinlichkeit bei der Artikulation eines bestimmten Buzzwords, beim Vertreten einer abweichenden Meinung automatisch und ohne Umwege in eine Schublade gesteckt zu werden, war selten so groß, wie in unserer aufgewühlten, hyperventilierenden Gegenwart. – Was ist da los? Sind wir übergeschnappt? Was passiert, wenn man jedem Gesprächspartner, kaum hat der Wortwechsel richtig begonnen, reflexhaft einen Stempel aufdrückt? Hört das wieder auf? Kommen wir da wieder raus? „Meine Schublade, deine Schublade“ weiterlesen

Reisen in Zeiten der Pandemie

Wer in diesen Wochen als Urlauber durch Europa reist und wachen Auges durch die Straßen und über die Plätze der Städte, Dörfer und Weiler läuft, wird von einer merkwürdig ambivalenten Grundstimmung erfasst. Einerseits erscheint alles wie immer: Die markanten Gebäude erstrahlen im gleichen Licht wie in den Jahren zuvor. Der Dogenpalast wacht wie eh und je über der Piazetta, der Gardasee liegt wie gewohnt im sonnigen Dunst und die Wiener Ringstraße scheint nichts von ihrem majestätischen Glanz verloren zu haben. Andererseits – ebenso unübersehbar – fehlen die Menschen auf den großen Sichtachsen. Unzählige geschlossene Restaurants, verwaiste Bahnhöfe, vergitterte Schaufenster und gähnend leere Auslagen. Plätze, die alljährlich zu dieser Zeit vor Besuchern regelrecht überquellen, sind beinahe menschenleer. Und wenn man hinter der nächsten Kurve doch jemandem begegnet, fällt der Blick auf maskierte Gesichter, die oftmals nur rasch vorbeihuschen und sogar den üblichen Blickkontakt meiden. „Reisen in Zeiten der Pandemie“ weiterlesen