Die Russen kommen

Wenn es einen geopolitischen Großraum gibt, in dem sich die Problemgeschichte der westlichen Außen- und Sicherheitspolitik wie in einem Brennglas fokussiert, dann ist es der Krisen-Halbmond zwischen Ostsee, Bosporus und Persischem Golf. In einer tragischen Verkettung von historischen Ereignissen entwickelte sich dieser Raum aus okzidentaler Perspektive zu der Gefahrenzone schlechthin, zur Dauer-Perzeptionsfläche für Interventionsängste. Beginnend mit den Persern und den Parthern in der Antike, den Hunnen in der Spätantike, den Mongolen im Mittelalter und den Osmanen in der Frühen Neuzeit verging kaum ein Jahrhundert, in dem die weiten Ebenen, die langen Küsten und schmalen Meerengen an den Ost- und Südostzugängen Europas nicht die angstbeladene Aufmerksamkeit der abendländischen Menschheitsfraktion ergriff. Obwohl Teil des christlichen Kulturkreises geriet Rußland etwa ab dem beginnenden 18. Jahrhundert (“Großer Nordischer Krieg”, 1700-1721) auf schicksalhaftige Weise in die Frontlinie dieser uralten Konfliktzone und wurde im Schlagschatten der beiden Weltkriegen und kulminierend im sog. “Kalten Krieg” zum eigentlichen östlichen Antipoden des Westens (gemacht). „Die Russen kommen“ weiterlesen

Gefangen im Schwarz-Weiß-Raster

Wer Diskursschranken, Meinungskorridore und Sprachregime thematisiert, muss sich auf Kritik gefasst machen. Immer seltener wegen den Sachverhalten selbst. Hier sind die Belege mittlerweile einfach so vielfältig und so eindrücklich, dass selbst überzeugte Diskurswächter vor allzu lautem Widerspruch zurückschrecken. Deutlich häufiger zielt der Vorwurf auf das angeblich unterentwickelte Gespür für die Notwendigkeit einer klaren Trennung von Gut und Böse. Wir leben in unübersichtlichen Zeiten und der Mensch – so der Grundtenor – verlangt nach Orientierung, nach klaren Leitplanken, nach der richtigen Einordnung. In solchen Zeiten sei es geradezu fahrlässig Mehrdeutigkeit zu produzieren, Verwirrung stiftende Zwischentöne zu thematisieren oder gar “alternative Fakten” zu artikulieren. Über Fakten – so die Kernbotschaft – läßt sich nicht streiten und wer Fakten im öffentlichen Diskurs in Frage stellt, erzeugt Verwirrung und trägt zur Spaltung der Gesellschaft bei. „Gefangen im Schwarz-Weiß-Raster“ weiterlesen

Trugbilder

Wir Menschen sind empfindliche Wesen. Insbesondere dort, wo es um die Diskrepanz zwischen den eigenen Vorstellungen und der harten Wirklichkeit geht. Oft klammern wir uns ein Leben lang an unsere selbst konstruierte Schein-Wirklichkeit und ignorieren konsequent alle Widersprüche, um ja nicht in den Sog einer kognitiven Dissonanz zu geraten. Im privaten Umfeld hat das oft bittere Konsequenzen, bleibt aber in der Regel im kleinen Kreis und damit weniger folgenschwer. Deutlich gravierendere Auswirkungen kann dieser faktische Selbstbetrug im Rahmen großer Kollektive haben, insbesondere dann, wenn das konstruierte Trugbild über mediale Multiplikation gewaltige Ausmaße annimmt und die damit einhergehende (Selbst-)Täuschung zum Massenphänomen wird. „Trugbilder“ weiterlesen

Zusammen leben

Leben wir in einer gespaltenen Gesellschaft? Diese für unser gedeihliches Zusammenleben so wichtige Frage, wird aktuell höchst unterschiedlich beantwortet. Ein klares Nein lässt sich von unserem frisch gewählten Bundeskanzler vernehmen, der anläßlich seiner Amtsübernahme all jene heftig kritisierte, die aktuell die Botschaft von der gespaltenen Gesellschaft verkünden bzw. verbreiten. Wir sind nicht gespalten, wir sind nur (noch) nicht alle einer Meinung, so Olaf Scholz, knapp zusammengefasst Anfang der Woche in der Bundespressekonferenz.  Andere Stimmen sind da deutlich skeptischer, wie kürzlich erst Alexander Kissler in der NZZ, der nicht nur von einer gespaltenen, sondern gar von einer “zerrissenen Gesellschaft” sprach. – Also was nun? Redet uns da nur jemand etwas ein oder ist da doch was dran, an der These vom Spaltpilz mitten im Geflecht unseres Gemeinwesens? „Zusammen leben“ weiterlesen

Substanzverzehr

Kein Sport, ungesunde Ernährung und Dauerstress! – In leider viel zu vielen Fällen prägen diese Phänomene den privaten und beruflichen Alltag von Menschen, gerade in den Wohlstandszonen des entwickelten Westens. Die Folgen sind Müdigkeit, fehlende Fitness, Gelenkschmerzen, Kurzatmigkeit und am Ende  Verschleißerkrankungen und Herzprobleme. Der Mensch lebt am Schluss nur noch von der Substanz und verbraucht Ressourcen, die der Körper zwar per se mitbringt oder die er sich in jungen Jahren “antrainiert”, deren rapider Abbau aber nicht mehr aktiv kompensiert wird. – Dieser Substanzverzehr ist ein individuelles Phänomen, tritt aber in vielen unterschiedlichen Konstellationen auch in großen Kollektiven auf. Ganze Gesellschaften verlieren an Widerstandskraft, Imperien sinken zu Boden und einstmals mächtige Volkswirtschaften verlieren ihr Fundament. Welche Ursachen dafür maßgeblich sind und was sich tun lässt, um angegriffene Substanz wieder zu beleben, dazu im Folgenden einige Gedanken. „Substanzverzehr“ weiterlesen

Doppelmoral

Ertappt!, hallt es durch den Social-Network-Äther: 50 km Ultrakurzstrecke mit dem Privatjet, statt ressourcenschonend über Land mit Bahn oder E-Auto. Über eine Tonne CO2 in nicht ganz 20 Minuten in die Höhenluft geblasen und wenige Tage zuvor noch vollmundig grüne Weltverbesserung gepredigt.* – Natürlich wissen wir seit langem, wie sehr Ursula von der Leyen den großen Auftritt liebt und hätten uns das Erstaunen über rd. 50 ähnliche Kurzstreckenflüge seit Beginn ihrer Amtszeit als EU-Kommissionspräsidentin eigentlich auch sparen können. Wenn da nicht dieses ungute Gefühl wäre, auf der großen Klimabühne immer wieder Zeuge einer bedenklichen Doppelmoral zu werden. „Doppelmoral“ weiterlesen

Bürgerliche Politik

Der Zeitgeist steht links. Genauer grün-links. Man kann das je nach politischem Standpunkt begrüßen oder bedauern. Unbestreitbar ist das Faktum selbst und die aktuell immer stärkere Durchdringung von Politik, Gesellschaft und Medien durch diese zeitgeistige Strömung. Sich politisch gegen diesen offensichtlichen Trend zu stellen oder sich zumindest abweichend zu positionieren, heißt immer und ohne Umschweife gegen den Wind zu segeln. – Geht das überhaupt noch, ohne in politische Grauzonen abzugleiten, ohne den Halt zu verlieren? Hat das Bürgerlich-Liberale oder gar das Bürgerlich-Konservative noch die Kraft zum Neustart oder ist die Luft für immer raus. „Bürgerliche Politik“ weiterlesen

Wahlnachlese

Demokratische Wahlen – man kann es gar nicht oft genug betonen – sind Taktgeber und Motoren moderner Gesellschaften. Ohne ein freies, gleiches und geheimes Wahlrecht bliebe die Legitimation politischen Handelns blasse Makulatur. Am 26. September war es in Deutschland mal wieder soweit: Der Souverän konnte sein Votum abgeben und über bundesweite Wahlen die Weichen für die nächsten vier Jahre stellen. Für was hat er sich entschieden, der Wähler? Für Kontinuität oder Veränderung? Waren die Signale, die er ausgesandt hat, stark genug, um bei den Gewählten bzw. Nichtgewählten Wirkung zu hinterlassen? Wer hat gewonnen, wer hat verloren? Und vor allem, wer kann nach diesem Wahlentscheid Anspruch aufs Regieren erheben? „Wahlnachlese“ weiterlesen

Meinungskorridore

Abweichende Meinungen auszuhalten, ist oft schwer. So schwer, dass der Wunsch nach diskursivem Gleichklang selbst in belebten Debattenräumen immer wieder hörbar zu vernehmen ist. Was nutzt es uns zu argumentieren, wenn der Andere eh nicht zuhört? Oder: Was bringt es Andersdenkende zu dulden, wenn wir sie am Ende doch nicht überzeugen können? – Dass die Meinungskorridore in den letzten Jahren deutlich enger geworden sind, kann niemand ernsthaft bestreiten. Warum das so ist und was wir dagegen tun können, ist schon deutlich umstrittener. Hier ein erneuter Versuch der Annäherung an mögliche Antworten. „Meinungskorridore“ weiterlesen

Qual der Wahl

Auswählen können, ist ein Privileg. Die weit überwiegende Mehrheit der Menschen auf unserem Erdball kommt selten in den Genuß von echten Auswahlentscheidungen. In der Regel müssen sich die Menschen zufrieden geben, mit dem was da ist, und das ist oft dürftig und von chronischem Mangel geprägt. Dass es gar echte Auswahl im Politikregal gibt, ist global betrachtet, noch seltener. Sehr oft ist zwar von Demokratie die Rede, aber leider nur auf dem Papier. Der Reigen der Kandidaten ist üblicherweise eng begrenzt, von oben “gesetzt” und oft feinsäuberlich “handverlesen”. – Insofern sollten wir uns im Blick auf den 26. September nicht allzu sehr grämen: Wir haben im Gegensatz zu vielen Menschen außerhalb Europas tatsächlich eine Wahl. Wenn auch – wie die aktuelle Lage zeigt – alles andere als eine einfache Wahl. „Qual der Wahl“ weiterlesen