Lichtgestalten und Dunkelmänner

Selten zuvor gab es eine Zeit, die auf derart frappierende Weise von schlichten Gut-Böse-Rastern geprägt war. Wenn einmal in fernerer Zukunft nachfolgende Generationen auf unsere Gegenwart zurückschauen, dann werden sie sich nicht nur verwundert die Augen reiben, sondern einigermaßen entsetzt die Frage stellen, was hat die Menschen damals dazu gebracht derartig hemmungslos zu polarisieren und verbal aufeinander einzuschlagen? Wer in diesen Wochen die Zeitungen aufschlägt und durchs Internet surft, findet fast nur noch Schwarz oder Weiß. Kaum noch Grautöne, aber ganz viel Schwarz-Weißmalerei. Statt abgewogene Analyse, fast nur noch wilde Verwünschungen und heftige Tiefschläge, weitgehend ohne Pardon und auch ohne Stil und Etikette. „Lichtgestalten und Dunkelmänner“ weiterlesen

Bedingt einsatzbereit

Es mutet an, wie ein alljährlich wiederkehrendes Ritual. Leise und ohne viel Aufhebens, weit unterhalb der Wahrnehmungsschwelle der Öffentlichkeit wird in diesen Tagen in den Fluren des Berliner Reichstages zum wiederholten Male ein Druckwerk verteilt, das zwar außerhalb der Mauern dieses ehrwürdigen Gebäudes kaum gelesen wird, das aber in jeder Hinsicht brisantes Material enthält. Die Rede ist vom Bericht des Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages.* Ein Bericht, der sich von Anfang bis Ende liest, wie eine langgezogene, nicht enden wollende Mängelliste. Ein Dokument der Ernüchterung, das den Leser schonungslos aufklärt über eine Armee am Ende eines 25jährigen Auszehrungsprozesses. Personalmängel und Materialdefizite wohin man nur schaut. Gravierende “Fähigkeitsdefizite”, fehlende “Interoperabilität”, massiv heruntergesparte Rumpfstreitkräfte, die nur noch im multinationalen “Patchwork” handlungsfähig sind. – Was ist los mit der Bundeswehr? Wie konnte es dazu kommen? Und vor allem, was bedeutet diese ernüchternde Bilanz für die Sicherheit Deutschlands in einer sich dramatisch verändernden Welt? Oder direkter noch: Was passiert, wenn der “NATO-Verächter” Donald Trump uns mit unseren hausgemachten Problemen tatsächlich alleine läßt? „Bedingt einsatzbereit“ weiterlesen

Elitendämmerung

Das Jahr 2016 war – wer will es bestreiten – ein Jahr des Umbruchs! Brexit-Votum, Trump-Schock, eine immer dichter werdende Kette von Terroranschlägen und ganz viel allgemeine Verunsicherung, ablesbar an kurzwelligen Erregungszyklen und aufgeregten Krisen-Debatten über Europa, das transatlantische Verhältnis und die alt-neue Gefahr aus dem Osten. – Wie immer in Zeiten des Umbruchs sind vor allem diejenigen gefragt, die auch sonst den Ton angeben: die Eliten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. Nur sie scheinen auf Grund von Macht, Einfluß und Bildung in der Lage Orientierung zu geben, wo sich Orientierungslosigkeit breit macht und Leitplanken zu setzen, wo die Ränder anfangen die Mitte aufzufressen. – Doch wo sind sie die Eliten? Was tun sie um dem wankelmütig gewordenen Wahlvolk den notwendigen Halt zurück zu geben? Oder konkreter noch: Wie reagieren die Eliten auf die großen Niederlagen vom 23. Juni (Brexit) und 8. November (Trump-Wahl)? Welche Gegenmittel haben sie, um mögliche Wiederholungen zu vermeiden? „Elitendämmerung“ weiterlesen

Vive le président!

Am 20. Januar werden wir sie wieder live im Fernsehen erleben: Die “Inauguration ceremony” auf den Treppenstufen des Washingtoner Kapitols. Ein weihevolles Schauspiel, das nicht weit entfernt ist von einer Krönungsmesse und das uns wieder für einen Moment an die Zeiten erinnern wird, in denen es noch fast überall gekrönte Häupter gab, die mit viel Pomp und noch mehr Glorie theatralisch mit den Insignien ihrer Macht ausgestattet wurden (Vive le roi). Obwohl der Republikanismus mittlerweile deutlich die Oberhand gewonnen hat, scheint die monarchische Attitüde und die große Geste ihre alte Wirkungsmacht nicht verloren zu haben. Im Gegenteil: Wie selten zuvor macht sich auf der politischen Bühne eine schon tot geglaubte Figur breit, die in der Regel den schönen Titel “Präsident” trägt, in Wahrheit aber so etwas zu sein scheint, wie ein “Königs-Ersatz”, eine Art monarchisches Surrogat. „Vive le président!“ weiterlesen

Das (Be-)Schweigen der Opfer

Berlin, Breitscheidplatz, 19.12.2016: Ein islamistischer Terrorist rast bewaffnet mit einem schweren LKW mit hoher Geschwindigkeit durch eine Menschenmenge, zermalmt menschliche Körper und hinterlässt Tod und Verwüstung. Wenige Augenblicke nach dem Anschlag beginnen Live-Berichte vom Tatort. Im Anschluss stundenlang minutiöse Beschreibungen des Tathergangs und dann nach der Identifizierung des Täters ausführliche Berichte über seine möglichen Motive und seine Herkunft, begleitet von Interviews mit Angehörigen, Psychologen und diversen “Terrorexperten”. Und immer wieder das “Tätergesicht”, dass uns unablässig über alle Kanäle anstarrt. – Und die Opfer? Wer berichtet über die Opfer? Wer kennt ihre Gesichter? Wer weiss etwas über ihre individuellen Biographien, über ihre (zerstörten) Lebensentwürfe? „Das (Be-)Schweigen der Opfer“ weiterlesen

Fluchtpunkt des Postfaktischen

Es ist mehr als kurios: Noch vor wenigen Jahren kannte der Jubel über die globale Vernetzung und die menschheits-verbindende Kraft des Internets und seiner diversen Ausformungen keine Grenzen. Parallel zu einer sich vor allem ökonomisch rasant globalisierenden Welt schienen sich auch die Tore der globalen Kommunikation sperrangelweit geöffnet zu haben. Social Networking im globalen Maßstab, Eindampfen räumlicher Barrieren auf Mouseclick-Distanz und geradezu phantastisch anmutende Globalisierungsperspektiven nach dem Motto “die Welt in der Hand jedes Einzelnen”. IPhone, IPad, Smartphone & Co machen´s möglich! „Fluchtpunkt des Postfaktischen“ weiterlesen

Gewaltaffinität des Religiösen

Der spannungsgeladene Kontrast in den Weihnachtstagen des Jahres 2016 könnte kaum größer sein: Auf der einen Seite Freude und Zuversicht im Lichte der frohen Botschaft und auf der anderen Seite Tod und Verderben im Schatten irrsinniger Wahnideen. Die zerborstenen Weihnachtsmarktstände von Berlin, die in einer medialen Endlosschleife an uns vorüber ziehen, wirken wie ein weiteres Menetekel für ein Phänomen, dass wir lange für überwunden hielten, das aber spätestens seit 9/11 wieder gegenwärtig ist. „Gewaltaffinität des Religiösen“ weiterlesen

Leitkultur

Ein Gespenst geht um in Deutschland. Das Gespenst der Leitkultur. Wie es Gespenster so an sich haben, wirken sie einerseits fürchteinflößend, andererseits aber auch irgendwie luftig und kaum fassbar. Wenn man die Feuilletons durchforstet oder nach einschlägigen Stellungnahmen in den politischen Arenen fahndet, fällt einem nicht nur diese charakteristische Doppeldeutigkeit, sondern vor allem auch die hohe Emotionalität auf, mit der dieser Begriff entweder freudig begrüßt oder aber heftig verdammt wird. Besonders aufschlussreich in diesem Zusammenhang war die Debatte im Bayerischen Landtag über das Bayerische Integrationsgesetz, die sich in hohem Maße um den Begriff der “Leitkultur” drehte und sich hochkontrovers bis in die späten Nachtstunden des 8. 12.2016 hinzog. „Leitkultur“ weiterlesen

Raumvergessenheit

Wer kennt das nicht, dieses Gefühl der Freiheit und Ungebundenheit, dass einen beschleicht, wenn man hoch oben am Fenster eines Flugzeuges sitzt und tief unten die Berge und Täler, die Städte und Dörfer, die Flüsse und Seen und die Felder und Fluren im Zeitraffer vorbei ziehen sieht! Sichtbar nur als Relief oder als grau-grün, manchmal blau oder auch schmutzig-weiß schimmernde Flächen im Miniaturmaßstab. Es ist das Gefühl des scheinbar mühelosen “Überfliegens”, das uns so beeindruckt und das uns angesichts ständig wachsender Mobilität in der Luft, am Boden und zu Wasser in seinen Bann zieht. „Raumvergessenheit“ weiterlesen