Rückzug

Wenn dieser Ruf erschallt, muss es meistens schnell gehen. Zusammenpacken, das Nötigste schultern, ein letzter Blick nach vorn und dann nichts wie weg. Mit kurzen Sprüngen von Deckung zu Deckung nichts wie raus aus der Gefahrenzone. Dieses landläufige, von Kriegsfilmen geprägte Bild vom “Rüückzuug” steht jedoch nur für die halbe Wahrheit. Denn im gängigen Militär-Jargon wird feinsäuberlich unterschieden zwischen der taktischen Gefechtsvariante des Rückzugs und der nackten Flucht. Wer sich im Gefecht zurückzieht, vom Gegner löst oder “ausweicht”, tut dies kontrolliert, nach Plan, in der Regel gedeckt durch eine Nachhut und nur soweit bis mit dem Erreichen der “inneren Linie” das Gleichgewicht zwischen Angreifer und Verteidiger wieder hergestellt ist. – Aber was hat das alles mit unserer durchpazifizierten Wirklichkeit zu tun? Was kann der dem Militärischen Entwöhnte mit solchen Begrifflichkeiten heute überhaupt noch anfangen? Ist die einzige, heute noch gängige Bewegungsart, nicht der “Fortschritt”? Und überhaupt: Wohin soll er denn gehen der Rückzug auf unserer waidwunden Kugel? „Rückzug“ weiterlesen

Unterm Regenbogen

München leuchtet!* – Vielleicht nicht ganz so hell, kulturgesättigt und kunstsinnig wie zur Zeit der Gebrüder Mann, der Gräfin Reventlow oder der Schwabinger Boheme um 1900, aber doch auffallend bunt. So bunt, dass selbst der ansonsten so nüchterne Oberbürgermeister starke Leuchtmittel hervorholt, um anläßlich der Fußball-Europameisterschaft das heimische Fußballstadion mit dem Regenbogen zu illuminieren. – Was ist da los? Was hat es auf sich mit der EM 2021 und mit der neuen Buntheit auf und neben dem Platz? Und wo ist eigentlich der sportliche Kern der Sache abgeblieben? „Unterm Regenbogen“ weiterlesen

Die Kandidat*in

Dass politische Höhenflüge rasch und unvermittelt in Sinkflüge oder gar in steile Sturzflüge münden können, wissen wir seit langem. Der historische Reigen der politischen Ikarier, die dieses Schicksal ereilte, ist kilometerlang. Zumeist ist es die, dem Ehrgeizigen innewohnende, Hybris, die dem Sturz vorausgeht. Im unbändigen Verlangen nach Scheinwerferlicht kommt der Protagonist der heißen Lichtquelle zu nah, verbrennt sich seine Flügel und stürzt ab. Jüngstes Beispiel: die Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock. Hochgelobt, vom medialen Mainstream regelrecht “angehimmelt”, erklimmt sie die Höhen der Demoskopie, verharrt kurz und strahlend im Zenit, um dann unvermittelt geerdet zu werden.* – Was ist da passiert? Hat sich nur die Kandidat*in geirrt oder sind wir gar allesamt einer medial gepushten Schimäre aufgesessen? „Die Kandidat*in“ weiterlesen

Naher Osten

Seit mindestens zweieinhalb Jahrtausenden spiegeln sich Okzident und Orient an den östlichen Ufern des Mittelmeeres. Zumeist als Gegenbilder, oft aber auch als Vorbilder aufeinander bezogen, haben beide Seiten über Jahrhunderte hinweg in diesem hin und her wogenden Bruderzwist ihr jeweiliges Selbstbild geformt. Diese historisch-kulturellen, in der Regel religiös unterfütterten Konfliktlinien wirken bis heute nach und haben durch das Erstarken des radikalen Islamismus seit 2001, also in den vergangenen 20 Jahren, wieder deutlich an Brisanz gewonnen. Trotz 9/11, trotz Al Kaida und trotz der Attentatsserien des Islamischen Staats kommt uns beim Begriff “Naher Osten” jedoch weniger dieser untergründig fortwirkende Großkonflikt in den Sinn, sondern viel mehr das verwirrende Kaleidoskop inner-nahöstlicher Regionalkonflikte. „Naher Osten“ weiterlesen

Klimatologischer Imperativ

“Handle stets so, dass die Maxime Deines Willens jederzeit Grundlage einer CO2-Emissionstabelle sein kann!” – So oder so ähnlich könnte sie bald lauten, die neue “Präambel” der deutschen Klimarepublik, wenn es nach Fridays for Future, den Grünen oder neuerdings auch nach dem Willen der Regierungskoalition und dem Bundesverfassungsgericht geht. Ist das nur ein spätes Echo des abrupt verklungenen Thunberg-Hypes? Oder was hat es auf sich mit diesem neuen kategorischen Imperativ? Kann das ernsthaft die neue Überschrift über unserer Verfassungsordnung sein oder wollte Karlsruhe nur Schlimmeres verhindern? „Klimatologischer Imperativ“ weiterlesen

Rettet den Diskurs!

Die Debattenkultur in unserem Land ist seit vielen Jahren notleidend. So notleidend, dass wir schon dachten, es könnte eigentlich nicht mehr schlimmer kommen. Doch wir wurden eines Anderen belehrt: Kamen schon die sog. “Flüchtlingsdebatte”, die “Euro-Debatte” und große Teile der “Klima-Debatte” als diskursive Tiefflüge daher, so lassen einen die aktuellen  Auswüchse der “Corona-Debatte” beinahe ratlos zurück. „Rettet den Diskurs!“ weiterlesen

Mündige Bürger

“Habe den Mut, Dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!” – Mit dieser etwas pathetisch anmutenden Losung erreichte das Zeitalter der Aufklärung Mitte der 80er Jahre des 18. Jahrhunderts einen markanten Höhepunkt. Wie ein Leuchtfeuer strahlt diese Kantsche Wendung seit nunmehr fast 250 Jahre in unsere Wohnstuben, unsere Hörsäle und in unsere oft leider nur noch schummerig beleuchteten Debattenräume. – Was ist aus dieser Formel und aus ihrem Wirkungsfeld geworden? Haben wir gegenüber den Antipoden, den Mächten der Gegenaufklärung, noch die Oberhand? Ist das autonome, vernunftbegabte Wesen als treibende gesellschaftliche Kraft überhaupt noch unter uns? Oder ist unsere Welt nicht längst viel zu komplex und unübersichtlich geworden, um sie in die Hände von Millionen eigenverantwortlich handelnder Individuen zu legen? „Mündige Bürger“ weiterlesen

Generation Merkel

Eine Ära zu resümieren, obwohl sie noch nicht beendet ist und obwohl noch nicht einmal endgültig sicher ist, ob es nicht doch noch einen “Nachschlag” geben wird, ist zweifellos gewagt. Dennoch drängt einen das furiose Finale zumindest zu einem vorläufigen Fazit. Nicht um des schieren Abgesangs willen, sondern um im 16. Jahr der Ära Merkel einige nützliche Lehren zu ziehen aus einer letztlich zu lang geratenen Kanzlerschaft, die uns und unserem Land unübersehbar ihren Stempel aufgeprägt hat. „Generation Merkel“ weiterlesen

Die Geldmacher

Elon Musk, Jeff Bezos, Warren Buffett, Bill Gates – Wer kennt Sie nicht? Die Superreichen, die Profiteure der großen Börsen-Bonanza, die mit Ihren astronomischen Milliardenvermögen die Hit-Listen von Forbes und The World`s Billionaires anführen. Woher kommt dieser Reichtum? Ist das noch normal? Gabs das früher auch schon? Ja, klar! John D. Rockefeller, Andrew Carnegie und Cornelius Vanderbilt hatten in ihrer Zeit mindestens den gleichen Krösus-Status wie ihre aktuellen Nachfahren. Auch sie haben bisher nie dagewesene Reichtumsrekorde gebrochen und jeweils Geldvermögen angehäuft, das Normalsterbliche in ihrem Leben niemals ausgeben können. – Also doch nichts Neues unter der Sonne? Neues Geld folgt halt auf altes Geld und wie im ausgehenden 19. Jahrhundert scheinen auch in diesen Tagen die hell strahlenden Leuchttürme der Milliardäre jenseits des Atlantiks im Land der unbegrenzten Möglichkeiten zu stehen. „Die Geldmacher“ weiterlesen

Back to the tribes

Der Mensch – wer will es bestreiten – ist ein Herdentier. Geprägt vom Leben in der gefahrvollen Wildnis haben bereits unsere hominiden Vorfahren die Nähe zu anderen Menschen gesucht und dabei über Jahrtausende hinweg die Solidarität in der kleinen Einheit eingeübt. Um so größer die gesellschaftlichen Einheiten wurden und um so anspruchsvoller das Leben in den sich herausbildenden Hochkulturen, um so herausfordernder wurden die Aufgaben der Solidaritätsvermittlung. Einsame Höhen erreichte dieser humane Vermittlungseifer in den modernen, säkularen Demokratien, die bekanntlich – so Ernst-Wolfgang Böckenförde – “die Voraussetzungen ihrer Existenz nicht selbst garantieren können”. Die Triumphe der bürgerlich-liberalen Demokratien über die feudale Ständegesellschaft und den real existierenden Sozialismus waren somit alles andere als vorhersehbar. Und wenn sich heute in den befriedeten Zonen des entwickelten Westens neue mächtige Spaltpilze emporrecken, dann ist das für die sensiblen Systeme aus dem gleichen Grunde mindestens ebenso gefahrenträchtig. Vor allem deshalb, weil sich die innergesellschaftliche Spaltung nicht nur entlang von zwei oder drei Trennungslinien vollzieht, sondern geradewegs in einen vielfarbigen Flickenteppich aus modernen Stämmen zu münden droht. „Back to the tribes“ weiterlesen