Back to the tribes

Back to the Tribes? Rückkehr der Stämme? Was soll das denn? Ok! Die 12 Stämme Israels, die Ostgoten im “Kampf um Rom”, Karl Mays Winnetou und seine roten Brüder oder vielleicht noch die Yanomami im Amazonas-Dschungel. Aber Stämme in unseren Breiten Anfang des 21. Jahrhunderts? Bewegen wir uns da nicht auf anachronistischem Terrain? – Nur auf den ersten Blick! Die eindimensionalen, unilinear strukturierten Stammesgemeinschaften sind nämlich – wenn auch in neuem Gewande – wieder da! Dank der sog. “Identitätspolitik”, dank einer linksintellektuellen Irrfahrt weg vom ehemals sakrosankten Proletariat hin zu den “verfolgten Minderheiten”, die ihre vorstaatliche Herkunft nicht verbergen können und denen im politischen Diskurs in der Regel nur ein bestimmendes (Unterscheidungs-)Merkmal zugebilligt wird. – Was hat es auf sich mit dieser Renaissance des Tribalismus? Gefährdet die Rückkehr zum vormodernen Stammesdenken nicht auf gefährliche Weise die großen Errungenschaften der aufgeklärten, vernunftzentrierten Moderne? Wenn zukünftig alle nur noch um ihren eigenen Totempfahl tanzen, wo bleibt da der gesellschaftliche Zusammenhalt?

Kürzlich konnte man auf einschlägigen Blogs der linken Blogger-Szene einen breiten Diskurs über das spannende Thema “Heterosexismus” verfolgen. Da war von der Überwindung der Heteronormativität (!) im öffentlichen Raum die Rede. Das heißt, Knutschverbote für alle Heteros auf der Parkbank und im Bus. Und das nicht etwa weil der katholische Sittenwächter durch die Straßen streift, sondern – Achtung! – weil Gleichgeschlechtliche und Asexuelle durch solche demonstrative “Hetero- bzw. Paarperformance” in ihrer “Identität” gestört werden könnten.

Ähnlich merkwürdige Dinge erlebt man/frau in den gleichen Milieus zwischenzeitlich beim Besuch von Konzerten farbiger Musiker. Dort ist es mittlerweile schwer verpönt als “weißer Mann” zum Beispiel mit Bob-Marley-Dreadlocks aufzutauchen. Nicht weil den professionellen Friseuren unter den Gästen die vielen filzigen Haarwürste gegen die Hutschnur gingen, sondern weil – Achtung! – auf diese Weise alle anwesenden “farbigen Menschen” mit der Provokation der “kolonialistischen Aneignung” konfrontiert werden.

Vormoderne Gruppenbildung

Auaah!, möchte man/frau ausrufen! Das darf doch nicht wahr sein! Was für eine merkwürdige Verirrung im bunten Terrarium des politisch Korrekten! Doch was wie eine kuriose Randerscheinung wirkt, ist mittlerweile Teil eines breiten Debattenstroms, der stetig wachsende Teile des öffentlichen Diskurses regelrecht verstopft. Besonders frappierend macht sich das zwischenzeitlich auf dem Universitätscampus bemerkbar, wo das eindimensionale Denken in selbstreferentiellen Gruppenidentitäten immer breiteren Raum einnimmt.

Auf dem Campus

Bereits sehr weit entwickelt, ist dieses Phänomen an US-amerikanischen Universitäten, wo gegenwärtig – mit Ausnahme weißer, männlicher Mittelschicht-Studenten – beinahe alle  Jungakademiker und Jungakademikerinnen von studentischen Pressure Groups in jeweils getrennte,  eindimensionale Gruppenkorsetts gepresst werden. Diese “Minoritäten” haben entweder einen ethnischen Bezug (z.B. Afro-Americans, Latin-Americans), eine Genderdimension (Frauen, Diverse etc.) oder werden über die Kategorie der sexuellen Orientierung (z.B. Transgender) “definiert”.

Schonräume

Allen Gruppen gemeinsam ist die Opferrolle gegenüber der weißen Mehrheitsgesellschaft und ihre quasi permanente Bedrohung durch diskriminierende Übergriffe  in Form von sog. “Mikroaggressionen”. Da vermeintlich überall, vor allem in der Sprache, Diskriminierungen lauern, plädieren die Protagonisten dieses artifiziellen Minderheitenschutzprogramms zusätzlich für die Einrichtung von sog. “Safe Spaces”, in denen sich die betroffenen Gruppen vor potentiellen Übergriffen abschirmen können.

Privilegien für Unterprivilegierte

Wie weit diese Entwicklungen auch diesseits des Atlantiks bereits gediehen sind, zeigen Äußerungen führender Vertreter der Rektoren- und Professorenschaft. So ist der Deutsche Hochschulverband erst kürzlich mit einem alarmierenden Appell zur “Verteidigung der Debattenkultur” an deutschen Universitäten an die Öffentlichkeit getreten und hat dabei dezidiert vor einer fortschreitenden Instrumentalisierung “weniger privilegiert scheinender gesellschaftlicher Gruppen” zur Durchsetzung rigider Diskurskontrollen gewarnt.

Auswüchse der Diversität

Trotz dieser deutlich artikulierten Widerworte scheint der Trend in Richtung auf gesellschafts-fragmentierende Stammesbildungen auch im politischen Raum immer weitere Kreise zu ziehen. Der ursprünglich allein als Instrument zur Förderung  gesellschaftlicher Gleichberechtigung erdachte Grundsatz der “Diversität” driftet zwischenzeitlich in vielen Bereichen auf bedrohliche Weise in Richtung auf eine Zementierung von Gruppenprivilegien. Wie am Beispiel der Universitäten geschildert, erfolgt diese Gruppenbildung in der Regel über eine massive Ausweitung der Diskriminierungszone. Nicht mehr der gruppenübergreifende gesellschaftliche Konsens bestimmt das Zusammenleben, sondern der Rückzug in eine diskriminierungsfeste Igelstellung, von wo aus permanent neue Alimentierungs- und Privilegierungsforderungen an eine imaginäre Mehrheitsgesellschaft adressiert werden.

Der Trumpsche “Super-Tribe”

Das Verblüffende ist, dass diese dezidiert linke Identitätspolitik zunehmend offensive Nachahmer im rechten politischen Spektrum findet. Gemeint ist hier weniger die vielfach behauptete Nähe des Konzepts zu den Kernideen des rechten “Ethnopluralismus”, sondern die Tatsache, dass etwa seit 2015/2016 immer größere Teile der “weißen” Mehrheitsgesellschaft bereit zu sein scheinen, sich selbst in einer Art “Super-Tribe” zu organisieren. Nachdem das beschriebene Politikfeld seit Ende der 60er, Anfang der 7oer Jahre ausschließlich von Links bespielt wurde, haben vor allem in den 2010er Jahren politische Protagonisten der Rechten, wie Trump, Salvini, Le Pen oder Orban erkannt, dass sich auch unter den Mittelschichten spezifische “Opfergruppen” identifizieren und mobilisieren lassen.

Somewheres going public

Die beiden wichtigsten Mobilisierungsinstrumente in diesem Zusammenhang sind zum einen die vielfältigen “Anti-Globalisierungs-Affekte” im traditionellen Mittelstand und zum anderen die wachsenden Aversionen gegenüber einer zunehmend übergriffig wirkenden linken Minderheitenpolitik. Die in der Regel direkt via Social Media mit ihrem “Stamm” kommunizierenden “Häuptlinge” spielen virtuos auf den entsprechenden Klaviaturen und erzeugen auf diese Weise vor allem bei den unteren Mittelschichten und in der schrumpfenden Arbeiterschaft eine sich immer stärker verfestigende (Opfer-)Gruppen-Identität. In Fundamentalopposition zu den grün-links eingestellten, in der Regel urbanen “Anywheres” empfinden sich weite Teile der überwiegend ländlich-kleinstädtischen “Somewheres” zunehmend als diskriminiert und zurückgesetzt.*  Mit der Folge einer massiven Ausweitung der “Stammes-Zone” bis hinein in die bürgerlichen Mittelschichten.

Akute Stresslage

Zusammenfassend beschleicht einen bei alldem ein ungutes Gefühl, vor allem im Blick auf die zunehmende Dynamik dieser Prozesse. Wenn sich unsere postmodernen Gesellschaften in ihren Kernbereichen zu vormodernen Stammesgesellschaften zurückbilden, droht nicht nur eine gefährliche Fragmentierung, sondern auch eine weiter zunehmende Polarisierung. Bisher scheint es außerhalb eng begrenzter Wissenschaftszirkel kaum jemandem aufzufallen, dass es vor allem die forcierte Förderung und Propagierung von (minoritären) Gruppenidentitäten ist, die unsere Gesellschaften unter massiven Stress setzen. Die sich formierenden “rechtspopulistischen” Gegenbewegungen verschärfen diese akute Stresslage und erzeugen eine bedrohliche Schieflage, selbst dort wo bislang ökonomische und soziale Stabilität vorherrschte.

Begegnungszonen statt Safe Spaces

Hochkomplexe Gesellschaften, in denen die Bürger grundsätzlich in ein Netz von Mehrfachidentitäten eingesponnen sind, verlieren durch den Wildwuchs künstlicher Stammespopulationen ihre innere Kohäsion und ihre natürliche Streßresistenz. Es wird deshalb höchste Zeit, die Auswüchse und Übertreibungen der Identitätspolitik zurück zu drängen und die offene Kommunikation über die Stammesgrenzen hinweg wieder zu beleben. Wir brauchen keine “Safe Spaces”, sondern offene Begegnungszonen, in denen Menschen die Chance haben zu kooperieren und zusammen zu wachsen.

* Das Gegensatzpaar “Anywheres” (Überall-Menschen) versus “Somewheres” (Irgendwo-Menschen) geht zurück auf den britischen Journalisten und Sachbuchautor David Goodhart (*1956), der in seinem 2017 erschienenen Buch unter dem Titel “The Road to Somewhere: The Populist Revolt and the Future of Politics” nach den Ursachen und Hintergründen der aktuellen politischen Polarisierung in weiten Teilen des entwickelten Westens fragt.