Der große Rückstau

Nachhaltige Problemlösungen in komplexen politischen und ökonomischen Systemen sind in der Regel nicht ohne schmerzhafte Nebenfolgen zu haben. Realiter lässt sich das exemplarisch vor allem an schmerzhaften Roßkuren zur Bewältigung von Wirtschaftskrisen beobachten, wo erfolgreiche Therapien immer mit Marktbereinigungen, Ausgabenkürzungen und/oder Firmenschließungen verbunden sind. Besonders schmerzhaft sind die Folgewirkungen, wenn die Problemlösung über Jahre hinweg verschleppt wurde. Das heißt, wenn nur an den Symptomen kuriert wurde, aber die eigentliche “Erkrankung” in ihrer spezifischen Virulenz unbehandelt blieb. Was wir dann erleben, ist ein klassischer Problem- bzw. Therapie-Rückstau, der sich hinter einer hermetisch wirkenden Staumauer bedrohlich auftürmt, für die Menschen jenseits der Barriere unten im Tal in der Regel aber nur schwer erkennbar ist. Obwohl gelegentlich an der einen oder anderen Stelle Risse im Mauerwerk erkennbar werden und manchmal sogar einige Beunruhiger oben von der Mauerkrone herab Warnungen herunterrufen, bleibt es merkwürdig still im trockenen Tale. „Der große Rückstau“ weiterlesen

Meine Schublade, deine Schublade

Wer in diesen Tagen eine Weile unvoreingenommen auf unsere Debattenlandschaft schaut und inmitten des ganzen Lärms und des aufgewirbelten Staubs einen Moment lang innehält, der kriegt es unweigerlich mit der Angst zu tun. Statt Diskussion, Austausch von Argumenten und notwendiger Differenzierung entladen sich ganze Litaneien von Pöbeleien, Schuldzuweisungen und Verwünschungen. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich! Wer meine Wahrheit nicht vollumfänglich teilt, ist draußen. Die Wahrscheinlichkeit bei der Artikulation eines bestimmten Buzzwords, beim Vertreten einer abweichenden Meinung automatisch und ohne Umwege in eine Schublade gesteckt zu werden, war selten so groß, wie in unserer aufgewühlten, hyperventilierenden Gegenwart. – Was ist da los? Sind wir übergeschnappt? Was passiert, wenn man jedem Gesprächspartner, kaum hat der Wortwechsel richtig begonnen, reflexhaft einen Stempel aufdrückt? Hört das wieder auf? Kommen wir da wieder raus? „Meine Schublade, deine Schublade“ weiterlesen

Reisen in Zeiten der Pandemie

Wer in diesen Wochen als Urlauber durch Europa reist und wachen Auges durch die Straßen und über die Plätze der Städte, Dörfer und Weiler läuft, wird von einer merkwürdig ambivalenten Grundstimmung erfasst. Einerseits erscheint alles wie immer: Die markanten Gebäude erstrahlen im gleichen Licht wie in den Jahren zuvor. Der Dogenpalast wacht wie eh und je über der Piazetta, der Gardasee liegt wie gewohnt im sonnigen Dunst und die Wiener Ringstraße scheint nichts von ihrem majestätischen Glanz verloren zu haben. Andererseits – ebenso unübersehbar – fehlen die Menschen auf den großen Sichtachsen. Unzählige geschlossene Restaurants, verwaiste Bahnhöfe, vergitterte Schaufenster und gähnend leere Auslagen. Plätze, die alljährlich zu dieser Zeit vor Besuchern regelrecht überquellen, sind beinahe menschenleer. Und wenn man hinter der nächsten Kurve doch jemandem begegnet, fällt der Blick auf maskierte Gesichter, die oftmals nur rasch vorbeihuschen und sogar den üblichen Blickkontakt meiden. „Reisen in Zeiten der Pandemie“ weiterlesen

Wissen schaffen

Wer heute nach der Bedeutung der Wissenschaften für die moderne Gesellschaft fragt, begibt sich auf ein merkwürdig polarisiertes Terrain. Was vor wenigen Jahren noch als exklusive Domäne hochspezialisierter Fachzirkel galt, hat zwischenzeitlich seinen Weg in überregionale Tageszeitungen und in die einschlägigen Blasen der sozialen Medien gefunden. Sorgen bereitet dabei vor allem der apodiktische Ton der Debatte. “Wissenschaftsgläubige” stehen gegen “Wissenschaftsleugner”. “Alternativlose Fakten” gegen “Fake News” und “Wahrheit” gegen “Verschwörungstheorie”. Unter Druck gerät in diesem Kontext nicht nur das vermittelnde Dazwischen, sondern auch die methodische Essenz moderner Wissenschaft. „Wissen schaffen“ weiterlesen

Go West

Langsamer Kameraschwenk: Spektakulärer Sonnenuntergang, grasbedeckte Prärie bis zum Horizont, wettergegerbter Cowboy reitet, lässig die Zügel in der Linken, gen Westen. Schnitt!: Morgenlicht aus dem Osten, aufgeblähte Segel, verwegene Kapitäne auf den Brücken hölzerner Nußschalen verlassen den Hafen und fahren aus gen Westen, Richtung “Neue Welt”. Noch ein weiterer Schnitt, aber etwas weniger theatralisch: Knochiger, hochgewachsener Politiker steht am Rednerpult des Deutschen Bundestages und verkündet in rheinischem Dialekt die unwiderrufliche Westbindung der jungen (Bundes-)Republik. Starke Bilder! Starke Motive! Sinnbilder für Wegmarken auf dem episch langen Marsch der Europäer Richtung Westen. – Und heute? Was ist heute? Was ist aus dem Go West der frühen Ausfahrten, der Siedlertrecks über die Great Plains und der Nachkriegsbündnisse geworden? Zieht uns das Licht der Sehnsuchtsorte jenseits des großen Ozeans immer noch an oder weist unser Kompaß längst in eine andere (Himmels-)Richtung? „Go West“ weiterlesen

Fallhöhen

Das Leben ist ein Auf und Ab. Wer will es bestreiten. Mal läufts wie geschmiert, mal sackt der Traum wie ein leerer Luftballon in sich zusammen. Da wir uns als “Bodenständige” ganz überwiegend vor und zurück bewegen, fällt es uns oft schwer, die Veränderung in der Vertikalen angemessen zu verstehen. Während uns in der Horizontalen regelmäßig das Schrittmaß reicht, um Entfernungen zu “ermessen”, verwenden wir in der Höhe viel öfter die mathematische Relation, zumeist ausgedrückt in Prozenten, mit positiven oder negativen Vorzeichen. Das hilft in der Regel das Auf und Ab besser zu verstehen. Was wir dabei regelmäßig verkennen, ist die Tatsache, dass die Dimension des Auf und Ab wesentlich mit der Ausgangslage variiert. Anders formuliert: Um so exponierter unser Standort, um so mühsamer die nächste Stufe und um so tiefer der Fall, wenn es mal bergab geht. Und um so niedriger das Ausgangsniveau, um so größer die Aufstiegschancen nach oben und um so geringer die Fallhöhe nach unten. „Fallhöhen“ weiterlesen

Animal sociale

In diesen Tagen ist viel von Solidarität die Rede. Von Zusammengehörigkeit, von gegenseitiger Hilfestellung und wechselseitigem Miteinander. Die Krise schweißt uns zusammen! Überwindet gewachsene Barrieren und formiert eine allgegenwärtige Notgemeinschaft. Ja, möchte man sagen. Da ist was dran. Die Hilfsbereitschaft der Ärzte und Pfleger gegenüber den Corona-Patienten ist vorbildlich. Auch die großen Solidargemeinschaften leisten in diesen schwierigen Zeiten Beachtliches. Doch wie ist es mit dem allgemein verordneten “Social distancing”? Kann man auch hinter der Maske und über 2 Meter Abstand hinweg solidarisch sein? Und was ist mit den geradezu riesenhaften Hilfspaketen? Sind die nicht fast alle national “begrenzt”? Grenzüberschreitend im Weltmaßstab kommt momentan nur wenig zustande! Im Gegenteil: Reisewarnungen bleiben bestehen und Grenzsperren werden nur widerwillig gelockert. – Also was ist nun: Solidarisierung oder Desolidarisierung? Sitzen wir alle in einem Boot oder rudert doch jeder für sich? „Animal sociale“ weiterlesen

Bilderstürme

Geschichte oszilliert zwischen Kontinuität und Wandel. Selbst das, was über Jahrhunderte hinweg in Stein gemeißelt scheint, wird plötzlich und unerwartet Opfer von dramatischen Brüchen. Vor allem die jüngere Geschichte des entwickelten Westens ist voll von solchen politischen, gesellschaftlichen und technischen Umbrüchen. Tiefgehende Regimewechsel, die das gesamte politisch-weltanschauliche Decorum umwälzten und ihre Spuren nicht nur in den Regierungszentralen, den Parlamenten und den großen Institutionen, sondern auch auf den Straßen und Plätzen hinterließen.* – Sind Denkmalstürze, wie wir sie aktuell in einzelnen Metropolen des Westens erleben, Vorboten eines solchen Regimewechsels? Für wen oder was steht der markante Bildersturm der letzten Wochen? „Bilderstürme“ weiterlesen

Die fragmentierte Gesellschaft

Es war Anfang der 50er Jahre als der deutsche Soziologe Helmut Schelsky in einer bahnbrechenden Studie den Übergang der traditionellen “Klassengesellschaft” in die “nivellierte Mittelstandsgesellschaft” konstatierte*: Im Zuge des anhebenden Nachkriegsbooms – so seine These – nivellieren sich gesellschaftliche Unterschiede, Konsumgewohnheiten und Lebensstile. An die Stelle des “Klassenantagonismus” tritt eine weitgehend homogene “Mittelschichtsgesellschaft” aus einer “verbürgerlichten” Arbeiterschaft und einem kriegsbedingt erodierten Bürgertum. Dieses breit rezipierte Gesellschaftsmodell war nie unumstritten und rief in der Folge Heerscharen von Kritikern auf den Plan, blieb aber lange Zeit wegweisend für die Erklärung des gesellschaftlichen Wandels in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.  – Was ist heute rund 70 Jahre nach diesem soziologischen Thesenanschlag von 1953 aus der damals mitgelieferten Vision einer mittig ausgerichteten, sozioökonomisch nivellierten Gesellschaft geworden? Sind wir noch auf Kurs oder droht das Ganze einer fortschreitenden Fragmentierung zum Opfer zu fallen? „Die fragmentierte Gesellschaft“ weiterlesen

Jay´s Market – Im Sog der großen Zahlen

Rückblickend betrachtet, war Geld seit den ersten Münzprägungen vor rund zweieinhalbtausend Jahren, ein ausgesprochen knappes Gut. Um gleichzeitig Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel sein zu können, war die Knappheit des Geldes geradezu systemimmanent. Man rechnete in “kleiner Münze”, ein “Batzen Geld” entsprach vier Kreuzern und der “Dukatenesel” trabte nur durchs Märchen. Erst als die ersten “Notenbanken” im 17. Jahrhundert anfingen Papier zu bedrucken, erhöhten sich “Nennwert” und “Stückelung”. Das Geld löste sich vom (seltenen) Edelmetall und wurde zum bedruckten “Schein”. – Und heute? Wo stehen wir heute? Schluss mit Hundert! Schluß mit Tausend, Schluß mit der Million. 1000 Millionen! 100 Milliarden!, 500 Milliarden! Wer bietet mehr? Keine halben Sachen! 1000 Milliarden müssen es schon sein. „Jay´s Market – Im Sog der großen Zahlen“ weiterlesen